Video-Assistent hilft dem FC Bayern

Vom Supercup-Finale im Dortmunder Westfalenstadion
berichten David Inderlied, Martin Rose und Alex Grimm (beide Fotos)



Der Titel der Saison geht an den FC Bayern München. Zwar verlangte Borussia Dortmund dem Titelverteidiger beim Supercup zwischen dem Meister und dem Pokalsieger alles ab. Doch letztlich würgte sich der FCB mit viel Glück erst in das Elfmeterschießen und behielt dort die Nerven. Für viel Gesprächsstoff sorgte allerdings der neue Video-Beweis, der gleich bei seiner Premiere mächtig patzte. 

Die Ausgangslage

Zurück aus der Sommerpause, die strapaziöse Asienroute noch in den Knochen und dann noch Supercup: Für beide Mannschaften ging es nicht nur um den ersten Titel in der Saison, sondern auch darum, nach einer verkorksten Vorbereitung den Weg in den fußballerischen Alltag zu finden. Besonders der sonst stoisch ruhige Carlo Ancelotti dürfte in den letzten Nächten unruhig geschlafen haben. Nicht auszudenken, wenn auch noch der Supercup verloren gehen würde.




Die Bayern kamen mit der Hypothek, beim hauseigenen Audi-Cup den letzten Platz belegt zu haben. Und auch der BVB bekleckerte sich bei den Testspielen nicht gerade mit Ruhm. Es fehlt an vielen Stellen schlichtweg am Feintuning, um die Ideen von Neu-Trainer Peter Bosz richtig umzusetzen. Da bot das erste Pflichtspiel gegen den stärksten deutschen Gegner genau die Schärfe und Gelegenheit, sich im Härtetest richtig „freizuschwimmen“. Und so bekam das zuvor stiefmütterlich behandelte Aufeinandertreffen des Meisters gegen den Pokalsieger eine geahnte Würze.

Ohne das ärztliche Bulettin beginnt derzeit weder in Dortmund, noch in München der Tag. BVB-Trainer Bosz musste ein regelrechtes Puzzle lösen, um die Ausfälle von Guerreiro, Weigl, Schmelzer, Kagawa, Durm, Reus und Mor zu lösen. Kurzfristig hatte auch Mario Götze wegen Rückenproblemen das Handtuch geworfen. Stattdessen brachte Dortmunds neuer Coach mit Linksverteidiger Zagadou und Achter Dahoud zwei Neuzugänge in die Borussen-Startelf. Und auch Bayerns Coach Carlo Ancelotti wagte sich mit neuen Kräften auf’s Spielfeld: Rudy und Tolisso besetzten die Doppelsechs.

Taktisches Geplänkel

Eines kann man Peter Bosz nicht vorwerfen: Er lässt aggressiv und mutig nach vorne spielen. Vieles erinnert an den wilden Fußball aus der Klopp’schen Ära. Genau das gleiche, frühe Gegenpressung, schnelles Umschaltspiel möglichst über die Außen – und klar: Mit Dembele und Pulisic standen zwei schnelle Jungspunde in der Anfangsformation, die den Bayern ordentlich Kopfzerbrechen bereiteten.

Trotzdem setzt Bosz auch eigene Akzente. Er wäre kein guter Holländer, wenn er nicht mit einem 4-3-3-System das ganze Spielfeld optimal abdecken wollte. Vorne verfolgten Aubameyang, Pulisic und Dembele die Münchener Abwehrspieler notfalls auch bis an die deren Eckfahne, um dann blitzschnell zuzuschlagen. Spätestens im defensiven Mittelfeld sollte dann der Ballgewinn erfolgt sein. Dort führte Nuri Sahin die Kreativabteilung an, neben ihm ging Neuzugang Mo Dahoud ein wenig unter.




Die Bayern versuchten mit mehreren Formationen, der Situation Herr zu werden. Bei eigenem Ballbesitz agierte die Ancelotti-Elf im 4-3-3, gegen den Ball arbeitete eine klassische 4-4-2-Aufstellung.   

Der Spielverlauf

Der BVB begann das Spiel mit viel Dampf und setzte die sichtlich verunsicherten Bayern schon in deren Hälfte unter Druck. Die Überfall-Taktik verfehlte nicht ihre Wirkung: Der Rekordmeister agierte oftmals fahrig und unkonzentriert. Wie in der 12. Minute: Nach Foul an Vidal führt Hummels den fälligen Freistoß läppisch auf den noch geistig abwesenden Vidal an. Weil er sofort unter Druck gesetzt wird, spielt der Chilene den Ball zentral in den freien Raum. Denn bekommt Martinez das Leder, wird aber sofort von Pulisic unter Druck gesetzt. Der US-Boy schnappt sich das Leder, läuft auf Neuer-Vertreter Ulreich zu und lässt dem Keeper keine Chance.

