Meier: Ein Abschied mit Schmerzen (Teil 1)

Mai 2005: Die Tränen beim letzten Heimspiel waren unüberschaubar, als für Michael Meier der Abpfiff seiner mehr als 15-jährigen Tätigkeit für Borussia Dortmund ertönte. Der 55-Jährige nahm seinen Hut als BVB-Manager, weil sein Vertrag nach dem Beinahe-Crash des Vereins nicht verlängert wurde. Im Gespräch mit der Kirsche liess der urige Westfale ndie Zeit Revue passieren. Herr Meier, am 2. Dezember des Jahres 1989 bezogen Sie beim BVB den Schreibtisch in den Katakomben der Nordtribüne. Können Sie uns mal schildern, wie es damals beim gerade frisch gekürten DFB-Pokalsieger aussah. Ich hatte damals ein Gespräch mit Dr. Gerd Niebaum. Er hat mir die ungeschminkte Lage des BVB geschildert, wobei wir zu diesem Zeitpunkt nicht so die Ahnung von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hatten.Er hat mir gesagt, dass, wenn wir vernünftig arbeiten, in diesem Unternehmen eine unheimliche Dynamik drin ist. Dann gab es ein Spiel in St. Pauli, welches wir nach Führung mit 2:1 verloren. Plötzlich gab es noch Streit zwischen Zorc und Möller unter der Dusche. Am nächsten Tag bin ich angetreten und wurde der Mannschaft vorgestellt. Einen Tag später gab es dann eine Mannschaftssitzung, wo man dann merkte, dass es doch erhebliche Schwierigkeiten gab. Andreas Möller war nicht integriert, Rummenigge war noch nicht integriert, Thomas Kroth auch nicht - dass waren alles Leute die sich noch nicht ins Gefüge Borussia eingefunden hatten. Es gab also mehrere Fraktionen und war mir sofort klar, dass man daran arbeiten muss, sprich, da musste der Hebel zuerst angesetzt werden. Was waren die anderen Prioritäten, bzw. welche einschneidenden Maßnahmen, infrastruktureller Art waren es, die eine Weichenstellung für die erfolgreichen 90er Jahre ebneten? Auf der Agenda gab es zu dieser Zeit drei Dinge. Den Bau eines eigenen Trainigsplatzes, den Bau eines Stadions und den Bau einer Geschäftsstelle, weil wir räumlich stark eingeengt waren mit unseren Eineinhalb Räumen. Dazu sollte dann die Mannschaft in eine höhere Region geführt werden. Das ist uns ja dann auch in den 90iger Jahren gelungen. Das war das, worum man mich gebeten hatte, dass galt es anzupacken. Ich habe mich in der Geschäftsstelle durchaus auch wohl gefühlt unterhalb der Nordtribüne. Wir haben da auch 50 Mio. D-Mark Umsatz gemach auf 120 m² , wobei wir uns da schon gegenseitig ziemlich auf dem Schoß gesessen haben. Aber wir haben da ganz doll zusammen gearbeitet. Es hat mir nichts ausgemacht, ich kam damals vom 1. FC Köln über den Umweg Leverkusen, die schon Bürogebäude hatten, die sich sehen lassen konnten. Wir hatten da aber die Treue und die Loyalität unserer Fans und so gut hat es damals wirtschaftliche auch nicht ausgesehen. In den Katakomben unter der Nordtribüne, im Vorraum der winzigen Geschäftsstelle, hing die Pinnwand, wo dann Walter Maahs die vergebenen Jahreskarten persönlich in Nadelform eingesteckt hat…   Ja, nachdem die Pinnwand abgeschafft wurde, hatte er so eine Wand, wo die Plätze der Dauerkarten noch gesteckt waren, das waren quasi die ersten Vorläufer zur EDV. Das war sicherlich seine eigene akribische Art der Verwaltung mit diesem Stecktafelsystem, wir wollten sie ihm zum Abschied eigentlich schenken, aber er wollte sie dann nicht annehmen (lacht). An dem Tag an dem Sie zu uns kamen, lernten wir uns bereits im Rahmen "engagierter Fanarbeit" für den Erhalt des Fanprojektes im Fritz Henßler-Haus kennen. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern. An diesem Tag wurde mit Ihrer Mithilfe diese gute Institution gerettet. Kurz darauf schufen Sie mit den Fandelegiertentagungen eine Plattform, auf der die organisierten Anhänger von Borussia immer konstruktiv mit dem Verein um ihre Belange gestritten haben. Mal Hand auf’s Herz: Hatten die Fans – Beispiel Möller Rückholaktion – wirklich Einfluss auf derartige Geschehnisse im Verein, oder war es gute PR?  Schön dass Sie sich daran erinnern. Als ich damals hier anfing, gab es auch eine tendenzielle Meinung unter den Fans, die war auch nicht so positiv gegenüber der Vereinsführung. Es fand ja dann auch ein Wechsel statt. Dann hieß es wir sind nicht mehr der „Verein Borussia Dortmund“, so wie wir uns das vorstellen. Wir waren damals schon sehr überrascht, wie heftig die Fans da reagiert haben und haben dann dementsprechend agiert. Wir haben damals auch mit Ottmar Hitzfeld gesprochen, und uns schon überlegt, wie die Fans das wohl aufnehmen würden. Es war also keine Show. Wir hatten dann drei Tage später ein Gespräch mit Andreas Möller, wo auch er großen Respekt zeigte und sich gefragt hat, wie wohl die BVB-Fans reagieren würden im Falle einer Rückkehr, weil er auch sehr gerne kommen würde. Wir haben uns genauso Gedanken gemacht wie er auch, wie die Fans ihn aufnehmen. Gottseidank aber haben unsere Fans ihn ja nach Bekanntgabe auch sehr gut aufgenommen. Wir haben uns das damals schon gut überlegt, was aber nicht heißt, dass wir uns im negativen Fall nicht eventuell auch anders entschieden hätten, das will ich ehrlicher Weise auch einräumen.   Ich erinnere mich noch an einen Dienstagabend, wo wir mal wieder fruchtbar miteinander im legendären „Boxerraum“ diskutiert haben. Am nächsten Tag wurde dann Jan Koller um 10 Uhr vorgestellt. Das hätte man uns ja dann auch ruhig mal sagen können. Dann geht man in den Mittwoch hinein, nachdem man die Pressekonferenz verfolgt hat und denkt sich, na ja, soviel vertraut er uns ja dann wohl doch nicht...   Es ist sicherlich so, dass man auch sagen muss, das viele Dinge, die bei den Fantagungen gesagt wurden, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Da war ich auch besonders stolz drauf, dass man bei solchen Dingen nach außen hin dicht halten konnte. Wir haben über viele interne Dinge gesprochen, die auch jeden Journalisten interessiert hätten. Aber in der Endphase war es so, dadurch das viele Fans ihren Internetauftritt hatten und so auch einige Berichte verfälscht dargestellt wurden. Das sage ich nur aus meiner Sicht und da bin ich halt ein bisschen vorsichtiger geworden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich nie das Gefühl das da irgendwas unangenehmes raus kommen würde.   Das Wort „Dachverband“ war Ihnen immer ein rotes Tuch. Warum haben Sie sich eigentlich in all den Jahren immer gegen die Gründung einer Fanvereinigung gewehrt?    Ja ich habe gesehen, was da in den einzelnen Vereinen passiert ist, in denen da Verbände gegründet worden sind und glaubte eigentlich, dass diese Institution die wir da hatten, optimal war. Am Anfang war ja nicht so eine rege Beteiligung, dass muss man einfach mal sagen, das war schon ein sehr kleines Publikum was daran aktiv beteiligt war und da wurde ja dann auch relativ intim diskutiert. Dann gab es da viele Dinge, die auch bedingt durch den Erfolg eine Rolle gespielt haben. Ich glaubte auch immer das durch die Gründung eines solchen Fanreliktes, was ja auch nicht unbedingt eine hohe Akzeptanz gefunden hat, dieses Verhältnis zueinander kaputt gehen könnte. Wir haben uns dann darauf verständigt, dass das Fanprojekt sich weitesgehend mit der Gruppe der Hooligans beschäftigte. Das war ja auch ein Teil unserer Fanarbeit. Ich habe da nicht unbedingt das organisierte Fantum gesehen, weil ich einfach auch Respekt vor dem hatte, was so in den einzelnen Fanclubs entstanden ist. Viele waren sehr stark in ihrem sozialen Engagement. Man konnte bei den einzelnen Besuchen der Fanclubs feststellen, dass die eine „eigene Politur“ hatten, die unterschiedlicher Natur war und das ist eben durch viel Eigeninitiative entstanden. Und ich hab immer gesagt, warum soll ich jetzt hier so eine „Verwahranstalt“ gründen, und diese Eigeninitiative