Rolfs Erinnerungen: Heute Lodz, 1996

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 10.11.1996. Weißt Du noch?
Champions-League 1996/97, vorletztes Spiel in der Gruppenphase im Widzew-Stadion zu Lodz. 
Am Dienstag, den 9. November 1996 machte ich mich mit meinem Dortmunder Kumpel auf den Weg zu meinem BVB-Kumpel Jochen Täuber in Dessau. Er kommt ursprünglich aus Hattingen und wir sind schon in dieser Champions-League-Saison mit dem Auto eine Runde zuvor nach Atletico Madrid gefahren und haben den Auswärtssieg zusammen gefeiert.  In Dessau angekommen, warteten schon drei BVB-Fans von den Schwabenborussen aus Stuttgart auf uns. So hatten wir noch einen geselligen Abend in Sachsen-Anhalt bevor wir uns am nächsten Morgen nach dem Frühstück mit zwei Autos auf den Weg in die drittgrößte Stadt Polens machten. 

Szene aus dem 2:1-Sieg im Hinspiel in Dortmund: Jörg Heinrich versucht dynamisch eine Flanke zu verhindern

Die Entfernung Dessau – Lodz beträgt 570 km größtenteils über Autobahnen und führt uns beispielsweise via Cottbus durch so sehenswürdige Städte wie das niederschlesische  Breslau an der Oder entlang. Wir hatten uns alles schön ausgedacht. Eine Stadtbesichtigung inclusive opulentem Abendessen in Lodz. Plötzlich schon an der Autobahnauffahrt Dessau-Ost ein Stau und wir stehen natürlich mittendrin.

Da wollten wir schlau sein und die nächste Abfahrt runter, um auf der Landstraße weiter zu fahren, aber wir sahen schon von der Autobahn, dass auch dort bereits alles dicht war. Die Landstraße führt den Verkehr parallel zur Autobahn und war in Richtung „Osten“ total dicht. Naja, wir sahen es mit bitterem Humor, denn es blieb ja noch genügend Zeit, da das Spiel ja erst am späten Abend angepfiffen wurde. 
Nach einigen Stunden erreichten wir dann die polnische Grenze, danach nur eine 2-spurige Landstraße und ständig LKW´s vor der Nase. Ein Überholen war kaum möglich und nicht ohne Risiken. Es war schließlich ein „normaler“ Wochentag. Viele, auffallend hübsche Frauen standen entlang der Straße und haben uns zugewunken, sie waren alle sommerlich gekleidet... Aber wir mussten ja weiter, schließlich hatten wir schon genug Zeit verloren.

Die „Stuttgarter“ sind im weißen Mercedes vor uns hergefahren, bis sie ca. 150 km vor Lodz links abgebogen sind und die Strecke über Posen gewählt hatten. Trotzdem waren wir fast zeitgleich am Stadion. Damals hatte ich noch kein bequemes „Navi“ zur Verfügung, sondern musste mit einer herkömmlichen Straßenkarte und einen Stadtplan von Lodz „navigieren“. Als wir dann endlich im rund 120 Kilometer südwestlich der Landeshauptstadt Warschau gelegenen Lodz ankamen, war es schon dunkel und es wurde für uns immer schwieriger das Stadion mit dem Stadtplan zu finden.

Als wir an einer roten Ampel standen, war ein großer Geländewagen mit polnischen Lodz-Fans neben uns. Wir fragten sie, ob sie jetzt auch zum Stadion fahren und wir fuhren einfach hinter her. Auf einmal konnten wir das Stadion mit den riesigen Flutlichtmasten erkennen und sind schnurstracks zum Gästeblock. Dort angekommen waren die Stuttgarter auch schon da und berichteten von eskalierten Konfrontationen mit Reporter Marcel Reif in der City (Überliefert: „Herr Reif, dürfen wir Sie mal sprechen?“ – Antwort: „Für die Fans von Borussia Dortmund habe ich grundsätzlich keine Zeit mehr“). Zu dieser Zeit befanden sich die Konfrontationen mit dem schon damals stets tendenziös zu Lasten Borussia‘s berichtenden Medienmann auf dem Höhepunkt, was letztendlich im Verlaufe des Abends dazu führte, dass die BVB-Fans in Lodz 90 Minuten jedes BVB-Lied auf Reif „umgetextet“ intonierten. Andere berichteten uns von exquisiten Erlebnissen in der Bar "Pink Panther", wo viele Borussen in bester Laune in den Armen netter Mädels gastiert hatten... Der Parkplatz am Stadion war gottseidank bewacht. So konnten wir uns realtiv beruhigt auf dem Weg ins Stadion machen. Zu Essen gab es dort für uns nur eine fettige, derbe Paprikawurst mit Brot, welche uns die halbe Rückfahrt wieder hoch kam. Das Spiel endete 2:2 und wir waren vor dem letzten Spieltag punktgleich mit Atletico Madrid mit 10 Punkten als Tabellenzweiter sicher für das Achtelfinale qualifiziert. 
Es war – trotz 90-minütigem Dauerregen im 10.500 Zuschauer fassenden Widzew-Stadion – ein faires Spiel mit nur einer gelben Karte gegen Andy Möller. Die frühe Führung von Paul Lambert, der bereits in der 14. Minute nach Vorlage von Heiko Herrlich sein einziges Champions League-Tor für Schwarzgelb erzielte, glich im Gegenzug ein gewisser Dembinski nach Zuspiel eines alten Bekannten aus Rostocker Zeiten, Sławomir Majak, aus (15.).

Doch damit nicht genug. Kaum waren die Widzew-Anhänger wieder ruhig, ließ sie dieser quirlige Jacek Dembinski – durch Citko freigespielt – mit seinem Treffer zum 2:1erneut jubeln (20.). Kein Wunder, dass ihn anschließend der Hamburger SV verpflichtete. Jürgen Kohler, der personifizierten Zuverlässigkeit in Person war es dann vorbehalten, mit einer sensationellen Grätsche, wie sie weiland Wolfgang Weber berühmt machte im WM-Finale 1966, auszugleichen.



Borussia hatte einen schweren Stand und konnte letztlich mit dieser Punkteteilung sicher gut leben. Jetzt konnte Steaua Bukarest zum letzten Gruppenspiel nach Dortmund kommen (Endstand 5:3/Anm. d. Red.), bevor es dann ins Viertelfinale auf den Weg zum Titelgewinn 1997 ging. Unsere Rückfahrt verzögerte sich an der polnischen Grenze durch zugestellte PKW-Anhänger und Busse an der Straße. So gingen wir dort noch in ein „Bistro“ wo sich eher „düstere Gestalten“ aufhielten. Ich nutzte die Gelegenheit und kaufte mir von den letzten polnischen Zlotys eine kleine Flasche polnischen Wodka.



Den habe ich übrigens nie getrunken, sondern nur zum Fensterputzen benutzt. Der Verkäufer hatte mich fairerweise darüber informiert, dass ich den nicht trinken sollte, da man davon blind würde. So ging es dann mit billigem Sprit im Tank weiter bis nach Dessau, wo wir noch einen Kaffee getrunken haben bevor wir uns dann zurück auf den Weg nach Hause machen mussten. Insgesamt war es wieder eine sehr interessante Fahrt mit vielen Höhepunkten.

Quelle: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.fussballdaten.de




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