Mythos und Verfall von Fanfreundschaften (2): Einmal Hamburg und zurück…

Teil II der Serie aus dem Januar 2005: Als eine der ganz besonders starken Verbindungen kann man zweifellos die einstige Dortmunder Verbrüderung mit den Rautenträgern aus der Hansestadt einstufen. Viele Jahre erklang sowohl im Norden als auch im Westen der gemeinsame Schlachtruf im Stadion: HSV und BVB, duda, duda!
Früher holten BVB-Anhänger die HSV-Fans quasi an der Bahnsteigkante aus´m Zug ab und feierten bereits am frühsten Morgen in der Bahnhofskneipe „Ulmer" ein feucht-fröhliches Wiedersehen. Besonders ausgeprägt in Erinnerung sind da die Jahre 1976 und 1977, als der BVB unmittelbar nach seinem Wiederaufstieg am 16. August 1976 mit fast 15.000 reiselustigen Schwarzgelben im Rücken gegen den „Meisterschaftsfavoriten" und Pokalgewinner HSV im Volkspark mit 4:3 die Oberhand behielt. Einige Jahre später - dann umgekehrt - machten wir am 30. Mai 1983 gute Mine zu einem denkwürdigen Spiel, in dem der HSV ausgerechnet gegen Borussia Dortmund seinen Fans den soeben gewonnenen Landesmeistercup präsentierte und uns – ganz nebenbei – in „Feiertagslaune" mit 5:0 nach Hause schickte! Diesen großen Triumph des Traditionsclubs aus der Hansestadt durch ein Magath-Tor gegen „Juve" feierten übrigens viele Dortmunder auf ausdrückliche Einladung bei der „Nacht der langen Messer" rund um Kietz und Landungsbrücken mit! Da es in dieser Zeit noch keine bedruckten Freundschaftsschals mit diesen schlauen, sinnstiftenden Botschaften gab, trug man halt Mutti’s selbstgestrickte um den Hals. Wer es aber in dieser Zeit unbedingt allen zeigen wollte, dass er die Norddeutschen leiden mochte, der stülpte sich ein selbst gestricktes schwarz-weiß-blaues Freundschaftsarmband mit Trapperfransen der „Ochsenzoller" übers Handgelenk. Noch heute hab ich so ein Ding hier rumliegen. Der singende Wirt Peter „Erbse" Erdmann Spricht man heute sentimental von der langjährigen Freundschaft zu den Fans vom Hamburger Sportclub, darf man nicht vergessen, die vielen geilen Abende in der Dortmunder Fußballkneipe schlechthin zu würdigen. Wer am Spieltag (und auch tags davor!) mitdiskutieren wollte, der musste sich schon in die Oestermärschstraße am Rande des Borsigplatz’ begeben, denn dort in der Pinte „Zum Kügelchen" war der Borusse zu Hause und der Gast stets willkommen. Erbse sang nicht nur den legendären „BVB-Walzer", sondern kannte manche Anekdote, die er beim Stößchen zapfen gern zum Besten gab. Die dazu in der Musikbox meistgedrückte Single war von dem Sauerländer Karl-Heinz Bandosz geträllert und animierte schon damals zum Mitsingen. Der Titel: "Heja BVB." Der singende Wirt, Peter "Erbse" Erdmann war lange Dreh und Angelpunkt für diese besondere Freundschaft. Doch leider geriet der engagierte und geradlinige Borussenfan mit der „Borussenfront" in einen gewalttätigen Disput, der seinen Vater Werner Erdmann, den früheren BVB-Spieler der 1949-Vizemeistermannschaft und ihn so schwer verletzte, dass „Erbse", vor seiner zertrümmerten Kneipe resignierend, Hals über Kopf sein geliebtes Dortmund verließ, mit seiner Frau Edeltraud (die ebenfalls in der Fanszene sehr aktiv war) zum Niederrhein siedelte und sich fortan nur noch bei der DEG im Eishockey engagierte. Von dieser Beeinträchtigung betroffen, waren auch zahlreiche Treffen mit den