Dem BVB schwimmen nach 1:3 die Felle davon

Aus dem Dortmunder Westfalenstadion berichten
David Inderlied und Falk-Stéphane Dezort

 
Puh, lieber BVB, das wird jetzt richtig schwer. Borussia Dortmund verliert das so wichtige Heimspiel in der Champions League gegen Real Madrid mit 1:3 und muss sich jetzt gewaltig strecken, um die Gruppenphase zu überstehen. Die Königlichen zeigten keine Gnade und waren in fast allen Belangen eine Spur besser. „Wir haben gegen Real Madrid gespielt“, zuckte Nuri Sahin fast schon resignierend mit den Schultern. „Da braucht man einen Sahnetag. Und den haben wir nicht gehabt.“

Die Ausgangslage

Es schienen fast schon apokalyptische Vorboten zu sein: Blitze zuckten am Himmel und waren die Anzeichen auf das, was da in dieser Fußballnacht noch kommen würde. Die Spannung durchschnitt die rapide abgekühlte Luft. Man fröstelt – nicht nur wegen der niedrigen Temperaturen. Denn der zweite Spieltag der Champions League könnte schon die Träume des BVB auf den Einzug in die K.o.-Spiele vereiteln – zumindest aber deutlich erschweren. Mit diesem Gefühl pilgerten wieder mehr als 65.000 Menschen in den Dortmunder Fußballtempel.

Die Brust war stolz geschwellt nach dem Kantersieg über die falsche Borussia aus Mönchengladbach. Den Schwung wollten die Schwarz-Gelben nur allzu gerne auch in den europäischen Wettbewerb mitnehmen. Und die Statistik sprach ihnen Mut zu: So oft beide Teams in letzter Zeit aufeinandertrafen, noch nie hatte Real im Westfalenstadion gewonnen.



Es wurde allerdings im Vorfeld ein wenig zu viel von der „weißen Weste“ geredet, geschrieben und letztlich gelabert. Real Madrid hatte zwar noch nie in Dortmund gewonnen, aber es war immer noch Real Madrid – zweifacher Titelverteidiger, gespickt mit unfassbarem Spielerpotenzial. Da wirkten die Sahins, Götzes, Philipps und Castros der Dortmunder Welt zumindest auf dem Papier wie Leichtgewichte. Als wie war sich diese düstere Ahnung doch noch herausstellen sollte...

Taktisches Geplänkel

Peter Bosz nutzte seinen breiten Kader und genoss den Luxus, die gegen die Fohlen so glänzend aufspielenden Mo Dahoud und Julian Weigl auf die Bank zu setzen. Für sie begannen Nuri Sahin und Gonzalo Castro im zentralen Mittelfeld. Zudem rutschte der am Samstag komplett geschonte Andriy Yarmolenko in die Startelf und verdrängte Christian Pulisic, der sich eine Pause redlich verdient hatte. Und auch Madrids Trainer Zinedine Zidane musste umstellen: Für den verletzten Benzema stürmte Cristiano Ronaldo in vorderster Linie.

Der Spielverlauf

Mit einem gellenden Pfeifkonzert quittierten die Fans auf der Südtribüne den Seitenwechsel vor dem Anpfiff. Und der BVB startete genau eklig und hochkonzentriert, wie man es sich erhofft hatte. Schon in den ersten Minuten verwickelte die Bosz-Elf die Gäste in viele kleine Zweikämpfe, die den Spielverlauf der Spanier empfindlich störten. Es dauerte jedoch nicht lange und die Gäste hatten sich auf die forsche Spielweise eingestellt. Mit jeder Minute ging die Ordnung der Schwarz-Gelben mehr verloren, schlichen sich kleine Fehler ein, offenbarte sich auch im Spielverständnis doch der Unterschied.



Die Madrilenen deckten immer wieder die Schwachstellen in dem gefährlich offensiven Spielsystem von Peter Bosz auf. So lauerten die Real-Offensiven nur auf die klugen, diagonal gespielten Bälle von Luka Modric oder Toni Kroos in die Schnittstelle der weit aufgerückten Dortmunder Defensive. Zu allem Überfluss hatte kaum ein Dortmunder den beschworenen „Sahnetag“ erwischt.

