Das Ende einer Ära - Teil I

Eingeleitet wurde es ja schon vor einem Jahr, als das BVB-Urgestein Leonardo Dede den BVB verlassen musste, doch mit dem Weggang von Lucas Barrios, vor allem aber Felipe Santana und Toni da Silva endet eine Ära. Brasilien war früher „um die Ecke“, künftig ist es eine ganze Ecke weg.

Aber schauen wir einmal zurück auf die Entwicklung der Südamerika-Exporte. Als der BVB sich das „Missverständnis“ Patricio „Pato“ Margetic 1988 leistete, ahnte man noch nicht gleich, dass dieser Torjäger, der erwiesener Maßen ein „Hallenspezialist“ aus der amerikanischen Indoor-Serie war, es im Pokalsiegerjahr in zwei Einsätzen gegen Hannover und Uerdingen auf insgesamt ganze 37 Bundesligaminuten bringen sollte. Außer dem Titel „DFB-Pokalsieger“ nahm der heute fast 52-jährige vergleichsweise wenig in seine Heimat mit, worüber es sich beim Blick in die Retrospektive zu Schwärmen lohnte.



Anders verhält es sich dagegen bei Leonardo Rodríguez, dem zweiten Argentinier beim BVB. In der Bundesligasaison 1993/94 durfte der heute 45-jährige einmal durchspielen gegen Dynamo Dresden, was auch prompt unter Flutlicht mit 3:0 im Rudolf Harbig Stadion verloren ging. Immerhin standen mit ihm sp prominente Kollegen wie Stefan Reuter, Matthias Sammer, Kalle Riedle und BVB-Sportdirektor Michael Zorc auf dem Feld. In den übrigen fünf Spielen im schwarzgelben Trikot kam der Mittelfeldregisseur über Ein- bzw. Auswechslungen nicht hinaus und konnte Ottmar Hitzfeld nicht überzeugen. Hängen geblieben ist aus dieser Zeit höchstens ein Zitat von Reporterlegende Werner Hansch („Ja bin ich denn der Leo?“), als dieser beim ersten Auftritt des Ballkünstlers im Westfalenstadion Leverkusens Verteidiger Andreas Fischer frech „tunnelte.“ Ansonsten wieder außer Spesen nix gewesen. Leonardo Rodríguez bestritt drei von insgesamt 28 Länderspielen für die „Albiceleste“ in seiner Dortmunder Zeit.

Nun, als man in Dortmund nach zwei Kickern frei nach Udo Jürgens „Buenos Dias Argentinos“ gesungen hatte, wendete man sich in der Dortmunder Chefetage einem Nachbarland zu, aus dem bekanntermaßen immer schon gute Kicker in die weite Welt hinaus zogen. Dann aber stellte sich dem Anhänger von Borussia Dortmund ein Südamerikaner vor, der nicht nur aus besagter Weltmeisternation kam und nachhaltigen Eindruck beim Volk hinterlassen, sondern auch beim Gegner machen sollte. Sein Name: Julio César da Silva. Seine Ablösesumme war und ist bis heute nicht bekannt, weil er im „Paketpreis“ mit Andy Möller (11,5 Mio.) von Juventus Turin als „Dreingabe“ an die Strobelallee wechselte. Doch man darf angesichts seiner konstanten Leistungen durchaus von einem “Schnäppchen“ sprechen.

 

Als außerordentlich zweikampf- und kopfballstarker Verteidiger, der sich dazu noch auf technisch hohem Niveau bewegte und sehr schnell war, erwarb sich César schnell einen Namen in Deutschland. Die FAZ schrieb damals: „Julio César stellt so etwas wie einen eigenen Abwehrblock dar.“ Gelegentlich auch schon mal zum Leichtsinn neigend, ließ seine mitunter aufreizende Spielweise in der Defensive den Zuschauern schon ab und zu das Blut zu Kopf steigen. Auch zückte er oft und recht kontinuierlich sein Portemonnaie in Sachen Bußgeld, weil er schon mal den Abflug aus Brasilien um einen Tag verschob.

In 92 Einsätzen in der Bundesliga erzielte er sieben Tore. Insbesondere der als "Hackentrick" ausgeführte Freistoß im Europapokal gegen Juventus Turin, den Julio César dann verwandelte, ist eine uns in Erinnerung bleibende Szene. In Erinnerung bleibt auch das Bild des „Oso Negro“ (schwarzer Bär) Julio mit den gelb gefärbten Haaren nach der Meisterschaft 1995. Nach 12 Jahren in Europa verließ er den BVB nach der Saison 1997/98, nachdem erste Verschleißerscheinungen sichtbar wurden in Richtung Rio de Janeiro zu Botafogo. Julio César bestritt am 13. November 2005 sein Abschiedsspiel natürlich in Dortmund, wo er wie nirgendwo anders geliebt worden war, im Kreise vieler ehemaliger Mitstreiter.

