Mythos und Verfall von Fanfreundschaften (1): Sie küssten und sie schlugen sich…

Wie aktuell sind Fanfreundschaften überhaupt noch im knallharten Business Profifußball? Dieser Frage ging Holger W. Sitter im Januar 2005 nach. Und stellte fest: In den 70er und 80er Jahren verstanden sich viele Fangruppen trotz immer währender sportlicher Rivalität als Einheit und demonstrierten Gemeinsamkeit. Wo der eine Verein bei einem dritten Gegner auflief, standen die Supporter des Partnervereins häufig mit in der Auswärtskurve und unterstützten die Freunde nach Leibeskräften... "Die bekannteste 'Fanbrüderschaft' findet zwischen Schalke und Nürnberg statt, und man könnte global gesehen behaupten, dass diese Vereine auch sonst recht gut zueinander passen, feierten sie ihre größten Erfolge doch vornehmlich in Zeiten, in denen es hierzulande noch großartige Fackelzüge begleitet von zünftigem teutonischen Liedgut gegeben hat..." (Alex Barth in der „Blutgrätsche" am 15.09.1999). Das alles scheint jedoch heute endgültig dem senilen Blick in die Vergangenheit zugeschrieben werden zu müssen. Lediglich die Freundschaft der absoluten Urgesteine zwischen Schalke und Nürnberg ist noch in Keimzellen einigermaßen intakt. Hier wohnen die Fans nach wie vor in gemischten Gruppen dem Geschehen auf dem Rasen bei - ohne gleich den heutzutage üblichen, massiven Einsatz der Sicherheitskräfte heraufzubeschwören. Die Freundschaft begann dem Vernehmen nach, als vor etwa 25 Jahren besonnene Schalker Übergriffe auf Nürnberger Anhänger verhinderten.

Ähnlich begann eine der letzten bekannten Verbindungen zwischen Bochum und dem FC Bayern, die erst kürzlich endgültig zu Ende ging. Negative Äußerungen und Despektierlichkeiten gegenüber dem Ruhrclub und seinem extrovertierten Trainer von Seiten der Bayern-Führung in der jüngeren Vergangenheit trübten die gegenseitigen Verbindungen, der für viele nicht nachvollziehbare Transfer von Stürmer Vahid Hashemian vor Saisonfrist nach München brachte das Fass dann vollends zum Überlaufen. Der Iraner schoss den VfL in der letzten Spielzeit mit 16 Toren in den UEFA-Cup, beim Münchner Renommierclub sitzt er konsequent auf der Bank und lässt seinen Blick zu besseren Tagen schweifen. Erinnerungen an vergangene Talente im deutschen Fußball wurden wach, die ihre Spielkunst als Ergänzungsspieler des FC Bayern aushauchten, nur damit die abgebenden Clubs den ehrgeizigen Ambitionen des Südvereins auf nahezu allen Ebenen nicht gefährlich werden konnten. Politik, die viel kaputt macht. Wir aber wollen uns in einer kleinen Serie ganz bewusst dem BV Borussia und seiner „wirklichen Verbandelungen" in der Vergangenheit zuwenden. Keiner weiß es mehr so ganz genau, aber etwa ab dem Anfang der 90er Jahre (so etwa zwischen Pokalsieg ’89 und Uefa-Cup-Finale ’93) wurde der BVB von großer Euphorie im Land begleitet. Was nach dem 95er Meistertitel sogar durch den Glauben an ein neues, vermeintlich ernstzunehmendes Bayern-Pendant genährt war, entpuppte sich für die „eingefleischte" BVB-Fangemeinde schnell als Boomerang. Denn die geschenkten Sympathien aus „aller Herren (Bundes-)Länder" waren doch nur geliehen und sollten alsbald wieder verfliegen. Aber dazu später mehr. Borussia Dortmund hatte plötzlich und über Nacht viele neue Freunde gefunden und schien es zu genießen. Die schon immer große, aber dennoch überschaubare Fangemeinde wurde geradezu „überschwemmt" mit angeblichen Fanfreundschaftsbekundungen. Exemplarisch seien hier nur die bekanntesten kursierenden Freundschaftsschal- Ausgaben erwähnt: Saarbrücken, VfB Leipzig, Darmstadt 98, Union Berlin, Hertha BSC, FSV Zwickau, Karlsruher SC, Juventus Turin, Lazio Rom und der Hammer unter all den sinnlosen wie überflüssigen Objekten: Sogar einen BVB/FC Bayern München-Fanschal konnte man käuflich erwerben (Wer dieses Ding um den Hals getragen hat, der sollte sich allerdings ernsthaft untersuchen lassen!). Ein jeder kaufte sich einen Freundschaftsschal, weil es zu dieser Zeit ja so richtig schick war, sich mit dem "ärmelaufkrempelnd-erfolgreichen Arbeiterverein BVB" solidarisch zu zeigen. Aber fassen wir zusammen: Die so genannten Freundschaftsschals sind reine Geldschneiderei, mehr nicht. Sie lassen keinerlei Rückschlüsse auf wahre Freundschaften zu! Gemeinsam mit Rot Weiß Essen gegen die Schalker Leider gingen dadurch einige echte, alteingesessene Freundschaften wie beispielsweise die zu RWE und dem HSV kaputt, weil sie sich mehr oder weniger von der unübersichtlichen Masse der in Scharen hinzuströmenden neuen BVB-Fans vernachlässigt oder nicht ernst genommen fühlten. Darauf will dieser Dreiteiler Bezug nehmen und mit Gerüchten und Halbwahrheiten ebenso aufräumen, wie mit Legendenbildung und Glorifizierung.

