In Berlin zählt nur der Sieg

Es mutet seltsam an, doch auch im Falle eines Finalsieges wird Thomas Tuchel seinen Job beim BVB verlieren. Zu groß dürfte das Zerwürfnis zwischen dem Coach einerseits und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportmanager Michael Zorc andererseits wohl sein. Dennoch würden beide Seiten in diesem Fall strahlend dastehen.

Mit Platz drei in der Bundesliga und damit der direkten Champions-League-Qualifikation erreichte der in Ungnade gefallene Chefcoach mit dem BVB im Jahr des Umbruchs das wichtigste Saisonziel. Mit dem von allen erwarteten Titelgewinn im DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt könnte man bei den Borussen ohne Weiteres von einer sehr „erfolgreichen“ Spielzeit sprechen.


Sein Vorpreschen vor exakt 20 Tagen fand nicht nur begeisterte Schulterklopfer: BVB-Boss Hans-Joachim Watzke

Das Pokal-Finale in Berlin könnte auch das letzte Spiel von Pierre-Emerick Aubameyang für den BVB sein. Der Bundesliga-Torschützenkönig steht vor einem Wechsel nach Paris, wo er annähernd doppelt so viel verdienen kann. Sagenhafte 119 Tore und 33 Torvorlagen stehen für „Auba“ in 188 Pflichtspielen zu Buche. Mit seinen 31 Saisontreffern übertrumpfte er sogar die uralte Bestmarke von Lothar "Emma" Emmerich aus der Saison 1965/66. Kein Wunder, dass es Clubs in der Welt gibt, die ihn unbedingt verpflichten wollen.

Kann man nachvollziehen. Und dass dieser Tag einmal kommen würde, wussten alle in Dortmund. Wichtig ist natürlich jetzt die weitere Planung, die sich – ungeachtet des sich in Grenzen haltenden Trennungsschmerzes mit dem scheidenden Chefcoach – bereits zeitnah mit diesem Gedanken beschäftigen konnte. Doch da konnte man sich aber in der Ära Mislintat immer drauf verlassen, dass da ein neuer, talentierter Perspektivknipser (z.B. Kasper Dolberg (19/Ajax Amsterdam oder Sandro Ramírez (21/Málaga) an die Strobelallee kommen wird.

Borussia's Stärken und Schwächenanalyse

Richten wir aber unser Hauptaugenmerk auf das eigentliche Geschehen im Olympiastadion Berlin, quasi dem „Zweitwohnsitz“ der Schwarzgelben inzwischen. Buchmacher und Fans sind sich längst einig: Die Frankfurter Eintracht geht als krasser Außenseiter ins Pokalfinale gegen den BVB. Tabellenstand, Kaderstärke und Wettbewerbserfahrung sprechen eindeutig für die Westfalen. Doch der Tabellendritte der abgelaufenen Saison und „Abonnement-Finalist“ ist zweifelsohne verwundbar. Und wer wüsste das besser, als die den Club begleitenden Fans?

Nicht zuletzt die Frankfurter haben das beim 2:1-Überraschungserfolg in der Bundesliga-Hinrunde bewiesen. Schwankungen innerhalb der Mannschaftsleistung können kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Leistungskurve im Saisonverlauf einer Achterbahnfahrt glich. Gegen die Top-Gegner in Liga, Pokal und Champions League lieferte der BVB in Drucksituationen in der Regel meist ab, die vermeintlich Kleinen erwiesen sich häufiger als Stolpersteine mit Punktverlusten. So entstanden zum Meister FC Bayern erneut ärgerliche 18 Punkte Differenz.

Tempo, Technik, Spielwitz, Kaltschnäuzigkeit: Wenn die Dortmunder Offensive ins Rollen kommt, gibt es nicht viele Mannschaften auf dieser Welt, die sich dagegen schadlos halten können. Das Angriffsspiel des BVB ist klar auf Hochgeschwindigkeit und Präzision angelegt. Pierre-Emerick Aubameyang, Marco Reus, Ousmane Dembélé besitzen dazu die Qualität, mit Einzelaktionen jederzeit Torgefahr heraufzubeschwören. Auf die Effektivität des erfolgreichstes Torjägers der abgelaufenen Bundesliga-Saison bin ich bereits eingegangen.

