Rolfs Erinnerungen: Heute Juventus Turin

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich immer mal wieder an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB.

Europa League 1992/1993, Halbfinale 21.04.1993, Was für eine Spielzeit. Endlich erreichen wir mal ein großes Finale! Allein schon die Fahrt nach Burgund zum Aj Auxerre war ein kaum zu toppendes Erlebnis. Das Spiel hatte Herzinfarkt-Gefahr! Schnell war die Führung egalisiert und wir 800 mitgereisten BVB-Fans unter den 21.000 im Hexenkessel Stade de l'Abbé-Deschamps staunten nicht schlecht, als unsere Mannschaft uns und sich alles abverlangte und sich mit vereinten Kräften bis ins Elfmeterschießen kämpfte. Trainerfuchs Guy Roux musste dann mit ansehen, wie sein Spieler Stéphane Mahé an „Stoffel“ Klos scheiterte, der fortan als „Held von Auxerre“ besungen wurde und den BVB auf den Spuren der 66er Helden wandeln ließ. 27 Jahre nach dem „Wunder von Glasgow“ trat Borussia als krasser Außenseiter nun also in zwei Finalspielen im UEFA-Cup 1992/93 gegen Juventus Turin an.

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Das Drama in Auxerre  

Am 5. Mai betrat der Abo-Meister Italiens den Rasen des Westfalenstadions. Mit dabei auch Andy Möller, der in Dortmund und seiner Frankfurter Heimat so ziemlich alle auf seinem Weg belogen hatte und neben Gianluca Vialli den Baggio’s, und Jürgen Kohler so etwas wie der Star der „Bianconeri“ war bei seiner Rückkehr an die Strobelallee. Und die Spielstätte der Schwarzgelben explodierte förmlich, als Micha Rummenigge den BVB nach nur einer Spielminute mit einem sehenswerten Außenrißt-Schlenzer in Führung brachte. Doch am Ende siegte die ausgebuffte Cleverness und der BVB besaß nach dem bitteren 1:3 nur noch theoretische Chancen auf ein Weiterkommen.    Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Mal ein Finale erleben

Trotzdem charterte der Fanclub „Treue Dortmunder“ fünf Busse für 300 Borussen und machte sich auf den Weg zum "Stadio delle Alpi", wo man sich mit dem damaligen DSF-Kommentator Wolfgang Ley verabredet hatte nach dem Motto: „Jetzt erst Recht – Dortmunder feiern immer“. Doch das Vorhaben war leichter gesagt, denn getan. Borussia Dortmund musste immerhin drei Tore erzielen. Selbst in Bestbesetzung wäre das schon nahezu unmöglich gewesen, doch neben den Hinspiel-Ausfällen von Sammer, Kutowski und Povlsen fehlten jetzt zu allem Überfluss auch noch Stephane Chapuisat und Kapitän Michael Zorc. Mit dem buchstäblich letzten Aufgebot ging es inzwischen lediglich darum, das Gesicht zu wahren und sich so achtbar wie möglich aus der Affäre zu ziehen. 
63.000 Zuschauer erlebten bereits bei der Führung nach fünf Minuten, wie wenig der Gast der spielerischen Klasse der „Juventions“ entgegen zu setzten hatte. Dino Baggio erzielte in Halbzeit eins zwei Tore und führte sein Team endgültig auf die Siegerstraße. Und als denn Michael Rummenigge mit einer Oberschenkelprellung ausgewechselt und durch den jungen Franck, der ausgerechnet Möller anschließend das 3:0 erzielen ließ, ersetzt werden musste, ging neben der Stabilität auch die Kreativität im Mittelfeld gänzlich verloren.

Am Ende feierten die 4000 mitgereisten Borussen dennoch ihre Helden so, als wäre es ihr Triumpf. Als dann Jürgen Kohler mit dem Pokal zu unserm Block gerannt kam und ihn nach dem Motto vor uns hochhielt, als wolle er sagen: „Wenn schon nicht der Pokal, gebührt Euch zumindest Respekt“, wurde er mit schwarzgelben Schals geradezu erstickt. Er band sich welche um und es war wie ein Omen, denn niemand ahnte da, dass wir ab 1995 sieben Jahre lang viel Spaß am eisenharten Manndecker haben würden…

