Unruhe im Umfeld lähmt BVB weiter

Aus dem Westfalenstadion berichten
Peter Hoffmann und David Inderlied

Die Ausgangslage:

Wenig überraschend hatte BVB-Interimstrainer Peter Stöger im Vergleich zum mageren 1:1 in Berlin dreimal umgestellt: Castro konnte mit Sahin anstelle von Weigl und Götze mit der Startformation auflaufen. Im Sturm durfte wie erwartet Aubameyang sein Können aufblitzen lassen – was aber beim frommen Wunsch bleiben sollte.

Der Spielverlauf:

Den ersten Hammer gab es bereits vor dem Anpfiff! Freiburg gewann die Seitenwahl und spielte zuerst mit der Süd im Rücken. Doch die ersten zehn Minuten zeigten einen offensiv ausgerichteten BVB, der den 81.000 Zuschauern scheinbar endlich was zeigen wollte im Jahr 2018. Umso überraschender war es dann, dass die Schwarzgelben danach bereits wieder Konsequenz und Engagement vermissen ließen.

Der Gegner kam anschließend immer besser ins Spiel und machte die Räume eng. Am Ende zeigen Daten auf, welch Aufwand die Heimmannschaft aufweist, ohne davon Nutzen zu ziehen. So verzeichnet der BVB bei den angekommen Pässen aus dem Spiel 588 gegenüber lediglich 180 der Gäste aus dem Breisgau. Viel Rauch um Nichts! Borussias Aufbauspiel findet kaum merklich statt. Wenn man mit zwei Innenverteidigern wie Sokratis und Toprak spielt, kann man da einfach keinerlei Erwartungshaltung hegen. Beide wählen nur allzu oft den Rückpass zu Bürki als „Sicherheitsoption“, weil ihnen schlicht die technischen Mittel fehlen. Davor trabten die beiden ideenlosen „Joker“ Castro und Sahin, die glatte Totalausfälle und mehr Belastung als Freude waren. Was nützen Dir 65 % Ballbesitz, wenn das Spielgerät nur quer im Bereich der Mittellinie plus/minus 15 Meter zirkuliert?

Erste Halbzeit

Doch die couragierte Anfangsphase belohnte die Dortmunder bereits nach neun Minuten: In einer seiner wenige gelungenen Aktionen lupfte Castro den Ball in die Mitte auf Piszczek, der aus spitzem Winkel abgeblockt wurde. Als Abpraller von Günter landete das Leder dann bei Kagawa, der sehenswert wie unbedrängt per Seitfallzieher zur umjubelten Führung einnetzte.



Doch die Streich-Elf sammelte sich schnell und schloss die Reihen. In der 21. Minute passte Kübler im Strafraum zu Haberer und der legte mit nur noch einem Drittel Ball im Feld von der Grundlinie auf Petersen ab, der – obwohl eingekreist von drei Borussen – den Ausgleich markierte. Borussia Dortmund wirkte nun verunsichert und phlegmatisch wie zu Zeiten unter Peter Bosz. Es gelang ihnen kaum mehr was.

Zweite Halbzeit

Stöger hatte dann in der Pause ein Einsehen, erlöste den indisponierten Castro und brachte Mario Götze. Nachdem es vereinzelte Pfiffe gegen Aubameyang zu Beginn gegeben hatte, vernahm die Borussen-Mannschaft erstmals seit langer Zeit mal wieder ein Pfeifkonzert. In den zweiten 45 Minuten sollte es dann zu merklich mehr Pfiffen kommen, weil die Darbietung schrecklich einfallslos bis zu den Grenzen der Zumutbarkeit dahinvegetierte.

Toljan rettete dem BVB in den Schlusssekunden immerhin noch einen Punkt! Doch es war ein insgesamt erneut schwacher Auftritt der Schwarzgelben, die selten gefährlich vor dem Tor wurden. Freiburg verteidigte über weite Strecken sehr gut und wäre fast noch als Sieger vom Feld gegangen. Dortmund blieb auch im dritten Rückrundenspiel sieglos, musste sich zum dritten Mal mit einem Remis begnügen. Für den BVB ist es der schlechteste Rückrundenstart seit neun Jahren.