Hamburgern. Und so erinnert sich „Aale Dieter", die gute Seele des Hamburger Fischmarktes, an „orientierungslose" Hamburger Ende der 70er Jahre. Zwar gab es schräg gegenüber von Hufnagel & Wunderlich auf der Oestermärsch-, Ecke Stahlwerkstraße noch die schwarzgelbe Pinte „Borussen-Stübchen", wo aber die Front ihr Domizil hatte. Unzweifelhaft war plötzlich ein Bruch entstanden, weil einfach das „Bindeglied" fehlte, das nun mal die einschlägigen Kontakte zur HSV-Fanszene besaß. Außerdem stand dem BVB ein brutaler Generationswechsel in den Jugendkulturen bevor, der sich über einen langen Zeitraum erstreckte und fast im Aussterben der „Kutten" gipfelte. Die neue Generation der Fans kreierte immer neue Lieder und feierte sich häufig selbst, wenn es auf dem „Grün" mal nicht so lief. Dazu griff die Hooliganbewegung mehr und mehr in den Bundesligaalltag ein. Für Freundschaften alter Prägung war da kaum mehr Platz… Der HSV beendete die Allianz im Zorn Dies kann und soll rückwirkend auch nicht als Grund für das Auseinanderdriften beider Lager hochstilisiert werden, ist aber mit Sicherheit auch ein nicht zu unterschätzender Faktor. Als hauptsächlichen Trennungsgrund aber führen die Hanseaten jenes Spiel in Gelsenkirchen an, bei dem den Dortmundern schlicht „Feigheit" nachgesagt wurde. Zu diesen Zeiten waren Spiele bei den „Blauen" noch sehr gefährlich. Am Gelsenkirchener Bahnhof gingen meist schon hunderte Borussen aus dem Sonderzug in Polizeigewahrsam, weil sie Utensilien zur Selbstverteidigung „am Mann" hatten. Auf dem steilen Schotterweg hinauf zum Parkstadion drohte nicht selten ein „Loch im Kopf" wegen Flächenbombardements der Schalker „Gelsenszene" und ihrer Heerscharen. Zum Derby zu fahren, hieß damals nicht selten: Fahrt in den Ausnahmezustand am Rande des Bürgerkrieges. Deshalb fuhren die Hamburger immer unterstützend wie zahlreich in die Niederungen des Ruhrpotts hinab und halfen dem Dortmunder Mob und der gesamten Südkurve, gegen Ende vor den zumeist stürmenden Asitruppen zumindest freies Geleit zu sichern. Da die Polizei in jenen Tagen immer noch zum Spielball zwischen den Fronten wurde, war dies auch bitter nötig. Wie gesagt, man kann sich solche Spiele heute nicht mehr vorstellen und dies ist auch gut so! Damals aber waren sie Gang und Gebe. Bei einem Spiel im Parkstadion 1986 sollen dann Erzählungen zur Folge etwa 400 HSV’ler allein gegen eine Übermacht der Schalker gnadenlos eingegangen sein, weil ihre „Dortmunder Freunde" sie im Stich ließen. Dortmunder Zeitzeugen (Olaf G. aus Witten) dementieren diese aus Hamburg damals im überall erhältlichen Fußballmagazin „Match live" kolportierte Darstellung allerdings vehement. Wie dem auch sei, damit war die Freundschaft endgültig vorbei. Anderslautenden Gerüchten zufolge soll die Freundschaft damals zerrissen sein, als die Hamburger die Dortmunder in Frankfurt unterstützen sollten (ein paar Spieltage vorher gab es wohl kräftige BVB-Unterstützung und den Hamburgern wurde geholfen), aber es nicht getan haben, seitdem sei die Freundschaft gestorben. Wir wissen es nicht, was damals genau geschah. Kleiner EXKURS: Heutzutage sind solche Entwicklungen nur noch schwer vorstellbar. Statt Aktionen „wahrer Fankultur" stehen zumeist eher Berichte über Ausschreitungen gewaltbereiter Jugendlicher, die Zentraldatei zur