Das Ende einer Ära - Teil II

Im ersten Teil blickten wir zurück auf die Anfänge der Ära der Südamerikaner bei Borussia Dortmund, auf den Argentinier Leonardo Rodriguez, den unvergessenen Julio Cesar und BVB-Legende Leonardo Dede. Im zweiten Teil blicken wir auf die Diva Amoroso, den fleißigen Tinga und den unglücklichen Felipe Santana, der fast überall auf der Welt Stammspieler wäre - nur nicht beim Double-Gewinner 2012.

An Amoroso scheiden sich bis heute die Geister der BVB-Fans – für die einen war er ein schamloser Fußball-Söldner, für die anderen ein Held. Er, der die Massen wie kaum ein anderer Elektrisieren konnte, wurde in der Saison 2001/02 auf Anhieb mit Borussia Dortmund Deutscher Meister und im gleichen Jahr Torschützenkönig in der Bundesliga, Sein Elfmetertor im UEFA-Pokalfinale konnte den ganz großen Triumpf nicht perfekt machen. Schon beim 4:0-Sieg im Halbfinalhinspiel gegen den AC Mailand erzielte er einen Hattrick und deutete dort seine enorme Klasse an. Seine Befähigung, ein Spiel zu lesen, oder sich bei Bedarf in einer Art Spielmacherrolle in die zweite Reihe zurück zu nehmen, war sensationell.

Zu Beginn der Saison 2002/03 verletzte sich Amoroso dann an der Achillessehne und kehrte erst Ende Oktober sehr spät nach einem teilweise öffentlich ausgetragenen Intermezzo in den Kader zurück. Jedoch setzte Dortmunds Trainer Matthias Sammer ihn in der Folge nur sporadisch ein. Während der gesamten Saison spielte Amoroso keine 90 Minuten durch, obwohl er weiterhin wichtige Tore für den BVB erzielte. Da seine Leistungen zuweilen schwankend waren und Amorosos verspielte Einstellung nicht mit Sammers Philosophie vom harten Arbeiten auf dem Platz übereinstimmte, vergrößerten sich die Differenzen der beiden.

Am Beginn der Saison 2003/04 übten Dr. Niebaum und Michael Meier öffentlichen Druck auf Trainer Sammer aus, wieder auf den brasilianischen Stürmer zu setzen. Und in den ersten vier Bundesligaspielen für den BVB erzielte Amoroso tatsächlich vier Tore, bis er sich am 11. September 2003 einen Teileinriss des Innenbandes zuzog. Weil Amoroso seine Verletzung in seiner Heimat auskurieren wollte, kam es erneut zu öffentlich geführten Meinungsverschiedenheiten mit der Vereinsführung von Dortmund, in deren Folge der Vertrag des Torjägers am 1. April 2004 aufgelöst wurde. Ein unrühmliches Ende für beide Seiten. In Erinnerung bleibt Amoroso als genialer Knipser aber auch als Symbolfigur für die Verschwendungssucht der Handelnden, die dem BVB fast den Garaus gemacht hätte.



Mitten in dieser Saison 2001/02 hatte BVB-Manager Zorc aufgrund diverser Verletzungen ein plötzlich auftretendes Problem zu lösen und verpflichtete einen Kicker von Corinthians aus Sao Paolo mit dem Namen Henrique Ewerthon de Souza, den alle wegen seiner nur 62 Kilo bald nur noch „Samba Floh“ nennen sollten. Gleich bei seinem ersten Auftritt in St. Pauli, schnappte er sich das Leder, lupfte über seinen Gegenspieler und drosch das Spielgerät in die Maschen und legt kurz drauf Jan Koller auf - 1:2, Auswärtssieg. Ganze acht Minuten hatte er da grad Bundesligaluft geschnuppert, als er traf. Perfekter Einstand, könnte man sagen. Der Himmelsstürmer, der spiele „wie ein Straßenfußballer aus den Favelas von Sao Paulo: unberechenbar, unbezähmbar, unaufhaltsam“, schrieb die ‚FAZ‘ anschließend in einer Mischung aus Respekt und Bewunderung.

Im Heimspiel gegen Werder Bremen kam er in der 73. Minute für Heinrich rein und markierte in der 74. Minute das goldene Tor zur Meisterschaft. Reporter-Ikone Marcel Reif schrie danach ins Mikro: „Freunde, da müsst ihr selber nachrechnen, wie lange er dafür gebraucht hat“ – es waren 43 Sekunden! Natürlich schlug auch Ewerthon ein, der bis 2005 in Dortmund blieb. Es war einfach die Zeit, als Borussia auf die Dienste von Brasilianern vertraute. Bis zu sieben Profis aus dem Land des Rekordweltmeisters standen zeitweise zu Beginn des neuen Jahrhunderts unter Vertrag.