hinten anstellen? Das entsprach ja durchaus den Tatsachen, dennoch… Nein! Ich glaubte auch eine eigene Koordinierungsstelle im Verein selbst zu haben, durch zentrale Abwicklung von speziellen Karteninteressen, Auswärtsfahrten, Ausbau des Stadions und hinterher die Koordinierung bei internationalen Spielen. Ich hätte auch einen Dachverband gegründet, wenn das Interesse wirklich da gewesen wäre. Das muss man fairer Weise auch sagen. Und ich bin auch jemand, der durch diese ganzen Diskussionen gestärkt wurde und immens reicher geworden ist. Es war auch nicht immer einfach, durch diese Diskussionen zu gehen. Aber wenn ich dann nach Hause kam, habe ich schon festgestellt dass es mir viel bringt zu erkennen, was so im Einzelnen in unserer heterogenen Fanszene los ist und was die Leute bewegt.    Ja, mutet es aus Ihrer Sicht dann nicht geradezu als Treppenwitz an, dass dem Vernehmen nach ausgerechnet die neue, im Zuge der Krise ins Leben gerufene Fan-Abteilung des Vereins dafür gesorgt haben soll, dass Ihr Kontrakt über den 30. Juni hinaus nicht verlängert wurde? Also, diejenigen die darüber entscheiden bei Borussia Dortmund haben mir gesagt, dass das nicht der Grund dafür gewesen ist. Und das die Fanabteilung nicht gewünscht hat, dass mein Vertrag verlängert wird, ist ganz klar. Ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass man mit mir den Dialog aufrecht erhält und man sagt, da müssen wir mit Dir Meier mal drüber reden. Aber man hat nicht mit mir, sondern nur über mich gesprochen und das fand ich schade.  Auch dass das nur in den Medien so gesagt wurde mit der Fanabteilung, stört mich.   Das hat Ihnen sicher weh getan, oder?   Ja. Ich habe immer gesagt, man muss sich Kritik stellen. Und weil ich das immer gesagt und getan habe, hätte ich eigentlich erwartet, dass man mit mir auch so umgeht und mir das sagt. Da das so nicht passiert ist, empfand ich das als einen nicht fairen Umgang mir gegenüber. Aber es gab ja immer schon Situationen, wo man meinen konnte, dass im Verhältnis Meier/Fans „Welten“ aufeinander prallen. Ich erinnere nur als Beispiel an Ihr Aufsehen erregendes Spiegel-Zitat vom April 2001, als Sie die für Samstagsspiele um 15:30 Uhr eintretenden Fans wie folgt abwatschten: "Da ist eine Lawine losgetreten worden, die Fans wurden instrumentalisiert. Und jetzt machen viele nur mit, weil alle das tun, und denken nicht mehr nach, was sie eigentlich wollen. Ich finde die Argumentation nicht überzeugend. Deshalb gestattet mir die Frage, ob ihr nicht fehlgeleitet seid." Damit stellten Sie öffentlich die „Legitimation“ für die Fanproteste infrage... Die Aktion Pro 15:30, deren Diskussion ich mich ja dann auch gestellt habe. Eines war mir nicht ganz klar vorher, was mir dann hinterher erst aufging, dass ein Sonntagsspiel für einen auswärtsfahrenden Fan ein echtes Problem ist. Ich habe das damals einfach so nicht berücksichtigt. Als mir dann gesagt wurde, wir kommen dann teilweise erst Nachts um eins nach Hause, dass war ein Umstand, den hatte ich einfach nicht in dem Maße berücksichtigt. Das war einfach nicht O.K. Ich bin immer nur von Heimspielen ausgegangen in meinem Ansatz und bin zu kurz gesprungen in den Argumentationen. Aber ich wollte auch nur da darauf hinweisen, dass es „Profifußball“ ist, und Profifußball finanziert sich nun mal weitestgehend aus den Fernseheinnahmen.   Diesen Einwand kennen wir… Ja, aber da mache ich mir am meisten Gedanken drüber, weil sich das diese Saison noch mal bestätigt hat. Und da muss man sagen, wenn man die Kontinuität halten will, die man in früheren Jahren eigentlich von uns erwarten konnte, ist das nur möglich wenn du auch dementsprechend spielst. Damals waren die Verträge so werthaltig, die es ja auch ermöglicht haben zu sagen, wir bauen jetzt ein eigenes Stadion. Man muss auch erwähnen, dass aus den Fernsehgeldern nicht nur die Gehälter für die Spieler geflossen sind, sondern dass wir uns auch in anderer Form wirtschaftlich betätigen konnten. Wenn ich mich jetzt mit dem Profifußball insgesamt beschäftigte, muss ich auch sagen, O.K. ich will natürlich auch die Kultur. Es muss natürlich auch einen Einklang mit dem Fernsehen geben und der Fankultur, wie schwer der Spagat auch immer sein möge. Ich sage heute, ich habe aus der Diskussion auch einiges gelernt, und warum soll nicht auch ich schlauer werden. Ich würde hier jetzt gern mal das Thema wechseln. Ich wollte Ihnen eigentlich den Ball zuspielen und sagen: Andy Möller führt den Ball im Mittelfeld, passt Lars Ricken in den Lauf und dieser lupft über Angelo Peruzzi zum 3:1 ins Netz. Spiel, Satz und Sieg. Borussia Dortmund holt die Champions League- und das ausgerechnet in München... Dieses Spiel habe ich in Trance erlebt. So etwas habe ich danach noch nie wieder gesehen. Und habe mir gesagt, das werde ich mir noch einmal ansehen, wenn ich nicht mehr für Borussia Dortmund tätig bin. Obwohl ich nicht geglaubt habe, dass das so früh kommen wird. Ich habe den Günter Netzer gefragt nach seinem Ausstieg beim HSV: Warum hörst du ausgerechnet jetzt auf? Da hat er mir gesagt, da sitzt Du da in Athen, holst den Europapokal und da geht Dir alles durch den Kopf nur eins nicht, dass du jetzt Europapokalsieger bist. Du musst die Feier organisieren, du musst das und das und das tun. Du kannst das überhaupt nicht genießen. Als Manager bist Du da voll eingebunden. Ich habe mal den Spruch geprägt, es ist ein faszinierender aber undankbarer Job den man da macht Und daran habe ich mich erinnert, als ich in München war. Du sitzt da, atmest durch und schon wird man wieder kritisiert. Warum willst du fünf Spieler wegschicken und so weiter. Genießen kann man so einen Erfolg nur, wenn man nicht selber aktiv dabei ist. Das Highlight in 15 spannenden Jahren, oder gab es ein Ereignis, das noch einprägsamer war? Nein, für mich am faszinierenden war, als wir die Aktion gegen die Ausländerfeindlichkeit ins Leben gerufen haben. Sie können sich bestimmt noch daran erinnern, dass wir lange Diskussionen hatten, was den aufkeimenden Rechtsradikalismus angeht. Wir haben dann diesen Aufruf gemacht, als wir alle Ausländer im Fußball am Mittelkreis versammelt hatten. Da habe ich mir gedacht, da müssen wir ansetzen. Dann gab es ja diese Aktion mit der japanischen Pianistin. Ich war da sehr skeptisch. Ich dachte das funktioniert nicht. Aber der Manager von ihr stellte sich ans Mikro und bat das Stadion um Ruhe. Und auf einmal war die ganze Südtribüne ruhig. Als das so diszipliniert ablief, da ging mir auch ein Schauer durch den ganzen Körper. Das war schon eine tolle Geschichte. Und auch bei der Meisterschaft 1995, als die ganzen Fans mir "Danke" sagten, da habe ich gedacht wofür? Du hast doch nur deinen Job gemacht. Diese Dankbarkeit - auch mir gegenüber - fand ich schon sehr beeindruckend.  Und wenn wir diese Frage stellen, gehört es sich auch, danach zu fragen, was Ihnen unangenehm in Erinnerung geblieben ist...   Wenn man zurückblickt erinnert man sich meistens in erster Linie an das Positive. Das Negativste waren ganz klar die letzten 14 Monate. Es war für mich persönlich eine Zeit in der ich eine Menge gelernt habe. So was muss man nicht unbedingt haben und man kann auch drauf verzichten. Aber ich habe immer gesagt, ich werde mich nicht verbiegen lassen, sonst hätte ich mich der Situation auch nicht gestellt. Und man erlebt dann in dieser Phase natürlich auch einschneidende Dinge, mit denen man so nicht gerechnet hat. Im Teil 2 sprechen wir mit Michael Meier über Helden, Deppen und vermeintliche Starspieler, über sein Verhältnis zu Niebaum, Homm und Saran und den ungeliebten Nachbarn in der Nähe von Herne...  Holger W. Sitter - 27.05.05


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