Kaum war der eine gegangen, trat ein anderer Brasilianer in den Scheinwerferkegel. Denn bei Atletico Mineiro hatte man einen Spieler mit dem Namen Leonardo de Deus Santos entdeckt Dass dieser sympathische Außenbahnspieler es 13 Jahre aushalten und dabei die höchsten Dortmunder Weihen eines absoluten Publikumslieblings erhalten sollte, ahnte 1998 bei seiner Verpflichtung noch niemand. Seine nicht ganz einfache Aufgabe war Nationalspieler Jörg Heinrich, immerhin eine feste Größe, zu ersetzen. Den hatte Borussia gerade erst gewinnbringend für 25 Mio. an den FC Florenz verhökert, was einen Rekordtransfer für die Bundesligageschichte darstellte. Doch den Brandenburger, der mit dem BVB die 96er Meisterschaft und - ähnlich wie Julio César - den Champions League und Weltpokal 1997 errungen hatte, zog es zu einer neuen Herausforderung, was den Weg für Dede frei machte und dieser dominierte die linke Abwehrseite mehr als ein Jahrzehnt! Der ‚Kicker‘ charakterisierte den 20-Jahre jungen Dede damals als „pfeilschnell, mit Telefonzellen-Technik und agressiv.“

Eine Millionen-Offerte vom AS Rom schlug er aus, weil er „seinen Verein“ nicht verlassen wollte –eine außergewöhnliche Haltung in diesem Geschäft. Seit 2007 besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft und trug dennoch niemals den Adler auf der Brust. Unvergessen sein Auftritt beim Halbfinalspiel gegen den AC Mailand, als er zuerst José Mari, anschließend „Terrier“ Genaro Gattuso, und zu guter Letzt sogar Weltklassespieler Demetrio Albertini überlopte, oder seine Seitfallzieher-Vorlage zum Meistertor von Ewerthon im Schlussspurt 2002 gegen Werder Bremen.



Am 18.April 2011 waren etwa 1500 zum Hansaplatz gekommen, um ihm zum 33.Geburtstag zu gratulieren. Kino der Emotionen. Auch das beileibe nicht alltäglich in diesem Geschäft . Das Schlusswort von Jürgen Klopp sagte alles: „Ich wollte nie der Mann sein, der hier Trainer ist, wenn er geht.“

Aber in seinem Kielwasser hatten längst andere Brasilianer den Weg nach Dortmund gefunden. Beispielsweise Evanilson Aparecido Ferreira. Von Cruzeiro Belo Horizonte, seiner ersten Station als Profi wechselte „Eva“ nach den guten Erfahrungen mit Dede im August 1999 zu Borussia Dortmund, wo er sich als offensivstarker rechter Mittelfeldspieler einen Namen machte. Obwohl Evanilson bis 2005 in Dortmund spielte, war seine Vertragssituation nicht so eindeutig: Sein Landsmann Marcio Amoroso wechselte 2001 für 25 Millionen Euro vom FC Parma zu Borussia Dortmund. Im Gegenzug wurde Evanilson für 17,5 Millionen Euro nach Parma verkauft.

Beide Summen wurden aus bilanztechnischen Gründen verrechnet und der BVB überwies jährlich eine Leihgebühr von 250.000 Euro. 2003 griff eine Vertragsklausel mit den Italienern, so dass die Dortmunder Evanilson für 15 Millionen Euro zurückkaufen mussten. Im April 2005 wurde Evanilsons Vertrag aufgrund schwerwiegender Verletzungen (u. a. Kreuzbandriss) vorzeitig aufgelöst und er wechselte zunächst ablösefrei zu Dede’s Heimatclub Atletico Mineiro nach Brasilien.

Marcio Amoroso wechselte 2001 für 50 Millionen Deutsche Mark (rund 25 Millionen Euro) vom italienischen Erstligisten AC Parma zu Borussia Dortmund. Damit handelt es sich um den zweit-teuersten Einkaufs-Transfer (zusammen mit Franck Ribéry, Arjen Robben und nach Mario Gómez) der Bundesligageschichte.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, 25. Mai 2012 (Öffnet externen Link in neuem FensterTeil II folgt am Sonntag)



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