Als besonders vorteilhaft erwies sich die Freundschaft mit der andern großen Stadt im Ruhrpott, Essen. Nicht nur, dass beide Lager aus der Arbeiterklasse sehr ähnlich strukturiert waren, sie hatten sinnigerweise auch denselben Feind: Schalke 04. Und so mussten sich die Gelsenkirchener immer in der Zange wähnen, wenn sie gegen einen der beiden Clubs spielten. Viele Jahre gab es in der Synagoge in Essen die ständige Ausstellung „Jugend und Gewalt", in der regelrechte Verfolgungsjagden und Straßenkämpfe bei Derbys dokumentiert waren. In der Mitte „eingekesselt" die bemitleidenswerten Schalker, die dabei immer den Kürzeren zogen und die Jacke voll gehauen bekamen. Aber nicht nur dieses „Zusammenstehen" war ein Markenzeichen der beiden „Malocher-Brüder" im Westen. Immer wenn es gegeneinander ging, traf man sich schon mittags zum gemeinsamen Umtrunk, wobei es letztlich egal war, ob nun das schwarz-gelb firmierende Essener „Stern" oder das optisch gleich gestaltete Dortmunder „Stifts" (damals Sponsor des BVB) gekippt wurde. Das mit den Essenern hatte was. Sie waren schnell da und immer zuverlässig gegen den „Erzfeind" eingestellt. Das schweißte zusammen. Ich möchte beinahe behaupten, dass die Essener an der Freundschaft mit den Dortmundern so Gefallen fanden, dass sie ihre Partnerschaft mit den Saarbrückern deshalb vernachlässigten und letztlich sogar beendeten. Warum sie allerdings heute lieber den Bremern nachrennen und sich an der Weser anbiedern, mag sicher auch damit zusammenhängen, dass sie fast 15 Jahre von der Bundes-, ja größtenteils sogar auch der Zweitligakarte, verschwunden waren. Diese Dauerabstinenz hat sie zumindest auch aus Dortmunder Sicht entbehrlich erscheinen lassen und so löste sich dieses einstmals so stolze Bündnis quasi über Nacht auf. Vereinzelte „Wiederbelebungsversuche" einzelner Fangruppierungen wie etwa Pietzen’s „BVB RWE Supporters" brachten jedenfalls bei der heutigen Generation beider Fanblöcke keinen nennenswerten Umdenkungsprozess zustande. Und so wurden und werden schwarzgelb ummantelte Dortmunder heute in Essen kaum mehr als geduldet, wenn sie dort aufkreuzen. Am Anfang waren die „Lilien" aus Darmstadt Die genauen Ursprünge dieser Fanfreundschaft sind leider unbekannt, aber ab dem ersten Bundesligajahr 1978/79 wurden vermehrt BVB-Fans am Böllenfalltor begrüßt, die sich äußerlich durch das Tragen der legendären BVB-Kutten zu erkennen gegeben hatten. Früher hatte fast jeder so eine "Kutte", sogar die „erlebnisorientierten" Fußballfreunde. Ab und zu sind auch blau-weiß gekleidete Lilienfans nach Dortmund gefahren und bereits am Bahnhof lautstark begrüßt worden. Irgendwann wurden es dann aber immer weniger, und so ab Mitte bis Ende der 80er Jahre wurden keine Personen mehr im BVB-Dress am „Bölle" gesehen. Jedenfalls gab’s nie Streit oder Stress zwischen Dortmundern und Darmstädtern. Es wurde übrigens auch ein Aufnäher gemacht und offiziell in Darmstadt und Dortmund verkauft (siehe Foto). Früher waren immer Verkäufer im Fanblock unterwegs oder große Fanartikelverkaufswagen standen vor und teilweise im Stadion, wo man auch Fanartikel von anderen Vereinen kaufen konnte. Aufnäher waren damals sowieso der Renner, da man sich damit die Kutten voll genäht hat, bis kein Stück vom Basis-Jeansstoff mehr zu sehen war. Und je seltener ein Aufnäher in der Auflage war, umso begehrter war er auch. Die Kreativität kannte übrigens keine Grenzen und so gab es oft herrliche Verarschungs-Patches zu erwerben. Eine Branche, die seit dem Untergang