Die Welt im Umbruch – auch Borussia Dortmund gelingt 1989 die Zeitenwende

Der 24. Juni 1989 ist ein großer Tag in der Geschichte von Borussia Dortmund: Mit dem 4:1 im DFB-Pokalendspiel gegen Werder Bremen beendete der Ballspielverein eine quälend lange Durststrecke von 23 Jahren ohne Titel. Genau 33 Jahre nach dem Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft an gleicher Stelle, trug sich eine neue Borussen-Generation in Berlin in das ruhmreiche Buch der deutschen Fußballgeschichte ein. Zugleich markiert dieser Tag eine Zeitenwende, läutete er doch indirekt eine der erfolgreichsten Epochen der Vereinsgeschichte ein. 
Es waren verrückte Zeiten vor 25 Jahren. 1989 ist als Jahr des Umbruchs in die Geschichtsbücher eingegangen, im Sommer dieses Jahres hatten die meisten Menschen aber höchstens eine kleine Vorahnung. BVB-Delegationsleiter Fritz Lünschemann erinnert sich: "Ich bin eine Woche vor dem Finale mit den alten Recken der 56/57er und 63er Meistermannschaft rübergeflogen. In der 'BILD' lasen wir: '74% der Berliner drücken Werder Bremen die Daumen'. Das war unser Auftrag. Um die Menschen in der DDR hatten wir uns ja vorher schon gekümmert - zumindest hatten wir es versucht. Wir sind dann begleitet von einem großen Berliner Radiosender und den Journalisten im Gepäck sehr werbewirksam auf den Checkpoint Charlie zugefahren, doch die ließen uns natürlich nicht rein. Unsere Poster wurden als 'Propaganda-Material' eingestuft, doch die Menschen jenseits des eisernen Vorhangs haben unsere Aktion richtig verstanden und so langsam drehte sich der Wind in Gesamt-Berlin zu unseren Gunsten".

Wie gewaltig die gesellschaftlichen Veränderungen ausfallen würden, das war an jenem 24. Juni nicht abzusehen. Vom 'Wind of change' war noch wenig zu spüren - und dankenswerter Weise auch noch nichts zu hören; dieses musikalischen Verbrechens (das inzwischen unfassbar viele Rückblicke auf jene Zeit verunziert) machten sich die Scorpions erst mit der Veröffentlichung des Stücks im Jahre 1991 schuldig. 
Dabei war in den Wochen zuvor Aufsehenerregendes passiert: Am 4. Juni wurden die Polen zu den ersten teilweise freien Wahlen (35 Prozent der Abgeordneten konnten frei gewählt werden) seit 1945 an die Urnen gerufen. Zwei Wochen später war der Tag, an dem in Ungarn der Kommunismus symbolisch zu Grabe getragen wurde. Hunderttausende Menschen hatten am 16. Juni der erneuten Beisetzung von Imre Nagy, der Gallionsfigur des antisowjetischen Volksaufstands von 1956, beigewohnt. Am Tag darauf feierte Borussia Dortmund eine gelungene Generalprobe für das DFB-Pokalendspiel, mit 3:2 gewann der BVB das letzte Bundesligaspiel der Saison gegen den Karlsruher SC. Die Tore erzielten die Sportkameraden Andreas Möller, Günther Breitzke und Susi Zorc. Michael Sternkopf hatte den KSC in Führung geschossen, Wolfgang Trapp den zwischenzeitigen Ausgleich besorgt. Bei den Badenern kickte übrigens ein gewisser Daniel Simmes im Sturm (Foto oben). In dessen sportlichem Lebenslauf stehen neben dem Geburtsort Dortmund und 106 Bundesligaspielen und 11 Toren für den BVB auch ein sensationelles Tor des Jahres, das er am 5. Oktober 1984 nach einem spektakulären Sololauf über 70 Meter im Spiel gegen Leverkusen erzielte.

Der BVB beendete eine Spielzeit als Siebter, die bescheiden begonnen hatte: Erst am siebten Spieltag gelang in Waldhof der erste Sieg, erst am 23. Spieltag sprang das Team erstmals auf einen einstelligen Tabellenplatz. Im Pokal hingegen lief es fein, auf dem Weg ins Finale wurde immerhin auch ein stets willkommener Derbysieg mitgenommen.
Zum Finale ging es nach Berlin, das seinerzeit noch längst nicht den Status eines 'deutschen Wembley' besaß. Erst 1985 hatte der DFB die damals noch geteilte Stadt zum festen Austragungsort ernannt. Das war Berlins 'Trostpflaster' dafür, dass die Stadt bei der Vergabe der Spiele für die Europameisterschaft 1988 in Deutschland aus politischen Gründen leer ausging - wegen der unterschiedlichen Auffassungen über die Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik Deutschland hätten ansonsten vermutlich die osteuropäischen UEFA-Verbände die deutsche EM-Bewerbung torpediert. 
Im Gegensatz zu heute war es seinerzeit keine Selbstverständlichkeit, dass sich ein gewaltiger schwarz-gelber Tross auf allen möglichen Wegen durch das geteilte Deutschland machte, um beim Endspiel im Stadion oder wenigstens vor Ort zu sein. Mehr als Öffnet externen Link in neuem Fenster50.000 Borussen reisten nach Berlin, eine derartige Karawane hatte Fußball-Deutschland bis dato nicht gesehen! Und: Es war die Zeit der Bananen, die allenthalben in diesen Tagen im Straßenbild der Hauptstadt zu sehen waren.  Borussia Dortmund fuhr als Außenseiter zu diesem Endspiel, auch wenn der BVB durchaus klanghafte Namen im Team hatte. Doch ungeachtet solcher Spieler wie Helmer, Michael Rummenigge, Zorc, Mill oder dem von den Fans glühend verehrten Murdo MacLeod schien Werder Bremen eine andere Hausnummer zu sein: Reck im Tor, eine Betonabwehr mit Bratseth, Schaaf, Otten, Sauer, im Mittelfeld Wolter, dem in Dortmund einst zum Nationalspieler gereiften Mirko Votava, Eilts und Herrmann sowie einem Paradesturm Riedle/Neubarth – Otto Rehhagel konnte aus dem Vollen schöpfen. Im Gegensatz zu seinem Trainerkollegen Horst Köppel auf Dortmunder Seite, dem in der Endphase der Saison sein treffsicherster Schütze beständig ausfiel. Nobby Dickel hatte sich Anfang Mai bei einem trost- und torlosen Remis gegen St. Pauli einen Kreuzbandriss zugezogen. Dass er beim Finale würde spielen können, darauf hätten nicht einmal die kühnsten Optimisten auch nur einen Pfennig gesetzt. 
Präsident Dr. Gerd Niebaum bedrängte Köppel am Morgen in der Sportschule am Wannsee und tatsächlich geschah das Wunder. Dickel spielte nicht nur, sondern machte zwei blitzsaubere Buden, darunter eine so phantastische, dass ZDF-Reporter Jochen Sprentzel förmlich ins Schwärmen geriet. "Mein Gott, was für ein schönes Tor", sagte er - nach heutigen Maßstäben - eher zurückhaltend. Für damalige Verhältnisse war das aber schon einiges an Gefühlswallung, Begrifflichkeiten wie "geil" waren seinerzeit ausschließlich dem privaten Bereich vorbehalten und im Fernsehen zumindest - vor 23 Uhr - nicht zu vernehmen. Neben dem Traumtor hatte Sprentzel einiges zu berichten über den herrlichen Sommertag und das, was einige zehntausende Borussen fernab der Heimat veranstalteten. Der Spielfilm liest sich heute recht simpel, aus ihm geht nicht hervor, welch' faustdicke Überraschung der Dortmunder Sieg tatsächlich darstellte. Die frühe Führung der Bremer (Riedle, 15.) hielt ganze sechs (!) Minuten, ehe Mill mit einer Energieleistung Dickel bediente und der zu seinem ersten Streich ansetzte. Bremen schickte sich hernach an, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden, doch insbesondere in der zweiten Hälfte drehte der BVB mächtig auf. Fränkie Mill erzielte das 2:1 per Kopf (58.), eine Viertelstunde später servierte er im zweiten Anlauf Dickel zum 3:1, der vollstreckte volley und ahnte in dieser Sekunde ganz sicher noch nicht, dass ihn noch ein Vierteljahrhundert später die Menschen als "Held von Berlin" besingen werden. Michael Rummenigge, der mit Rest der Mannschaft nach dem Treffer jubelnd auf dem Torjäger liegt, brüllte Dickel ins Ohr: "Langer, lass uns noch ein bisschen liegen bleiben, jetzt haben wir ja so viel Zeit".
Nur eine Minute später gelang Horst Köppel der zweite Kunstgriff des Tages nach der riskanten Dickel-Nominierung. Der Coach holte Günther Breitzke vom Feld und brachte Michael Lusch. Der war grade zwei Minuten auf dem Platz, als ihn Andy Möller steil die rechte Außenbahn entlang schickte. "Luschi" lief wie um sein Leben, zog aus spitzem Winkel perfekt ab, der Ball sprang vom Innenpfosten zum vierten Mal ins Bremer Tor – ein perfekter K.o.-Schlag. Die Bremer ließen die Köpfe hängen, die Borussen im Stadion setzten sich erst gar nicht mehr hin, sondern sehnten singend ("Und wir haben den Pokal, Halleluja") nur noch den Schlusspfiff von Schiedsrichter Karl-Heinz Tritschler herbei.


