Alle Jahre wieder…

… kommt die Sommerpause und mit ihr das Sommerloch. Durchforstet man die sozialen Netzwerke erkennt man schnell, dass noch so kleine Transfergerüchte ausdiskutiert werden bis zum „Esgehtnichtmehr“. Es folgt der immer gleichen Arithmetik: die einen rufen nach „Stars“ und die anderen setzen lieber auf junge Talente. Millionenbeträge an Ablösesummen werden hin und her transferiert, Preise verglichen, mögliche Abgänge korrekt oder schmutzig kommentiert und, und, und...

Was bringt es? Antwort: NICHTS!

Trotz der bald beginnenden EM ist gerade Borussia Dortmund wieder arg gebeutelt von all diesen Sommerlöchern. Ganz klar: Gündogan und Hummels sind weg. Mikis Berater schachert wie eine Dirne mit allem und jedem. Hauptsache, der Preis stimmt. Und die Fangemeinde echauffiert sich. Weil nicht nur die Medien die „Leistungsträger“ des BVB schwinden sehen. Und damit möglichen oder besser erträumten Erfolg.

Die Frage ist, ob das alles wirklich notwendig ist. Klar, ein Teil der Fans hat Angst vor dem Versagen in der nächsten Saison. Will unbedingt Titel. Will die Fußballromantik der ewig währenden Helden im schwarzgelben Dress. Aber wer sich die Geschichte des Vereins ganz genau anschaut, wird schnell erkennen, dass das noch nie so war. Weltklasse und Treue zum Verein haben da noch nie so ganz zusammengepasst. Männer wie Dede, Sigi Held, Rudi Assauer, Sebastian Kehl usw. sind „Einzelschicksale“… und Rudi Assauer war sogar Manager in Schalke und ist trotzdem Ehrenmitglied des BVB. Im Gegensatz dazu sind viele Spieler des BVB bereits vergessen.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich Fans nur allzu gern auf die Tradition berufen, sie aber nicht definieren können. Wer lebt und kennt noch dieses Gefühl des Abstiegs 1972, wenn man aktuell  in der Champions League spielt? Wer schaut sich die Zahlen der KGaA genau an, um Einnahmen und Ausgaben gegeneinander abwägen zu können? Der Fan scheint schnell zu vergessen – 2005 hatten wir über 100.000.000 Euro Schulden! Weil auch die „Stars“ kamen und gingen und sich schnell noch getreu des Mottos: „Die Sau am Trog segnet sich zuerst“ bedient haben. Mit wenigen Ausnahmen von „Typen“ wie Sebastian Kehl und Roman Weidenfeller, die in der schweren Zeit auf einen nicht unerheblichen Teil ihres Salärs verzichtet haben. Und wie kam es dazu? Weil sich Verein und Management - größenwahnbedingt - mit den weltgrößten Clubs auf Augenhöhe sah.

Denn das ist die Crux: Man hört nur die Ablösesummen, die der BVB erhält – 38 Millionen hier, 26 Millionen dort plus Erfolgsprämie, womöglich bis zu 60 Millionen für Miki. Und ruckzuck investiert der Fan Abermillionen in Superstars, die die Erfolgsschiene „garantieren“ könnten. Völlig außer Acht gelassen werden dabei die Personalkosten. So ein „Star“ läuft im Jahr nicht für fünf Millionen auf, der will acht oder zehn oder noch mehr. Bei einem Fünfjahresvertrag kommt da ordentlich was zusammen. Doch wo soll der BVB das ganze Geld denn herholen? Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Über 110.000.000 Euro Personalkosten musste der BVB 2014/15 für die Mannschaft stemmen. Mit der Erinnerung an die schweren Jahre 2003 bis 2005 kann einem solch eine Zahl Angst machen. Richtig Angst. Denn wo soll das enden?

„Aki“ Watzke und seinen Vorstandskollegen obliegt eine unglaublich schwere Aufgabe – Wettbewerbsfähigkeit erhalten bei weiterer Konsolidierung des Vereins und möglichst weite Aufrechterhaltung der Dortmunder Fußballromantik – schier unlösbar bei all der regionalen, nationalen und internationalen Konkurrenz. Die durch die britischen TV-Gelder angeheizte Ablösesummen-Spirale - zuzüglich exorbitanter Spielergehälter - und die Gier der Berater tun ein Übriges. Wie also handeln? Zuerst einmal sollte man sich darüber klar werden, dass Borussia Dortmund noch nie auf goldenen Laken gebettet war. Drei (!) Fastpleiten binnen der letzten 50 Jahre sind dafür ein beredtes Zeugnis.

