Rolfs Erinnerungen: Heute Saragossa, 1992

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 08.12.1992. Weißt Du noch?
UEFA-Cup 1992/93, Achtelfinale im Stadion La Romareda in Saragossa
Am späten Sonntagabend des 6. Dezember 1992 machte ich mich auf den Weg zum Dortmunder Busbahnhof, um mit meinen Remscheider Kumpels mit dem Bus nach Saragossa (Zaragoza) im Norden Spaniens zu fahren. Der Weg führte uns über Paris nach Bordeaux und Biaritz bis in die Hauptstadt Aragoniens.  Dort angekommen brachte uns der Bus direkt in ein Hotel in der Stadt und in der Nähe des Stadions „La Romadera“. Nachdem wir unsere Zimmer belegt und uns frisch gemacht hatten, ging ich mit meinen beiden Zimmerkollegen ins Zentrum der Stadt, das Wahrzeichen, die Basílica del Pilar besichtigen. Nach dem Abendessen und ein paar Cervesas, verabschiedeten sich die beiden Zimmergenossen in ihr Kämmerlein. Sie waren wohl müde von der langen Fahrt. Man man, was für eine Enttäuschung. Und so machte ich mich halt allein auf dem Weg, die abendliche City zu erkunden. 

Und was soll ich Euch sagen? Schwupps hatte ich auch quasi auf der Straße eine nette Spanierin mit dem wohlklingenden Namen Maria Angeles kennengelernt, die mir selbstredend auch gleich einige Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt gezeigt hat. Am späten Abend nutzte ich die Gunst der Stunde und ging mit ihr noch mit in eine Diskothek, wo sie noch zwei ebenfalls hübsch anzuschauende  Freundinnen traf. Auch sie waren jung und sprachen gottlob alle englisch, sodass wir uns einigermaßen verständigen konnten. Wir hatten viel Spaß zusammen, das kann ich Euch sagen, und haben einige Bier zusammen getrunken. <

Dann, weit nach Mitternacht, es muß schon zwischen 02 und 03 Uhr gewesen sein, hat sie ein Taxi für uns vier bestellt. Ich hatte den kürzesten Weg und wollte meine Fahrt bezahlen indem ich schon mein Portemonnaie auf den Schoß legte. Als wir an meinem Hotel ankamen und ich bezahlen wollte, sagten sie, das bräuchte ich nicht. Irgendwie habe ich dann nicht mehr an mein Portemonnaie gedacht, was inzwischen wohl auf den Boden herunter gefallen war, sodass ich ausstieg und das Taxi mitsamt den Mädels und meiner Patte davonfuhr. Als ich es gemerkt habe, war das Taxi schon weg.  Was tun, sprach Zeus? Im Hotel bat ich den Pförtner, bei der Taxizentrale anzurufen, aber wegen der mangelnden Verständigungsmöglichkeiten (er konnte kein englisch) hatte ich keinen Erfolg mit meinem Anliegen. Also ging ich erstmal in die Falle und nah einen Mütze schlaf, denn so langsam wurde ich auch müde und ändern konnte ich ja eh nichts mehr an der Situation. Sicherlich muss ich nicht erwähnen, dass ich natürlich schlecht geschlafen habe, wie sich jeder denken kann. Immerhin waren etwa 300 Deutsche Mark und sämtliche Papiere einschließlich meiner Eintrittskarte für das Spiel am Abend da drin. Außerdem noch Tickets für einige weitere Bundesligaauswärtsspiele. Bevor Ihr jetzt alle denkt, wie fahrlässig das war, erkläre ich es: Ich habe immer alles mitgeführt aus Angst mal Karten zu vergessen!

