BVB-Pokalsieg 1989: Damals gab es noch die DDR

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Es gab Zeiten, da musste man die Bundesrepublik vorübergehend verlassen, um in die heutige Hauptstadt zu gelangen. Am 23. Juni 1989 machte sich ein BVB-Fan aus Münster per Anhalter auf den Weg, um beim ersten Titelgewinn von Borussia Dortmund nach 23 Jahren dabei zu sein. Was er sich etwa ein halbes Jahr zuvor selbst in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können.

Als ich am zweiten Weihnachtstag 1988 beim Ehemaligentreffen unserer Schule meinen alten Kumpel Barky traf, gab es nur ein Thema: Berlin. Diese Stadt sei einzigartig, geil, wild, aufregend, ein Wahnsinn in jeder Beziehung. In höchsten Tönen schwärmte er von seiner neuen Heimat, in die es den jungen Westfalen nach seinem Zivildienst zum Studium verschlagen hatte. Unbedingt müsse ich ihn dort besuchen, so schnell wie möglich. Irgendwann, es war einer der wenigen Sätze, die ich an jenem Abend dazwischen bekam, schlug ich vor, den Besuch mit dem Pokalfinale zu verbinden - ohne jeden Gedanken daran, dass dies irgendetwas mit dem BVB zu tun haben könnte.

Wenige Wochen später die überraschende Vollzugsmeldung: „Geht klar, hab’ Karten.“ Selbst zu diesem Zeitpunkt hatte der DFB-Pokal keine besondere Wertigkeit für mich, schließlich waren noch zwei Runden zu spielen. Aber es passierte tatsächlich: Karlsruhe und Stuttgart wurden geschlagen, die Borussia stand im Finale gegen Werder Bremen - und ich musste mich nicht mal um eine Karte bemühen!

Reisepläne waren schnell gemacht: Ein Auto hatte ich nicht, auf Mitfahrzentrale keinen Bock, Fliegen war zu teuer, Bahn zu umständlich. So turnte ich am Mittag des 23. Juni 1989 zur Steinfurter Straße in Münster, um nach Berlin zu trampen. Meine damalige Freundin kam mit, sie wollte ihren Bruder besuchen. Gute Sache: Zum einen erhöhte es die Wahrscheinlichkeit, dass ein Auto anhielt, zum anderen war Jörn wohnungtechnisch gegenüber Barkys Studentenbutze klar im Vorteil.

Die Tramperei klappte ziemlich geschmeidig. Als wir in Berlin eintrudelten, war es sogar noch hell. Keine acht Stunden Fahrtzeit, da gab es nichts zu meckern (jüngere Fans wissen es vielleicht aus den Geschichtsbüchern: Damals musste man nach einer umständlichen Grenzkontrolle noch auf einer grottenschlechten Autobahn bei streng kontrolliertem Tempolimit 100 durch die DDR gurken, das dauerte gern mal länger).

Unser Gastgeber wohnte in einer unverschämt großen, schicken WG im Stadtteil Charlottenburg, den wir an jenem Abend in einer Reihe von Kneipen ziemlich gerockt haben. Großartigerweise hingen überall Borussen rum. Die paar Bremer, die man traf, waren freundlich, keine Spur von großer Rivalität.

Nach einer Nachtruhe, die in Stunden auszudrücken sich nicht lohnt, dackelten wir zu einem netten irischen Lokal - bei astreinem Wetter draußen frühstücken und Barky treffen. Einige Lachstoasts und knapp zwei Liter Kilkenny später überließen Barky und ich die Geschwister ihrem Schicksal und machten uns auf den Weg zum Stadion. Ganz gemächlich, ein bisschen U-Bahn hier, ein bisschen S-Bahn dort und ganz viel Doppeldeckerbus. Fand ich klasse, schließlich heißen die Busse in Berlin ja BVB (Berliner Verkehrs-Betriebe).

Guter Laune und ohne größere Erwartungen suchten wir uns Plätze. Das gab es damals noch: unnummerierte Sitzplätze - Sepp Blatter bekäme Ausschlag oder Schlimmeres beim bloßen Gedanken daran! Um uns herum war es so schwarz-gelb, wie es im Himmel nicht schöner sein kann. Besonders Plastik-Bananen standen hoch im Kurs, ein bisschen ärgerte es mich, keine zu haben. Das Vorprogramm war damals schon stinklangweilig, aber im Vergleich zu heute angenehm wenig lärmbelästigend. Irgendwann interviewte Jörg Wontorra den Kaiser übers Stadionmikro, was in unserem Block dankenswerter Weise von einem gellenden Pfeifkonzert gegen den amtierenden Bundestrainer Beckenbauer übertönt wurde.

