Das statuierte Exempel

Aus nur zu verständlichen Gründen kann dies kein normaler Vorbericht werden, denn angesichts der auferlegten Strafmaßnahme zur kollektiven Läuterung des Fanvolks kann niemand in und um Dortmund einfach mal eben zur Tagesordnung übergehen. Wen interessiert - bei aller "Wertschätzung" - schon Wolfsburg, wenn unsere Fankultur ausgehebelt werden soll...

Wir leben in einer immer verrückter werdenden Welt, in der ja immer häufiger von jedem x-beliebigen selbsternannten Fachmann Bewertungen vorgenommen werden, die einen zunehmend sprachlos zurück lassen. Vollends lächerlich wird es aber dann, wenn mit diesem inzwischen leidlich inflationär verwendeten "Aufstand der Anständigen" hantiert wird.

Nun bleibt die weltweit geliebte und von vielen als lebendes, monumentales Denkmal geachtete Gelbe Wand - Dortmunds Südtribüne also leer. Alle 25.000 Stehplätze für das Bundesligaspiel - ausgerechnet gegen den VfL Wolfsburg. Jenen Club, der selbst seinen wenigen Fans sogar jeweils zwei Karten für das Pokalfinale geben musste, um überhaupt das Clubkontingent auszuschöpfen (welch Anachronismus!). Dies wird als "Strafe für die Ausschreitungen" gegen Red Bull Leipzig gewertet, aber verhängt wurde sie wegen einer Vielzahl von Spruchbändern. Allein das ist schon höchst diskutabel.


Waren diese Aussagen durch die im Artikel 5 des Grundgesetzes geschützte freie Meinungsäußerung wirklich nicht gedeckt?

Aber gehen wir mal im Zeitraffer ein paar Jahre zurück und erinnern uns: Der DFB war immer schon ein großer Freund von drastischen Stafen gegen den BVB: Am 31. Oktober 1992 soll Flemming Povlsen beim Spiel in Saarbrücken gegen FCS-Spieler Eric Wynalda im Zweikampf bei einer Umklammerungs-Befreiungsaktion einen Ellenbogencheck ausgeteilt haben. Der Vorsitzende des DFB- Kontrollausschusses, der garstige Hans Kindermann, ermittelte und die erste nachträglich verhängte Sperre des Verbandes überhaupt kostete den BVB gleich den Verlust seines Stürmers für sechs Wochen - wegen grober Unsportlichkeit.

Sanktionierte "Schutzschwalbe"

Drei Jahre später erwischte es Andreas Möller. Im Spiel gegen den Karlsruher SC gelingt dem Mittelfeldregisseur die seither als "Mutter aller Schwalben" bezeichnete Flug-Einlage, als er im Duell gegen seinen damaligen Gegenspieler Dirk Schuster ohne Fremdeinwirkung abhob. Und der DFB? Natürlich ermittelte er auch 1995, sperrte den BVB-Kicker nachträglich für zwei Spiele und verdonnerte ihn zusätzlich zu 10.000 Mark Geldstrafe. Aber nicht nur das: Bundestrainer Berti Vogts strich ihn wegen der Verurteilung sogar kurzfristig aus dem Aufgebot der Nationalmannschaft.

Am 04. Mai 2006 wird dann BVB-Kapitän Christian Wörns vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes wegen eines angeblichen und von TV-Bildern kaum belegten Ellbogenchecks an Stefan Kießling und dessen anschließender Beschuldigung - ebenfalls nachträglich - für vier Spiele saisonübergreifend gesperrt und stand Borussia Dortmund auch zu Beginn der darauf folgenden Saison nicht zur Verfügung. Unvergessen auch das anschließende Zitat von DFB-Schiri-Boss Volker Roth. Seine Forderung lautete: Nicht länger verharmlosen, sondern anprangern! Dieses Motto ist hochaktuell. Natürlich nur beim BVB, versteht sich...



In der sogenannten "Rassismus-Affäre" wurde BVB-Keeper Roman Weidenfeller 2007 vom DFB wegen „einer herabwürdigenden und verunglimpfenden Äußerung“ gegen Gerald Asamoah zu einer Sperre von drei Meisterschaftsspielen und einer Geldbuße in Höhe von 10.000 Euro verurteilt. Borussia Dortmund verzichtete auch hier auf Rechtsmittel, um seinen Torwart vom Vorwurf einer rassistischen Beleidigung frei zu bekommen, auf dessen Basis der DFB nur allzugern ein Exempel statuiert hätte.

Es ist wichtig, sich dies noch einmal in Erinnerung zu rufen um zu erkennen, wie gern der DFB doch seinen Traditionsverein aus Dortmund hat. Dass der BVB jetzt diesen unfassbaren Antrag des DFB-Kontrollausschusses ohne mündliche Verhandlung letztlich akzeptierte, macht es nicht leichter, denn alles sollte man auch nicht unwidersprochen hinnehmen. Es könnte andererseits jedoch der fatale Eindruck entstehen, in deutschen Stadien herrsche oft der blanke Bürgerkrieg. Solchem Unsinn darf man keinen Raum bieten, sich zu entfalten.

Doch der (Image-)Schaden ist groß. Denn grundsätzlich hat jeder Kartenbesitzer ja ein Zutrittsrecht, das nicht vom DFB, sondern allenfalls vom BVB selbst eingeschränkt werden kann. "In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) für den Ticketkauf findet sich eine "Geisterspiel-Regelung". Die besagt, dass bei einem (teilweisen) Ausschluss der Öffentlichkeit durch den DFB der Kaufpreis für die Eintrittskarte nicht erstattet wird, sofern den BVB kein Verschulden trifft. Der Kunde soll wohl keinen Anspruch darauf haben, ins Stadion zu kommen, und er soll noch nicht mal sein Geld zurückbekommen. Das halte ich für unwirksam, weil das Risiko einer Sperre durch den DFB auf den Kartenbesitzer abgewälzt wird. Kommt ein Gericht auch zu diesem Schluss, müsste es die gesamte Klausel für unwirksam erklären. Klagt ein Fan dagegen und bekommt Recht, dürfte ihm der Zutritt am Samstag nicht verwehrt werden.

In den AGB steht, dass der BVB eine solche Regelung anbieten kann, er muss es aber nicht. Darum ist die Regelung unangemessen. Der BVB scheint einen guten Willen zu haben, juristisch halte ich die Klausel aber für fragwürdig. Wer eine Karte für das Spiel gegen Wolfsburg kauft, will auch das Spiel gegen Wolfsburg sehen. Das vom BVB angebotene Geld hilft dem Kartenbesitzer also nicht weiter. Und vielleicht hat er am letzten Spieltag gegen Bremen keine Zeit. Er wird bestraft, indem er das Spiel nicht sehen darf", sagt etwa Stephan Dittl, Experte für Urheber- und Medienrecht und Lehrbeauftragter für Sport- und Eventrecht am EC Europa Campus.

Unbeschreibliche Hysterie lähmt sachliche Diskussion

Doch ungeachtet aller juristischen Spitzfindigkeiten gibt es auch andere, wichtige Überlegungen. Eine davon stammt von Philipp Köster: "So verständlich die Empörung über die Dortmunder Vorfälle war, so merkwürdig mutete die Hysterie an, mit der anschließend über die Folgerungen aus den Ereignissen diskutiert wurde. Das lag natürlich daran, dass sich im Lauf der Debatte zahllose Diskutanten zu Worte meldeten, die nicht mal eine Halbahnung von Fankultur und Fankurven besaßen.



Anders waren die Rufe nach Selbstreinigung oder, noch dämlicher, nach einem "Aufstand der Anständigen" nicht zu verstehen. Es gehört nicht viel Grips dazu, zu begreifen, dass auf einer Tribüne mit 25.000 Menschen keine demokratisch austarierte Meinungsbildung stattfindet. Die Südtribüne ist ein überaus heterogenes Gebilde aus unzähligen Fanklubs, Einzelpersonen, Ultras, Kutten, Schalträgern, Fahnenschwenkern, Hooligans und vor allem ganz normalen Anhängern. Die Vorstellung, dass eine 45-jährige Mutti aus Block 84 einem jungen Ultra mal so eben Bescheid stößt, wie das in Zukunft auf der Süd zu laufen hat, ist in hohem Maße weltfremd".

Dieser treffenden Aussage kann man sich nur vollumfänglich anschließen. Trotzdem stehen wir jetzt vor vollendeten Tatsachen - wir auf den anderen Tribünen, die wir teilnehmen dürfen am Heimspiel des 21. Spieltages. Die Süd wird leer sein und uns allen wird schlagartig klar werden, wie wertvoll und unverhandelbar unsere Fankultur doch ist, die durch derartige Kollektivstrafen in ein irreversibel schlechtes Licht gerückt wird. Die verwaiste Tribüne in trist grauem Gemäuer leer anzuschauen, soll ja so etwas wie eine Art "Denkzettel" für unsere Anhänger sein. Ich befürchte, es wird exakt das Gegenteil von dem Auslösen, was "Nieten in Nadelstreifen" in Frankfurt als "gebotene Strafe" verhackstückt haben. Leider trifft diese Maßnahme die Falschen und die vergleichsweise wenigen Steinewerfer lachen sich ins Fäustchen...


Opens window for sending emailHolger W. Sitter, Ex-DFB-Mitarbeiter, Fotos: Archiv - 17.02.2017




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