Die Fanseele kocht

Aus dem Westfalenstadion in Dortmund
berichtet David Inderlied

Sprachlos. Einfach nur sprachlos macht in diesen Tagen Borussia Dortmund. Im Derby gegen die Blauen führt die Bosz-Elf schon nach 25 Minuten mit 4:0. Die Südtribüne hüpft und tanzt, Erinnerungen kommen hoch an das 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale. Aber Pustekuchen. Die Blauen schießen in der vierten Minute der Nachspielzeit das Ausgleichstor zum 4:4. Anschließend entlädt sich die Wut der Fans auf der Südtribüne, die sogar in den Innenraum gelangen, weil ein Tor geöffnet werden muss, um die gegen die Absperrung drückenden Menschen nicht zu gefährden. Kaum vorstellbar, dass Peter Bosz die morgige Mitgliederversammlung als Trainer erlebt, geschweige denn übersteht.

Die Ausgangslage

Es ist in diesen Tagen nicht leicht, ein schwarz-gelber Anhänger der Borussia zu. Denn was auch immer bei diesem 131. Derby konnte man wählen zwischen Pest und Cholera: Entweder man verliert das wichtigste Spiel des Jahres ausgerechnet gegen die Blauen. Oder man muss – im Falle eines bestenfalls zu erwartenden Duselsieges - weiter mitansehen, wie sich der BVB spielerisch, taktisch und auch konditionell entmannt.

Zumindest dachten viele Anhänger, die eher mit dem Herzen als mit dem Verstand urteilen, so. Die Urteile der sogenannten Experten fiel gerade nach den Spielen in Stuttgart und gegen Tottenham vernichtend aus: „Tote Mannschaft“ oder „leb- und kraftlos“ waren noch die mildesten Bemerkungen. Die Entlassung von Trainer Peter Bosz scheint nur noch eine Frage der Zeit. Und klar, bei einer Niederlage gegen die Gäste aus dem dunkelsten Ruhrgebiet sei das Schicksal des Holländers endgültig besiegelt. Falls es das nicht sowieso schon längst ist...



Das Derby käme genau zum richtigen Zeitpunkt, unkte Peter Bosz vor dem Spiel. Es klang so, als wollte sich der Fußballlehrer an den letzten Strohhalm klammern. Aber ausgerechnet gegen die Elf des westfälischen Wurstfabrikanten? Die Gäste mauserten sich nach schwachem Saisonstart und holten Punkt um Punkt – und zuletzt auch Sieg um Sieg. Seit sieben Spielen ist die Mannschaft aus „verbotenen Stadt“ ungeschlagen. Nur Leverkusen und Wolfsburg entführten einen Punkt aus der Bierarena.

Die Vorzeichen schienen also klar und den Favoritenstatus bekam der S04 zugeschoben. Dass sich diese Rolle als echte Bürde erweisen kann, musste der BVB indes in jüngster Derbygeschichte am eigenen Leib erfahren. Denn die letzten drei Partien endeten jeweils mit einem Unentschieden.

Taktisches Geplänkel

Die medizinische Abteilung der Borussia hatte ganze Arbeit geleistet. Zwischen Hoffen und Bangen rätselte das Trainerteam: Kann Sokratis wieder auflaufen, ist der zuletzt schmerzlich vermisste Christian Pulisic wieder einsatzfähig und wie hat Roman Bürki seinen Crash im Champions League-Spiel verkraftet? Die Antwort gab es schon am Morgen: Pulisic und Sokratis standen in der Startelf – für Bürki durfte Roman Weidenfeller sein letztes Heimderby auf dem Spielfeld erleben.