"Richtig kapieren wirst du das erst in einer Woche" - BVB-Schatzmeister Werner Wirsing

Etwa zehn Minuten vor Acht tat uns der Freiburger Pfeifenmann den Gefallen, es war vollbracht: 23 Jahre und 22 Tage nach dem Europapokalsieg gegen den FC Liverpool in Glasgow feierte Borussia Dortmund wieder einen Titelgewinn. Nach Jahren des Darbens, nach einer schlimmen Zeit in den Niederungen der Zweitklassigkeit, nur drei Jahre nach dem im letzten Moment verhinderten neuerlichen Abstieg und dem Relegationsdrama gegen Fortuna Köln konnte Borussia Dortmund voller Stolz sagen: Wir sind wieder wer! Der damalige Mannschaftskapitän Michael Zorc sagt rückblickend: „Dieser Titelgewinn war wie eine sportliche Wiederauferstehung. Er hat den Menschen im Ruhrgebiet und letztlich dem ganzen Klub jenes Selbstvertrauen zurückgegeben, das mit ein wenig zeitlichem Abstand letztlich auch zu den Deutschen Meisterschaften in den 90er-Jahren geführt hat.“ Für den heutigen Sportdirektor steht fest: „Borussia Dortmund, das hat dieser Titelgewinn gezeigt, ist ein Klub, der Herausforderungen und Möglichkeiten bis zu einem positiven Ende führen kann. Ein Verein, der die Kraft hat, wie kaum ein anderer Verein Massen zu mobilisieren und positive Emotionen zu wecken.“ Am nächsten Tag sah die Stadt Dortmund einen Triumphmarsch, wie sie ihn seit jenem Europapokalsieg 1966 nicht mehr erleben durfte. Mehr als 150.000 Fans aus allen Himmelsrichtungen waren in die Stadt eingefallen und bereiteten den Helden ab der Landung am Flughafen einen einmaligen Empfang. Nur im Schritttempo ging es die 15 Kilometer bis zum Rathaus. Michael Rummenigge erinnert sich: "So etwas hatte ich bis dahin in München noch nie erlebt. Ich dachte nur: was machen die denn bloß mit uns, wenn wir mal Deutscher Meister werden?" Der 'kicker' schrieb: "Eine solch südländische Begeisterung und derartiger Freudentaumel können in Neapel selbst kaum größer sein." Der Erfolg gab dem Balllspielverein für einen Moment Auftrieb, in der Folgesaison kickte Borussia eine klasse Runde und erreichte am Ende einen guten vierten Platz. Dieser Saison folgte eine ziemlich durchwachsene, noch war der BVB nicht imstande, seinen relativen Erfolg auch zu kompensieren -  magere 34:34 Punkte standen am Ende der Saison 1990/91 zu Buche, es war die letzte unter der Regie von Horst Köppel ("Der Pokal bedeutet mir soviel wie zwei Meisterschaften"). Der Schwabe ging und machte Platz für einen Badener, der aus der Schweiz an die Strobelallee kam. Ottmar Hitzfeld sollte als Trainer von Borussia Dortmund seine ganz eigene Erfolgsgeschichte schreiben, die Schwarz-Gelb am Ende gar Europas Fußball-Gipfel erklimmen ließ. Auch wenn diese rasante Entwicklung vielleicht nicht exakt an jenem 24. Juni des Jahres 1989 begonnen haben mag – eine Initialzündung zur Zeitenwende des Vereins war der Pokalsieg in jedem Fall. Der schlafende Riese war endlich erwacht!

Zeitzeugen erinnern sich:


Michael Lusch: "Natürlich war ich zunächst enttäuscht, dass ich nicht in der Startelf stand, aber der Trainer hatte mich überzeugt, dass er für eine gute Mannschaft nicht elf, sondern 15-16 Spieler braucht, auf die er sich bedingungslos verlassen kann. Dann kam ich rein, kriegte diesen langen Ball und dachte nur: du musst einfach draufhalten. Und es gelang mir nach zwei Minuten dieses Tor und ich muss gestehen, dass ich, wenn der Ball weg war, immer wieder verstohlen nach oben auf die Anzeigetafel geschaut habe. Dort das 4:1 und meinen Namen als Torschützen dieses Sieges lesen zu können, war ein unbeschreibliches Gefühl." Michael Rummenigge: "Horst Köppel wollte ja schon am Donnerstag anreisen. Da haben wir auf ihn eingeredet und ihm gesagt, dass man die Spannung für's Spiel nicht so lange aufbauen kann. Trainieren, schlafen - das konnten wir ja auch Freitag noch. Am Abend war klar, dass er Nobby nicht spielen lassen wollte von Anfang an. Wir saßen zusammen, Helmer, Zorc, Teddy de Beer, Dr. Niebaum und ich und haben dann den Trainer gemeinsam überzeugt, seine Anfangsformation noch zu ändern. Vor allem Frank Mill, der ja eine überragende Partie spielen sollte, drängte darauf, seinen Stumpartner wieder neben sich zu haben. Gottseidank, denn nur so konnte der Coup gelingen. Wir alle haben ihm vertraut und er hat das Vertrauen gerechtfertigt." Michael Zorc: "Der Pokalsieg war der erste BVB-Titel nach 23 Jahren und für mich persönlich natürlich ein herausragend emotionaler Moment. Ich arbeite ja seit Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen beim BVB und habe schon einige Titelgewinne erleben dürfen, aber ich kann ganz klar sagen: Am intensivsten fühlen sich Titel an, die man als Spieler erringt. Einfach, weil man unmittelbar an einem Triumph und dessen Entstehung beteiligt war. Ich werde diesen Tag, die Nacht darauf und die Party in Dortmund niemals vergessen."
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, Holger W. Sitter - 24. Juni 2014


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