der Kuttenmode, resp. Anfang der 90er, vollständig ausgestorben ist. Wenn´s dann mal Schlägereien gab, ging´s früher auch immer darum, den anderen ihre Kutten abzunehmen und dann im Fanblock vor allen anderen zu verbrennen. Im Stadion Rote Erde wurden gegen Schalke während des Spiels im BVB-Fanblock zwischen Nordkurve und der Gegengerade viele 04-Fahnen und Kutten verbrannt, die man vorher "ergattert" hatte. Solcherart Rituale waren damals ebenso angesagt, wie die Beschwörung der Vereinsfahne beim Auswärtsspiel im gegnerischen Stadion am Halbkreis der Mittellinie, indem sich der „Flitzer" vor ihr ehrfurchtsvoll niederkniete und – im Stiele eines Moslems – die Farben zur Provokation des Gegners anbetete bis der überraschte Ordnungsdienst dann einschritt. Das freundschaftliche Intermezzo mit den „Lilien" jedoch flammte noch etliche Male in den 90er Jahren auf, als die Darmstädter Fans den BVB im Frankfurter Waldstadion gegen die SGE zahlreich unterstützten. Schön auch die großen Fanturniere des Fanclubs … bei denen der Autor mit seinem Fanclub zweimal hintereinander teilnahm und dabei beide Vergleiche (bei frenetischer Unterstützung fast der ganzen Halle) gegen die Formation von Bayern München denkbar unglücklich mit 0:1 verlor – aber darauf dennoch den Fairnesspokal mitnahm. Der Wirt der Stadionkneipe am „Böllenfalltor" hielt es übrigens mit dem BVB, was uns bei der Kühlung des Mütchens außerordentlich entgegenkam… 1860 als Trumpfkarte gegen die „rote Macht des Bösen"

Über die Jahre hielt sich auch immer so etwas wie eine freundschaftliche Bindung mit dem Traditions- und Arbeiterverein aus Giesings Höhen. Schon in den 70ern verstand man sich prima und versenkte so manche Gerstenkaltschale in übereinstimmender Fröhlichkeit. Aber es war eher getragen von gegenseitiger Sympathie als eine „echte" Fanfreundschaft und so wundert es auch nicht wirklich, dass die erste „echte Prüfung" beide Seiten größtenteils entzweite. Einwurf: Als am 17. August 1994 die 60er nach 13-jähriger Abstinenz und ewig langem Bayernliga- und Zweitliga-Gekicke den zur Rückkehr ins Oberhaus entscheidenden Sieg beim SV Meppen einfuhren, waren viele hundert Dortmunder im Emsland dabei und feierten mit. Und der Zufall wollte es, dass die „Löwen" ausgerechnet ihr erstes Bundesligaspiel bei uns im Westfalenstadion bestritten, was etwa 15.000 von ihnen zu uns nach Dortmund zog. Die Stimmung war prächtig und man verstand sich – traditionell – sehr gut. Unmittelbar vor dem Anpfiff wurden die Münchener durch eine Geste der Freundschaft begrüßt. Zwei ausgewählte Fanclubs (BVB-Fan-Club "TREUE DORTMUNDER`88" und der 1860 Fan-Club "Stadlern/Oberpfalz von 1976"), die seit Jahren freundschaftlich miteinander verbunden waren, überreichten sich in einer je 5 Personen umfassenden Fanclubabordnung am Mittelpunkt freundschaftlich "Originalwimpel" und beide Gruppen rannten daraufhin unter ohrenbetäubendem Gesang des ganzen Stadions "Sechzig und der Beh-Vau-Beh" winkend zur jeweils anderen, der gegnerischen(!) Tribüne. Als das nun die Lauterer vernahmen, fingen sie an, "mit allen Mitteln" um "ihre" Löwenfreunde zu kämpfen und zogen alle Register. Im Rückspiel im Olympiastadion konnte man meinen, man hätte den 1. Spieltag der Bundesligasaison nur geträumt. Plötzlich wurden wir beschimpft und zu allem Überfluss hielten dann Lauterer und Sechziger gemeinschaftlich ein riesengroßes rot durchgestrichenes BVB-Emblem hoch und demonstrierten damit eindrucksvoll, dass der Käs für uns gegessen war! Zwar gab es