Angsthasenfußball

Auch gegen zehn Leverkusener schafft Borussia keinen Sieg. Mit Ach und Krach reichte es zu einem mageren 1:1.

Händeringend wurde nach dem Abpfiff nach etwas Positivem auf schwarzgelber Seite gesucht. Zum Glück wurde man fündig: Endlich mal nach einem Rückstand nicht verloren – das war lange nicht mehr so. Aber unter dem Strich war das alles von allem wieder zu wenig. Borussia hatte gefühlt 80 Prozent Ballbesitz, aber vielleicht 20 Prozent der Torchancen. Es fehlte an Idee, an schnellem Passspiel, an Druck und Überraschungsmomenten. Die meisten Pässe waren von Sicherheit geprägt. Lieber zehn Meter zurück als mal nach vorn etwas wagen. Quer, zurück, wieder quer – das war wirklich ermüdend. Keiner wollte den Fehler machen. Angsthasen waren da auf dem Platz.

Die Ausgangslage


Heute machen wir das Phrasenschwein fett: Es handelte sich um ein „Sechs-Punkte-Spiel“. Vergeigte der BVB auch in Leverkusen, wäre die Werkself in der Tabelle vorbei. Die Tendenz sprach klar für die Werkself, die seit neun Spielen ungeschlagen ist. Der BVB hingegen hat nur das Pokalspiel in Magdeburg gewonnen und wartet seit Wochen auf ein Erfolgserlebnis. Dafür sollte auch Neven Subotic sorgen. Die Leistungen der anderen Innenverteidiger Bartra und Toprak waren zuletzt nicht überzeugend, Trainer Bosz reagierte. Daneben gibt es wieder die Doppelsechs mit Sahin und Weigl. Das sollte den Spielaufbau flexibler machen, nachdem zuletzt Weigl in Manndeckung kaum Akzente nach vorn setzen könnt.



Doch das Spiel begann unglücklich für den BVB: Schon nach vier Minuten verletzte sich Maximilian Philipp schwer. Er verdreht sich im Zweikampf das rechte Knie und musste vom Platz getragen werden. Dank der furchtbar langsamen Sanitäter hatte Schürrle ein bisschen Zeit sich warm zu machen. Er wurde von den heimischen Fans mit lauten Pfiffen empfangen.

Der Spielverlauf


Borussia begann mit einer Dreierkette mit Subotic in der Mitte Sokratis rechts und Schmelzer links. Bei Ballbesitz des Gegners sollten Guerreiro und Castro die Flügel dicht machen. Das ging irgendwie gar nicht. Der BVB war nicht in der Lage, das Spiel in den Griff zu bekommen. Nach vorn lief gar nichts. Hinten war es nicht viel mehr. Castro sah mehr die Hacken von Baily, wenn der über links marschierte. Torchancen hatte nur eine Mannschaft – Bayer 04. Die erste ausgerechnet Sven Bender, der nach 13 Minuten eine Freistoßflanke per Kopf aufs Tor brachte und seinen Meister in Bürki fand. Nur eine Minute später war wieder Bürki zuständig, damit es nicht bereits 1:0 für Bayer stand: er parierte einen Flachschuss von Brand in großartiger Manier. Fällt da was auf? Richtig! Der schwarzgelbe Schweizer im Tor war der beste Borusse. Im gesamten Spiel. Er hielt mehrfach ausgezeichnet.

Leider war er bei eigenem Ballbesitz genauso hilflos wie seine Vorderleute. Wo war eigentlich das flotte Umschaltspiel? Wenn mal ein Ball abgefangen wurde, dauerte es und dauerte es, bis die Borussia mal wieder den Ball in Richtung Mittellinie transportierte. Die meistgesehene Geste war zwei hilflos ausgebreitete Arme mit offenen Händen nach vorn – wohin soll ich diesen Scheißball nur spielen, wenn sich keiner anbietet? Ja, Verantwortung übernehmen sieht anders aus. Also spielte einer wie der andere lieber den sicheren Ball. Puh – wo ist der Elan, der Spaß am Spiel, der Mut, die Kombinationsgeschwindigkeit der ersten Wochen geblieben? Traurige Borussia.



