BVB im Elfmeterkrimi nicht zu schlagen

Aus dem Westfalenstadion in Dortmund berichten

Stephan Münnich und David Inderlied


Berlin. Schon wieder Berlin. Und schon wieder ist ein Elfmeterschießen für das Weiterkommen nötig. Im kalten Westfalenstadion zittert sich der BVB nach 1:1 durch Verlängerung und Elfmeterschießen mit letzter Kraft zum späten Sieg gegen Hertha BSC. Im sechsten Viertelfinale hintereinander trifft der BVB nun auswärts auf die Sportfreunde aus Lotte.

Solche Krimis sind dafür gemacht, um Helden zu gebären. Da wären die Fans auf der Südtribüne, die nach der Leipzig-Schande wirklich Flagge zeigten und mit Plakaten sich klar von Gewalt distanzierten. Oder etwa Roman Bürki, der sich sonst noch nie als Elfmetertöter hervorgetan hat, an diesem Abend aber über sich hinauswuchs.

Oder ein Spieler wie Ousmane Dembele. Die gesamten 120 Minuten hatte der junge Franzose ordentlich auf die Socken gekriegt, war bis zur Erschöpfung gelaufen. „Das war ein Ganzkörperkrampf“, kramte BVB-Trainer Thomas Tuchel auf der Pressekonferenz später in seinem rudimentären Medizinwissen. Man habe ihn quasi reanimieren müssen. Und trotzdem ließ Dembele keine Zweifel aufkommen. Er habe seinen Spieler gefragt, ob er denn schießen könne, erzählte Tuchel.



Die Antwort war klar und machte deutlich, aus welchem Holz der Flügelflitzer geschnitzt ist. Anstatt sich zu verstecken, wollte er gleich den ersten Elfmeter schießen. „Als er dann tatsächlich am Elfmeterpunkt angekommen war, waren wir auch zuversichtlich, dass er wohl schießen kann“, griente Tuchel. Eiskalt wie eine Hundeschnauze verwandelte Dembele. Es war gewissermaßen das Signal an seine Mitspieler, dass kurz vor Mitternacht nichts mehr schiefgehen würde.

Mahnende Worte und viele Plakate

Aber der Reihe nach: Nach Union Berlin erwartete der BVB nun im Spiel eins nach Leipzig die alte Dame Hertha BSC. Norbert Dickel wählte vor der Verkündung der Mannschaftsaufstellung mahnende Worte an das Stadion, in dem er nach den Vorkommnissen vom Samstag gegen Leipzig betonte, ab jetzt nur noch die besten Fans der Welt sehen zu wollen.

Die von Nobby präsentierte Mannschaftsaufstellung wird flankiert durch ein Statement von Mannschaftskapitän Marcel Schmelzer, der im Namen der Mannschaft jede Gewalt verurteilt und den Opfern vom Samstag gute und schnelle Genesung wünscht. Ein feiner Schachzug des Kapitäns, dem die Menschen auf der Südtribüne mit selbst geschriebenen Plakaten und Schilder des 'Aufstands der Anständigen' folgen.



Dazu passt die Stimmung an diesem Februarabend, bei dem die Kälte nach einiger Zeit förmlich in die Glieder zieht: seltsam angespannt. Mehr fokussiert auf den Fußball. Aber doch irgendwie peinlich betreten, abwartend. Irgendwie ein seltsames Gefühl, jetzt wieder zum Tagesgeschäft übergehen zu wollen.

Die Aufstellung brachte heute keine große Rotation. Der BVB startete in der gleichen Formation wie im vorangehenden Ligaspiel. Heute fehlten auf der Bank Mario Götze aufgrund muskulärer Probleme. Direkt vom Anstoß weg ist der BVB im Vorwärtsgang mit Druck über Dembele auf der rechten Seite. Offensiv aufgestellt kontrolliert der BVB das Spiel in den ersten Minuten, in denen die Hertha noch gar nicht zur Entfaltung kommt. Den ersten Schreckmoment fabriziert aber Sokratis mit einem Riesen-Patzer. Ibisevic kann durchgehen, der Hertha-Angreifer vergibt aber frei vor Bürki. Das hätte die Führung für Hertha sein können. Tiefes Durchatmen. Es entwickelt sich ein munteres Spiel, bei dem die Hertha clever verteidigt, aber auch offensiv durchaus Akzente setzen kann.

