Meier: Ja, wir haben auch Fehler gemacht (Teil 3)

Dritter und letzter Teil des Kirsche-Gesprächs im Mai 2005: Michael Meier über Fehler, die Verpflichtung von Bert van Marwijk als BVB-Trainer und... Im Oktober 2004 haben Sie in einem Interview in der WAZ gesagt:“ Mit dem Wort Finanzkrise sollte man vorsichtig sein.“ Man war angesichts der vorliegenden Zahlen geneigt, Ihnen ein sonniges Gemüt zu unterstellen, denn nur ein Quartal später wurde dann die Zahlungsunfähigkeit eingeräumt…

Zahlungsunfähigkeit haben wir nicht gemeldet. Da lege ich Wert drauf. Wir haben in unserer Jahreshauptversammlung gesagt und das steht auch in unserem Finanzbericht, dass es bestimmter Maßnahmen bedarf, um nicht die Bestandsgefährdung des Unternehmens Realität werden zu lassen. Das haben wir klar und deutlich im Vorfeld gesagt. Wir haben dann die Kapitalerhöhung gemacht. Wir wären ja nie zu einer Gläubigervereinbarung gekommen, wenn es so ausgesehen hätte, dass es hier nichts mehr zu holen gibt. Das muss man ja klar und deutlich sagen. Und das Sanierungsprogramm basiert auf der Grundvoraussetzung, dass alle ihre Gelder zurückerhalten. Wenn wir das so in der Form nicht könnten, dann wäre das Unternehmen kollabiert. Das konnten wir ja noch. Da lege ich auch Wert drauf. Da muss man sich dann auch das Sanierungskonzept genauer anschauen. Es ist ja so ausgelegt, dass wir die Verbindlichkeiten ja auch zahlen können.

Was entgegnen Sie einem Fan, der Ihnen sagt: Euer Finanzgebaren hat uns an skrupellose Finanzhaie wie Homm oder Sarin ausgeliefert? Verstehen Sie so etwas?

Also, ich möchte über die einzelnen Personen, wie Homm zum Beispiel, kein Werturteil abgeben. Wir kennen sie ja im Umgang miteinander. Aber das ist ja auch nicht die Geschichte, dass der Homm und der Saran sich an Kapital von Borussia Dortmund beteiligen können. Wir sind denen aber nicht ausgeliefert, denn die Gesellschaftsform der KGaA erlaubt ihnen nun mal nicht, den Einfluss zu nehmen, den sie glauben zu haben.
Es gab viel Kritik der Anleger an Ihrer Abwesenheit am 14. März in Düsseldorf. Wären Sie lieber an dem Tag, als die Molsiris-Anleger über Wohl und Wehe des „Unternehmens Borussia Dortmund“ abgestimmt haben, persönlich dabei gewesen?

(Überlegt) Sie gestatten mir, dass ich diese Frage nicht beantworte.
Zurück zum Ursprung, dem Börsengang im Jahr 2000: Dem Führungsduo Niebaum/Meier ist allenthalben damit einhergehender Größenwahn attestiert worden. Sie haben das abgetan mit Sätzen wie: „Das sind diese Neunmalklugen“ und „Ich bereue gar nichts.“ Aber es sind doch sicher einige Entscheidungen falsch gewesen. Klären Sie uns doch mal auf... 

Wenn Sie in so eine Situation kommen, in die wir gekommen sind, dann müssen wir ein paar Fehler gemacht haben. Das ist völlig klar. Die sind ja von uns aus auch eingeräumt worden. Es ist ja nicht so, dass wir gesagt haben, ich habe hier nur Neunmalkluge. Das ist ein Begriff gegen den ich mich gewehrt habe. Im Nachhinein zu beurteilen, das hätte man besser so, so oder so machen sollen, ist immer einfach. Dass wir Fehler eingeräumt haben, ist unumstritten. Wir haben uns ja nur über die Art der Berichterstattung gewundert, die in meinen Augen eine Kampagne darstellte. Es ist ja auch heute zu erkennen, dass es eine solche war.
Die heutigen Zahlen lesen sich immer noch grausam, auch wenn nach so einer Rückrunde niemand mehr von Insolvenz spricht. Stört es Sie, dass auch Ihr Name untrennbar mit dem wirtschaftlichen Niedergang Borussias genannt wird?

Ja.

Nachdem Dr. Gerd Niebaum seinen Hut genommen hatte, richtete sich die Kritik ja auch gegen Sie, als weiteren verantwortlichen Geschäftsführer. Worauf Sie sich natürlich zur Wehr gesetzt haben. War es ein Fehler, diese Stimmung des Volkes, nur für eine Minderheit zu halten? Die zog sich immerhin durch alle gesellschaftlichen Schichten.