Da war die Führung für die Gastgeber quasi eine logische Sache. Hatte zuvor schon Harvertz per Kopf die Latte getroffen und – wieder – Bürki gegen Bailey gehalten, war der Schweizer diesmal ohne Chance. Und wieder war es ein typisches BVB-Gegentor der letzten Wochen: Aufgerückt bis zur Mittellinie wird dort der Ball unnötig verloren und ein einziger schneller Ball reicht und Volland läuft ganz allein auf Bürki zu, umkurvt den ohne Mühe und schiebt lässig ins leere Tor ein. So etwas tut weh, so weh – und das nur beim Zugucken. Da schien das Spiel bereits nach 30 Minuten gelaufen zu sein. Denn wer sollte bitte in dieser Mannschaft das Heft in die Hand nehmen? Wer sollte ein Tor schießen und vor allem wie sollten weitere Tore verhindert werden? Darauf gab es wenigstens eine Antwort: Roman Bürki! Der durfte noch einmal gegen Aranguiz aus kürzester Entfernung zeigen, was er drauf hat.

Dann kam aber doch noch – passend zum 1. Advent – ein Lichtlein Hoffnung daher. Irgendwie. Wendell trat Castro brutal um, sah zunächst Gelb und nach Video-Assi sogar Rot. Blöd, dass aber auch Castros Einsatz beendet war, für ihn durfte Kagawa ran. Der hatte auch noch vor der Pause die erste Schusschance aus halbrechter Position und traf nicht einmal die Eckfahne – der Ball ging ins Seitenaus.

War es da dann gut oder schlecht, dass man sich noch eine ganze weitere Halbzeit angucken musste oder durfte? Der BVB hatte das Spiel scheinbar fest im Griff, ließ den Ball kreisen – leider nur hinten herum. Torchancen? Der Zettel ist fast leer. Einmal Schürrle der aus kurzer Distanz den Außenpfosten traf. Einmal Pulisic der weit über das Tor schoss. Und sonst? Nichts! Ja, optisch überlegen, aber gefährlich waren einzig die Konter der Heimmannschaft. Bei Ecke für den BVB hatte man Angst, weil daraus gleich zweimal Chancen für Leverkusen folgten.  Das sagt ja schon viel aus.



Und dann hatten die Fußballgötter doch ein Einsehen: Ein einzige Mal passte die starke Leverkusener Innenverteidigung mit Tah und Sven Bender nicht auf, Yarmolenko wurde von Schürrle am Elfmeterpunkt angespielt und stolperte den Ball an Leno vorbei. Nicht einmal richtig getroffen hat den – aber was soll’s. Endlich der Ausgleich nach 73 Minuten.

Doch wie es um die Borussia bestellt ist, zeigt die letzte aufregende Szene des Spiels: Guerreiro hat eine Schusschance vom 16ner und trifft den am Boden liegenden Schürrle, statt ins Tor – unfassbar. Und schon war Schluss.

Wer heute gut schlafen kann


Roman Bürki war der beste Borusse. Danke seiner guten Leistung hat die Mannschaft überhaupt diesem Punkt geholt.

Wer Albträume hat


Alle BVB-Fans können kaum noch Hoffnung haben, dass sich bald was ändert. In Madrid werden die Trauben sehr hoch hängen. Dazu noch Reus, Philipp, Castro und Götze verletzt, selbst Aubameyangs Einsatz ist fraglich. Und dann kommt Bremen, die sich auch gerade im Aufwind befinden.

Was uns sonst noch aufgefallen ist


Nach dem unglaublichen Revierderby wollten alle Verantwortlichen das Positive sehen, wenn sie es denn gefunden haben. Die Mannschaft habe Mentalität gezeigt, betont Peter Bosz. Doch von guter Form sind wir weit entfernt. Sobald der Gegner den Ball schnell in die BVB-Hälfte bringt, scheint hinten die Panik auszubrechen. Die Doppelsechs stabilisiert zwar das System, aber nach vorn traut sich auch niemand. Keiner da, der mal etwas Überraschendes macht, Zusammenspiel geht nur hintenrum. Jetzt geht’s auch noch nach Madrid – Gewinnen eher unwahrscheinlich. Wo soll das Erfolgserlebnis herkommen? Noch betont Michael Zorc man wolle mit Peter Bosz die Wende schafften. Aber wie lange soll das noch dauern?


Opens window for sending emailAndreas Römer,  Fotos: Getty Images 2.12.2017


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