Mythos und Verfall von Fanfreundschaften (3): Was vorbei ist, ist vorbei…

Im dritten und lletzten Teil der Serie ging es im Januar 2005 um den SC Freiburg. Oft war zu hören, dass wir doch mit den Breisgauern befreundet seien, aber für die meisten von uns ist diese Freundschaft, so es sie denn je überhaupt einmal zwischen den Fans in dieser Form gab, bloß eine vergangene Episode. Als erste Anzeichen weitergehender Sympathie konnte man dann die Begleitung der Badener innerhalb ihrer Spiele hier im "Fußballwesten" beobachten. So wurde der südbadische Sportclub beispielsweise damals in Bochum von einer Masse Dortmunder stimmgewaltig unterstützt, und sogar auch bei Spielen in der anderen blauen Bundesligastadt, fanden sich etliche von uns ein. Richtig "dicke" in Sachen Freundschaft wurde es dann Ende dieser Saison, als wir am letzten Spieltag den 1. FC Nürnberg in die zweite Liga schossen (und damit als Tabellenvierter im UEFA-CUP landeten), während fast zehntausend Freiburger in Duisburg den Klassenerhalt feierten und dann "dankbar" zum gemeinsamen feiern nach Dortmund rüber kamen. In dieser Freude war also alles richtig toll und alle hatten sich furchtbar lieb. Doch schon in der darauf folgenden Saison kam es zu ersten Disharmonien, als sich das Freiburger Publikum an unser aller Liebling Andreas Möller labte und ihn im Dreisamstadion bei jedem Ballkontakt permanent auspfiff. Für viele Dortmunder völlig unverständlich, wieso die "Fanfreunde" (inzwischen schon mit reichlich schwatzgelben Utensilien bekränzt) sich an dieser Stelle derart unsportlich gehen ließen, war man doch mit dem gemeinsamen „Zelebrieren" der Mannschaftsaufstellungen durchaus voller Harmonie in dieses Spiel gestartet. Erste Risse hinterließen tiefe Furchen

In der Meistersaison 95/96 gab´s dann die ersten Risse im bis dahin beiderseits durchaus als sympathisch eingestuften Miteinander. Im DFB-Pokalspiel am 04.10.1995, verhielten sich die Breisgauer erstmals regelrecht feindselig und aggressiv gegenüber ihren Freunden aus Dortmund. Ständige Beschimpfungen und regelrechte „Pfeifkonzertkannonaden" gegen unsere Spieler etablierten sich unüberhör- aber durch Gebärden auch leider unübersehbar. Erste verwunderte Reaktionen und Nachfragen unsererseits, konnten diese Disharmonien allerdings noch einmal übertünchen. Die größten Freiburger Fanclubs luden after match zu einer Fanfete nach Kenzingen (15 Km von FR entfernt) ein, wo anschließend auch die damaligen SC-Spieler Axel Sundermann und Kapitän Uwe Spieß vorbeischauten. Ein Festzelt beherbergte etliche Hundert Fans beider Farben und es war wurde eine feucht-fröhliche Nacht, wobei Sammer’s Eigentor Thema Nr.1 war. Ja, die Freiburger gönnten uns den anstehenden Meistertitel, das wurde deutlich.
