Borussia blamiert sich

Aus dem Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor
in Darmstadt berichtet Andreas Römer


Der BVB verliert völlig verdient mit 1:2 in Darmstadt. Für die mitgereisten Fans war der Auftritt der eigenen Mannschaft eine Riesenenttäuschung.

„Kraft, Potenz und Ausdauer“ verspricht ein Produkt eines Darmstädter Sponsors. „Für mehr Testosteron“ wirbt man da mit Plakaten an der Pinkelrinne. Scheinbar haben die Spieler von SV Darmstadt 98 davon reichlich konsumiert. Sie waren in jedem Fall voll bis oben hin – zumindest mit Motivation und Siegeswillen. Ob es nur am fehlenden Präparat für „Kraft, Potenz und Ausdauer“ lag, oder doch das harte Spiel am Mittwoch gegen Hertha oder vielleicht die Ahnung des Coaches, dass die Spieler bei solchen Gegnern nicht so richtig profihaft motiviert sein könnten – es war vom BVB in jeder Hinsicht zu wenig!

Zunächst wurde es nix mit der gleichen Aufstellung. Trainer Tuchel hätte gern zum dritten Mal in Folge mit der gleichen Anfangself begonnen. Doch Pisczcek und Schmelzer fehlten verletzungsbedingt. Dembelé und Bartra mussten neben Castro und Schürrle auf der Bank Platz nehmen. Neu in der Startelf war diesmal neben Pulisic auch der A-Jugendliche Dzenis Burnic, der unter der Woche noch ein tolles Spiel in der internationalen Youth League absolviert und wichtiger Faktor beim Sieg in Tel Aviv war.

Der längst nicht mehr so genannte "Lutscher" - Darmstadts Trainer Frings - brachte gleich drei seiner Winterneuzugänge. Neben Sam durften auch Boyd und Altintop ran. Zwei Ex-Schalker sollten sicher besonders motiviert sein....

Alle spielen für den BVB – nur der BVB nicht

Es hätte alles für Borussia gespielt. Leipzig vergeigt gegen Hamburg(!) Frankfurt lässt die Punkte in Leverkusen, Hertha verliert in der verbotenen Stadt. Und was macht Borussia? Sie verliert beim Tabellenletzten(!) in Darmstadt. Und das völlig zu Recht. Wer so schlecht spielt, darf sich nicht einmal Hoffnungen machen, am Böllenfalltor gewinnen zu können.



Um es richtig zu sagen: Der zukünftige Absteiger Darmstadt hat gut gespielt. Alle Spieler zeigten etwas, was den Schwarzgelben heute komplett fehlte: Galligkeit und Siegeswillen. Ja, die wollten, unbedingt. Sie waren hellwach, schnell und immer einen Tick schneller als ihre behäbigen Gegner.

Der BVB begann mit einer Dreierkette: Ginter rechts, Sokratis und Burnic links. Das erwies sich bereits früh als Fehlentscheidung. Die Gastgeber agierten mit vielen schnellen, hohen Bällen und ließen den Gast aus Westfalenvhinten immer wieder alt aussehen. Darmstadt gewann vor allem auch die zweiten Bälle und schaltet schnell um - oft zu schnell für die BVB-Abwehr.

So hatten die "Lilien" schon bis zur siebten Minute drei Großchancen. Bereits nach zwei Minuten versuchte sich Heller zweimal - zum Glück ohne Erfolg. In der fünften Minute segelte ein Freistoß in den Dortmunder Strafraum, Niedermeyer köpfte, Boyd stand völlig frei und köpfte aus fünf Metern aufs Tor, Bürki reagiert klasse. Und weitere zwei Minuten später stürmte der starke Rosenthal allein auf Bürki zu und haute das Ding an den Außenpfosten. Und die Schwarzgelben? Sie nahmen den metallenen Klang nicht etwa als Weckruf, sondern ergaben sich in ihr Schicksal.           



Es kam nix. Wenige Einzelaktionen verpufften. Im Mittelfeld versuchten Guerreiro oder Mor jeweils gegen ein nicht selten mit drei Mann massiertes Bollwerk sich durchzusetzen und verloren reihenweise die Bälle. Wenn mal ein langer Ball von hinten kam, war der quasi mit Ansage, so dass es den Südhessen keine Mühe machte, diese Flanke locker abzufangen. Die gefühlte Bilanz bei den Kopfbällen war 90 Prozent für die Lilien und nur schlappe 10 Prozent konnten die Borussen für sich entscheiden.

Also kein Wunder, dass die nächste dicke Chance schon wieder die Gastgeber hatten. Rosenthal durfte mal wieder unbedrängt aus dem Halbfeld flanken und erwischte Heller mutterseelenallein im Dortmunder Strafraum. Zum Glück bekam Heller keinen Druck hinter den Ball und Bürki konnte die Volleyabnahme locker runterpflücken. (16.) Fünf Minuten später passierte dann die hochverdiente Führung: Guereirro verbummelte sich im Mittelfeld, verlor den Ball. Darmstadt machte es schnell, Sam spielte auf Heller, der spielte sich wieder links durch, seine holperige Hereingabe ließ gleich fünf Dortmunder Abwehrspieler alt aussehen und Boyd kam aus sieben Metern völlig unbedrängt an den Ball. Er wollte das Runde mit Volldampf ins Eckig hauen, traf das Ding aber nicht richtig und der Ball wurde ein komischer Querschläger - Bürki ohne Chance. (21.)

