Sieg oder Blut am Pfosten!

Nach quälenden und ermüdend bitteren Wochen für Schwarzgelb steht jetzt also das Spiel der Spiele auf der Tagesordnung. Man muss nicht viele Worte machen dazu. Sollte es erneut nicht gelingen, den Bock umzustoßen, dürfte das weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.

Als seltsam leblos wurde die Leistung gegen die „Spurs“ vielfach wahrgenommen. Sky-Experte Didi Harmann sprach sogar von „Auflösungserscheinungen“ und einer „toten Mannschaft“. Vernichtender kann ein Eindruck nicht beschrieben werden für eine Mannschaft, deren Ambitionen ja bekanntermaßen ganz andere sind. Da nützt es auch nichts, wenn deren Kapitän Schmelzer allwöchentlich Durchhalteparolen raushaut: „Wir müssen wieder für Ergebnisse kämpfen“ – wer hält ihn und die Seinen eigentlich davon ab die ganze Zeit?

Borussia’s junger Elf fehlt ein „Leader“, sagen viele. Dies fällt besonders schwer ins Gewicht, wenn sich vermeintlich etablierte Spieler nicht dazu aufschwingen, Normalleistung abzurufen. Die Fehlpass-Orgien im Mittelfeld mutieren regelmäßig zum Bumerang und offenbaren schonungslos die Verwundbarkeit in der Defensive. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass die "Belastungssteuerung" im Training von Anfang an bei Bosz eine (zu) große Rolle eingenommen hat. Erinnert irgendwie so ein bisschen an die Dekade eines Bert van Marwijk...



Weigl, Castro, aber auch Kagawa, den ich im BVB-Trikot noch niemals habe spurten sehen, sind mit ihrer Inspirationslosigkeit Beleg für die Krise, von der Abwehr mal ganz zu schweigen. Dort kann momentan kaum einer auf Bundesliganiveau überzeugen. Marc Bartra steht derzeit so weit neben sich, dass man einfach Mitleid haben muss, mit diesem sympathischen Menschen. Jürgen Klopp machte Spieler tatsächlich besser, Tuchel unbestreitbar auch, aber Bosz? Und überhaupt: Wie oft will er nach "Leistungsgesichtspunkten" eigentlich noch Neven Subotic übergehen?

Revierderby-Premieren für Bosz und Tedesco

Fragen über Fragen. Und ausgerechnet jetzt kommt die "Mutter aller Derbys" auf die komplett verunsicherte Mannschaft zu. Wie sich ein Derbysieg anfühlt, weiß BVB-Coach Peter Bosz noch nicht und ob sich dieses Gefühl - nach Lage der Dinge - für ihn einstellt, ist mehr als fraglich. Weiß er wirklich, wie man den Reviernachbarn aus der für jeden Borussen „verbotenen Stadt“ besonders schmerzhaft Schachmatt setzen kann? Ja! Er kann ihn schlagen! Denn das hat er seinem 22 Jahre jüngerem Schalker Pendant Domenico Tedesco vor dem Aufeinandertreffen am Samstag voraus. Mit Ajax Amsterdam kegelte der Niederländer die Schalker in der Vorsaison (2:0/2:3 n.V.) schmerzvoll aus der Europa League.

Als die Blauen die 0:2-Hinspielniederlage in Amsterdam wettgemacht hatten, drehte die Bosz-Elf trotz Unterzahl in der Verlängerung noch mal auf und zog siegleich ins Halbfinale ein. Ein Triumph über Schalke am Samstag würde einen Stimmungsumschwung auslösen, den Peter Bosz nach sechs Partien ohne Dreier mehr als dringend benötigt. Manchmal vermag ein Derbysieg mitunter sogar eine ganze Saison zu retten. So wie im Mai 2007: Die Schwarzgelben wurden nur 9. - rissen jedoch den Rivalen beim 2:0 am vorletzten Spieltag aus allen Meisterträumen.



Wie die Fieberkurve der Grafik zeigt, entstand in den folgenden 10 Jahren eine gewisse Ungleichheit im Pott. 7 Mal thronte der BVB – oft mit deutlichem Punktepolster – in diesem Zeitraum über seinen nahe gelegenen Kontrahenten. „Wir möchten auch langfristig wieder vor Dortmund stehen“, haute der zum Schweigen von Heidel verurteilte S04-Boss Clemens Tönnies jetzt die erwartete Kampfansage nach dem Sprung auf Platz 2 raus. Hans Joachim Watzke, den viele Fans als den eigentlichen Vater dieser Krise ausmachen seit dem unverständlichen Tuchel-Rauswurf, geht dagegen andere Wege und nimmt zuallererst einmal seine Spieler in die Pflicht. 

„Das Derby ist für jeden Borussen ein ganz besonderes Spiel“

In einem sid-Statement wurde er mit dem Satz zitiert: „Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie Mut, Entschlossenheit und Leidenschaft zeigt, dann werden unsere Fans wie eine Wand hinter dem Team stehen“. In der Tat: Der Weg zum Erfolg führt nur und ausschließlich über enthusiastischen Kampfeswillen! Will man tatsächlich seine Heimstätte gegen die Eindringlinge erfolgreich verteidigen, muss jeder im schwarzgelben Trikot den Nachweis erbringen, dass er es wert ist, unsere Farben zu tragen. Dieser Eindruck ist, so leid mir das tut, derzeit kaum wahrzunehmen.

Aus der Rubrik „Derby-Wahrheiten“ ergeben sich noch weitere interessante Informationen. 11 Nullnummern stehen im Duell BVB – So4 zu Buche. Die letzten drei torlosen Remis gab es alle im Westfalenstadion. Dagegen spricht diesmal freilich die Anfälligkeit des BVB unter Trainer Bosz, der nicht gern von seinem System und dem hohen Pressing abweichen will, aber nicht die Spieler dafür hat. Während der seit 5 Spielen andauernden Durststrecke in der Liga fing sich Dortmund mindestens 2 Gegentore pro Spiel. Nicht auszudenken, wenn dies auch am Samstag geschieht. Die tags drauf anstehende Jahreshauptversammlung dürfte hernach ziemlich ungemütlich werden…

Scheinbar hat Schalke schon vorher gewonnen

In die populistischen Tönnies-Parolen mag Trainer Tedesco ("Wir sehen keine Krise, das ist eine Top-Mannschaft") noch nicht mit einstimmen, dennoch funktionierte er das Team zu einer Ergebnis-Maschine (13 Punkte aus den letzten 5 Partien) um. Wenig Spektakel und Tore, dafür mehr „seriöser Fußball“, wie es der 32-Jährige formuliert. Dabei profitieren die Blauen - im Gegensatz zu den Borussen - von einer herausragenden Defensive (8 Gegentore, 5 Zu Null-Siege) sowie einer funktionierenden Achse aus Naldo/Goretzka/Burgstaller. Der von Barca umworbene Ex-Bochumer steht nach mehrwöchiger Pause in Dortmund vor seinem Comeback.

Auch wenn Schalke 9 Mal in Führung ging, 7 Siege und 2 Remis dabei verbuchen konnte, sollte sich der Gast nicht zu sicher sein. Wie bereits oben erwähnt, dringen uns Erinnerungen an den 12. Mai 2007 da automatisch ins Dortmunder Gedächtnis, als man im Westfalenstadion ja praktisch schon "Meister" war. Eine personell wie mental unterlegene Borussen-Mannschaft strafte die Arroganz böse ab und gewann – entgegen aller vollmundigen Asamoah-Ankündigungen – gänzlich ungefährdet mit 2:0. Nicht ganz und gar unvorstellbar, dass es diesmal ähnlich läuft.

In der wechselhaften 108-jährigen Vereinsgeschichte unseres Traditionsclubs hat es jedenfalls oft Situationen gegeben, in denen sich der Zusammenhalt als die einzige Konstante herausstellte, auf die zuverlässig Verlaß war. Lasst uns am Samstag mit dieser Einstellung ins Westfalenstadion gehen und den ungeliebten Gästen zeigen was es heißt, wenn man sein Territorium verteidigt. Lasst uns stolz sein, auf unseren Verein. Vom Platzwart bis zum Ordner, vom Spieler bis zum Kuttenfan. Wir alle sind Borussia! In guten wie in schlechten Zeiten.

Auf geht’s!


Opens window for sending emailRedaktion, Grafiken: P8/bwin, Bilder: Gettys Images - 24.11.2017

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Nachtrag

Ein ausführliches Gespräch mit uns zur derzeitigen Situation beim BVB gibt es außerdem
am Freitagabend, ab 19:30 Uhr in der "Aktuellen Stunde" im WDR-Fernsehen zu sehen...





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