Dennoch: Der siechende Prozess der gegenseitigen Entfremdung beider Lager konnte nicht mehr aufgehalten werden. Selbst ein viel beachteter, zwei spältiger Leserbrief zum "gegenseitigen Respekt" meinerseits in der Ausgabe 8 der Stadionzeitschrift "SCF- Heimspiel" - erschienen pünktlich am 09.12.1995 zum Meisterschaftsspiel des BVB in der darauf folgenden Saison in Freiburg und hatte sich schnell rum gesprochen. Die Reaktionen waren gemischt und in den Fanforen gab es mehr negative, als positive Äußerungen darauf. Tenor: Wir, der großartige SCF braucht keine Verbindung zu euch! Einen letzten gut gemeinten Versuch, trennendes doch noch zu verbinden, unternahm dann die in Freiburg erscheinende Fußballzeitschrift "Hattrick" in ihrer Ausgabe vom August´98, als sie via ihrem Chefredakteur Uli Fuchs ganz Deutschland wörtlich mitteilte: "Erstmals gibt es jetzt das Hattrick-Fußballmagazin mit einem Sonderteil Borussia Dortmund. Ein solches Special (24 Sonderseiten/Die Red.) hat Hattrick sonst nur noch am Standort des Verlages in Freiburg. Aber schließlich war ja auch die Freundschaft zu den Anhängern des BVB die erste, die die Fans des Sport-Club nach dem Aufstieg vor 5 Jahren geknüpft haben. Und viele in Freiburg erinnern sich noch gut, wie man es damals mit Überraschung gehört und als Kompliment empfunden hat, als der SC in Bochum, Schalke und anderswo mit "Ihr- seid- Scheiße- wie- der- BVB"- Gesängen bedacht wurde. Und wie man dann bei Bayern-Rückständen und Borussia- Treffern, die auf der Anzeigentafel des Dreisamstadions gemeldet wurden, "Freiburg und der BVB" angestimmt hat." Genutzt hat es jedenfalls nix, denn leider wurde die "Anti-Dortmund"-Stimmung in der darauffolgenden Zeit (wie seit dieser Zeit nahezu überall in der Liga) im Südbadischen schlimmer und Besserung bzw. Annäherung in der Masse war nicht in Sicht. Auch bei unseren Auswärtsfahrten in Baden-Württemberg wurden bei uns immer seltener schwatz-rote Freiburger gesichtet, die uns unterstützten. Für viele von uns, die wir diesen launenhaften Annäherungen immer etwas skeptisch gegenüber standen, stellte sich im Vergleich zu den Erfahrungen mit Hamburg die Frage: Sollte so eine Fanfreundschaft aussehen? Und sollte es noch eines Beweises bedurft haben, so gab es den am Samstag, den postwendend 10.03.2000: Das Ritual der ehemals gemeinsam skandierten Mannschaftsaufstellungen war erstmals dahin, auch der Stadionsprecher "fertigte" die Namen der einstigen Freunde aus Dortmund ebenso flugs ab, wie alle anderen x-beliebigen Gastmannschaften beim Gastspiel in der Dreisam auch. Es sollte nur ein Vorgeschmack bleiben. Bei nahezu jeder(!) Zweikampfszene springen sie auf den Tribünen alle auf, schimpfen und fluchen und gönnen uns nicht das Schwarze unter´m Nagel. Teile der Freiburger Schlachtenbummler, die auf der bunt gemischten Gegentribüne zwischen unseren Fans sitzen, verfügen sogar schon über S04-SCF Freundschaftsschals. Dazu verkneife ich mir jetzt jeglichen weiteren Kommentar, will das aber auch nicht zu hoch hängen. Vielen Freiburgern dürfte das auch peinlich gewesen sein und es soll sich auf Nachfrage hierbei nur um einen einzelnen Freiburger Fanclub handeln. Aber trotzdem: Ist das noch eine zeitgemäße (Fan-)Freundschaft nach heutigen Maßstäben? Innerhalb der Bundesliga haben ausschließlich die Gelsenkirchener und die Nürnberger eine derart innige und gepflegte Fanfreundschaft, dass es nie zu solchen Turbulenzen kommen kann. Die haben sich gesucht und gefunden und sind über jeden Zweifel erhaben. Aber alles andere ist nur der heimliche Wunsch in vielen Fans (auch unserer) so eine vergangene Zeit (etwa der 70 und 80er