Sonderregelungen gab es schon immer

Zur Erinnerung an die „jüngeren“ Fans: Weil die Stadt Dortmund, Teile der Bevölkerung und die dort angesiedelten Wirtschaftsunternehmen der finanziell angeschlagenen Borussia unter die Arme griffen, trug der BVB mit Genehmigung des DFB aus Dankbarkeit als erste Mannschaft in der Bundesliga den Schriftzug „seiner“ Stadt auf dem Trikot – DORTMUND. Da braucht es keine Titel, um stolz zu sein auf die Menschen in der Region. Und obwohl heutzutage jeder Fußballverein seine Stadt auf dem Trikot trägt, ist es einzig und allein der DORTMUND-Schriftzug, der wirklich daran erinnert, wo wir herkommen, wer wir waren, was wir erlebten und wer wir sind. Hinter letzterem steckt unglaublich viel Herzblut, Arbeit, Vertrauen und Sparsamkeit. Damit haben der BVB und wir in der jüngeren Vergangenheit unglaublich viel erreicht.

Einen Schmelzer, Hummels, Götze, Piszczek, Lewandowski und wie sie alle heißen, hatte 2008 kaum einer auf dem Zettel. Alte und junge Talente zogen los, um der Liga das Fürchten zu lehren. Zwei Meisterschaften, der DFB-Pokalsieg, Champions League-Finalteilnahme, viermal hintereinander DFB-Pokalfinale, internationale Reputation... Fans in den 70er und 80er Jahren hätten davon nicht einmal zu träumen gewagt. Das erklärt auch den Stellenwert des DFB-Pokalsiegs 1989 gegen die damals im Vergleich zum BVB übermächtigen Bremer. In Dortmund träumte man schamhaft vom Erfolg und einem Titel, man setzte es nicht voraus! Weil es eigentlich undenkbar war. Man erlitt jeden Spieltag aufs neue unsägliche Leiden aus Angst vor einem Abstiegskampf. Wenn es gut lief, war man im gesicherten Mittelfeld. Aber auch dann litt man mit dem Verein aus Angst vor finanziellen Nöten.

Die jungen unverbrauchten Talente in Verbindung mit „alten Hasen“ haben das Dortmunder Wunder der letzten elf Jahre überhaupt erst möglich gemacht. Die Jugendarbeit und Talentförderung, die auch gerade in den letzten Jahren durch nicht unerhebliche finanzielle Investitionen auf ein unglaublich hohes Niveau gehoben wurde, hat den BVB wieder stark gemacht. Man muss sich das einmal vorstellen: Der BVB ist Deutscher Meister im U19 Bereich! Passlack und Pulisic  zuvorderst (man kann nicht alle nennen) sind Talente, an denen der BVB und die Fans noch viel Freude haben könnten… auch in der Gewissheit, dass sie irgendwann möglicherweise den Verein wechseln werden.

Dortmunder Spagat zwischen Talent und Anspruch

Neue Talente wurden und werden geholt, um exorbitante Ablösesummen und Personalkosten zu vermeiden und trotzdem erfolgreich zu sein. Das Scouting des BVB arbeitet exzellent und effizient – die womöglich einzige Waffe gegen finanziell übermächtige Gegner. Und „erfolgreich“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht „Titel“ – es bedeutet, dass der Verein weiterhin solide wirtschaftet und trotzdem oben mitspielen kann. Die Zeit nach 2005 kann getrost als erfolgreichste Zeit des BVB bezeichnet werden. Nicht, weil sogar ein paar Titel für uns abgefallen sind, sondern weil trotz des modernen Fußballgeschäfts der BVB schuldenfrei ist, den Sparstrumpf gefüllt hat und auf mittelfristig soliden Fundamenten steht. Nicht zu vergessen den Hauch von Fußballromantik, der selbst bei leerem Dortmunder Westfalenstadion durch die Blöcke weht.

Thomas Tuchel hat eine Mannschaft übernommen, die nicht die seine war. Er hat sie trotzdem in die Champions League und das DFB-Pokalfinale geführt.  Jetzt, in dieser Sommerpause, kann er sich sein Team nach seinem Gusto formen. Natürlich steht ein Umbruch an, weil vermeintliche Leistungsträger den BVB verlassen, oder animiert durch ihre Berater auch müssen. Aber mal ehrlich: Miki hat lange Zeit Anlaufschwierigkeiten gehabt und eine (!) sehr gute Saison gespielt. Hummels hatte seine Abwehr auch nicht immer im Griff und seinerseits ausreichend „Böcke geschossen“. Gündogan war mehr krank als spielwillig, pardon, spielfähig.

Der BVB ist ihnen allen im Rahmen seiner Möglichkeiten entgegen gekommen – wir müssen uns damit abfinden, dass andere Vereine nicht bessere, aber größere Möglichkeiten haben. Sie können nicht alle Schmelzer heißen, der mit seiner Vertragsverlängerung höchstwahrscheinlich seine gesamte Profikarriere beim BVB verbringen… und damit in den Fankreisen sein Idol Dede zwar nicht ablösen, aber hoffentlich ebenso zur Dortmunder Legende wird. Er hätte es verdient -  bescheiden und treu, wie er ist!

Entscheidend ist, dass sich der BVB und mit ihm die Fans nicht erneut verheben. Unter Tuchels Ägide eine neue Mannschaft aus „jung und alt“ zu formen im Rahmen des finanziell Machbaren und unter Berücksichtigung des Sparstrumpfdiktats ist das Gebot der Stunde. Man darf einfach nicht vergessen, dass sich der BVB in den vergangenen elf Jahren stetig neu „erfinden“ musste, um u.a.  solche Abgänge von Lewandowski und Götze zu kompensieren.

Der BVB ist dazu leider durch die Rahmen- bedingungen verdammt und trotzdem haben Aki Watzke und seine  Mitstreiter großartiges geleistet. Dies als Normalität zu empfinden ist gefährlich. Spieler kommen und gehen, unsere Helden von morgen sind uns heute noch gar nicht bekannt. Der BVB ist gezwungen, sich die selbst zu formen. Wer auch immer unsere Helden sein werden in zehn Jahren – von Miki, Gündogan, Hummels und Lewandowski wird dann kaum noch einer reden- wohl aber von Marcel Schmelzer, Dede, Roman Weidenfeller und Sebastian Kehl möglicherweise.

Tradition braucht Vergangenheit

Vielleicht könnte es helfen, Stammtische zu organisieren zwischen den „jungen“ und „alten“ Fans. Gelebte Geschichte des BVB. Damit die „jungen“ verstehen, warum die „alten“ eine solche Angst vor der finanziellen Pleite haben. Warum die „alten“ in Demut verharren ob der Erfolge der letzten Jahre und nicht mit Millionen um sich werfen in den Diskussionen. „Tradition braucht Vergangenheit“ – für die älteren Fans war sie selten so ruhmreich wie heute. In meinem Büro hängt eine BVB-Fahne aus Baumwolle aus dem Jahr 1972. Auf meinem Balkon, wo ich gelegentlich die BVB-Spiele am Notebook verfolge, prangt ein BVB-Wimpel aus demselben Jahr… da steht als letzter BVB-Titel „Europa Pokalsieger 1966“ drauf. Hat mir meine Mutter geschenkt, als ich vier Jahre alt war. Triumphe des BVB, bevor ich geboren wurde. 1976 beim Wiederaufstieg habe ich sie angeschaut und geweint. 1989 beim Pokalsieg auch.

Bei jedem Titelgewinn seitdem schaue ich beide an, denke an Vater und Mutter, Opa und Uropa, was sie alles erlebt haben als Borussen und was ich erleben musste und durfte. Hunderte Spieler sind in der Zeit zur Borussia gekommen und wieder gegangen. Wir „alten“ Fans haben Warten gelernt, Abstiegskampf sowie finanzielle Not und unzählige Wandelungen unseres Vereins durchgemacht. Den Pokalsieg von 1989 hat Opa nicht mehr erleben dürfen; seine letzte Meisterschaft war die von 1963. Mein Vater starb während des Abstiegskampfes im November 2014 und hat die Rettung und Qualifikation für die Europa League nicht mehr erfahren dürfen. Wie gesagt, Spieler und Talente kommen und gehen, Borussia Dortmund aber bleibt. Über Generationen hinweg. Hoffentlich.

Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos Archiv - 03.06.2016



 


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