Angetan von solch großen Triumphen, bastelten Niebaum und Meier am nächsten Coup und liehen von keinem geringeren als Real Madrid Flavio Conceicao aus. Der hatte immerhin neben zwei Meisterschaften und einem Spanischen Supercupgewinn zuvor 2002 die UEFA Champions League, den Europäischen Supercup sowie den Weltpokal gewonnen, bevor er Anfang 2003 von den Königlichen in die Bierstadt abgeschoben wurde. Nach einer durchwachsenen Saison mit lediglich 14 Einsätzen und durchweg eher schwachen Leistungen, wechselte der Mittelfeldspieler in die Türkei zu Galatasaray Istanbul wo er 2005 den Pokal gewinnen konnte und anschließend im August 2005 einen Zweijahresvertrag bei Panathinaikos Athen unterschrieb, der aber im Januar 2006 aufgrund von schwachen Leistungen nach gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst wurde. Ende Gelände.

Mit Paulo César Fonseca do Nascimento, genannt Tinga, wechselte zur Saison 2006/07 ein weiterer Spieler vom Zuckerhut zum BVB. Der Wechsel konnte jedoch erst nach der Teilnahme vom Sport Club Internacional am Copa Libertadores (Südamerkanische Champions League) offiziell vollzogen werden, die Tinga mit einem Tor für seinen Club entschied, bevor er einen 3-Jahresvertrag bis zum 30. Juni 2009 bei Borussia unterschrieb, der anschließend nicht verlängert wurde.



Dede war aber längst wieder in bester Gesellschaft, als er 2008 mit Felipe Santana wieder einen „Samba-Fachmann“ dazu erhielt, der aus Sao Paulo stammt. Er, der gern als „deutsche Eiche aus Südamerika“ bezeichnet wird, gilt als sprungstarker und sprintstarker Manndecker und wird längst von brasilianischen Experten als „aufgehender Stern“ beschrieben. Von vielen Fachleuten wird er aufgrund seiner Fähigkeiten und seines Spielverständnisses als idealer Innenverteidiger beschrieben, doch bei Borussia Dortmund dokumentiert er den „Härtefall“ (Jürgen Klopp). Sein Abgang scheint aufgrund der Stammformation Hummels – Subotic nunmehr unausweichlich.

Beschlossen ist der von Toni da Silva, der aufgrund seines Charakters und seiner genialen Schusstechnik eine Chance bekam, seine vertragslose Situation durch zwei Meisterschaften ins Gegenteil zu verkehren. Dennoch ist auch für den heute 34-jährigen die Zeit des Kofferpackens angebrochen. Er hat uns in jeder Beziehung überzeugt, lautete die Einschätzung von Michael Zorc, als Toni seinerzeit kurzfristig die Planstelle von Nelson Valdez übernahm. Seinen größten Auftritt in Schwarz-Gelb hatte der Mittelfeldspieler in der Meistersaison 2011, als er im verrückten Spiel gegen Hoffenheim mit einem Zauberfreistoß in der Nachspielzeit der Borussia einen Punkt rettete.



Neben den Genannten geht auch Lucas Barrios. Jener Argentinier, der sich selber zum Paraguayer gemacht hat und sich im schönsten Wettkampfalter von 27 Jahren mit seinem Wechsel in eine kaum bekannte Liga selbst vom Markt nimmt. Aber Geld ist eben am Ende dann doch mehr wert, als der sportliche Wert. Barrios wird in China nämlich sechs Millionen pro Jahr kassieren – und das Netto – und die Hälfte der Vier-Jahres-Gesamtsumme (etwa zwölf Millionen) vorab. Wahrlich eine interessante Vertrags-Konstruktion, die den Wechsel in einem anderen Licht erscheinen läßt. Borussia soll’s egal sein.

Allen Abgängen zum Trotz gibt es auf jeden Fall einen „letzten Mohikaner“ mit  zumindest südamerikanischen Wurzeln: Leonardo Bittencourt, der aus Cottbus zum BVB kommt, ist zwar deutscher U-19-Nationalspieler. Aber sein Vater Franklin (Ex-Bundesligaprofi vom VfB Leipzig und Energie Cottbus) ist waschechter Brasilianer, doch der Sohn besitzt beide Staatsbürgerschaften. So ganz zu Ende ist die Ära also doch nicht.

Öffnet externen Link in neuem FensterHolger W. Sitter, 27. Mai 2012



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