Man fragt sich zwangsläufig: was stimmt nicht, in unserem Verein? Wo ist die Leidenschaft, wo die Spielfreude hin? Hat Thomas Tuchel das alles mitgenommen, als er seinen Spind räumen musste? Hatte es unter Bosz schon diesen rätselhaften Einbruch ab dem 9. Spieltag gegeben, als es am 21.Oktober 2017 ausgerechnet Leipzig gelang, die zwei Jahre im Westfalenstadion ungeschlagenen Borussen zu bezwingen. Danach dümpelt diese Mannschaft, der Experten ein enormes Entwicklungspotenzial zugetraut hatten, vor sich hin.

Der eifrige Sancho spielte nach exakt einer Stunde links im Strafraum Kagawa an, doch der beförderte die Kugel lediglich ins Außennetz. Dann folgte Sahins katastrophaler Fehler, der das Fass zum Überlaufen brachte, da die BVB-Fans in dieser Phase ohnehin schon merklich unzufrieden waren. In der 68. Minute leistete sich Sahin mal wieder einen dieser ärgerlichen Rückpasse im Aufbauspiel, „Schlitzohr“ Petersen ahnte das und hob die Kugel aus gut 35 Metern sensationell über den viel zu weit vor seinem Tor weilenden Bürki hinweg.

Spruch des Tages

Der Schweizer war sich seines Lapsus‘ durchaus bewusst, suchte dann aber anschließend einen Nebenkriegsschauplatz, um von seinem Versagen abzulenken. Der frühere BVB-Manager Michael Meier hat es einmal drastisch formuliert und klargestellt, dass die potenten Dauerkarteninhaber auf der Westtribüne mit ihrem finanziellen Einsatz die vergleichsweise günstigen Stehplätze der Süd „subventionieren“. Vor diesem Hintergrund kann es nicht sein, dass ein Spieler sich anmaßt, gerade diesen Fans ihren Unmut abzusprechen!



Es ist demnach eine bodenlose Frechheit vom fehlerbehafteten Torsteher, der uns schon so manchen „Slapstick“ geboten hat, sich dementsprechend zu äußern. Gerade in diesem Spiel, wo Petersons Ball gefühlt ‘ne halbe Stunde unterwegs war, sah er wieder wie ein veritabler Kreisligakeeper aus. Er sollte sich gelegentlich mal an die eigene Nase fassen...

Wer heute gut schlafen kann

Freiburgs Trainer-Unikum Christian Streich, der seine Mannschaft exquisit aufgestellt und mit seinen taktischen Entscheidungen komplett richtig gelegen ist.

Ebenfalls geruhsam und zufrieden dürfte der Abend für SCF-Kapitän Nils Petersen ausgeklungen sein, denn sein zweites Tor in der 68. Minute war nicht nur Extraklasse, sondern auch aussichtsreicher Kandidat für das Tor des Monats!

Wer Albträume hat

Eindeutig Watzke und Zorc! Der Druck auf sie wird zunehmend größer, wenn sie die schwelende Kluft zwischen Anhängern und dem leblosen Team nicht durch Erfolge zu kitten vermögen, wackeln die Stühle. Die sportliche Führung sollte sich tatsächlich mal kritisch hinterfragen, ob nach dem „Glücksfall Klopp“ nicht viel zu viele Fehler gemacht wurden! Dazu kommt die Personalie Aubameyang, die mittlerweile alle nervt und sich hoffentlich bis Mittwoch erledigen möge zu machbaren Konditionen. Ewiges Wechseltheater ein reines Medienthema? Felix Meininghaus beschrieb es so: "Es gibt in den letzten Wochen im Zirkus Borussia Dortmund kaum etwas, was es nicht gibt“.

Was uns sonst noch aufgefallen ist 

Schwächelnde Stars, fehlender Teamgeist und Grüppchenbildung - Peter Stöger hat beim BVB zugebenerweise eine knifflige Aufgabe übernommen. Nach nur sechs Wochen in Dortmund  – inklusive Winterpause – wirkt der Wiener bereits zunehmend ratlos. Die vage Hoffnung auf eine Perspektive über den Sommer hinaus hier Trainer bleiben zu können, scheint bereits jetzt pulverisiert zu sein.


Opens window for sending emailPeter Hoffmann, Fotos: David Interlied – 27.01.2018





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