Wissen Sie, wenn ich heute eine klare und deutlich positive Haltung der Gläubiger gegenüber meiner Person sehe, und das schriftlich, das ist wichtig. Sie haben mir das Vertrauen ausgesprochen. Es stört mich, wenn dann die, die nicht Gläubiger sind, darüber urteilen. Entscheidend ist doch, wie ich den Leuten gegenübergetreten bin, die Borussia Dortmund das Geld geliehen haben. Und das man sagt, ich hätte betrogen und belogen, das überschreitet auch meine Grenzen. Ich bin gerne bereit, das wissen Sie auch, mich diesen Gesprächen zu stellen. Entscheidend ist doch die Reaktion der Gläubiger. Die haben mir das Vertrauen ausgesprochen.

Wo bleibt denn der Mensch Michael Meier, zwischen Fandemonstrationen hier, Schulden, Machtkämpfen und den Kommentaren in den Zeitungen? Ist der einsam?

Ich habe mich einsam gefühlt, sicherlich. Auf der Mitgliederversammlung war ich sehr einsam. Als ich versucht habe, das Ergebnis, was wir da an Zahlen vorgelegt haben, zu rechtfertigen. Durch die Kritik war ich sehr getroffen und so habe ich mich auch gefühlt. Es gibt viele Fans, denen es Leid tut, die aber durchaus auch Kritik üben an meiner Person.

Einer sitzt vor Ihnen! Ja, das ist ja auch in Ordnung, denn die Fragestellung ist ja auch gerechtfertigt. Es gibt viele im Verein Borussia Dortmund, denen es genauso Leid tut. Es ist aber trotzdem schmerzlich, den Verein verlassen zu müssen, das ist ganz klar. Man hat mir leider nicht mehr die Chance gegeben, das Sanierungskonzept zu Ende zu bringen, was eigentlich schade ist. Man hat mir aber wenigstens die Chance gegeben, meine Arbeit bis zum 30. Juni zu machen. Für die Familie war es auch nicht einfach. Sie stand immer an zweiter Stelle, nicht an erster, denn da stand der Verein. Damit hatte sie sich auch abgefunden. Und wenn man dann so in die Kritik gerät, gerade für die Kinder in der Schule ist es nicht einfach, spürt die Familie das schon am meisten. Der, der in der Kritik steht, bekommt das nicht so mit, aber für die Familie ist es sicherlich nicht einfach. Das ist das, was ich persönlich von mir preisgeben kann.

Wie immer im Leben: Aus einer Krise kann man gestärkt hervorgehen. Der BVB hatte zuletzt die jüngste Mannschaft auf dem Feld. Sie hatten nach der letzten Meisterschaft 2002 gesagt: „Unsere jungen Spieler haben schon einmal mitbekommen, was es bedeutet, Deutscher Meister zu werden. Sie haben jetzt das Rezept, wie es geht, im Tornister.“ Scheint so, als wäre beim BVB aus der Not eine Tugend geworden, oder?

Das will ich so nicht sagen. Das hängt auch immer damit zusammen, ob man bereit ist, den Weg zu gehen. Bert van Marwick hat immer gesagt, wenn sie spielen können, dann lass sie doch spielen. Florian Kringe ist so ein Beispiel. Und es ging ja auch ganz prima. Er macht Spieler besser, das muss man sagen. Und ich habe auch lieber Spieler aus den eigenen Reihen, am besten noch aus dem Dortmunder Umfeld. Wer will die eigenen Leute nicht spielen sehen? Ein Lars Ricken hat jetzt wieder eine Form, die er bei Sammer nicht zeigen konnte. Und er stellt ja auch keine Forderungen. Den einzigen, den er wirklich haben wollte, war van Bommel. Er hat nie gesagt, ihr müsst mir den und den und den holen, sondern hat immer gesagt, ich arbeite mit denen die da sind, fertig. Und er hat auch eins geschafft, er hat das Team wieder gefestigt und intakt gemacht. Und er ist ehrlich.

Das war Sammer auch. Aber van Marwijk setzt sich in Schalke hin und sagt in der Stunde des Triumphes: "Den Sieg haben wir nicht verdient". Das ist unglaublich.

Ja, er ist ein Guter! Er hat einen tollen holländischen Humor. Dazu ist er ein guter Fußballkenner und ein absoluter Sympathieträger. Das sagt Ihnen jeder, nicht nur in Dortmund, sondern in der ganzen Bundesliga.

Apropos: Die Mannschaft hat Ihnen ja ein besonderes Abschiedsgeschenk gemacht und endlich mal wieder gegen die Blauen gewonnen. Sie und Rudi Assauer hat ja immer eine besondere Beziehung umgeben, Scharmützel der Extraklasse. Der Begriff „Kaschmir-Hooligan“ hat inzwischen Kultstatus...