Die Änderungen zum Tottenham-Spiel waren also nicht nur der „Belastungssteuerung“ geschuldet: Sokratis, Toprak, Sahin und Pulisic rückten für Toljan, Bartra, Zagadou und Kagawa in die Startelf. Trainer Peter Bosz zeigte, dass er auch Taktik kann und nicht der sture Hund ist, als der er verschrien ist. Mit Julian Weigl und Nuri Sahin liefen zwei zentrale Mittelfeldspieler auf, die zuvor nur selten unter ihm gespielt haben. Das neue Spielsystem mit einer zweiten Absicherung im Mittelfeld überraschte die Gäste, wie Domenico Tedesco gestand: „Wir haben sie nicht mit einer Dreierkette erwartet.“

Als zusätzlicher Spieler im zentralen Mittelfeld nahm Nuri Sahin sofort das Heft in die Hand und war die Anspielstation, die der BVB so lange vermisst hatte. Man erinnere sich nur daran, in welcher Form Sahin zu Saisonbeginn die Geschicke der Borussia lenkte. Es schien also die Rückkehr zu Altbewährtem zu werden.

Der Spielverlauf

Es sollte ein einzigartiges und faszinierendes Derby werden. Schon nach wenigen Sekunden hätten die Knappen beinahe jubeln können. Doch dann übernahm der BVB mehr und mehr die Spielkontrolle, auch weil die Gäste aus der „verbotenen Stadt“ eine andere Dortmunder Formation erwartet hatten. Und dann ging es ratzfatz: Aubameyang beförderte einen missglückten Sahin-Schuss mit der Hand zum 1:0 über die Torlinie (11. Minute). Den Videobeweis forderte niemand an, offensichtlich hielt man auch in Köln ein Nickerchen und war fasziniert von dem rasanten Auftakt.




Das Tor löste bei den Dortmundern sämtliche Bremsen, die in Köpfen und Beinen festgezogen hatten. Es folgte ein furioser Sturmlauf: Ein Eigentor von Stambouli (18.), ein Kopfballtreffer von Götze (!) in der 20. Minute und ein wunderschöner Schuss von Raphael Guerreiro ins lange Eck (25.) brachten den BVB 4:0 in Führung. Die Südtribüne traute in ihren Augen kaum und explodierte. Innerhalb von nur acht Minuten hatte die Bosz-Elf sämtlichen Kredit zurückerobert und die Schalker regelrecht pulverisiert. Wird es wohl zweistellig?

Doch auf der Gästebank reifte in Trainer Domenico Tedesco notgedrungen ein Plan, der die Blauen zurück ins Spiel bringen sollte. Weil McKennie kurz vor Gelb-Rot stand und Franco di Santo nicht am Spiel teilnehmen wollte, folgte schon in der 32. Minute ein Doppelwechsel. Es kamen Amine Harit und Leon Goretzka – beide sollten dem Derby einen neuen Drive gegeben. Besonders Goretzka gab seinen Mitspielern die Ruhe, um mit jeder Minute mutiger nach vorne zu spielen.




Der zweite Durchgang gehörte dann eindeutig den Gästen. Kurz nach Wiederanpfiff traf Naldo zum vermeintlichen 4:1. Doch der Videobeweis entlarvte eine Abseitsposition. Noch einmal gehabt, das wird wohl der passende Schuss vor den Bug gewesen sein. Wer das glaubte, glaubt auch wohl – bei allem Respekt vor rauschbärtigen Senioren - an den Weihnachtsmann. Denn die Schwarz-Gelben bekamen die Nervenflatter. Nach vorne lief so gut wie gar nichts mehr. Pulisic mühte sich nach Leibeskräften, außer Geschwindigkeit warf der zuletzt Verletzte aber wenig in die Waagschale. Und Aubameyang? Der vertändelte die Riesenchance zum 5:0 (56.).

Und auch die Gäste können Doppelschläge: Beim 4:1 durch Burgstaller (61.) dachte man sich als BVB-Fan noch nichts Böses. Beim 4:2 durch Harit (65.) kamen erste Zweifel auf, ob wohl das Nervenkostüm halten würde. Wie ein böser Film war die unnötige Gelb-Rote Karte für Aubameyang (72.). Und erneut offenbarte die Borussia eklatante Konditionsmängel, denn fortan ging nach vorne gar nichts mehr. Caligiuri verkürzte auf 4:3 (86.) – die Nerven beim BVB lagen nicht blank, sie waren eigentlich schon gerissen. Wie im Eishockey belagerten die Blauen den Strafraum der Dortmunder, die sich bei Keeper Weidenfeller bedanken konnten, nicht noch früher den Ausgleich kassiert zu haben. In der vierten der siebenminütigen Nachspielzeit kam das, was so mancher schon in der Halbzeitpause auf dem Klo im Urin gefühlt hatte: Naldo wuchtete einen Eckball in die Maschen zum 4:4. Es ist unfassbar...

