Das schwerste Spiel

Vom Viertelfinalhinspiel der Champions League
berichten Andreas Römer, Sascha Schuermann, Norbert Schmidt, Patrik Stollarz, Dean Moutharopoulos


Müde, ausgelaugt, mit leerem Blick und Tränen in den Augen standen die Spieler nach den wohl schwersten 90 Minuten ihres Lebens vor der Südtribüne. Soeben hatte der BVB das Viertelfinalhinspiel der Champions League mit 2:3 (0:2) gegen den AS Monaco verloren – im „normalen“ Fußballgeschäft stünde die Tuchel-Elf nun vor dem Aus in der Meisterrunde. Aber es war kein normales Spiel. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind“, sprach Nuri Sahin das aus, was alle dachten, als Zehntausende Fans sangen: „Der BVB wird niemals untergehen.“

 

Keine 24 Stunden nach dem Sprengstoffattentat auf den Dortmunder Mannschaftsbus wurde der BVB zum schwersten Auftritt ihres Lebens regelrecht gezwungen. Die strengen Regeln der UEFA und ein straffer Zeitplan machten das möglich, was unmöglich ist: Einen schwer verletzten Mitspieler auszublenden, die Szenen zu vergessen, als die BVB-Spieler auf dem Boden zwischen Glasscherben kauerten und nicht wussten, was eigentlich gerade geschah. Wie kann man unter diesen Umständen an ein K.O.-Spiel der Champions League auch nur denken? Einer der härtesten Spieler der Bundesliga weinte - und fand berührende Worte: "Zu allererst bin ich glücklich, dass ich am Leben bin", sagte Sokratis. 

BVB beweist Mut und Courage

Ganz sicher werden die Dortmunder Verantwortlichen im Verlauf dieses Mittwochs alles unternommen haben, um zumindest halbwegs den Kopf freizubekommen. Das wichtigste Signal sendete aber der frisch operierte Marc Bartra mit diversen Postings aus dem Krankenhaus. Thomas Tuchel stellte es seinen Spielern frei, ob sie auflaufen möchten. Doch die BVB-Kicker bewiesen Mut und Courage, alle meldeten sich einsatzbereit. Das Dortmunder Publikum bewies zudem eine unglaubliche Stärke. Auf der ganzen Südtribüne waren viele gelbe und ein paar schwarze Regenanzüge verteilt worden. Zusammen bildeten sie das BVB-Logo – ein starkes Bild und klares Statement die gesamten 90 Minuten über.



Tuchel reagierte auf den Ausfall von Marc Bartra mit der Nominierung von Sven Bender für die defensive Dreierkette. Zudem ersetzten im Vergleich zum Bayern-Spiel Piszczek, Weigl und Kagawa den angeschlagenen Castro (Adduktorenprobleme) sowie Passlack und Pulisic. Der BVB war von der ersten Minute an bemüht, die schlimmen Geschehnisse aus dem Klamotten zu spielen. Das gelang zunächst auch gut, weil sie mit viel Ballbesitz Sicherheit gewinnen und mit vertikalen Bällen oder Spiel über die Außen die nicht sattelfeste Defensive der Monegassen auszuhebeln versuchten.

BVB ist nicht bereit für ein Fußballspiel

Doch dann zeigte sich allzu deutlich, dass die Borussen schlicht noch nicht bereit waren für ein Fußballspiel. Die Gäste waren hingegen hellwach und nutzten die Dortmunder Fehler gnadenlos aus. Erst hatte die Tuchel-Elf bei dem verschossenen Elfmeter noch Glück (17.), zwei Minuten später drehte sich die Glücksgöttin allerdings um. Unfassbar, wie der Schiedsrichter-Assistent die klare Abseitsposition von Mbappe Lottin übersehen konnte. Das französische Juwel traf aus kurzer Distanz zum 0:1 (19.). Die Borussen waren jetzt vollkommen verunsichert gegen eine monegassische Mannschaft, die alles andere als einen Sahnetag erwischt hatten. Schon erstaunlich, dass sich die Borussen fast unbedrängt die Bälle im gegnerischen Strafraum zuspielen konnten. Unter normalen Umstände wäre das ein oder andere Tor für die Dortmunder gefallen – so schoss Kagawa aus wenigen Meter knapp vorbei.

 

Es passte ins Bild, dass ausgerechnet der bis dahin sehr beständig spielende Sven Bender eine Flanke ins eigene Tor köpfte (35.). Erst die Lupe in der Fernsehzeitlupe brachte ans Tageslicht, dass Falcao den Eigentorschützen zuvor auf den Fuß getreten hatte. Der Treffer hätte also gar nicht zählen dürfen, stattdessen schien das Spiel bereits gelaufen. Ein trauriger Halbzeitstand, gerade weil die Monegassen besonders in der Abwehr alles andere als sattelfest schienen, sondern gerade im defensiven Bereich einen Bock nach dem anderen schossen. Oder schlichtweg überfordert waren, wenn der erstaunlich frei aufspielende Kagawa sowie Dembele einmal kurz Tempo aufnahmen – auch wenn es nur für ein paar Sekunden war.

Trotz hätte der BVB allen Grund gehabt, zu hadern. Stattdessen muss Thomas Tuchel beim Pausentee wohl die richtigen Zutaten gefunden haben, um die bleierne Leere in den Köpfen der Spieler in Trotz zu verwandeln. Für Bender und Schmelzer kamen Pulisic und Sahin – es wurde offensiver, und das nicht nur auf dem Spielberichtsbogen. Denn beide hatten wesentlichen Anteil daran, dass die Borussia die wohl bemerkenswerteste Halbzeit in dieser Saison spielte. Plötzlich fiel alle Schwere ab, die Gäste aus dem Fürstentum waren meist nur noch Statisten und wunderten sich wohl selbst, warum sie in einem Viertelfinale der Champions League kaum noch einen Fuß auf die Erde brachten.

Der Startpunkt war ein Dembele-Freistoß nach wenigen Sekunden. Fortan führte Nuri Sahin wie zu alten Meisterzeiten im Mittelfeld Regie, zog mit langen Bällen die Gästeabwehr auseinander. In diese Lücken stießen dann Dembele und vor allem Pulisic hinein, der auf der rechten Seite praktisch Narrenfreiheit genoss. Belohnt wurde der BVB dann mit dem 1:2-Anschlusstreffer von Dembele (57.), als Aubameyang mit der Hacke eine Guerreiro-Flanke auf Kagawa weiterleitete, der dann querlegte. Mit aller Macht drängte der BVB auf den Ausgleich, gefährlich wurde es aber nur selten.

 


Stattdessen leistete sich Lukas Piszczek einen folgenschweren Fehlpass. Mbappe schnappte sich das Leder, lief auf Bürki zu und knallte dem Keeper den Ball in die Maschen (79.). 1:3 – der BVB schien geschlagen und das Halbfinale in weiter Ferne. Dass die Dortmunder trotzdem noch davon träumen können, lag zum einen an dem 2:3-Tor durch Kagawa (84.). Viel wichtiger ist aber, dass die Monegassen erstaunliche Schwächen in der Abwehr offenbarten. Eigentlich hätten die Gäste viel mehr Kapital aus den Umständen schlagen müssen. Der BVB aber betrieb Schadensbegrenzung – und hat jetzt ein paar Tage Zeit, die Geschehnisse zu verarbeiten.


Andreas Römer, Fotos: Getty Images - 12.04.2017








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