BVB entscheidet packendes Derby für sich

Aus dem Westfalenstadion berichten
Stephan Kottkamp und Florian Guse


Nachdem die Konkurrenz am Samstag Federn gelassen hatte, krönte Borussia Dortmund am Sonntag mit dem Erfolg im 147. Ruhrgebiets-Derby ein perfektes Bundesligawochenende. Mit dem 3:2-Sieg gegen den FC Schalke 04 konnte der BVB Platz 2 festigen und den Vorsprung auf Platz 3 auf beachtliche acht Punkte ausbauen. Ganz offensichtlich hat im schwarz-gelben Lager keiner mehr Bock auf Reisen nach Qäbälä. Denn geht es so weiter, wird der BVB in der kommenden Saison wieder attraktivere Ziele wie London, Paris oder Madrid ansteuern dürfen.

Gleich von Beginn zeigte die Borussia, wer Herr im Hause ist. Mit enormer Dominanz wurde Schalke pausenlos beschäftigt und unter Druck gesetzt. Derby-Debutant Thomas Tuchel musste auf den verletzten Marco Reus verzichten, konnte aber auf einen Gonzalo Castro zurückgreifen, dessen Formkurve so steil nach oben zeigt wie der legendäre Anstieg nach L'Alpe d'Huez. Der ehemalige Leverkusener ist endlich auch spielerisch in Dortmund angekommen und bewies im Derby, dass er sich zu einer echten Belebung im Offensivspiel des BVB entwickelt hat.



Tuchels königsblaues Pendant feierte an diesem Sonntag ebenfalls Derby-Premiere. Mit Leroy Sané brachte Andre Breitenreiter auf der rechten Seite einen Youngster, der von Bundestrainer Joachim Löw unlängst und erstmals in den Kader der A-Nationalmannschaft berufen wurde. Das hatte dem Sohn von Ex-Bundesligaprofi Souleyman Sané offensichtlich nochmal Auftrieb gegeben. Der junge Mann mit den wuscheligen Haaren wirbelte die Dortmunder Hintermannschaft mehrfach durcheinander und war steter und einziger Unruheherd der Gäste.

Trotz drückender Überlegenheit des BVB konnten die Gäste die Dortmunder in der 1. Halbzeit sehr gut zustellen und ließen lange Zeit nichts zu. Sie störten den Spielaufbau des BVB und versuchten immer wieder, mit Kontern das Tor der Dortmunder in Gefahr zu bringen. Erstmals gelang dies in Minute 20: Dennis Aogo war auf der linken Seite durchgebrochen und flankte auf den kurzen Pfosten, wo Leroy Sané wartete und den ersten Schuss auf Roman Bürkis Kasten abgeben konnte.

Ginter mit einer bärenstarken Leistung

Für erste Gefahr im Schalker Strafraum sorgte Pierre-Emerick Aubameyang nach Flanke von Shinji Kagawa. Der Schuss des Gabuners konnte jedoch von Joel Matip geblockt und zur Ecke geklärt werden (28.). Diese Chance schien den BVB nochmal offensiver werden zu lassen. Matthias Ginter beackerte wie ein Duracell-Häschen die rechte Außenbahn und schlug eine Flanke nach der anderen. Im Zusammenspiel mit Castro bereitete der Ex-Freiburger so auch die Führung des BVB vor. Seine genaue Hereingabe fand in Kagawa einen dankbaren Abnehmer. Der Japaner schraubte seine gewaltigen 172cm in ungeahnte Höhen und nickte zur Führung ein. Der Anfang eines grandiosen Nachmittags war gemacht.



Doch mitten im ausgelassenen Jubel der Dortmunder Zuschauer fabrizierte Mats Hummels einen seiner zahlreichen Fehlpässe im Aufbauspiel. Leon Goretzka bekam das Leder schlug es lang und weit nach vorne, wo Leroy Sané Sokratis wiederum ziemlich alt aussehen ließ und hervorragend auf Klaas-Jan Huntelaar abspielte. Der Holländer hielt nur noch den Fuß hin und schon stand es 1:1. Es war eine jener Szenen, die der überragende Julian Weigl später mit den Worten: "wir dürfen nicht immer so leichte Tore kassieren", geißelte.

Dem Jubel folgte prompt die Ernüchterung

Der BVB zeigte sich aber keineswegs geschockt, sondern spielte weiter mutig nach vorne. Ilkay Gündogan mit einem Schuss aus 30 Metern (35.) und Matthias Ginter mit einem Kopfball über das Tor (37.) hatten zunächst Gelegenheit, den BVB erneut in Führung zu bringen. Als Thomas Tuchel gedanklich bereits bei der Pausenansprache war, sorgte seine Mannschaft nochmal für ausgelassenen Jubel auf den Rängen im ausverkauften Westfalenstadion. Matthias Ginter, bester Mann der 1. Halbzeit, ließ eine Mkhitaryan-Ecke schulmäßig über seinen Scheitel und durch die Hände von Fährmann zum 2:1 rutschen (43.). Mit einer verdienten Führung ging der BVB in die Kabine.



Die ersten fünf Minuten der 2. Halbzeit taugten dazu, aus dem Derby ein Schützenfest werden zu lassen. Der BVB wirbelte und spielte Schalke geradezu schwindelig. Allein Ilkay Gündogan hatte drei gute bis sehr gute Möglichkeiten, den dritten Treffer zu erzielen. Doch entweder zielte er zu genau oder Ralf Fährmann reagierte erstklassig.

Besser machte es Aubameyang. Nach feinem Zuspiel von Gonzalo Castro nahm er Maß und ließ Fährmann bei seinem Schuss ins lange Eck keine Chance. Beim Jubel präsentierte er ein T-Shirt mit dem Logo von Batman und der Aufschrift "Do you remember?". Ein Gruß an seinen verletzten Kumpel Marco Reus und eine Anspielung auf den gemeinsamen Jubel beim letzten Derby im vergangenen Februar. Nach dem Spiel wurde der Torschütze gefragt, wie er das T-Shirt an Thomas Tuchel vorbeischmuggeln konnte: "Ich hatte das T-Shirt in meinem Rucksack und hab es mir unter der Dusche angezogen. Sorry, Coach!", gab sich der Torjäger reumütig.



Mit dieser Führung im Rücken gewann die Borussia weiter an Sicherheit und spielte wie aus einem Guss. Schalke schaffte es nicht, das Spiel in die Hand zu nehmen und musste sich aufs Reagieren beschränken. Und hätte Fährmann gegen Mkhitaryans Schuss aus kurzer Distanz nicht so exzellent reagiert, wäre das Derby nach 54 Minuten entschieden gewesen. Doch in dieser Phase versäumte man es, den Sack zuzumachen. Der BVB erspielte sich reichlich Möglichkeiten, das Ergebnis auf 4:1 oder gar 5:1 hochzuschrauben.

Wie aus heiterem Himmel

Um so überraschender fiel dann jedoch der Anschlusstreffer. Mats Hummels wollte schnell in die Spitze spielen, bediente dabei aber erneut Leon Goretzka und der beim VfL Bochum ausgebildete Mittelfeldakteur ging auf der rechten Seite auf und davon. Seine präzise Flanke konnte von Sokratis nicht abgefangen werden und landete bei Huntelaar - nur noch 3:2 (71.)

Schalke bekam durch den Anschlusstreffer nochmal etwas Rückenwind, doch der BVB konnte den Ball sehr gut in den eigenen Reihen halten und selbst immer wieder Angriffe starten. In den verbleibenden 20 Minuten musste der BVB zwar noch einige brenzlige Situationen überstehen, so als der eingewechselte Hojbjerg den Pfosten traf, doch blieb es schließlich beim hochverdienten und etwas zu knappen Sieg der Gastgeber. Mit nunmehr acht Punkten Vorsprung auf den Drittplatzierten aus Wolfsburg stellt der BVB den einzigen Bayern-Verfolger dar.



Insgesamt war es ein rassiges, aber stets sehr faires Derby. Mitunter ging es auf dem Rasen etwas hitzig zu, doch blieb alles im vertretbaren Rahmen. Während unter dem schwarz-gelben Anhang eine überragende Stimmung herrschte, war im Gästeblock Schweigen im Walde angesagt. Nur 2.500 Schalker begleiteten ihre Mannschaft nach Dortmund. Aufgrund von Sicherheitsvorkehrungen, die in Teilen der Schalker Fanszene als überzogen beurteilt wurden, hatten viele Ticketkäufer das Spiel boykottiert und waren nicht angereist. Ein Banner auf der Süd mit der Aufschrift "Volle 10% für Gästefans - ALLER Vereine" hatte vor dem Anpfiff gezeigt, dass dieses Verhalten des Schalker Anhangs selbst in Dortmund auf Solidarität hoffen kann.


Opens window for sending emailStephan Kottkamp, Fotos: Florian Guse - 08.11.2015


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