Wer heute gut schlafen kann

Wenn es einen Dortmunder gibt, der heute Abend mit einem halbwegs gutem Gewissen ins Land der Träume entgleiten wird, dann dürfte das Roman Weidenfeller sein. Denn der dienstälteste Borusse im Kader konnte wohl sein Glück kaum fassen, dass er in seiner letzten Saison doch noch einmal im heimischen Fußballtempel gegen die Blauen auflaufen darf. Der Empfang der Fans war exorbitant: Unfassbar Jubel brandete auf, als Weidenfeller zum Warmmachen das Spielfeld betrat. Allein die Sprechchöre tun einer geschundenen Seele einfach gut.




Und im Spiel bewies der Torwart, dass er zwar alt, aber nicht schlecht geworden ist. Mit etlichen Paraden rettete er manches Mal und verhinderte sogar eine Dortmunder Niederlage. Ein Makel jedoch bleibt: Naldo köpfte in der 94. Minute den Ausgleich. So ganz geruhsam wird die Nacht für den Keeper dann wohl doch nicht.

Wer Albträume hat

Wie soll Reinhard Rauball morgen bloß diese Mitgliederversammlung über die Bühne bringen, ohne dass sich die Borussenfamilie total entzweit? Die Vier-Tore-Aufholjagd des Teams aus der „verbotenen Stadt“ ist schon schlimm genug für den sensiblen Präsidenten, der die 70 Lenze auch schon überschritten hat.




Aber durch die Vorgeschichte dürfte Peter Bosz kaum noch zu halten sein. Eigentlich entlässt man seinen Trainer nicht in der Nacht zu einer Jahreshauptversammlung. Zu groß ist die Gefahr, dass die Stimmung kippt. Buhrufe, Pfiffe, Tumulte – pro oder contra für diese Entscheidung – sind vorprogrammiert. Doch dieses Spiel dürfte das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Schließlich kocht die Fanseele derzeit ganz gewaltig. Zudem haben die Fans die Entlassung des sportlich erfolgreichen Thomas Tuchel noch nicht verknust. Es herrscht also morgen akute Explosionsgefahr. Was tun, Herr Rauball?

Was uns sonst noch aufgefallen ist

Für Peter Bosz wird es jetzt verdammt eng. Das ahnt wohl auch der Holländer, der auf der Pressekonferenz einen entrückten und ziemlich konstatierten Eindruck hinterließ. Wortkarg (ok, was soll er bei dieser Serie auch groß sagen?), müde und angeschlagen präsentierte sich Bosz. Es läuft nicht mit Bosz und der Borussia. Und jetzt reicht noch nicht einmal ein Vier-Tore-Vorsprung, um im wichtigsten Spiel des Jahres den Sieg einfahren. Wäre das Spiel 4:3 ausgegangen, hätte man tief durchgeatmet, aber morgen alles verziehen. Aber jetzt? Im Angesicht dieses unfassbaren Derbys, das wohl in Dramatik und Intensität alle 130 vorigen in den Schatten stellen dürfte, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Man fühlt sich emotional einfach leer...




Das Gefühl kennt wohl auch der Cheftrainer. Als er die Pressekonferenz verließ, glich sein Abgang dem eines Gescheiterten. Mit gesenktem Kopf schlicht er von dem Podest, sammelte sich vor der Tür zum Medienzentrum noch einmal kurz, wagte einen kurzen Blick in den großen Raum und atmete tief durch. So, als ob er noch einmal die Eindrücke seiner alten Arbeitsstätte ein letztes Mal aufsaugen wollte. Vielleicht ist es besser, ihn und die Borussia von diesem Missverständnis zu erlösen.


David Inderlied - 25.11.17




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