anschließend haufenweise Protest in ihren eigenen Reihen und eine Spaltung der Löwenfans in zwei Gruppen (2/3 pro FCK, 1/3 pro BVB) zeichnete sich ab, aber diese erlebte Ehrverletzung war zuviel. Die Freundschaft war für uns vorbei und zwar für immer! Mit den Erfolgen wuchs die Schar der Sympathisanten Borussias ins Unermessliche. Jeder, der etwas auf sich hielt, bezeichnete sich alsbald als BVB-Fan. Auch wenn er nie oder höchst selten ins Stadion ging, um "seine" Mannschaft zu unterstützen. Viele wussten gar nichts über diese Fanfreundschaften, ob sie nun überhaupt existierten oder nicht. Sie nahmen die alten, ernsthaften Bindungen nicht an (wer in Bayern kann schon etwas mit RWE anfangen?) und freuten sich ob der "Freundschaft" zu den knuffigen Freiburgern und den ach so tollen 60ern, die man ohnehin überall nur liebt, weil sie die Stadt-Konkurrenten der Seppels innerhalb Münchens sind. Die Inflation der "Doppel-Freundschaftsschals" führte auch dazu, dass wir vom Rest der Liga immer offener verachtet wurden. War es anfangs noch so, dass man in unserem Verein einen scheinbar liebenswerten Widersacher der "arroganten Bayern" sah, schlug dies schnell ins Gegenteil um. Die Fans eher unscheinbarerer Vereine wie "der kleinen Niederrhein-Borussia" aus Mönchengladbach, die zeitlebens immer gegen Schalke sangen, texteten plötzlich alle ihre Lieder auf den BVB um, wenn wir zum Bökelberg kamen. Karlsruher „Dankbarkeit" für einen Sieg Dazu kam, dass sich unsere Mannschaft häufig nicht gerade sympathisch präsentierte. Symbolisch dafür war die „Mutter aller Schwalben" von Andreas Möller gegen den KSC am 13. April 1995. Die Badener führten bis zur 75. Minute durch ein Tor von „Urgestein" Gunter Metz (war schon beim Aufstieg '87 dabei) im Westfalenstadion, als Andy plötzlich „Flügel" bekam und unfassbar abhob. Dank dieses Elfmeters drehte Borussia das Spiel noch mit 2:1 und hatte die Punkte gewonnen - aber viel Ansehen verloren. Sicher wäre dem nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden, hätten nicht Gästecoach Schäfer vor laufenden Kameras so unnachahmlich gehetzt und „der Quell des Ärgernisses Möller" (DFB-Sportgerichtsurteil: zwei Spiele Sperre, 10 000 Mark Geldstrafe), so unglaublich dumm darauf reagiert. Dies war jedenfalls für die Nordbadener Grund genug, die eine Hälfte der Freundschaftsschals noch im Westfalenstadion „abzufackeln" und uns die Freundschaft aufzukündigen (die seit dem letzten Spieltag der Saison 92/93 bestand, als wir im Wildpark böse lustlos mit 0:3 unterlagen und die Badener dadurch damals erstmals in den UEFA-CUP einzogen - und wie wir heute wissen - dort unnachahmlich furios den FC Valencia am 02.11.1993 mit 7:0 für die Rückfahrt abfertigten!). Beim Hinspiel in Karlsruhe hatte man noch rund um die Spielstätte eine tolle Party geboten. In einem Fanvergleich unterlag Schwarzgelb dabei Blauweiß auf einem Nebenplatz mit 5:4, wobei dem Autor ein astreines Freistoßtor in den Winkel wegen „vermeintlichem Abseits" versagt wurde (*kopfschüttel*). Das anschließende Spiel der Profis hatte eben so viel zu bieten und ging unmittelbar nach unserer Rückkehr aus Bröndby (wo übrigens das Lied: „Olé, hier kommt der BVB" kreiert wurde) nach rascher 3:0-Führung binnen 18 Minuten(!) noch 3:3 (war bis zu Halbzeit ausgeglichen) aus, aber das sei nur am Rande erwähnt... Wie und warum die Freundschaft zu den HSV-Fans gescheitert ist, erfahrt Ihr im 2. Teil unserer Serie. Holger W. Sitter - 15.01.05


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