Unberechenbar sind die Dortmunder Borussen nicht nur individuell, sondern auch im Kollektiv. Unter Thomas Tuchel lässt sich der BVB auf kein Spielsystem festlegen. 4-2-3-1, 4-3-3, 3-5-2, 3-4-3… Alles schon dabei gewesen. Tuchel versucht stets, seine Gegner mit taktischen Kniffen vor schwer lösbare Aufgaben zu stellen. Doch exakt jene Stärke kann auch zur Belastung für die eigenen Akteure werden: Ständige Systemwechsel, teilweise auch mehrfach im Verlauf einer Begegnung, können die eigenen Spieler in ihrem Leistungsvermögen beeinträchtigen und verunsichern. Und gerade wenn es mal nicht rund läuft, sind „Automatismen“ extrem wichtig.

Während die Offensive unbestreitbar das Prunkstück der Dortmunder Mannschaft darstellt, ist ihre Defensive dagegen die Achillesferse. Als Beleg für den BVB des Jahres 2016/17 kann die Vorstellung am letzten Spieltag gegen Bremen betrachtet werden, wo man in der Festung Westfalenstadion drei Gegentreffer einfing. Tuchel nannte es "vogelwild", wie sich sein Team über große Strecken defensiv präsentierte und den Gegner förmlich zu Kontern einlud.

Abgesehen von immer wieder auftretenden „Böcken“ einzelner, sind die Probleme nicht unbedingt an einzelnen Personen in der löchrigen Viererkette festzumachen. Die Verteidiger um Abwehrchef Sokratis und „Weltmeister“ Matthias Ginter sind vielmehr selbst Opfer der unausgewogenen Balance im Dortmunder Spiel, das im Zweifel eher aufs Toreschießen als aufs Verteidigen angelegt zu sein scheint.

Lösung für Weigel's „Quarterback-Position“ gesucht

Umso bitterer für die Schwarz-Gelben, dass am Samstag mit Julian Weigl der Stabilisator ausfällt. Das stellt Tuchel vor ein großes Problem: Ersetzt er Weigl durch Nuri Sahin oder Gonzale Castro, oder verteilt er die Lasten in Defensive und Spielaufbau auf zwei Sechser? Der wiedergenesene Nuri Sahin kommt Weigl vom Spielertyp noch am nähesten, daneben bewerben sich Gonzalo Castro, Raphael Guerreiro und auch der Ex-Frankfurter Sebastian Rode um einen Startplatz im „Maschinenraum“ der Schaltzentrale.

Ungeahnte Probleme treten offen zu Tage, wenn der BVB destruktive und sich einigelnde Mannschaften bespielen muss. Denn steht der Gegner engmaschig gestaffelt in der eigenen Hälfte und vor dem Strafraum, ist Borussia viel zu sehr von Geistesblitzen des 20-jährigen Dembélé abhängig. Besonders schwierig wird es, wenn die Versorgung der offensiven Mittelfeldreihe lahmt. Gerade die Eintracht hat das beim 2:1-Sieg im Hinspiel perfekt hinbekommen, Verbindungsspieler Weigl mit aggressivem Pressing aus dem Spiel zu nehmen. Das wird Kovac gewiss umtreiben.

Immer wieder war im Saisonverlauf zu beobachten, dass man Borussia mit durchaus einfachen fußballerischen Mitteln Probleme bereiten kann. Daher dürften die Kicker der „Launischen Diva vom Main“ bewusst körperbetont in den Zweikämpfen auftreten, den Dortmunder Spielfluss notfalls am Rande der Gelben Karte unterbinden und den ballsicheren Schwarzgelben damit die Lust am Fußball vermiesen. Es wird entscheidend darauf ankommen, ob die Mannschaft Marco Reus' Aussagen folgt und sich endlich mal rein beißt, oder ob wir uns künftig die Reise an die Spree schlichtweg schenken können.

Opens window for sending emailPeter Hoffmann, Bilder (Archiv) - 26.05.2017

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Anm. der Red: Gewinnt der BVB, startet am Sonntag um 15:30 Uhr der Korso auf der Westfalenhütte. Um 16:09 will das Team zwei Runden um den Borsigplatz drehen. Anschließend geht es weiter Richtung Wallring. Dort, in Höhe der Thier-Galerie, endet der Korso - nach Plan um 18:39. Ein Glasverbot gilt in der gesamten City. Zusätzlich sind bei den Public Viewings am Samstag auch „Plastikflaschen“ und Dosen verboten.







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