Jahre) zurückzuholen. Hier soll mit Gewalt eine neue "Fanachse" entstehen, doch das Holz, aus dem so eine "Verbrüderung" geschnitzt ist, bedingt nun einmal auch den Willen von zwei (vollständigen) Gruppen - und das sehen wir derzeit in der Bundesliga nirgendwo sonst. Die Zeit der „gelenkten Gruppendynamik" ist vorbei. Es ist heutzutage nicht mehr möglich, eine vielschichtig strukturierte Anhängerschar in „Kollektivzwang" zu pressen und auf irgend wen einzuschwören. Es ist ja auch gar kein Problem, die Freiburger weiter zu mögen, aber bitteschön einzeln und gern am Tresen, so wie bislang auch! Niemand braucht wirklich solche halben Sachen, weder wir, noch die Anhänger des ehemaligen "Everybodys-Darling-SC", der gern eine Ausnahmestellung (bunte Truppe", schmaler Etat, Direktpass-Spielsystem, Solarzellen, Trainerdino Finke, Lebensbedingungen, französischer Einschlag, etc.) für sich reklamieren möchte. Und so ist heute niemandem gedient, indem das Verhältnis zwischen unseren Fangruppen weiterhin als "die Freundschaft schlechthin" nach Außen dargestellt wird. Auch für Hertha gab es mal Sympathien... In einschlägigen Unterlagen taucht auch immer mal wieder eine Dortmunder Freundschaft zu Hertha BSC auf. So berichtet zum Beispiel Wolfgang Borkenstein im Band 68 seiner Niederschrift "Fanfreundschaften im Fußball" über eine Verschiebung der Sympathie bei den Berlinern, als sie 1986 ihre Bande zu den Bayern beendeten, sich den Borussen zuwandten und damit die BVB-Allianz mit den Hamburgern arg auf die Probe stellten.

Als Hertha 1990 dann die Rückkehr in die Bundesliga gelang, gab es zunächst auch freundschaftliche Treffen zwischen den Fangruppen. So sind am 26. Oktober 1990 die Berliner Freitags nachts vom Bahnhof abgeholt worden, um in Dortmunds Bagggerkneipe "Schwarzes Schaf" eine legendäre Wodka-Nacht mit uns zu zelebrieren, woran ich mich leidvoll erinnern kann. Beim 2:2 im Mai in Berlin war die Atmosphäre rund um das Olympiastadion außerordentlich freundschaftlich. Das Original "Pepe" hatte einen damals noch seltenen Freundschaftsschal nach englischem Muster (einseitiger Aufdruck) fertigen lassen und der Absatz war riesig. Wenn Oberfrosch „Schultheiß" & Konsorten anreisten, war zumeist Stimmung garantiert. Wer ihn wie ich beim Hertha-Auswärtsspiel am Freitag Abend (14.09.1990) in Bochum „live" erleben durfte, vergisst diesen urigen Typen nie! Die Berliner stiegen aber nach diesem kurzen Gastspiel sofort wieder ab, so dass sich diese Annäherung nicht weiter fortsetzen konnte. Zwar gab es bei Uefa-Cup-Spielen in Glasgow und Rom in der Saison 1992/93 diverse Begleitungen der Hauptstädter, aber die Zusammentreffen nahmen verständlicherweise ab und die zuweilen nur noch persönlichen Freundschaften verliefen sich zusehends. Ein kleines, na nennen wir es einmal „Aufflackern von Sympathien", gab es noch in der Saison 1994/95, als die Dortmunder Fans von den Berlinern nach dem Match ins "Kudorf" zu einer gemeinsamen Feier eingeladen wurden. Dort war ein ganzer Raum mit BVB und Hertha-Devotionalien geschmückt, aber eine richtige „Verbrüderungsstimmung" mochte schon damals nicht aufkommen. Die letzten bekennenden Berliner wurden am 11. Dezember 1997 in Prag gesichtet (schwarze Fahne "Berlin-Süd"). Kleinere Zirkel funktionierten dagegen. So haben wir in der Saison 2000/2001 an einer Hertha-Fanfeier teilgenommen, die über Mitglieder der „Blutgrätsche" initiiert und für uns geöffnet worden war. Aber mehr als ein sangestrunkener Abend blieb auch da nicht übrig… Denn seit Jahren werden die Dortmunder - besonders in der Baustellenzeit am Olympiastadion (wo wir einen kompletten Rundgang ums