Langsam aber sicher stieg die Anspannung und endlich kamen die Mannschaften. Unsere in Ringelstutzen, was ich vorher nicht wusste und umso großartiger fand. Die Stimmung war sensationell, reine Heimspielatmosphäre, so viele hatten den Weg in die olle Schüssel kapp 500 Kilometer östlich von Dortmund gefunden. Einen kleinen Missklang gab es, als die Feuerwehrkapelle auf dem Rasen die Nationalhymne intonierte und mich ein älterer BVB-Fan eine Reihe hinter uns ebenso energisch wie vergeblich zum Aufstehen und Mitsingen animieren wollte. Das war aber längst vergessen, als Schiri Karl-Heinz Tritschler anpfiff.

An der guten Stimmung im weiten Rund konnte nicht einmal die frühe Bremer Führung durch Kalle Riedle was ändern. Scheinbar wollten wir um jeden Preis feiern, anders kann ich mir das heute nicht mehr erklären. Vielleicht lag es einfach daran, dass Bremen haushoch favorisiert war. Mittlerweile hatten wir Hunger, ein Würstchen wäre nicht schlecht gewesen. Wer sollte es holen? Barky verlor beim Schnick-Schnack-Schnuck glatt mit 0:3 und wurde deswegen lediglich Ohrenzeuge von Nobby Dickels Ausgleichstor. Die Stimmung wurde jetzt noch besser.

Als Fränkie Mill uns in Führung brachte, keimte leise Hoffnung auf - würde der Traum wahr werden? Inzwischen hatten wir wieder Durst, ein Bier wäre nicht schlecht gewesen. Wer sollte es holen? Ich war dran, aber bei dem Spielstand - bist Du irre? Barky verlor beim Schnick-Schnack-Schnuck glatt mit 0:3 und wurde deswegen lediglich Ohrenzeuge von Nobbys zweitem Treffer. Es mag ihm gestunken haben, aber dieses Kollateralschicksal ging mir komplett am Arsch vorbei. Dann kam das Bier, dann Michael Lusch, das 4:1, der Rest war ein einziges, lang gezogenes „Olee, Oleee, Oleeee…“ - unbeschreiblich, Gänsehaut, so dick wie ein Norwegerpulli!

Irgendwann hatte Tritschler ein Einsehen, er pfiff ab. Alles stand auf, mein Dortmunder Nachbar zur Linken hob mich hoch, drehte meine seinerzeit 64 Kilo einmal im Kreis und stellte mich wieder ab. Er hatte Tränen in den Augen, als er feierlich sagte: „Darauf haben WIR 23 Jahre lang gewartet.“ Herrlich - der Typ war jünger als ich (damals 24). Mein Kumpel zur Rechten konnte nur den Kopf schütteln ob dieser Glückseligkeit.

Der Rest ist schnell erzählt: Janz Berlin eene schwarzjelbe Wolke, alle freuten sich mit uns, sympathischer kleiner Außenseiter, der wir damals waren. 50.000 Borussen feierten die ganze Nacht, Berlin feierte mit und die Bremer, hochanständige und untadelige Verlierer, taten das auch. Ein grandioses Fest.

Seitdem ist viel passiert: Das Olympiastadion ist überdacht, die Frau von einst lebt irgendwo in den Staaten, der damals konfessionslose Barky bekennt sich zu Königsblau (wie viele Konvertiten zum Übereifer neigend). Die DDR gibt es nicht mehr, ungefähr so lange trampt auch der Autor nicht mehr. Und er ist grau geworden, zudem mit 80 Kilo nicht mehr so leicht anzuheben und im Kreis zu drehen. Aber so einen Pokalsieg, den würde er gern noch mal erleben. Zumal es schon wieder 23 Jahre her ist...
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, 9. Mai 2012

Autor: Uli Vonstein (47), Journalist aus Köln. Seit 36 Jahren gibt es für ihn keinen anderen Verein als den BVB. Früher war er Fan, heute ist er Borusse. Zählt zu jenen Menschen, die sogar in Schwarz-Gelb träumen. Aber nur manchmal. Davon abgesehen ist er relativ normal.



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