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Keine Gnade von Juventus Aber zuvor trafen beide Clubs erneut aufeinander. Im UEFA-Cup der Spielzeit 1994/95 hieß es im Halbfinale erneut Juventus Turin gegen Borussia Dortmund. Doch diesmal mussten wir nicht in den Nordwesten Italiens in die viertgrößte italienische Stadt in der Region Piemont reisen, sondern die zweitgrößte Stadt des Stiefels in die Lombardei, was uns einen traumhaften vorsommerlichen Zwischenstopp am Lago Maggiore ermöglichte. Am Tag darauf, dem 04.04.1995 erkämpfte sich der BVB im Mailänder Stadio „San Siro“ vor 78.800 Zuschauer ein 2:2, das unglücklicher nicht sein konnte. Denn die Dortmunder 2:1-Führung in der 71. Minute durch den inzwischen von BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum nach Dortmund zurückgelotsten Andy Möller glich ausgerechnet Jürgen Kohler in der 88. Spielminute zum glücklichen Remis aus für die Gastgeber und sprang anschließend Marcello Lippi in die Arme. Ein herber Rückschlag, denn Borussia’s Mannschaft hatte inzwischen deutlich mehr Format. Die von Ottmar Hitzfeld trainierten Schwarzgelben hatten sich zuvor mühelos gegen ŠK Slovan Bratislava, in einem wahren Krimi mit Last Minute Tor Lars Rickens gegen Deportivo La Coruña und anschließend gegen „Icke“ Häßlers Lazio Rom durchgesetzt.

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Diesmal wirklich viel Pech 

Zum Halbfinal-Rückspiel am 15 Tage später trat Juve mit Ciro Ferrara, Sergio Porrini, Antonio Conte, Jürgen Kohler, Paulo Sousa, Didier Deschamps, Fabrizio Ravanelli, Roberto Baggio und Alessandro Del Piero an. Allesamt namhafte Kicker im Westfalenstadion an und zeigten Entschlossenheit, denn bereits nach sieben Minuten jubelten die Anhänger der  „Bianconeri“, als Porrini eine Baggio-Ecke per Kopf einnetzte. Als aber nur drei Zeigerumdrehungen später der EX-Turiner Julio Cesar einen Freistoß in die Maschen drosch, war Borussia wieder im Spiel. Jürgen Kohler sah das umjubelte Ausgleichstor schon von draußen, denn er verletzte sich bei dieser Szene und musste unmittelbar vor dem Einschlag Di Livio weichen.  Roberto Baggio gelang dann aus etwa 30 Metern mit einem gefühlvoll getretenen Freistoß exakt in den Giebel die erneute Führung nach kann einer halben Stunde, der Borussia fortan hinterher lief. Zwar konnte Lars Ricken noch eine Ibrahim Tanko-Flanke per Kopf über die Linie drücken, doch der niederländische Schiedsrichter Mario van der Ende gab diesen Treffer nicht und machte sich nachhaltig einen Ruf als „Schieber“ in der Bierstadt. Am Ende des Tages aber musste der BVB abermals die La Vecchia Signora“ passieren lassen und es blieb ein Finaleinzug gegen den späteren Titelträger verwehrt. Aber – es war diesmal schon wesentlich knapper! Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Borussia wehrt sich tapfer

Der erfahrene Schweizer Schiedsrichter Kurt Röthlisberger leitete das nächste Aufeinandertreffen in der Champions League, als der BVB in der Zwischenrunde der Gruppe C am 13.09.1995 zuerst Heimrecht genoss. Und wieder ging es los mit einem Paukenschlag. Kaum begann die Partie, schon hatte ausgerechnet Andy Möller seinen alten Kameraden einen aus 25 Metern eingeschenkt. 36 Sekunden waren da erst gespielt. Aber drei(!) Traumtore der Turiner machten an diesem regnerischen Abend den Unterschied. Padovano köpfte unnachahmlich in den Giebel, Del Piero schlenzt sehenswert 25 Minuten später in selbigen und ein Flugkopfball von Antonio Conte besiegelte 20 Minuten vor dem Ende verzweifelte Dortmunder Angriffsbemühungen. Wieder nix.

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Drei Traumtore 

Zum Rückspiel am 22. November 1995 hatte man sich dementsprechend viel vorgenommen. Wir waren recht früh in der Stadt und genossen unsern Espresso. Keiner hätte da an ein Wunder geglaubt und dennoch kratzte Borussia energisch dran. Denn bis zur 93. Minute führte der BVB durch Zorc und Ricken in einem gutklassigen Match mit 2:0, ehe sich der eingewechselte Borrussen-Schreck Alessandro del Piero den Ball 22 Meter vor dem Tor hinlegte und über die Mauer ins obere Eck streichelte. Stefan Klos warf sich verzweifelt, war aber ohne Abwehrchance. Wieder tolle Spiele, wieder das Nachsehen, doch es sollte der Tag der Wende nahen…
Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Ein letztes mal noch...
Das bisher letzte Aufeinandertreffen war auch das erfreulichste. Im Champions League-Finale 1997 traf man am 28.05.1997 ausgerechnet im Münchener Olympiastadion aufeinander.