Keine Idee

Selbst danach fiel den Borussen nicht viel ein. Dennoch gab es drei Minuten später endlich die erste Chance für den BVB. Reus nahm einen Steilpass von Aubameyang auf, wurde aber entscheidend gestört. Und der insgesamt enttäuschende Nationalspieler hatte auch die nächste Szene: Sein Freistoß rumste in der 34. Minute mit lautem Knall an die Latte. Die aufkeimende Hoffnung der BVB-Anhänger wurde empfindlich sofort gestört von einem erneuten schnellen Angriff der Darmstädter. Wieder war es Heller, der in den Strafraum flankte, Rosenthal gewann das Kopfballduell gegen den schwachen Sokratis und der Ball ging nur knapp am Tor vorbei.



Eine der zahlreichen und wie zumeist völlig harmlosen Ecken brachte einmal so etwas wie Gefahr für das Tor des gebürtigen Castrop-Rauxelers Michael Esser: Einen Abpraller lupfte Aubameyang in Richtung Tor, doch der Keeper bekam die Finger dran und brachte den Ball über die Latte. Und dann folgte die beste Aktion (41. Minute): Durm spielte sich auf links einmal bis an den Strafraum durch, legte quer auf Mor, der den Ball nur in den 16er tropfen ließ. Da fand Guerreiro die Lücke und drosch den Ball aus 13 Metern in die Maschen - na bitte! Geht doch!

Umstellung

Nach der Pause stellte Trainer Tuchel dann zwangsläufig um. Ginter rückte in die Innenverteidigung, Durm wurde rechter Verteidiger - der BVB spielte jetzt mit Viererkette. Besser wurde es allerdings nicht auf dem Feld. Weiter fehlte jeder Plan, wie man den giftigen Darmstädtern beikommen sollte. Passspiel? Fehlanzeige! Kampf? Fehlanzeige! Einzelaktionen? Erfolglos! Desaströs!

Logisch, dass die Lilien wieder die erste Chance hatten. Rosenthals verdeckten Schuss konnte Bürki aber entschärfen. Einen Hauch von Chance vergab Guerreiro, als er einen Abpraller vor dem Sechzehner des Gegners verstolperte.

Und dann lud Durm die Gastgeber zur Führung ein, verdaddelte unfassbar schlampig Ball an der Mittellinie, Heller ging wieder einmal auf und davon. Er fand wieder Rosenthal, der die Riesenchance aber erneut nicht nutzte und den Ball neben das Tor haute. Tuchel wechselte: Guerreiro und Mor gingen, Kagawa und Dembelé kamen. Der Franzose war es kurz danach, der ebenfalls den Ball ohne Not im Mittelfeld verlor. Dann zeigte der Tabellenletzte, wie man es macht: Altintop spielte zügig auf Sam, der schoss nicht, sondern fand rechts im Strafraum völlig allein Colak, der in Ruhe den Ball Bürki durch die Beine schob. 2:1 für die Lilien nach 68 Minuten. Abwehrverhalten wie bei einer Schülermannschaft...

Noch immer keine Ideen

Eine Minute später gab es ein kleines Fünkchen Hoffnung, als Aubameyang den Ball nach einer Ecke über den Scheitel rutschen ließ. Aber das blieb eben nur ein Fünkchen im großen Stückwerk. Nur eine Minute später stand sogar das Glück der Borussenabwehr zur Seite: Zunächst knallte Rosenthal den Ball an die Latte, den Nachschuss von Heller parierte Bürki artistisch mit dem Fuß und den dritten Versuch der Darmstädter spitzelte Ginter - in seiner beseten Szene - mit letzter Mühe neben den Kasten.

Danach ging es ähnlich vogelwild zur Sache, wie vor zwei Wochen in Mainz. Klare Aktionen blieben von Borussen-Seite Mangelware. Keiner war in der Lage, das Spiel zu beruhigen und notwendige Ideen zu entwickeln. Hohe Bälle nach vorn blieben ohne jede Wirkung. Sicher stand die SvD-Innverteidigung mit Niedermeyer und Sulo. Die Einzelaktionen der Borussen verpufften alle ohne Wirkung, sie rannten sich immer wieder nach dem selben Schema fest. Und nicht nur das: Die Gegenzüge der Lilien waren schnell und wirkten über die gesamte Distanz irgendwie zielgerichteter und gefährlicher als alle Borussenaktionen.



Dass Darmstadt dann die Sache mit jeder nur möglichen Spielverzögerung über die Zeit brachte, war schon logisch. Gelb für Torhüter Esser wegen erwiesener Langsamkeit, hier ein Krampf, dort ein bisschen Liegenbleiben nach Zusammenprall und drei Auswechselungen - das klappte. Eben auch, weil der BVB einfach nicht in der Lage war, das Spiel anzunehmen. Darmstadt wollte, beim BVB war man sich als Zuschauer nicht so sicher. Was ist nur aus dieser Mannschaft geworden, die so begeisternd den Champions League-Gruppensieg erstürmte?

Dortmund verpasst also völlig ohne Not den Sprung auf Platz drei, sowie ein bisschen Näherzurücken auf Leipzig. Doch mit dieser Einstellung ist eben auch nicht mehr drin. Wer als Champions League-Aspirant den Kampf gegen den Tabellenletzten nicht annimmt, darf sich nicht wundern, wenn er sich zur Lachnummer macht. Und wieder einmal hat der BVB sich als gern gesehener Gast erwiesen, der die Punkte schön dalässt. Schade!

Opens window for sending emailAndreas Römer, Fotos: Getty Images - 11.2.2017


Opens external link in new window>> Noten zum Spiel
Opens external link in new window>> Stimmen zum Spiel





Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. FC Ingolstadt +++PK ONLINE+++
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund