Heute vor 10 Jahren: Jahrhundert-Spiel gegen den AC Milan

Borussia Dortmund hat in seiner ruhmreichen Geschichte viele Sternstunden auf europäischem Parkett abgeliefert. Als Mutter aller Glanztaten wird oft das 5:0 am 4. Dezember 1963 bemüht, als Eusebios Benfica Lissabon in Dortmund gnadenlos verhauen wurde. Am 4. April des Jahres 2002 jedenfalls erlebten 52.000 Zuschauer eine weitere dieser begnadeten Borussen-Sternstunden. Die Zuschauer wurden zu stehenden Ovationen hingerissen und der alte Klassiker „wir holen den U-U-Uefa-Cup und wir werden Deutscher Meister“ schallte durch das 1974 exakt für solche Spiele erbaute Westfalenstadion. Die BVB-Spieler Jens Lehmann, Leonardo Dede, Christoph Metzelder, Stefan Reuter, Christian Wörns, Jörg Heinrich, Sunday Oliseh, Tomás Rosicky, Henrique Ewerthon, Marcio Amoroso und Jan Koller stehen als Elf für ein ganz großes Erlebnis in Schwarzgelb. Sie trafen nämlich auf Christian Abbiati, Cosmin Contra, Kakhaber Kaladze, Martin Laursen, Paolo Maldini, Demetrio Albertini, Massimo Ambrosini, Gennaro Gattuso, Andrea Pirlo, Filippo Inzaghi und José Mari. So geschehen im 1. Halbfinalspiel des Uefa-Cups heute vor heute genau 10 Jahren an der Strobelallee.

Der Gastgeber war beseelt, gleich von Beginn an klarzustellen, wer Herr im Haus ist. Und schon in der 6. Minute lag die Kugel erstmals im Mailänder Gehäuse, doch Ewerthon musste sich den berechtigten Abseitspfiff vom englischen Schiedsrichter Graham Poll gefallen lassen. Aber bereits eine Minute später schritt der Unparteiische ebenso energisch zum Elfmeterpunkt, weil Amoroso seinen Bewacher Cosmin Contra mit spielerischer Leichtigkeit überlupft hatte und dieser ihn vor dem Torschuss dann zu Fall brachte. Elfmeter! Der gefoulte schießt entgegen allen Weissagungen selbst und markiert das 1:0. Schnelle Führung, guter Spielverlauf. So sagt man.



Carlo Ancelotti wird sich ungeachtet dessen nur ungern an diesen saukalten Tag erinnern, denn besagter Marcio Amoroso tanzte den „Rossoneri“ mit einer einzigartigen One-Man-Show an diesen Abend gehörig auf der Nase rum. Zwischen der 8. Und 39. Spielminute gelang dem teuersten Brasilianer aller Zeiten in Deutschalnd nämlich ein lupenreiner Hattrick, was ihn zum Mann des Abends machte. Willi Wittke schrieb in der ‘Westfälische Rundschau‘ daraufhin: „Ein Fußballer zwischen Genie und Wahnsinn, einer, der ein ganzes Stadion mit seiner arrogant wirkenden Spielweise zur Weißglut treiben kann, der es aber auf der anderen Seite mit Ball-Artistik und Toren zu faszinieren versteht.“

Doch es war mehr, als nur eine optimal genutzte Torausbeute. Denn das Team von Matthias Sammer präsentierte sich an diesem Tag aggressiv und zweikampfstark, aber ebenso spielfreudig wie torhungrig. Das Starensemble aus der Modestadt war „eben mal“ angereist, um im vorbeigehen die Hand auf den Pokal zu legen. Doch im Gegenteil wurde der sechsfache Europapokalsieger phasenweise unglaublich demontiert und übel vorgeführt.

