Zwischen Mittel- und Weltklasse: Der BVB-Kader in der Analyse

Nach dem hart umkämpften 2:1-Sieg nach Verlängerung in der ersten DFB-Pokalrunde bei Greuther Fürth beginnt für Borussia Dortmund am Sonntag (18 Uhr) mit der Partie gegen RB Leipzig die Bundesliga. Nach langer Pause, die dank eines katastrophalen Auftretens von „Die Mannschaft“ bei der WM in Russland nicht gerade versüßt wurde, lechzen viele BVB-Fans nach attraktivem Fußball. Wir nehmen den Dortmunder Kader kritisch unter die Lupe und analysieren schonungslos, wo Stärken und Schwächen sind.

Tor

Er hatte extra auf eine Teilnahme mit der Schweiz bei der WM in Russland verzichtet, hütete bei den ersten Testspielen das Tor und machte das auch fehlerfrei. Dennoch hat der ehemalige Augsburger Torhüter Marwin Hitz das Nachsehen und muss der etatmäßigen Nummer eins, Roman Bürki, den Vorzug lassen.




Denn auch sein Schweizer Landsmann bot in der Vorbereitung gute Leistungen, zeigte seine fußballerischen Fähigkeiten und bewahrte die Borussia in Fürth mit seiner couragierten Parade in der Verlängerung gegen die heranstürmende Schalker Leihgabe Fabian Reese vor Hohn und Spott aus dem blauen Lager. An guten Tagen gehört Bürki zur Leistungsspitze in der Bundesliga, doch in der Vergangenheit streute der smarte Goalie immer wieder haarsträubende Patzer ein. Sollte der Leistungsdruck dank der Verpflichtung von Hitz zu konstanten Spielen auf hohem Niveau führen, ist Dortmund sehr gut aufgestellt. 8/10

Abwehr

Im Zentrum hui, auf Außen pfui. So einfach lässt sich die Defensive zusammenfassen. Dank der kostspieligen Verpflichtung von Abdou Diallo (kam für 28 Millionen Euro vom 1. FSV Mainz 05) verfügt die Borussia über eine starke Innenverteidigung. Denn neben Diallo, der in der Vorbereitung vor allem mit einer großen Ruhe am Ball überzeugte, stellte die kaum billigere Winterverpflichtung Manuel Akanji (kam für 21,5 Millionen Euro vom FC Basel) bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison seine Qualitäten als kompromissloser Abräumer unter Beweis. Sollte es beim jungen (Diallo ist 22, Akanji 23) Defensivduo zu Formschwankungen kommen, stehen der erfahrene Ömer Toprak und der hochveranlagte Dan-Axel Zagadou bereit.

Dagegen fällt die Qualität der Außenverteidiger deutlich ab. Auf links spielte der abgesetzte Kapitän Marcel Schmelzer eine fahrige Vorbereitung und knüpft an die schwachen Leistungen der vergangen Spielzeit an. Dass Raphael Guerreiro auch unter Lucien Favre offensichtlich nicht als Linksverteidiger gesehen wird, ist bezeichnend. Offensichtlich ist der Portugiese den defensiven und taktischen Anforderungen der Position nicht gewachsen. Zwar können auch Akanji oder Diallo hinten links aushelfen, doch Favre wird sich hüten, das verheißungsvolle Duo in der Defensivzentrale zu sprengen. Der ewige Schmelzer ist alternativlos und somit gesetzt.




Als Rechtsverteidiger geht mit Lukasz Piszczek ebenfalls ein Urgestein der Borussen an den Start. Aber auch der beliebte Pole kommt schon seit geraumer Zeit nicht mehr an seine Weltklasseform heran. In der Rückwärtsbewegung unterlaufen dem 33-Jährigen zwar selten grobe Schnitzer, doch offensiv ist der einstige Flügelflitzer keine Waffe mehr. Ob Achraf Hakimi eine echte Alternative ist, bleibt abzuwarten. In der Vorbereitung setzte Favre noch nicht auf den 19 Jahre jungen marokkanischen WM-Teilnehmer. Jeremy Toljan hat im schwarz-gelben Trikot seine Bundesligatauglichkeit noch nicht unter Beweis gestellt. 6/10

Mittelfeld

Dass Axel Witsel die erhoffte Verstärkung im Dortmunder Zentrum werden kann, steht nach seinem furiosen Pflichtspieldebüt bei Greuther Fürth außer Zweifel. Zuvor wurde bereits Thomas Delaney vom SV Werder Bremen als Charakterspieler verpflichtet. Das Duo (Witsel vorrangig auf der „6“, Delaney auf der „8“) soll für Stabilität, Spielwitz und Einsatzfreude in der Dortmunder Zentrale sorgen. Eigenschaften, die in der vergangenen Saison schmerzlich vermisst wurden.




Nach seinen Leistenproblemen wird sich Julian Weigl zunächst mit einem Bankplatz begnügen müssen, sollte Ex-Trainer Thomas Tuchel nicht doch noch ernst machen und ihn mit einem unmoralischem Angebot zu Paris St. Germain locken. Ansonsten ist „Jule“ erste Wahl, wenn Witsel nach kurzer Vorbereitung eine Pause benötigt.

Bei Mahmoud Dahoud erhoffen sich viele Fans den Durchbruch. Zwar ist es eine Mär, dass der dynamische Deutsch-Syrer bereits unter Favre im Trikot von Borussia Mönchengladbach seinen Durchbruch geschafft hatte. Doch zumindest verschaffte der heutige BVB-Trainer dem mittlerweile 22-Jährigen bei der Elf vom Niederrhein einige Einsatzminuten. Dass „Mo“ das Potenzial zu einem überragenden Kicker hat, stellt er bei jedem Auftritt unter Beweis. Jetzt gilt es, Konstanz beim Treffen der richtigen Entscheidungen in sein Spiel zu bekommen.




Für kreative Momente soll außerdem Mario Götze sorgen. Es ist die wohl letzte Chance in Schwarz-Gelb, wieder ansatzweise in frühere Leistungssphären vorzustoßen. Gelingt das auch in dieser Saison nicht, wäre eine Luftveränderung wohl für beide Seiten die beste Lösung. Shinji Kagawa gehörte in der ersten Pokalrunde nicht einmal zum Kader der Borussen, der quirlige Edeltechniker dürfte es schwer haben, sich in die erste Elf zu spielen.

Sergio Gomez verfügt über großartige Anlagen, hat in der Vorbereitung bereits Spielzeit bekommen und wird wohl immer mal wieder Profiluft schnuppern dürfen. Mit Immanuel Pherai, wie Gomez 17 Jahre jung, scharrt bereits ein weiteres Talent mit den Hufen.

Nur mit Hilfe einer Verletzungs- und Sperrenflut dürften Nuri Sahin, Sebastian Rode und Dzenis Burnic zu Einsätzen in der Schaltzentrale der Borussen kommen. 9/10

Angriff

Überragend auf den Außenpositionen, schwach im Zentrum – Das gilt auch für den Angriff. Die Partie in Fürth machte auch dem letzten Optimisten deutlich, der eine Saison ohne „echten Neuner“ keine Option ist. Aktuell scheint Pablo Alcacer vom FC Barcelona die von BVB-Sportdirektor Michael Zorc bevorzugte Personalie zu sein. Zwar ist auch der der 1,75 Meter große Spanier kein bulliger Neuner, zumindest aber ein gelernter Stürmer. Der Torriecher geht sowohl Marco Reus wie auch Maximilian Philipp im Angriffszentrum ab - und Alexander Isak ist noch immer keine ernsthafte Option.




Dann hätte Favre auf den offensiven Flanken die Qual der Wahl. Nach Reus, Philipp, Christian Pulisic, Marius Wolf, Jadon Sancho und Jacob Bruun Larsen würde sich wohl auch Bayerns Trainer Niko Kovac die Finger lecken. Ohne Neuner: 7/10, mit einem Stürmer der Kategorie Alcacer: 9/10.


Text: Martin Bytomski, Bilder: Archiv - 23.08.2018


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