Ich hab das positiv gemeint. Es sollte nichts als eine sympathische Beschreibung sein. Erstens hat er auch immer feine Sakkos an und zweitens hab ich ihn eigentlich mehrmals gesehen, wie er da mit der dicken Zigarre auf’n Platz gelaufen ist und sich dort mit der Trainergilde auseinandergesetzt hat. Immer auch mit Körperkontakt. Deshalb, er ist einer der lebt und ich find ihn authentisch, wenngleich er ein völlig anderer Mensch ist und rustikalere Methoden hat. Assauer ist einer, der in diese Branche passt und mit dem es sich auch lohnt, sich zu reiben. Er fand das nicht so gelungen, aber seine Freundin (Schauspielerin Simone Thomalla/Die Red.) hat mir mal gesagt, sie hätte das ganz sympathisch gefunden. 

Na, die muss es ja wissen. Kann es nicht sein, dass Sie sich eigentlich gut verstehen und für die Öffentlichkeit ab und an mal ein paar Funken schlagen?
Nein, nein, nein. Es gibt Kollegen in dieser Branche - aber keine Freunde. Es geht um Sieg und Niederlage, und das ist das Grundproblem. Ich finde ihn durchaus authentisch, und er ist ein guter Mensch. Er passt in diese Branche.
Jetzt ist Blauweiß ja nach langer Zeit mal wieder an uns vorbeigezogen. Das schmerzt uns alle...

Seit 2000 das erste Mal!

Haben sie uns überholt?

Spielerisch und sportlerisch gesehen, bauen sie momentan ja weiter an ihrer Mannschaft. Wir haben ja gesehen, beim letzten Spiel haben wir Dusel gehabt. Aber diese Mannschaft bringt nicht die Leidenschaft, um im direkten Vergleich zu bestehen. Aber langfristig gesehen denke ich, wird dort in Schalke positive Arbeit geleistet. Aber wenn sie jetzt noch den Kurranyi holen oder sogar Forssell kriegen, haben sie sicher gute Perspektiven.

Angesprochen auf den bevorstehenden Abschied bei Borussia sagten Sie, es falle schwer, den BVB zu verlassen, aber Sie seien dankbar dafür, dass Sie bei Borussia 15 1/2 Jahre arbeiten durften und der Verein die Geduld hatte, Sie zu ertragen. Wo werden wir den engagierten Arbeiter Michael Meier wiedersehen. Bei der UEFA, wie kolportiert wurde, oder doch bei der DFL in Frankfurt, die Sie ja schon einmal wollte? Wären das Perspektiven?

Dieses DFL-Angebot aus Frankfurt war damals eines, was ich abgelehnt habe, weil ich Borussia Dortmund nicht verlassen wollte. Gut, wenn ich damals schon die Entwicklung hier gesehen hätte, wäre die Entscheidung sicherlich anders getroffen worden, das ist völlig klar. Ich kann mir aber auch vorstellen, außerhalb des Fußballes tätig zu sein, auch wenn es logisch wäre, sich weiter mit dem Fußball zu beschäftigen. Dafür hat man einfach ein zu starkes Netzwerk aufgebaut in all den Jahren. Innerhalb der Liga zu wechseln, geht jetzt erst einmal gar nicht, da braucht es noch Zeit. Aber ich kann jetzt noch nicht sagen, was ich machen werde.

Ein Spieler, der bei einem Verein 15 Jahre derartige Treue bezeugt, bekommt ein glamouröses Abschiedsspiel. Sie haben stattdessen an die Fanclubs einen persönlichen Brief geschrieben. Wird es trotzdem noch eine richtige Verabschiedung geben?

Ich werde mich hier von den Angestellten von Borussia Dortmund still verabschieden. Man muss das ja auch richtig stellen. Einige Leute haben ja gesagt, ich solle öffentlich verabschiedet werden. Ich wollte das aber nicht. Erst einmal ist dieses grüne Karree nicht mein Spielfeld. Das ist den Trainern und Spielern vorbehalten und zweitens wäre mir das persönlich zu schwer gefallen, man hat’s ja gesehen. Das wollte ich eigentlich verhindern. Ich werde das jetzt auf anderer Ebene verarbeiten, ich muss nach vorne schauen, und das werde ich jetzt auch tun. Ich scheide hier absolut nicht im Groll. Das ist nicht meine Art und ich hab auch nicht das Gefühl, dass das von der anderen Seite gewollt ist. Insofern sag ich mal: Ich bin hier noch geduldet (lacht).

Dann darf ich Ihnen auch im Namen unserer Redaktion alles Gute auf Ihrem weiteren Weg wünschen.

Danke, und vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder. Holger W. Sitter - 31.05.05


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