Rolfs Erinnerungen: Heute Chemnitz, 1990

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 02.10.1990. Weißt Du noch?
Uefa Cup 1990/91, 1. Runde im Sportforum Ernst Thälman
Die 1. Runde in der UEFA-CUP-Saison 1990/91 führte uns nach Westsachsen zum Chemnitzer FC am Dienstag den 2. Oktober 1990. Und weil das Spiel um 20:00 Uhr angepfiffen wurde, konnte man sich anschließend auf die Stunde null einstimmen.

Da ich für dieses Spiel niemand hatte, der mit mir mitfahren wollte, machte ich mich am frühen Dienstagmorgen eben alleine auf dem Weg nach Chemnitz ins abenteuerliche Südwestsachsen (Die Stadt war erst vor wenigen Monaten von Karl-Marx-Stadt wieder in Chemnitz umbenannt worden). Auf der Autobahn dorthin habe ich dann einen alten Kumpel wiedergetroffen mit dem ich vor ein paar Monaten noch mit dem Bus zum WM -Viertelfinale Deutschland – CSSR nach Mailand gefahren bin und seitdem aus den Augen verloren habe. So tauschten wir dann auf einem Rastplatz erstmal die Telefonnummern aus. Auf dem Hinweg mußte ich noch durch die vollständig existierende DDR fahren und wurde auch an der Grenze kontrolliert. Auf dem Rückweg am nächsten Tag gab es dann ja keine Grenze mehr – wir waren inzwischen alle die Bundesrepublik Deutschland aber dazu später mehr.



Am frühen Nachmittag erreichte ich dann das „Sportforum Ernst Thälmann“ in Chemnitz. Etliche Busse kamen zeitgleich an aus Westfalen und so habe ich dort noch einige bekannte BVB-Fans getroffen und auch meinen Kumpel, den ich auf der Autobahn wiedergesehen habe. 

Im kleinen, offenen Stadion waren 11.904 frohgelaunte Zuschauer - etwa 2200 davon BVB -Fans - und bereits kurz vor dem Anpfiff wurden Raketen und Böller gezündet. So etwas hatte auch ich zuvor noch nicht gesehen. Und in der ganzen Stadt gab es überall Feuerwerk zu kaufen und man konnte es ohne weiteres auch mit ins Stadion nehmen – die Feierlichkeiten der Deutschen Einheit hatten halt alle erfasst. Die Fans auf beiden Seiten brannten während des kompletten Spiels ihr Feuerwerk ab oder schossen Leuchtspurmunition in den Nachthimmel, was ein sichtlich begeisterter, rotbäckiger Heribert Faßbender in der ARD – im Gegensatz zur heutigen Zeit – durchaus zu würdigen wusste in der Primetime. Andere Zeiten, andere Sitten.

Unser BVB ließ sich davon allerdings nicht irritieren, behielt gegen die Elf von Kapitän Rico Steinmann vor den Augen des englischen Schiedsrichters Hackett stets die Oberhand und gewann das Spiel durch Tore von Thomas Helmer (25.) und Michael Rummenigge (50.) letztendlich verdient mit 2:0.



Nachdem wir das Hinspiel im Dortmunder Westfalenstadion ebenfalls glatt mit 2:0 gewonnen hatten, sind wir mühelos eine Runde weitergekommen. Der Trainer vom CFC war damals übrigens kein geringerer als Hans Meyer, dessen Zeit ja erst noch kommen sollte (u.a. Nürnberg, Berlin und Mönchengladbach), nach insgesamt 14 Jahren in Jena, Erfurt, und eben in Chemnitz. 

Mein Kumpel wollte am Abend noch die Einheit feiern, allerdings in Leipzig. Da wollte ich nicht mit, sondern begab mich anschließend ins Zentrum von Chemnitz. Nachdem ich einen Parkplatz vor dem Rathaus gefunden hatte, ging ich in eine für die damalige Zeit in der DDR etwas spartanische Disco. Dort habe ich dann ein Chemnitzer Mädel kennengelernt und den ganzen Abend mit ihr verbracht und einfach die Einheit gefeiert.

Eigentlich wollte ich ja in der Nacht noch nach Hause fahren, doch da hatte mir meine Schöne angeboten, bei ihr auf einem Gästebett zu übernachten. Ein bekanntes Pärchen von ihr schlief ebenfalls bei ihr und es versprach lustig zu werden. Sie wohnte auch ganz in der Nähe, sodass ich mein Auto mitten in der Stadt vor dem Rathaus stehen gelassen habe. Apropos: Besonders beeindruckend war es rund um das Rathaus kurz vor Mitternacht. Dort hatten sich mehrere Hundert „DDR-Bürger“ eingefunden mit brennenden Kerzen in der Hand. Sie alle einte die Sorge, was wohl ab null Uhr passieren würde mit ihnen – jetzt wo sie sich anschickten, ihre gesamte Identität und ihr Land per Annektierung zu verlieren.



Am nächsten Tag haben wir alle gemeinsam auf ihrem Balkon gefrühstückt und anschließend wollten sie alle mir noch etwas von der Stadt zeigen. So gingen wir zu meinem Auto und ich traute meinen Augen nicht, überall Böller, Raketen und Bierflaschen vor, neben und auf meinem Auto. Gottseidank war noch alles heile und auch Kratzer habe ich keine gesehen. Vor dem Rathaus stand da noch ein riesiger Kopf von Karl Marx der später abgerissen werden sollte, aber bis heute noch über der Stadt thront. Neben diesen irren Plattenbaugebieten hat Chemnitz auch für diese Stadt typische Gründerzeitwohnhäuser zu bieten. Die „Galerie Roter Turm“ und auch die Klosterdörfer Bernsdorf, Gablenz und Kappel sind auf jeden Fall eine Besichtigung wert.



Am Nachmittag waren wir noch in einem Cafe etwas ausserhalb der Stadt Kaffee trinken. So konnte ich noch ein Foto vor dem Ortseingangschild machen. Auf dem Parkplatz standen ausnahmslos Trabbis (siehe Bilder), das war schon für Unsereinen ein etwas komischer und ungewohnter Anblick.



Anschließend verabschiedeten wir uns und ich machte mich wieder auf den Heimweg zurück ins Ruhrgebiet. Sie hatte noch kein Telefon, sodass ich nur ihre Adresse hatte. Etwa ein Jahr später fuhr ich mit meinem Kumpel zum Bundesligaspiel nach Dresden und ich wollte meine flüchtige Bekanntschaft zu Hause in Chemnitz besuchen. Leider war sie aber nicht zu Hause, sodass wir in der näheren Umgebung ein Lokal aufgesucht haben, um etwas zu essen. Was dann folgte, war eine faustdicke Überraschung: unsere Bedienung war tatsächlich meine Bekannte aus Chemnitz. Sie hat sich – wie ich übrigens auch – sehr gefreut mich wiederzusehen. Leider ist der Kontakt inzwischen verflogen. So ist das Leben.


Quelle: www.fussballdaten.de


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