Am „Endspieltag“ gegen 0:00 Uhr machte ich mich mit meinem Kumpel von Oberhausen aus auf den Weg in die bayerische Hauptstadt München. Nach einer relativ gemütlichen Nachtfahrt kamen wir dann gegen 6 Uhr morgens entspannt am Olympiastadion an. Ich fasste es nicht, da standen doch tatsächlich schon um diese frühe Uhrzeit Kontroleure am Parkplatz des Olympiastadions und kassierten die Parkgebühr von 6 Deutschen Mark. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass die noch schlafen – von wegen. Anschließend machten wir uns erstmal mit der Bahn auf den Weg in die Innenstadt. Am Viktualienmarkt haben wir dann erstmal gefrühstückt. Es waren auch schon einige Borussen dort. Später waren wir natürlich auch noch im Hofbräuhaus und im Englischen Garten, wo wir bei herrlichem Wetter auf zahlreiche Juve-Fans trafen und uns ein erstes Sangesduell lieferten. Sie skandierten uns ein Zinedine, Zinedine, Zinedine Zidane“ entgegen, was wir mit noch lauteren „Andy Möller“ Sprechchören erwiderten. Beide gleich laut, also hier gab es schon mal ein Unentschieden.



Gegen 16 Uhr machten wir uns dann mit Kribbeln im Bauch auf den Weg zum Olympiastadion, einen sprichwörtlichen Korb voller Hoffnungen im Gepäck. Dort an der Haltestelle Olympiastadion kamen uns schon haufenweise Leute mit Eintrittskarten zu weit überhöhten Preisen entgegen, aber wir alle hatten ja unsere Karten schon im Vorfeld über den BVB besorgt. Ich habe sie damals - völlig unspektakulär – von Hartmut Wiegand, dem ehemaligen Busfahrer und Zeugwart des BVB (er hatte auch eine kleine Vorverkaufsstelle im Osten Dortmunds) bekommen, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Der Rest bekam eine, wenn er entweder Mitglied bei Borussia war (damals ging das noch), oder über die vielen Fanclubs, die in zähem Ringen mit Michael Meier den Großteil der Eintrittskarten bekam. Heute ist das ja leider nicht annähernd so und die Tickets werden ja nach nicht nachvollziehbaren Kriterien verlost. Dann gelang er, der Sieg, den keiner auf der Rechnung hatte. "Die Zeit" analysierte ein Jahr nach dem Triumpf zutreffend: "Die mit selbstbewussten, aber oft maladen, nicht mehr ganz frischen Spielern gespickte Mannschaft hatte sich allmählich von ihrem Meistermacher Hitzfeld distanziert, war in Grüppchen zerfallen und im Grunde nur durch extreme Erfolgsanreize zusammenzuhalten.“ Die konstanteste Saisonleistung boten bezeichnenderweise jene Borussen, die sich in keines der Grüppchen oder Untergrüppchen einordnen ließen: Jürgen Kohler, Jörg Heinrich, Paul Lambert und Lars Ricken, der in München das BVB-Tor des Jahrhunderts gelang (71.). „Kalle“ Riedle hatte, seinem Traum in der Nacht folgend, mit zwei blitzsauberen Toren binnen fünf Minuten  (29. und 34. Minute) den BVB in Front gebracht. Del Piero war zwischenzeitlich nur noch Ergebniskosmetik gelungen – wenn auch sehenswert per Hacke! Es half nichts: Borussia Dortmund war Europas Champion!

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Riesenfete in Dortmund



Der durch zwei Meisterschaften entstandene schwarz-gelbe Zweckverbund spielte in dieser Spielzeit längst nur noch im Europapokal auf höchstem Niveau. TV-Kommentator Marcel Reif ließ sich vor einem Millionenpublikum sogar zu der Aussage hinreißen: "Das muss man sich selber erstmal klar machen: Borussia Dortmund. Champions-League-Sieger 1997. Gegen alle Widerstände von außen und sicherlich auch von innen." Nach dem Spiel haben wir natürlich ausgiebig gefeiert – während der angefressene Ottmar Hitzfeld (der mit Gerd Niebaum über Kreuz lag) für Borussia folgenschwer – bereits auf dem Bankett im Sheraton-Hotel dem Lockruf von Franz Beckenbauer nach München erlag. Wir aber, die wir in dieser Stunde glückselig waren und unseren Lieblingsgassenhauer: „Wir ham den Cup, Cup, Cup haben wir – zwei Klassen besser, als der So4“ intonierten, ahnten nichts von dem an diesem Abend bereits besiegelten und nun folgenden Niedergang unserer Borussia.




               



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