Der Pott is im Pott

Nach nervenaufreibenden 94 Pokalminuten bringt Borussia Dortmund den „Pott“ wieder einmal nach Dortmund in den Pott. Erleichtert präsentierte die Mannschaft den Pokal im hernieder prasselnden Goldregen nach einem nicht unverdienten 2:1 gegen die Frankfurter Eintracht den ca. 35.000 Fans im Berliner Olympiastadion. Tags drauf gabe es dann endlich die berühmte Runde über den Borsigplatz.

Wollte Siegtorschütze Pierre-Emerick Aubameyang den goldenen Pokal nach der Jubelrunde vor mitgereisten BVB-Fans durchs Olympiastadion gar nicht mehr loslassen, so war es Sonntag dann Marco Reus, der endlich seinen ersten Titel ausgiebig feierte. Und alle gönnten es ihm. Nicht nur in Berlin wurd's lang, auch daheim und nicht nur auf den drei Plätzen beim Public Viewing in Dortmund wurde lange fröhlich gefeiert.

Der Korso war dann mit leichten Verspätungen gegen 15.50 Uhr von der Westfalenhütte gestartet und nahm via Oesterholzstraße direkten Kurs auf den Borsigplatz, wo die obligatorische Runde Pflicht war. Aus Sicherheitsgründen wurde der Borsigplatz bereits ab 7 Uhr früh abgesperrt. An der gesamten Korsostrecke und auch in der City im Wallring galt Glasverbot. Etwa 200.000 Fußballfans zelebrierten in Dortmund Fußball von seiner schönsten Seite.

Manchester ist ganz weit weg



Dass die ekstatische Feierei diesmal mit an gezogener Handbremse vonstatten ging, ist schnell und plausibel zu erklären., Zum einen waren bei dieser Massenveranstaltung noch die Sorgen um die Sicherheit mit Händen zu greifen nach den Attentaten auf den Breitscheidplatz und den Mannschaftsbus. Die seit Wochen schwelende Entlassung von Trainer Thomas Tuchel, die auch nicht annähernd verstanden wird in der Fanszene. Die Handlungsstränge in diesem Drama voller Indiskretionen und Intrigen sind so unübersichtlich, dass Außenstehenden nicht immer ganz klar ist, wer wen zuerst brüskiert haben soll. Und über allem schwebt auch noch der drohende Abgang von BVB-Liebling Pierre-Emerick Aubameyang. Wie soll da Stimmung aufkommen?

Zum Vergleich: Die orgiastisch anmutende Double-Feier 2012 war der Schlusspunkt eines epochalen Jahres: Die Meisterschaft souverän verteidigt, alles weg gehauen. In der Rückrunde gab Borussia nur vier Punkte ab, als krönender Abschluss wurde im Pokalfinale der große FC Bayern mit 5:2 regelrecht verkloppt. Das waren andere Dimensionen. Trotzdem ist Dortmund auch diesmal enorm fußballbekloppt. Fast alle Bus- und Straßenbahnfahrer tragen Fan-T-Shirts statt Uniform - und zwar schwarze, weil gelbe zuletzt kein Glück gebracht hatten. Auch ein Blick auf die Kennzeichen verheißt wieder haufenweise Überraschungen. Von wo sie alle gekommen sind – unfassbar.

Selbst diejenigen, die man nicht sofort im Kopf hat, meldeten sich zu Wort: "Die Dortmunder Polizei freut sich mit dem BVB über den Gewinn des DFB-Pokals. Ich bedanke mich bei den vielen vernünftigen Fans für dieses friedliche Fußballfest in Dortmund. Wenn die Besucher des Korsos am Sonntaggenauso besonnen sind, wie heute, erleben wir hier eine große und friedliche Jubelfeier", hattte Polizeidirektor Michael Stein nach den Feierlichkeiten am Samstag orakelt und er sollte Recht behalten.



Ungeachtet dessen hat sich die „Fan-Elite“ wieder einmal von ihrer widerlichsten Seite präsentiert, was den DFB zu Ermittlungen motiviert hat nach den Pyro-Vorfällen im Berliner Olympiastadion. Den beiden Pokalfinalisten Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt drohen nach dem Fehlverhalten einiger Fans harte Strafen. "Wir werden die Vorfälle mit den Sicherheitsbehörden analysieren und die Sportgerichtsbarkeit wird sich intensiv mit notwendigen Sanktionsmaßnahmen befassen", hatte DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius bereits unmittelbar nach der Begegnung angekündigt.

Ultras-Inszenierung schadet dem Ansehen des BVB

Während des Spiels war in beiden Fanblöcken trotz verstärkter Sicherheitskontrollen mehrmals Pyrotechnik abgebrannt worden. BVB-Anhänger hielten auch ein Plakat mit der Aufschrift "Krieg dem DFB!" hoch, zudem wurde der Verband bei einem Schmäh-Wechselgesang von beiden Fanlagern lautstark beschimpft.

"Es ist völlig inakzeptabel, dass einige Chaoten dieses wunderbare Pokalfinale, auf das sich so viele Zuschauer freuen, als Bühne missbrauchen und die anständigen Fans, Familien und Kinder im Stadion durch Abbrennen von Pyrotechnik gefährden", sagte Curtius und sprach von einer "hohen kriminellen Energie, mit der hier einige Gruppen vorgehen". Abgesehen davon ist es auch eine Schande, dieses herrliche Pokalfinale, wo jeder mit einer Karte sich „Gewinner“ oder Glückspilz“ nennen darf,  durch solch plumpe Inszenierungen derart zu entweihen. Als ob das Helene Fischer-Playback nicht schon schlimm genug war...

Sportlich hat Borussia Dortmund die gesteckten Ziele zweifellos erreicht. Mit Spannung darf indes die kommende Woche erwartet werden, zu welcher rührseligen Floskel sich verstiegen wird, um die Trennung vom siegreichen Fußballlehrer der Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Gehen wir aber erstmal in die wohlverdiente Sommerpause und harren der Dinge, die da kommen. Ändern können wir eh nix.


Opens window for sending emailPeter Hoffmann, Fotos: Gettys - 29.05.2017
 




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