Bosz muss sich langsam hinterfragen!

Aus dem Niedersachenstadion berichten
Holger W. Sitter
und David Inderlied


4:2 in Hannover und von Abwehr keine Spur. Borussia gewann nur eines der letzten fünf Pflichtspiele. "Zeit, das sich was dreht", sang einst Grönnemeyer zur WM 2006 und nie war das so angebracht wie heute. Spätestens vor den richtungsweisenden Spielen gegen Nikosia und dem Branchenprimus aus dem Süden braucht es jetzt ganz schnell Antworten auf heikle Fragen...



Denn die Ausgangslage war klar: Borussia Dortmund hatte zuvor in neun Spielen erst einmal verloren. Auswärts musste das Team von Trainer Peter Bosz erst zwei Punkte abgeben und konnte die Favoritenrolle für sich beanspruchen. Die Gastgeber rangierten in der Tabelle fünf Punkte hinter dem Tabellenführer. Hannover 96 gehört gemeinsam mit Borussia Dortmund und dem FC Bayern zu den drei Teams, die bis zum Anpfiff die wenigsten Gegentore (7) der laufenden Bundesliga-Saison kassiert haben. Davon fing sich der BVB allerdings fünf an den letzten beiden Spieltagen.

Das sollte heute anders werden. Und dementsprechend stand auch Borussias Top-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang (Bosz: "Er ist jetzt wieder bei 100 Prozent") wieder in der Startelf, als Schiri Ittrich in der mit ausverkauften Spielstätte (darunter ca. 8000 Borussen) bei ziemlich windigem, kalten Wetter pünktlich anpfiff. Hannover stieß an und hatte bereits nach 35 Sekunden den ersten Eckball. Quasi im Gegenzug klärte Oliver Sorg in höchster Not vor dem einschussbereiten "Auba" zur Ecke (2).



Da hatte die Berichterstatter schon die Nachricht erreicht, dass etwa 230 "Fans" im ostwestfälischen Porta Westfalica entgegenkommenden Wolfsburger Fans nicht etwa beste Wünsche mit auf den Weg nach Gelsenkirchen gaben, sondern sehr viel mehr. Die Bundespolizei hat daraufhin alle wieder direkt in den Zug nach Hause geschickt. Wolfsburger(!)... Es wird immer verrückter! 

Felix Klaus bucht das Elfmetergeschenk

Borussia hat das Spiel im Griff, mehr Ballbesitz (56 Prozent) und gewinnt auch fast zwei Drittel aller Zweikämpfe (64 Prozent). Dennoch gehen die Hausherren in Führung. Gegen aufgerückte Dortmunder kontert 96 im eigenen Stadion. Korb schickt Klaus in den Dortmunder Strafraum steil. Beim Versuch, Bürki zu umkurven fädelt der Hannoveraner geschickt ein und geht zu Boden. Ittrich wartet die Überprüfung in Köln nicht ab, zeigt sofort auf den Punkt und bleibt auch dabei. Jonathas nahm das Geschenk an und schob lässig in die linke Ecke ein (20.).

Doch die Schwarzgelben waren jetzt wütend und schlugen schnell zurück! Im Anschluss an eine Ecke Castros landet der Ball dann im Netz. Nuri Sahin möchte das Spielgerät an der Strafraumgrenze eigentlich aufs Tor schießen, trifft ihn aber nicht richtig. Am Fünfer versucht anschließend Ex-Borusse Marvin Bakalorz zu klären, doch auch er traf den Ball nicht sauber. Nutznießer ist Zagadaou, dem der Ball vor die Füße fällt und der Franzose erzielte in seinem neunten Bundesliga-Spiel sein erstes Tor zum umjubelten Ausgleich (27.).



Zehn Minuten später stockte den mitgereisten BVB-Anhängern dann der Atem. Pulisic zwingt Sané durch konsequentes Attakieren zu einem Katastrophen-Ballverlust, schalktet schnell und legt den Ball genial in den Rückraum zu Yarmolenko. Der Ukrainer musste den Ball nur noch aus sieben Metern ins Tor einschieben, doch er entschied sich für den brachialen Abschluss und schoß einen Meter drüber (37.). Das sollte sich schon bald rächen.