Ein ums andere Mal sahen die Gäste viel grüne Wiese vor sich. So in der 9. Minute, als Dani Carvajal einen Ausflug über die rechte Außenbahn unternahm. Toprak rutschte im eigenen Sechszehner aus, und Carvajal hatte plötzlich aus fünf Metern völlig freie Schussbahn. Doch zum Glück visierte der Ex-Leverkusener die kurze statt die lange Ecke an. So konnte Roman Bürki parieren. Keine zwei Minuten später startete Ronaldo aus abseitsverdächtiger Position und überlief die Dortmunder Abwehr. Wäre er eigensinniger gewesen, hätte es bereits da die Gästeführung geben müssen. Doch stattdessen legte er auf die andere Seite zum mitgelaufenen Gareth Bale – Piszczek rettete zur Ecke.

Dann ein Abziehbild auf der anderen Seite: Götze spielt diagonal auf Yarmolenko, dessen Flanke ist aber zu hoch angesetzt. Trotzdem landet der Ball irgendwie auf der Torlinie und von dort zum Eckball. Kein Elfmeter, auch wenn die Dortmunder vehement auf Handspiel von Ramos reklamierten.



Trotzdem: Es konnte nicht lange gut gehen. Real tat zwar nicht mehr als nötig, dafür aber sehr zielgerichtet, effektiv und auch mürbe machend. Defensiv war da kaum etwas zu verteidigen. Die Spanier wussten an diesem Abend einfach ganz genau, wo sie die Borussen anpacken mussten, um den Ball zu erobern. „Wir waren sehr schlecht. Das war nicht das Dortmund-Niveau. Wir müssen besser verteidigen“, nahm BVB-Trainer Bosz am Sky-Mikrofon kein Blatt vor den Mund. „Wir waren nicht einen Moment in dem Spiel, dass wir Druck auf den Ball machen konnten. Im Grunde kamen wir überall einen Schritt zu spät.“

Dieser Unterschied im taktischen und technischen Bereich zeigte sich im Offensivspiel. Wo den Dortmundern die Bälle versprangen, klebte den königlichen Fußballern das Leder am Fuß. (Fast) immer die richtige Entscheidung – es war auch als Dortmunder Sympathisant eine Wonne, den Gästen beim Kombinieren und Sezieren der BVB-Abwehr zuzusehen. Die Führung entsprang so einer Situation: Carvajal hebelte die Abseitsfalle aus und sah Gareth Bale auf der anderen Seite Lukasz Piszczek überlaufen. Der entthronte Rekordablösemann schloss mit einem – zugegeben­ – wunderschönen Volleyschuss in die lange Ecke ab. Das 0:1 war folgerichtig und hätte vor der Pause noch erhöht werden können.

Doch die Borussia hatte sich in der Kabine etwas vorgenommen. Und beinahe hätte der BVB den Traumstart nach der Halbzeitpause erwischt. Wenige Sekunden waren gespielt, da tauchte Yarmolenko plötzlich frei vor Real-Keeper Keylor Navas auf. Doch statt den Ball in die Maschen zu dreschen, legte der Ukrainer mit einem Kopfball in die Mitte. Zu zart, das weiße Abwehrbein von Varane verhinderte den Ausgleich.



Fast im Gegenzug zeigte Cristiano Ronaldo, wie es besser geht: Blitzsauber schloss er einen Konter zum 0:2 ab (49.). Auch wenn sich die Sprachgelernten streiten, ob es eine Vorentscheidung überhaupt gibt: An diesem Abend, gegen dieses Real, wäre es die Entscheidung. Dachten alle, bis Gonzalo Castro eine Flanke in den Strafraum schlug. Aubaymeyang hielt den Fuß rein und beförderte das runde Leder in die Masche. 1:2 – der schon tot geglaubte BVB war plötzlich wieder im Geschäft.