0:1 ist die negative Krönung 

Immer besser in Schwung kommt Marc Bartra. Der Spanier verteilte sehenswert die Bälle auf die Außenbahnen an Durm und Auba - eine gute Spieleröffnung gegen die dicht gestaffelte Berliner Abwehrmauer. Dann hat Aubameyang die nächste große Möglichkeit. Die Chancen sind da. Nur die Verwertung ist verbesserungswürdig - mal wieder. Borussia scheint nach Aktionen über Durm und Dembele wieder konzentrierter zu Werke zu gehen. Gute Stimmung bei den Berliner Gästen. Fußball kann friedlich sein! Und gleich wieder die nächste Riesenchance: Brooks, Bürki pariert und Ibisevic köpft knapp über das Tor.



Es hakt bei der Borussia. Das wird mit jeder Minute deutlicher. Die negative Krönung nach gut einer halben Stunde, als Kalou zum 0:1 für Hertha in der 27. Minute trifft. Es war nicht unverdient, die Borussen gaben in der Phase das Heft zu leichtfertig aus der Hand. Eines muss man den Gelb-Schwarzen an diesen Abend aber lassen: Sie kämpfen. Marcel Schmelzer holt  auf links einen Freistoß gegen Pekarik heraus, der für die Aktion die nächste gelbe Karte sieht. Reus bringt den Ball in den Strafraum und Bartra verlängert. Wieder eine gute Chance vorbei, zumindest langweilig wird es nicht.

Die Südtribüne wurde wieder lauter, denn es ging nur miteinander. Tolle Kombination von Reus und Aubameyang wird leider abgepfiffen. Das Tor zählt nicht wegen Abseits. Leider häuften sich individuelle Fehler, erst der Patzer von Sokaratis am Anfang und auch Guerreiro spielt katastrophal quer im Mittelfeld in den Lauf des Gegners. Im Moment geht hier für den BVB nicht viel zusammen. Bis zur Halbzeit hatte man nicht das Gefühl, dass die Mannschaft unbedingt nach Berlin möchte.

Hertha kommt auch schneller zurück aus der Kabine. Passt zur ersten Hälfte, die eigentlich gut für Borussia begonnen hatte. Tuchel musste gleich zweimal wechseln: Für die angeschlagenen Schmelzer und Piszczek kamen Pulisic und Ginter. Die mit Pulisic etwas offensivere Variante zog sofort: Zwei Minuten nach Wiederanpfiff setzt Dembele den Ball zunächst an den Pfosten, der BVB bleibt über Pulisic in Ballbesitz und legt quer auf Marco Reus, der mit einem überlegen Schuss die Fans erlöst. Und auch wohl sich selbst, denn es läuft an diesem Abend nicht viel zusammen für den deutschen Nationalspieler. "Westfalenstadion steh auf!" intoniert die Süd umgehend.



Wieder kommt Ousmane Dembele über rechts. Reus und ein Fuß von Hertha-Keeper Jarstein ist in höchster Not dazwischen und klärt zur nächsten Ecke. Weiter geht das Kartenfestival, Foul im Mittelfeld und Verwarnung für Darida. Jetzt wird es etwas hakeliger. Mehr Fouls und weniger Spielfluß. Keines der beiden Teams will in Rückstand geraten. Nach einem sehenswerten Zuckerpaß von Reus an dem Jarstein noch dran war Auba, drückt das Leder über die Linie. Abgepfiffen, weil der Berliner Keeper seine Hand schon auf dem Ball hatte. Jetzt läuft der Motor. Marco Reus kommt mit großer Steigerung aus der Halbzeitpause.

Vom knackigen Ende

Doch dann kommen die Fehler wieder zurück in Borussias Spiel. Kaum noch Spielfluss und viele kleine Fouls sind bestimmend. Das Tempo ist raus. Ein echter Pokalfight ist das noch nicht. Immer wenn Ansätze kommen, ist auch schon wieder etwas Sand im Getriebe. Jetzt mal! Guerreiro zieht ab und Jarstädt klärt zur Ecke. Darauf folgt die nächste Ecke. Schwacher Schuß von Durm, der jetzt links die Bahn bearbeitet. Hertha kommt nun nicht mehr so gut ins Spiel. Die Umstellung und die Wechsel von Thomas Tuchel scheinen zu wirken. Man möchte sagen, endlich mal! Trotzdem bleibt das Spiel fahrig.

Zu jedem guten Pokalabend gehört auch ein knackiges Ende. Eines, von dem man noch lange erzählt und so schnell nicht aus dem Kopf geht. Die Akteure tun alles, um für ein nervenraubendes Finale zu sorgen. Unaufhaltsam, fast feindselig, marschiert der Minutenzeiger auf der Uhr vorwärts. Komm ich noch zum Bahnhof? Wann bin ich wieder zuhause? Habe ich eigentlich die Milch vom Herd genommen? Und morgen arbeiten??? Och nöööö.. Viel zu spät!!! Viele Einzelaktionen und kein guter Spielfluß prägen nun das Spiel, das in die Verlängerung geht. Die Südtribüne ist wieder da und auch die mitgereisten Hertha-Fans schunkeln und singen. Das ist wieder Werbung für einen Stadionbesuch.



Wie erwartet wechselt Tuchel das vierte Mal. Schürrle ersetzt den erschöpften Reus. Laut Thomas Tuchel nur eine Vorsichtsmaßnahme, auch weil sich Reus nach einem Zusammenprall seit geraumer Zeit die Hüfte hält und über den Platz schleicht. Der Wandervogel Schürrle zieht auf das Berliner Tor und bleibt an der Abwehrkette hängen. In der nächsten Szene zieht Castro in der Mitte, findet dort aber niemanden. Immer mehr rückt aber das Schiedsrichter-Gespann um Deniz Aytekin in den Vordergrund. Denn die anfänglich etwas kleinliche Regelauslegung mit vielen gelben Karten droht jetzt zum Bumerang zu werden. Es ist nun mehr Pfeffer in den Aktionen. Paradoxerweise sind es die Dortmunder, die das Spiel nur zu Zehnt beenden. Eigentlich waren die Berliner mit taktischen Fouls viel eher für Gelb-Rot fällig. Doch dann konnte Sokratis seine Klappe nicht halten und provozierte Aytekin, der konsequent das Regelwerk auslegte. Selbst schuld, mein lieber Grieche.

Während Sokratis noch schimpft, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir heute eine ganz andere Südtribüne erleben. Bemüht, beschämt, betroffen und ohne einheitliche Linie. 24.000 schweigen in der zweiten Hälfte oft mehr oder weniger ratlos. Die Stärke fehlt und das überträgt sich auf das Spiel. Der Platzverweis wegen Meckerns von Sokratis ist der Ende eines seltsamen Fußballspiels.

Elfmeterkiller Bürki? 

Es ist 23.18 Uhr: Hoppla! Die Süd kommt mit voller Lautstärke zurück. Warum nicht früher? Hertha beginnt im Elfmeterschießen. Lustenberger trifft gegen Bürki nur an die Latte! Der psychologische Vorteil ist nun bei der Borussia. Dembele tritt an und verwandelt souverän gegen Jarstein zum 2:1. Als nächstes tritt Darida unter dem Pfeifkonzert des Stadions an. Er nimmt viel Anlauf, vielleicht zu viel, denn Bürki hält seinen Schuss. Pulisic ist der nächste Schütze, doch findet er mit einem schwachen Schuss im Berliner Keeper Jarstein seinen Meister. Als nächstes gleicht Esswein aus zum 2:2. 




Pierre-Emerick Aubameyang tritt an und verwandelt sicher zum 3:2. Jetzt kommt Allagui, für den der erst eingewechselte Schieber in der 119. Minute wieder raus musste: Bürki hält ihn nicht fest - der Ball dreht sich kurios rein zum 3:3-Ausgleich. Nun verwandelt Gonzalo Castro eiskalt zum 4:3. Kalou schießt über das Tor von Roman Bürki und der BVB steht zum sechsten Mal hintereinander im Viertelfinale des DFB-Pokals!


Opens window for sending emailStephan Münnich, David Inderlied (Fotos) - 08.02.2017

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