Konterangriff gegen aufgerückte Borussen führt zum Tor

Kurz drauf konterte Hannover erneut und wieder schepperte es im Dortmunder Kasten. Klaus erkämpfte sich eines dieser vielen schlampigen BVB-Abspiele in Hannover's Hälfte und schickte Torschütze Jonathas auf der rechten Seite auf Reisen. Der Brasilianer dribbelt noch einige Meter mit der Kugel und spielte dann vor der entblößten Abwehr nach links in den Sechzehner, wo Bebou den Ball gegen Bürkis Laufrichtung ins rechte Eck einschieben konnte (40.). Da sah die aufgerückte Abwehr wieder wahnsinnig schlecht aus und man fragt sich langsam wirklich, wie diese Hintermannschaft fünf Spieltage ohne Gegentreffer geblieben war!

Zum zweiten Durchgang ließ der Coach seine Elf nicht unverändert zurückkehren und brachte Shinji Kagawa für Gonzalo Castro. Und die Mannschaft hatte verstanden. Nach nur 48 Sekunden rettete Felix Klaus bereits eine Götze-Hereingabe zur Ecke, die den frei steheden Yarmolenko finden sollte.



Und besagter Ukrainer, der bislang etwas unglücklich agierte, ließ dann die BVB-Familie jubeln.   
"Schmelle" flankte von der linken Seite und hatte dabei Glück, dass Sané den Ball unglücklich köpfte. Der Ukrainer rannte rückwärts zwei Meter zurück, nahm die Bogenlampe volley und traf untern ins rechte Eck zum 2:2 (52.). Doch wer jetzt dachte, der BVB würde nun seine Stärken ausspielen und auf das Führungstor drängen, hatte die Rechnung ohne die eigene Defensive gemacht!

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse!

Bakalorz schickte nach exakt einer Stunde Jonathas mit einem Steilpass gegen die erneut entblößte Abwehrformation los. Zagadou, einzig verbliebender Borusse, konnte das Tempo des Hannoveraners zwar mitgehen, kreuzte aber den Laufweg und stoppt ihn durch gegenseitiges Straucheln deshalb kurz vor dem Strafraum, was die Rote Karte zur Folge hatte für den jungen Franzosen. Klaus löffelt den fälligen Freistoß aus etwas mehr als 20 Metern über die Mauer ins linke obere Eck. Bürki blieb ohne Abwehrchance (60.) Neuer Spielstand: 3:2.

Eine halbe Stunde Zeit blieb noch. Die Schwarzgelben erhöhten nun spürbar den Druck. Hannover kam nur noch selten hinten raus und lieferte zunehmend eine richtige Abwehrschlacht ab. Allerdings: Gegen die desolate Abwehr schafften sie es immer wieder selbst auch, zu gefährlichen Torchancen zu kommen (63./73.). Borussia probierte alles. Bosz brachte Guerrero und Schürrle, um mehr Dampf hinter die Offensivbemühungen zumindest in Richtung Ausgleich zu kriegen. Doch das gelang nicht.



Hannover befreite sich einmal mehr am eigenen Strafraum und schaltete umgehend nach vorne um in die nicht real existierende BVB-Defensive. Der inzwischen eingewechselte Harnik schickte Bebou, der nur noch Bartra vor sich hatte. Der Neuzugang aus Düsseldorf umkurvte den erneut zweikampfschwachen Spanier ohne Mühe und vollstreckte trocken ins linke Eck (86.). 4:2 und nur noch vier Minuten waren da zu spielen...

Bosz muss jetzt endlich der Wahrheit Rechnung tragen

Auch Hannover 96 hatte Borussias Schwachstrellen gut analysiert. Alle rühmten Breitenreiter für seine Einstellung der Mannschaft. Inzwischen hat jeder Dorfverein gemerkt, wie man den Schwarzgelben weh tun kann. Allerdings: Das böse Wort "Krise" macht immer lauter die Runde. Das Ausscheiden aus der Champions League war schon so nicht vorherzusehen, konnte letztlich aber durch Erfolg und Tabellenführung in der Bundesliga übertüncht werden. Heute aber hat sich die Situation der Schwarzgelben weiter verschärft, denn der BVB blieb in der Liga zum dritten Mal in Folge ohne eigenen Dreier.

Kapitän Marcel Schmelzer ist unbedingt zuzustimmen, wenn er sagt, "dass es einiges zu besprechen gibt über die Sachen, die heute überhaupt nicht gepasst haben". Ein "weiter so" kann und darf es nicht geben.


Opens window for sending emailHolger W. Sitter, David Inderlied (Fotos) - 28.10.2017


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