Nach einer Stunde ging BVB-Trainer Peter Bosz ins Risiko. Für den überfordert wirkenden Nuri Sahin sowie Jeremy Toljan kamen Dahoud und Weigl in die Partie. Die Borussia war jetzt ein Spieler mehr im Mittelfeld, opferte dafür aber einen Abwehrspieler. Die Folge: Die Madrilenen kamen jetzt in Überzahl auf das Tor von Roman Bürki. Nach vorne schraubte der BVB jetzt aber an der Ballbesitzquote.



Schnell ging es aber auch: Konter über Götze, der den Ball erobert auf Yarmolenko, auf Götze, der von Keeper Navas abgedrängt wird. Dann stolpert der WM-Held über den Ball – eine leichte Beute für Navas. Keine fünf Meter später segelte eine Götze-Flanke in den Strafraum, Aubameyang verpasste knapp. Zwischen Ball und Pfosten passte aber nicht mehr als das berühmte Blatt Papier. Leider verpuffte dieser Schwung auch schnell wieder. Geradezu ernüchternd war das 1:3, das Ronaldo erzielte (79.). In den letzten Minuten verhinderte Bürki mit einigen klasse Paraden eine höhere Niederlage.

Wer heute Nacht gut schlafen kann:
Real Madrid und Tottenham Hotspur

Beide Vereine stehen mit zwei Siegen und sechs Punkten aus den beiden Auftaktspielen ganz oben in der Tabelle. Der Einzug in das Achtelfinale ist damit zum Greifen nahe. Für die Borussia, den einzigen Verfolger, wird es dagegen sehr, sehr schwer, diese Hypothek noch aufzuholen. Die Flinte will BVB-Trainer Peter Bosz aber noch nicht ins Korn werfen: „Es sind noch vier Spiele und wir wollen alle vier Spiele gewinnen.“ Es sei aber klar, dass es „ein großer Vorsprung sei“, wenn zwei Mannschaften vorne mit sechs Punkten stehen und man selber keinen einzigen habe.

Wer Alpträume hat: Peter Bosz

Der Dortmunder Trainer wird sich mit Sicherheit im Bett wälzen und nach einer Antwort auf die Frage grübeln, warum sein taktischer Plan in der Bundesliga aufgeht, in der Königsklasse allerdings überhaupt nicht. Besonders sein System im Mittelfeld, das auf nur einen defensiven Spieler fußt, zeigte sich sowohl in Tottenham als auch gegen Madrid als sehr anfällig.



Klar, Real hat gerade im 1:1-Vergleich eine unfassbar starke Mannschaft. Aber gerade deshalb täte eine Absicherung, die recht einfach durch einen zusätzlichen Sechser einzubauen wäre, der defensiven Stabilität gut. Das jetzige 4-1-2-3- System ist hervorragend gegen Mannschaften, die spielerisch nicht auf dem Niveau der Borussia sind. Aber gegen stärkere Teams, und so ehrlich muss man dann auch sein, ist es fast fußballerischer Selbstmord.

Übrigens: Es wird auch in der Bundesliga nicht mehr lange dauern, bis die anderen Trainer dieses System entschlüsselt haben und die Schwachstellen ausnutzen werden. „Ich werde mir das Spiel morgen noch einmal ganz genau anschauen“, sagte Bosz auf der Pressekonferenz. Die Frage, ob er nicht gegen offensivstarke Gegner sein System überdenken wolle, wies er zurück: „Wenn wir so verteidigen, wie wir verteidigen, ist es wichtig, dass wir dann alle richtig Druck machen. Es war kein Problem der Verteidiger, sondern der ganzen Mannschaft.“

Was uns sonst noch aufgefallen ist

Auch höchstbezahlte Fußballer sollten sich keine Mätzchen mit dem Schiedsrichter erlauben. Diese Erfahrung musste auch Luka Modric machen. Vor einem eigenen Freistoß meinte der Spielmacher, unbedingt den Abstand der Dortmunder Abwehrmauer nachmessen zu müssen. Schiedsrichter Björn Kuipers zeigte ihm deutlich, was er von dieser sinnbefreiten Aktion hielt: Er hielt ihm den gelben Karton unter die Nase.



Opens window for sending emailDavid Inderlied, Falk-Stéphane Dezort (Fotos) - 26.09.2017



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