Der BVB spielte unter der Regie des glänzend aufgelegten Tomas Rosicky phasenweise wie im Rausch auf und ließ dem 18-fachen italienischen Meister keine reelle Chance, das Spiel noch einmal zu drehen. Als Beleg dafür mag die 34. Minute herhalten, als kein geringerer als der "Dortmunder Brasilianer" Leonardo Dede zunächst José Mari, anschließend „Terrier“ Genaro Gattuso, und zu guter Letzt sogar Weltklassespieler Demetrio Albertini rotzfrech überlopte. Dieser allerdings stoppte Dede dann per Foul unsanft, weil die johlenden Tribünen wie bei einem Stierkampf längst gehörigen Gefallen an der Aktion gefunden hatten.



Keine fünf Minuten später schnappte sich der „Dortmunder Mozart“ Thomas Rosicky das Spielgerät im kongenialen Doppelpass-Zusammenspiel dieser Zeit mit Jan Koller und bediente Amoroso, der Martin Laursen erneut wie einen Schuljungen stehen ließ und das Leder an Abbiati vorbei zum 2:0 in den Maschen versenkte. Und als Henrique Ewerthon in der 38. Minute diagonal durch den Strafraum flankte, flog Borussia’s Nummer 22 - eher als der verdutzte Contra es vermuten konnte - quer durch die Luft und landete einen wuchtigen Kopfballtorpedo im kurzen Eck. Damit war die Messe quasi schon gelesen. Jörg Heinrich staubte dann einen sehenswerten Spurt Ewerthons von der Mittellinie ab, als dieser aus äußerst spitzem Winkel zwar Abbiati durch die Beine spitzeln konnte, aber leider nur den Pfosten traf (68.). Mit dem Abpraller hatte der deutsche Nationalspieler dann wenig Mühe und konnte in das Tor vor der Süd zum 4:0 einnetzen.

Mit dem klaren Vorsprung im Rücken ließen es die Dortmunder freilich im zweiten Durchgang etwas gemächlicher angehen, ohne je die Kontrolle über die Begegnung zu verlieren. Die Borussen trumpften weiterhin spielerisch auf, was auch Schiedsrichter Graham Poll honorierte. Es gab keinen Karton gegen die westfälischen Fußballgötter, die Mailänder hingegen sahen viermal Gelb wegen diverser Tätlichkeiten. Für den Dortmunder Schlussmann Jens Lehmann wurde es nur einmal wirklich brandgefährlich. Beim Distanzschuss vom dem aus Georgien stammenden Kacha Kaladse konnte der BVB-Torhüter acht Minuten vor dem Ende ein mögliches Gegentor verhindern.

An diesem 4. April war die Mannschaft der Star- doch besonders zu erwähnen ist hierbei der „brasilianische Block“. Neben "Goalgetter" Amoroso wirbelten auch Dede und Ewerthon die wackelige Abwehr der Italiener kräftig durcheinander und entzückte die Fans mit zahlreichen Kabinettstückchen. Kapitän Stefan Reuter brachte es nach dem Spiel auf den Punkt: "Wir haben eine sensationelle Ausgangsposition. Unsere Brasilianer haben heute überragend gespielt. Jetzt müssen wir einfach ins Finale kommen."

Mailands Coach Carlo Ancelotti, der während des Spiels nahezu teilnahmslos an einer Zigarette zog, wirkte nach dem Schlusspfiff zerknirscht und zog ein skurriles Resümee: "Diese Niederlage ist schwer zu erklären. Sicher ist, dass wir Dortmund zu viele Chancen erlaubt haben. Im Rückspiel haben wir die Pflicht, an uns und an das Finale zu glauben – und alles zu geben. Ich war weniger von der Dortmunder Stärke als von der schwachen Leistung meiner Mannschaft überrascht." Ancelotti blieb bei den Mailändern bis zum Jahr 2009 und wechselte anschließend zum FC Chelsea. Zum Jahreswechsel 2011/2012 übernahm er den Posten bei Paris Saint-Germain.



Vor Pressevertretern schwärmte selbst der nicht gerade für anmutige Reden bekannte BVB-Coach Matthias Sammer nach dem Spiel: „Wir haben, glaube ich, eine sehr gute 1. Halbzeit gesehen, der Marcio Amoroso seinen Stempel aufgedrückt hat. Besonders gefreut hat mich der Treffer von Jörg Heinrich. Er war lange verletzt und ich wünsche mir manchmal mehr Geduld mit den Spielern, die nach Verletzungen zurückkommen. Die gesamte Mannschaft wollte heute etwas ganz Außergewöhnliches leisten. Ich glaube, dass sich wahre Größe nach negativen Erfolgen zeigt. Wir haben Sonntag ein schweres Spiel und unsere ganze Konzentration muss nun dem nächsten Spiel gelten. Wir stehen noch nicht im Finale, das sollte keiner vergessen. Ich habe selbst schon erlebt, wie solch ein Ergebnis gedreht werden kann.“

Hier sprach der ehemalige Dresdner Profi aus eigener Erfahrung und erinnerte vielleicht an das „Wunder von der Grotenburg“, das für den Mittelfeldspieler Sammer am 19. März 1986 bittere Realität wurde. Nach einem 2:0-Sieg in Dresden endete das Rückspiel bei Bayer Uerdingen mit 7:3. Mit diesem Kantersieg bahnte Uerdingen sich den Weg ins Halbfinale und schrieb Europapokal-Geschichte.
Und das Hinspiel-Torpolster konnte gar nicht dick genug sein, denn der komfortable Vorsprung schmolz im Rückspiel in „San Siro“ anfangs wie Schnee in der Sonne. Der geneigte Mailänder traute seiner Mannschaft gegen die Deutschen kaum mehr ein Wunder zu und so traten die Westfalen vor der Rekord-Minus-Kulisse von 15.000 Besuchern in diesem phantastischen WM-Stadion an, um den Finaleinzug klar zu machen. Doch die Überraschung folgte auf dem Fuße: nach nur 18 Spielminuten hatten die Italiener durch Inzaghi und Contra schon exakt die Hälfte der Dortmunder Schmach getilgt und man konnte Schlimmes ahnen. Dazu wurde auch noch der Fußball-Gott weidlich bemüht, als Jens Lehmann an alter Wirkungsstätte einen strammen Kaladze-Knaller durch die Hosenträger gleiten ließ und der Ball dann doch noch von der eigenen Hacke des Keepers glücklicherweise ins Toraus befördert wurde. Das wäre nach einer halben Stunde dann das 3:0 gewesen. Der AC Milan, der im Rückspiel wieder auf seinen ukrainischen Stürmerstar Andrej Schwetschenko zurückgreifen konnte, machte seine Ankündigung wahr und berannte unentwegt die Dortmunder Hälfte.



An „Fußball zum Verlieben“ wie im Hinspiel war in der Lombardei allerdings ohnehin nicht zu denken. Zu wütend hatte man den italienischen Meister gemacht beim Hinspiel („Massaker“ schrieb die ‘Gazetta dello Sport‘, „Vorgeführt“ und „Lehrstunde“ die ‘La Repubblica‘). Doch der BVB fightete sich immer und immer wieder den Strafraum sauber. BVB-Coach Matthias Sammer sah ohnmächtig von der Seitenlinie ein Spiel, das die Nerven stärker strapazierte als nötig war. Doch erst in der 91. Minute verwandelte dann Serginho einen Elfmeter zum 3:0 für die Milanisti. Doch die Freude währte nicht lange, denn der Ur-Dortmunder Lars Ricken knallte nur eine Zeigerumdrehung später den Ball am völlig verdutzten Abbiati vorbei ins Netz. Die gut 5.000 mitgereisten Borussen im Meazza Stadion konnten den Einzug ins Rotterdamer Finale feiern und einer der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich gern an seine in diesem Moment entzündete Davidoff No. 1, die er und seine Fanclubmitglieder genußvoll aus den Röhrchen drehten im Zuge der Erlösung...  

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Peter Hesse – 04.04.2012


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