Am Morgen zum Frühstück traf ich Holger der den Bus organisiert hatte. Er hatte noch eine Eintrittskarte für mich und lieh mir 50 DM für das notwendigste. So war ich schon mal wenigstens das Spiel betreffend abgesichert und ich musste zumindest nicht verhungern. Nach dem Frühstück bin ich dann zum Fundbüro gegangen (was nicht so weit weg war) in der Hoffnung, dass jemand mein Portemonier abgegeben hat, aber zu meinem Pech hatte das Fundbüro geschlossen, denn in Spanien war an diesem Tag Feiertag. Dann habe ich Maria Angeles angerufen, aber sie wusste nicht, dass ich das Portemonnaie im Taxi liegengelassen habe. So verging die Zeit und so langsam mußten wir uns auf den Weg zum Stadion machen. Wir gingen zu Fuß, denn es war nicht so weit. Im Stadion wehte ein kühler Wind. Da wir das Hinspiel mit 3:1 für uns entscheiden konnten, durften wir natürlich nicht höher als 1:0 verlieren. Warum sage ich das? Nun, wenige Tage zuvor war unfassbares passiert. Der BVB hatte in Leverkusen bereits wie der sichere Sieger ausgesehen, ehe der „Unparteiische“ Gerhardt Theobald („totales Versagen des Schiedsrichters“ – Ottmar Hitzfeld), die Werkself beim 3:3 durch unfassbare Fehlentscheidungen unterstützte. Blanke Wut entfaltete sich daraufhin im gesamten BVB-Lager, denn der Club befand sich als amtierender Vizemeister  ja nicht nur wieder im Titelkampf auf gutem Kurs, sonders spielte auch in Europa wieder munter mit und hatte Celtic Glasgow ohne Mühe mit 1:0 und 2:1 in der 2. Runde eliminiert.

Der Gastgeber startete dementsprechend ambitioniert, um das 1:3 aus Dortmund noch zu drehen. In der 27. Minute war es allerdings dann soweit: Poyet glückte mit einem Rechtsschuss das 1:0 für Real Zaragoza. Günter Kutowski verletzte sich am Kopf und drohte auszufallen. Aber wer die Rechnung ohne die "ostwestfälische Eiche" gemacht hatte, sah sich getäuscht. Mit einem heute als legendär zu bezeichnenden Verband (auch "Turban" genannt) konnte er weiterspielen und war so Sinnbild für eine herrausragende kämpferische Leistung der Schwarzgelben an jenem kalten Dezembertag. Mit diesem Ergebnis ging es dann in die  Halbzeit.  Im zweiten Durchgang markierte Stéphane Chapuisat nach feiner Vorarbeit von Lusch in der 62. Minute mit seinem 4. Turniertor den von uns allen erhofften Ausgleich, den die Mannschaft dann auch bis in jene 90. Minute halten konnte, die unsere Sorgen vor Schiedsrichterentscheidungen neu befeuerten. In der Nachspielzeit ging Pardeza im Strafraum theatralisch zu Boden und ein alter Bekannter, Weltmeister Andreas Brehme verwandelte den Foulelfmeter in der 93. Spielminute zur Ergebniskorrektur für die Katalanen.  Der BVB aber stand im Viertelfinale des UEFA-Pokal-Wettbewerbs und niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt kurz vor Weihnachten, dass es über den AS Rom von Thomas „Icke“ Häßler und den AJ Auxerre bis ins Finale gegen Juventus Turin gehen würde… Und so fuhren wir entspannt nach dem Spiel ohne Papiere wieder nach Hause. In der nächsten Runde wartete das Abenteuer Rom auf uns und der BVB sollte mit 10.000 Fans nach Italien fahren und die „Spanische Treppe“ einnehmen...

Mit meiner spanischen Freundin Maria Angeles hatte ich noch sechs Jahre intensivsten Briefkontakt. Als wir in der Saison 1996/1997 bei Atletico Madrid spielten, bin ich mit Kumpels mit meinem Auto nach Madrid und habe sie schnell noch mal in Saragossa besucht. Dort war ein großes kirchliches Fest „Fiesta del Pilar“ wo wie sie hin begleitet haben. Als wir ein Jahr später gegen Real Madrid spielten, habe ich sie noch einmal völlig überrachend besucht, bis der Kontakt dann mit der Zeit abbrach. Irgendwann, so etwa Mitte Februar 1993, an einem Samstag klingelte ziemlich früh der Postbote bei mir und murmelte was von ca. 280 DM. Ich, noch im Halbschlaf meinte: Oh soviel habe ich jetzt nicht hier und ausserdem habe ich doch gar nichts bestellt. Da meinte der Postbote, er hätte eine Zahlung für mich und ich müsste dafür unterschreiben. Die Zahlung kam per Postanweisung aus Saragossa - abzüglich Gebühren, versteht sich. Das war ja eine erfreuliche Nachricht für mich und es kam noch besser. In der darauffolgenden Woche bekam ich ein kleines Päckchen ebenfalls aus Saragossa mit meinem Portemonnaie und sämtlichen Papieren und bereits verfallene Eintrittskarten aber ohne Geld. Man stelle sich nur mal vor, dieses Päckchen wäre vor der Zahlungsanweisung gekommen. Aber so war die Welt für mich jedenfalls wieder in Ordnung.
Quelle: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.fussballdaten.de



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