Erfassung der Kategorie „C" Hooligans oder Busblockaden enttäuschter „Allesfahrer" im schlagzeilenträchtigen Blätterwald. Windige „Schmalspur-Redakteure" verstehen es zudem immer wieder, den Fußballsport lediglich als Plattform für ihren ureigensten Aggressionsabbau im Boulevard zu benutzen. Durch wöchentliche Schreckensbilder in den Medien, schick sensationslüstern eingebettet in SPIEGEL TV- Reportagesendungen und ergänzt durch Bilanzen örtlicher Polizeidienststellen, wird „Meinung" gemacht. Doch das schafft im Bewusstsein des Fanvolks zusehends immer weniger Bereitschaft, aufeinander zuzugehen! Gerade in der heutigen Zeit fortschreitender Kommerzialisierung und Entfremdung der Vereine von ihren eigenen Anhängern bleibt aber dieser lohnende Gedanke der „Fanfreundschaften" ein Relikt aus einer Zeit, die heute nur per Retro-Trikots bekannt ist. Reminiszenzen an vergangene Tage sind vereinzelt bei Nostalgikern auch heute noch zu sehen. Manchmal springt noch ein gemeinsamer Fanschal bei den Übertragungen aus dem Westfalenstadion ins Bild, wenn die Kamera einen Schwenk durch die Südtribüne macht. Sieht man zudem heute in einschlägigen Internet-Foren nach, kann sich unter den Jüngeren niemand mehr an den Ursprung dieser einst so großen, gegenseitigen Sympathie erinnern. Da wird dann, wo einstmals „brüderlicher Zusammenhalt und unerschütterliche Treue" Raum griff, mitunter schon eher die gegenseitige Abneigung dokumentiert. Die Fans des größeren Hamburger Vereins präferierten in letzter Zeit des öfteren lautstark die Achse "Hamburg - Hannover - Bielefeld", doch heute wird von HSV-Fan-Seite hastig verlautbart, dass es sich auch dabei mehr um "persönliche Kontakte" denn eine weitgreifende Freundschaft handele. Zusätzlich gibt es internationale Verbindungen zu den Glasgow Rangers (Loyal Rangers Supporters Club), wohl als Pendant zur anbiedernden Freundschaft der St.Paulianer zu den Celtic’s – die im übrigen seit 1987 auch mit den Dortmundern freundschaftlich verbunden sind (Mehr dazu im 3. Teil unserer Serie). Abschließend noch ein Beispiel, warum das Klima in der Hans Albers-Stadt heute sehr schlecht ist. Lotto King Karl (37) und Schauspieler Marek Erhardt (35) sind ja seit dem 07.08.2004 neue Stadionsprecher beim HSV. Dieser Niveauwechsel war auch bitter nötig, denn als Uwe Bahn noch Stadionsprecher beim HSV war, erklärte er sich nicht nur in einer Art öffentlichem Abschiedsbrief sinngemäß schuldig, das Publikum „musikalisch" gequält zu haben, er war ebenso geistiger Brandstifter dieser dämlichen Hetze, die er mit dem Mikro stets „öffentlichkeitswirksam" auf Kosten der Gäste betrieb. Beim BVB-Gastspiel am 18. September 2000 fuhr er unserem Keeper Jens Lehmann beim Aufwärmen vor den etwa 40.000 wiederholt verbal in die Parade und stempelte ihn zum absoluten Buhmann. Genau so hitzig entwickelte sich dann auch das Spiel, das wir dann aber trotz (oder gerade deswegen!!) eines Barbarez-Doppelschlages noch mit 3:2 gewannen! Nur, der wütende Hanseatenmob hatte seinen Buhmann lange vorher gefunden. So was fördert kaum freundschaftliche Bande, im Gegenteil. Viele dachten mit den Freiburgern, sei das eine Fanfreundschaft. Warum diese Annahme nicht stimmt, erfahrt Ihr im letzten Teil unserer Serie.
Holger W. Sitter - 18.01.05


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