Carlo tobte, Arturo schlug die Hände vor’s Gesicht – und die Bayern zeigten eine Reaktion. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Rudy bediente den startenden Kimmich mit einem öffnenden Pass. Dessen flache Hereingabe war ideal für Lewandowski, der aus kurzer Distanz zum 1:1 einlocht. Aber war das nicht Abseits? Dazu später mehr...

Fortan waren die Bayern für den Rest der zweiten Hälfte am Drücker und der BVB musste sich anstrengen, um nicht in Rückstand zu geraten.




Durchgang zwei sollte aber dem BVB gehören. Mit Sebastian Rode für Dahoud kam endlich ein wenig Ordnung in das Borussen-Spiel. Der Offensiv-Drang der Gäste kam fast vollständig zum Erliegen. Dann entdeckten die Schwarz-Gelben ihre Lust am Kontern wieder. Gerade einmal handgestoppte 13 Sekunden dauerte es, bis nach einer Lewandowski-Chance der Ball über Dembele bei Aubameyang landete, der die Kugel tatsächlich ins lange Eck lupfte.

Lange sah es dann nach einem Dortmunder Sieg und der bajuwarischen Vollkatastrophe aus. Doch in den Schlussminuten kamen die Weißwurst-Fresser noch einmal gefährlich auf. Trotzdem darf der Ausgleich auf keinen Fall fallen: Erst wuchtete Süle eine Freistoß-Flanke an die Unterkante der Latte. Im anschließenden Chaos war Bürki der Letzte, der den Ball berührte, bevor dieser dann ins Tor kullerte. Erneute musste der Videobeweis herhalten. Einfach lächerlich!




Im direkt anschließenden Elfmeterschießen vergaben nur Kimmich und Rode, bevor im 11. Versuch Süle den Ball ins Tor hämmerte. Anschließend scheiterte Marc Bartra an Ulreich.

Kann heute gut schlafen: Nuri Sahin

Der Dortmunder Junge ist wieder da. Und wie! Zwar gelang dem türkischen Nationalspieler längst nicht alles. Doch man spürt, wie sehr Peter Bosz auf den von Tuchel so Verschmähten zählt. Sollte Sahin gesund bleiben, dürfte er die Position von Julian Weigl bis zu dessen Genesung innehaben. Da kommen derzeit auch Mo Dahoud und Gonzalo Castro nicht vorbei.

Wer Albträume hat: Tobias Stieler

Der Video-Schiedsrichter war gleich bei seinem ersten offiziellen Einsatz in einem Pflichtspiel in Deutschland gefragt. Und versagte jämmerlich. Per Headset war Schiedsrichter Felix Zwayer mit Stieler in Köln verbunden. Doch sein Schiedsrichter-Kollege ließ ihn im Stich.


Bildmontage (Twitter: elozwerg)

Was nützt ein aufwändiges Video-System, wenn man selbst mit bloßem Auge die Situation besser beurteilt als derjenige, der in aller Ruhe vor dem Fernseher sitzt und mehrere Kameraperspektiven zur Verfügung hat? Wie sich nach dem Spiel herausstellte, soll Stieler technische Probleme gehabt haben, die eine zweifelsfreie Analyse erschwerten.

Der 12. Mann:

Das erste Pflichtspiel seit fast zwei Monaten, gleich am ersten Titel der Saison schnuppern. Und das noch gegen die Bayern, die aus dem letzten Loch pfeifen. Die Gelegenheit schien günstig, dem Klub aus dem Süden gleich mal eins auf die Nase zu geben. Die BVB-Fans ließen sich nicht lumpen. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“, donnerte es jeweils nach den Führungstreffern durch den vollbesetzten Tempel. So muss das sein!

Was uns sonst noch aufgefallen ist:

Schon während des Spiels kursierten in den sozialen Netzwerken wie Twitter Sequenzen der umstrittenen Szene, die zum 1:1 führte. User hatten eine Abseitslinie eingezeichnet, die seltsamerweise dem übertragenden Sender ZDF nicht zur Verfügung gestellt wurde. Ein Schelm, Böses der dabei denkt und klar erkennt, dass Kimmich einen Meter im Abseits steht?




Die Sache wird aber auch nicht besser dadurch, dass das ZDF im Nachlauf eine eingezeichnete Linie präsentierte und damit belegen wollte, dass die Schiedsrichterentscheidung korrekt war. Blöd nur, dass beim genaueren Hinsehen und Vergleichen des Rasenmusters die Linie schief verläuft. Wir überlassen es unseren Lesern, ob sie auch an eine optische Täuschung glauben... 


David Inderlied, Fotos: Getty Images - 05.08.2017


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund