Wilde Stiere oder müde Bullen? Spektakuläres Rodeo im Westfalenstadion?

Stocksauer war Leipzigs neuer alter Trainer Ralf Rangnick nach dem EL-Quali-Hinspiel bei Zorja Luhansk, und das lag nicht (nur) am Spiel seines Teams beim ukrainischen Gegner, sondern am Nachspiel in den Kabinen, als sein Spielführer und sein Ersatztorhüter von den zuständigen Funktionären zur Dopingprobe gebeten wurden. „Ja hatten die denn noch alle Murmeln beieinander?“, fragte sich der Sachsen-Coach hinterher und  brachte damit seinen tief empfundenen Respekt gegenüber den UEFA-Offiziellen und deren Regularien zum Ausdruck. Rangnick befürchtete, dass Willi Orban und Marius Müller den Heimflug verpassen. Dazu kam es aber nicht, da die Maschine eine Verspätung in Kauf nahm und auf die Leipziger wartete, so dass alle Leipziger noch knapp vor Sonnenaufgang in ihre heimatlichen Kojen gelangt sein dürften.
Dabei hat Sorja Luhansk den Roten Dosen ohnehin einiges abverlangt im Hinspiel der dritten Qualifikationsrunde für die Europa League. Fußballprofessor Rangnick, der klug bemerkte, dass seine zum Saisonstart sechs Spiele in den Beinen haben werden, während die Borussia frisch aus dem Training kommt, wird sich gewiss ein leichteres Spiel gewünscht haben. Allerdings: Wäre die Ausgangslage umgekehrt gewesen, und der BVB hätte die Qualifikationsmühen zu durchlaufen, wie z.B. 2015, hätte er gewiss darauf hingewiesen, dass der Gegner  schon eingespielt sei, während man selbst noch nicht recht im Wettkampfmodus sei. Einer wie Rangnick kennt sich nämlich aus – mit dem Fußball und mit den Medien.
Und weil das so ist, dürfte Rangnicks angeblicher Plan in Liga und Euro League im Prinzip gegen die Borussen noch nicht greifen – wenn überhaupt. So leicht wird es RR den Taktikplanern seiner Gegner nicht machen, sich auf seinen Kader vorzubereiten. Gegen den BVB dürfen wir auf jeden Fall einen ähnlichen Kader wie gegen Sorja erwarten.  Denn RBL, das weiß Lucien Favre, ‚ist eine Mannschaft, die sehr kompakt steht, die sehr  hoch presst, und das sehr, sehr oft. Sie können sehr  hoch spielen, nehmen die Außen- und Innenverteidiger fast in Manndeckung‘. Favre weiß nicht nur, dass die Messestädter guten, schnellen Überfallfußball spielen, sondern auch, wie man dagegenhält: Man muss gegen sie ‚auch hoch spielen und pressen können.‘ Und: ‚Wenn wir angreifen, dürfen wir die Bälle nicht so einfach verlieren.‘
Damit ist auch schon klar, auf welchem Feld sich diese Begegnung entscheiden wird. In den bisherigen Pflichtspielbegegnungen hat sich die Abwehr der Matteschitz-Mannen nicht mit Ruhm bekleckert, während die Offensive – mit und  ohne Forsberg und Werner – Chancen über Chancen produzierte. Werden Forsberg, Poulsen und Werner Schmelzer und Piszczek auseinandernehmen? Oder überrascht uns der Trainer und stellt Hakimi, Zagadou oder Guerreiro gegen sie? Und knacken Reus, Pulisic und Wolf Klostermann und Saracchi? 
Zudem kann spielentscheidenden Einfluss haben, ob die Bullen beim siebten Pflichtspiel binnen eines Monats und nach den Strapazen vor drei Tagen einen Durchhänger haben werden, oder  ob ihr Zuchtmeister seinen Ärger gegen die UEFA und seinen Ehrgeiz, wenn es  gegen Lieblingsgegner BVB geht in aggressive Energie seiner Schützlinge ummünzen wird: Führt Rangnick schlappe Bullen oder tobende Stiere auf’s Feld?  Kampl jedenfalls, den wir auf dem Feld zurückerwarten, wird sich an früherer Wirkungsstätte mit Vehemenz in die Schlacht werfen, während auf Dortmunder Seite einige Akteure ihr Westfalenstadion-Debut erleben werden. Macht am Ende das Stadion den Unterschied? 80.000, die heiß auf die neue Saison sind, und die vergangene vergelsenkirchte Saison mit Trainerwechseln, Euroblamagen und mit knapper Not gesicherter CL-Qualifikation dem Vergessen übergeben wollen – gegen kaum 2000 Leipziger, die Karten für Deutschlands Fußball-Tempel zurückgehen lassen mussten und damit die Prophezeiung von Leipzigs Ex-Sportdirektor Ralf Rangnick ‚Ich bin auch überzeugt, dass Leipzig, was Auswärtsspiele angeht, nach Schalke und Dortmund wahrscheinlich die größte Anzahl an Fans  mitbringen würde‘ Lügen strafen.
Man kann nicht Borusse sein, ohne  Optimist zu sein. (Kurt A. Pohlkötter)
Die Kirsche tippt: 2:1
So könnten sie spielen:
Leipzig
Gulacsi 
Klostermann – Orban – Konate – Saracchi
Sabitzer – Demme –Kampl – Forsberg
Poulsen – Werner
Dortmund
Bürki
Piszczek – Akanji –Diallo – Guerreiro (Zagadou)
Delaney – Dahoud
Pulisic – Götze – Wolf
Reus
Schiedsrichter ist wie schon 2017 Deniz Aytekin.
Text: Ingo Berchter
Bilder: Archiv


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