Sepp, bist du es?

Aus der Allianz-Arena in München
berichten Tanja Schlepphorst und David Inderlied

Man könnte über diese Niederlage schmunzeln und tief in die Geschichte des deutschen Fußballs kramen, um sie zu erklären. Doch die Gründe für 1:4-Pleite des BVB in der Münchener Schickeria-Arena sind viel zu alarmierend, um sie mit einem leichtfertigen Augenzwinkern einfach abzutun. Denn die Tuchel-Elf steckt ausgerechnet im wichtigsten Monat der Saison in einem echten Dilemma: Spieler wie Ousmane Dembele und auch Pierre-Emerick Aubameyang sind überspielt und bräuchten dringend eine Pause. Doch da gibt es keinen gleichwertigen Ersatz – und die Hammerspiele kommen erst noch.

Der alte Taktikfuchs Sepp Herberger hätte wohl seine helle Freude an der Ausgangslage gehabt. Ein (für die Ligatabelle) fast unbedeutendes Spiel gegen einen haushohen Favoriten, dem man eh nur dann schlagen kann, wenn jeder Spieler seinen morgendlichen Trunk mit einem ordentlichen Schuss Sahne getränkt hat. Und dann die Paarungen gegen Monaco an den Fleischtöpfen des europäischen Fußballs, die allesamt wichtiger sind als ein kräftezehrender Pyrrhussieg in München. Zudem ganz im entferntesten Winkel im Hinterkopf, quasi auf dem Rückweg aus der monegassischen Fürstenstadt: der erneute Auftritt in der bayerischen Landeshauptstadt.




Tuchel nahm sich also den alten „Sepp“ zum Vorbild und Anleihe an der Taktik, die Deutschland zum ersten Weltmeister machte. Denn wie weiland in Bern 1954 gegen Ungarn, nahm der BVB-Trainer eine Niederlage gegen die übermächtigen Bayern im bedeutungslosen Bundesligaspiel in Kauf. Um in 14 Tagen dann im DFB-Pokal-Halbfinale mit dem nun teuer Erlernten mit der besten Mannschaft an gleicher Stätte auf Finalkurs einzubiegen.

Genialer Schachzug vs. Realität

Es wäre wie erwähnt ein genialer Schachzug. Der aber wohl nur ein Wunschtraum eines verirrten BVB-Träumers bleibt, der mit der Realität wenig zu tun hatte. Denn liebend gern hätte Tuchel auch in der Bundesliga seine besten Spieler aufgeboten. „Wir brauchen diese Spiele“, mutmaßte der BVB-Trainer auf der Pressekonferenz, als er zugab, unter dem Strich keine Schnitte gegen die Ancelotti-Elf gefunden zu haben. Denn das ersatzgeschwächte Dortmunder Team konnte im Topspiel dem FC Bayern nicht Paroli bieten. 78 Prozent Ballbesitz in Durchgang zwei und 18:9-Torschüsse für den FCB sprechen eine klare Sprache.




Thomas Tuchel nahm nach dem 3:0-Sieg gegen den HSV vier Wechsel vor: Sokratis, Passlack, Schmelzer und Pulisic starteten in der Allianz Arena für Piszczek, Weigl, Kagawa und Mor. Vor allem der Pole auf der rechten Außenbahn und Julian Weigl im defensiven Mittelfeld fehlten an allen Ecken und Enden. Der BVB probierte es mit der Dreierkette Bartra, Sokratis und Ginter – es war gelinde gesagt ein Schuss in den Ofen. Denn die Defensive fand eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich Zugriff, sondern offenbarte teils haarsträubendes Fehlverhalten. Man habe lernen wollen aus dieser Partie und mit dieser jungen Mannschaft, erklärte Tuchel auf der Pressekonferenz seinen Plan.

Ein Plan, der hoffentlich nicht nachhaltig am Selbstvertrauen kratzt. Letztlich agierten die Borussen viel zu zaghaft und ließen ihren Gegenspielern fast in jedem Zweikampf den Vortritt. Ob Marcel Schmelzer wohl inzwischen den Knoten gelöst hat, die ihm Arjen Robben mit seinem unnachahmlichen Zug von außen nach innen in die Beine gespielt hat?

Wie im falschen Film

Dass sich die Schwarzgelben sich zu Beginn dennoch im falschen Film wähnten, lag in der wirklich erfolgsversprechenden Anfangsphase begründet. Die ersten zehn Minuten waren spielerisch gut, die Raumaufteilung passte und man hatte das Gefühl, dass der BVB tatsächlich das erneut von Neuer-Ersatz Ullreich gehütete Bayern-Tor in Bedrängnis bringen könnte. Leider war es aber abwehrtechnisch eine Katastrophe. Dembele hatte zwar in der zweiten Minute die erste – nennen wir es mal – Annäherung des Spieles. Im Anschluss daran dominierten aber fast nur noch die Münchener.