Gemäuer angetreten mussten) immer außerordentlich mies begrüßt und beschimpft. Die Nachfahren dieser einstigen Fansympathie (eine „Freundschaft" war es meiner Meinung nach nie) sind sich dieser Tatsache weder bewusst, noch wollen sie erinnern. Aber wie immer im Leben: jeder Zeitzyklus ist irgendwann einmal abgelaufen. Das gilt auch und besonders für unsere Geduld mit der heutigen Generation der im Anspruchsdenken maßlos überzüchteten Hauptstadtjünglinge im weiß-blauen Hoeneß-Gewand. Celtic Glasgow – wenn überhaupt die einzige Freundschaft! Eine Freundschaft der ganz anderen Art verbindet uns seit dem Wechsel des wohl beliebtesten Schotten in Deutschland, Murdo McLeod aus seiner katholischen Fußballheimat in Glasgow in die Biermetropole im Jahre 1987. Seit eben dieser Zeit, existiert so etwas wie ein "verbrüdert-sein" mit den "Celts" – gespeist aus den bisher 4 Vergleichen im Europapokal, wo zünftig eingeschenkt wurde. Wenn man sich irgendwo in Europa begegnet, feiert man gemeinsam und intoniert sehr gerne auch schon mal das aus Schottland stammende Liedchen: "We hate Bayern Munich, we hate Schalke too, we hate Moenchengladbach, but Dortmund - we love you..." Da an diesem beliebten Club aber auch eine große Anzahl anderer Clubs dranhängen, wurde so ein Gastspiel der "Grünen" außerhalb ihres Inselexils immer von vielfältigsten Supportern (neben den nicht ganz so Bibeltreuen, aber politisch enorm korrekten St. Paulianern, zum Beispiel auch Mönchengladbacher, 1860er, ja sogar vom ein oder anderen Schalker) gern genutzt. Doch geblieben ist die Zuneigung zwischen den Supportern beider Lager bis heute. Das untermauerten auch eindrucksvoll die lustigen Szenen am Hansaplatz in Dortmund beim Länderspiel … 2004, wo sich die Schotten wieder sichtlich wohl fühlten. Und wenn Du mal eines Tages in Glasgow Station machen solltest, vergiss auf keinen Fall Deinen BVB-Schal, denn dieser sichert Dir viel Schulterklopfen, bzw. Kilkenny- oder Lager-Gerstenschmaus - sofern Du im richtigen Teil der Stadt bist, natürlich, wie gesagt... Addiert man nun noch das neuarrogannte Erfolgs-Verhalten vieler unserer Fans hinzu, die sich nicht weniger überheblich gebärdeten als die allseits verhassten Bayern, ist klar, warum es nie zu richtigen Bindungen kommen konnte. Beide Seiten hatten wohl nie ernsthaftes Interesse daran, außer sich gegenseitig zu feiern, wenn es für beide Seiten gut lief. Beinahe jeder von uns dürfte Fans anderer Vereine kennen, mit manchen sicherlich auch dick befreundet sein, aber an „Fanfreund- schaft" im Speziellen denkt doch da sicher keiner von uns, wenn er mit seinem Schalker Kumpel ein Pilschen trinken geht, oder? Echte Fanfreundschaften, wie wir sie früher traditionell mit dem HSV und auch in der „Achsenverbindung" zu RWE hatten, wird es - dank unserer sich am Tiefpunkt befindlichen Unbeliebtheit ("no one likes us, we don't care"/Anm. der Red) - sicherlich nie wieder geben. Und ehrlich gesagt, halbherzige Anbandelungen braucht doch kein Mensch, oder? Dann müsste man sich auch immer gegenseitig unterstützen und den Gegner nicht auspfeifen. Aber mal Hand auf´s Herz: Ist das heutzutage noch zeitgemäß? Wer will - und vor allem - wer kann das denn wirklich mit vollem Herzen tun? Und so lassen wir die Essener bei den Bremern und die Bremer bei den Lauterern, die wiederum bei den Löwen und gönnen noch so ganz nebenbei auch den Bochumern ihre immer weniger werdenden Bayernfreunde aus München. Für uns alles ist das nix schlimmes, denn in Wahrheit gilt doch für jeden für uns eh nur: DORTMUND und der BVB! Holger W. Sitter - 27.01.05


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund