Ein Held gesteht: "Die Angst trieb mich an"

Im Fußball-Mutterland England gilt Paul Lambert als kommender Stern am Trainer-Himmel. Der Durchmarsch mit Norwich City aus der 3. Liga in die Premier League war sensationell. Ohne seine Zeit beim BVB unvorstellbar. Große Titel produzieren große Helden. Der Champions-League-Sieg von Borussia Dortmund aus dem Jahr 1997 ist da keine Ausnahme. Lars Ricken wird mit seinem Tor gegen Juventus Turin über Nacht zum "Jahrhunderttalent"; Jürgen Kohler ob seiner Rettungsaktion auf der Linie gegen Eric Cantona im Halbfinale bei Manchester United zum "Fußballgott". Das Team von damals ist gespickt mit großen Namen: der Chef Matthias Sammer, das umstrittene Genie Andreas Möller, der weltgewandte Paulo Sousa. Mittendrin ein gedrungener Schotte, dessen Spiel so herrlich unaufgeregt ist wie seine Person: Paul Lambert. 1996 wechselt Lambert ablösefrei vom Motherwell FC zur Borussia. Auf seiner angestammten Position im zentralen defensiven Mittelfeld spielt Europameister Steffen Freund und der von Juventus Turin verpflichtete Paulo Sousa. Dennoch setzt sich der Schotte durch, macht in der Champions-League-Saison 1996/97 alle Spiele. Dem 'Telegraph' gesteht Lambert, mittlerweile 42 Jahre alt und deutlich runder als zu aktiven Zeiten: "Die Angst, nicht im Dortmunder Team zu sein, war unvorstellbar groß. Wenn ich gespielt habe, war Steffen Freund oder Paulo Sousa draußen. Ich hatte das Gefühl, bis ans Äußerste gehen zu müssen. Die Angst trieb mich an und das tut sie bis heute." "Bleib hinten" Angst vor der beeindruckenden Kulisse im Westfalenstadion muss der sympathische Schotte nicht haben. Zwar wissen die Zuschauer durchaus die Tempodribblings und Finten eines Andreas Möller zu schätzen, an die Beliebtheit des "ehrlichen Malochers" Paul Lambert kommt er nie heran. Als Lambert nach nur etwas mehr als einem Jahr seine Zelte in Dortmund abbricht, weil sein Sohn krank wird und die Gattin das Heimweh plagt, weint Lambert. Und nicht wenige auf der Südtribüne verdrücken ebenfalls eine Träne. Die Einsicht, sich auf seine Qualitäten als Abräumer im zentralen Mittelfeld zu besinnen, entsteht in Dortmund; beim ersten Heimspiel der Saison 1996/97 gegen Fortuna Düsseldorf. Beim Stande von 4:0 packt auch Lambert der Offensivdrang. "Aber Jürgen Kohler kam zu mir und meinte: Nein, nein. Bleib hinten. Und das bei 4:0!", sagt Lambert. Für den Schotten ein Augenöffner. Ihm wird klar, dass die taktische Disziplin im modernen Fußball einen höheren Stellenwert hat als Instinkt und Herzblut. Lambert schreibt alles auf Dieser Schlüsselmoment bewegt Lambert dazu,  alles aufzuschreiben. Er weiß, dass er in Dortmund etwas lernen kann und ist mehr als gewillt dazu. Lambert führt Buch, notiert die Tipps der erfahrenen Spieler. Und dann ist da noch der Trainer Ottmar Hitzfeld. "Alles war so organisiert bei Herrn Hitzfeld. Er ist brillant. Seine sozialen Fähigkeiten sind brillant", schwärmt Lambert noch heute. Obwohl er den Klub 1997 in Richtung Celtic Glasgow verlässt, hat die Trainingsarbeit in Deutschland einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Noch während seiner aktiven Karriere macht Lambert den Trainerschein - nicht in Großbritannien, sondern an der Sporthochschule Köln. Die Angst ist indes nicht gewichen, doch Lambert nutzt sie für seine Zwecke: "Ich drehe mich immer um und schaue, wer meinen Platz einnehmen könnte. Reputation zählt nichts. Ich muss gewinnen. Die Angst treibt mich an", sagt der Schotte. Mit dieser Philosophie ist er weit gekommen. Mit Norwich City hat er den Durchmarsch aus Liga drei in die Premiere League geschafft. Die englischen Kollegen loben in erster Linie, dass er das mit einem Team aus Nobodys vollbracht hat. Und so richten sich alle Augen auf den Trainer. Paul Lambert ist so etwas wie ein Held in Norwich - auch ohne Titel. Wie in Dortund. Abgesehen von der Trophäe: Paul Lambert ist einer, den man mögen muss, unabhängig von Titeln - einfach ein feiner Kerl. Einer von uns! Öffnet externen Link in neuem FensterDominik Drutschmann, 6. September 2011


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