Sträflich, wie sich Robben und Lahm auf dem rechten Flügel in den Strafraum kombinieren konnten, ohne das Pulisic und Schmelzer auch nur einen Gedanken an einen siegreichen Zweikampf verschwendeten. Nach der schnellen Ballstafette kam Ribery zum Abschluss – unfassbar, wie frei Robben auf Fünfmeterraum zentral vor BVB-Keeper Bürki stehen konnte und in aller Ruhe den Ball abfälschen konnte. Bürki sah beim 1:0 zwar aus wie ein schlecht montierte Hampelmann mit Gleichgewichtsstörungen, doch aufgrund der kurzen Berührung von Robben war der Schweizer schlichtweg chancenlos. Gerade wollten sich die mitgereisten BVB-Fans von dem Schock erholen, da schlugen die Bayern ein zweites Mal zu. Diesmal war es Dembele, der absolut unmotiviert seinen Job in der Abwehrmauer verrichtete, zu früh hochsprang, um sich dann zur Krönung auch noch wegzuducken. Der hilflose und wutschnaubende Tuchel sah am Spielfeldrand aus, als ob er den 19-Jährigen am liebsten mit seinen langen Storchenbeinen in den Boden gerammt hätte.

Guerreiro haucht neues Leben ein

Einmal kurz geschüttelt, aber nicht gerührt schlug der BVB in Person des Portugiesen Raphael Guerreiro (22.) zurück. Vidal klärte schwach in die Mitte ab und da stand er goldrichtig, knallte den Ball perfekt unhaltbar oben links in den Winkel. Nur noch 2:1 für die Bayern, die Hoffnung auf zumindest einen Punkt war wieder erstarkt.

In Minute 31 tankte sich Christian Pulisic allein gut durch, seinen Schuss fälschte Boateng aber noch gefährlich über das Tor ab. Kurz vor der Halbzeitpause setzte auch mal Dembele zu seinen starken schnellen Alleingängen an, er vertändelte den Ball aber leider leichtfertig im Strafraum. Bartra sah übrigens nach einem Foulspiel an Lewandowski seine fünfte gelbe Karte und fehlt daher im nächsten Bundesligaspiel. So war der BVB zur Halbzeit noch im Spiel – trotz zwischenzeitlichem 0:2-Rückstand und einer Menge Nackenschlägen.




Die nächste Hiobsbotschaft dürfte Thomas Tuchel wohl in der Kabine ereilt haben. Denn zwischen warmen Tee und zünftigen Taktikanweisung musste der BVB-Trainer sich auch Gedanken um den angeschlagenen Gonzalo Castro machen. Es war eine schwierige Entscheidung: Nuri Sahin oder Sebastian Rode an alter Wirkungsstätte? Tuchel entschied sich für den Ex-Bayern, der allerdings die letzten Monate nach einer Hüftoperation auf dem Gehaltszettel der Krankenkasse gestanden hat. Keine Ahnung, ob Sahin das Mittelfeld besser im Griff gehabt hätte. Mit Rode verlor der BVB aber die wenige Stabilität, die im ersten Durchgang noch vorhanden war.

Schmelzer entknotet immer noch

Die erste Chance verbuchte zwar wieder die Borussia, doch Aubameyang traf nach feinem Pass von Guerreiro nur das Außennetz. Im Gegenzug fiel allerdings das 3:1. Robben hatte Platz auf der rechten Seite und zog schön zur Strafraumlinie nach innen und vollendete gekonnt mit seinem linken Fuß. Ein typischer Robben-Move, den der Niederländer an diesem Samstagabend gegen den nach seiner Verletzung noch unbeweglich scheinenden Marcel Schmelzer immer wieder aus der Trickkiste kramte.




Wer weiß, vielleicht hätte Aubameyang die Partie noch einmal ordentlich würzen können. Nach schönem Pass von Rode setzte sich der Gabuner (diesmal ohne Maske unterwegs) im Laufduell gegen Jerome Boateng durch. Doch dann traf er den Ball nicht richtig, dieser trudelte an Ulreich vorbei in Richtung Torlinie, wo ihn Boateng locker aus der Gefahrenzone drosch. Den folgenden Einwurf führte Schmelzer aus, über Umwege kam der Ball zum durchgestarteten Lewandowski. Der polnische Bayern-Express rollte auf Bürki zu, der wie ein Handballtorwart grätschend den Stürmer zu Fall brachte. Glück für den Keeper, dass er für die Aktion nur die Gelbe Karte sah. Den Elfmeter führte Lewandowski selbst aus, schließlich geht es ja noch um die Torjägerkrone, und traf sicher zum 4:1.



Es war (zum Glück) der Endstand, weil die Bayern in Gedanken schon beim Madrid-Spiel waren, einen Gang zurückschalteten, Ancelotti zudem die Matchwinner Ribery und Lewandowski auswechselte und Pulisic bei seiner guten Chance kurz vor Schluss in Ulreich seinen Meister fand. Keine Frage: Es war eine Lehrstunde für den BVB. Aber schon der „alte Sepp“ wusste, dass man sich immer zwei Mal sieht im Leben.


Tanja Schlepphorst, David Inderlied (Fotos) - 09.04.2017

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