Rolfs Erinnerungen: Heute Hamburg, 1976

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 14.09.1976. Weißt Du noch?
Der Bundesligastart in die Saison 1976/77 im Hamburger Volksparkstadion


Nach einigen Zweitligaspielen unter anderem in Münster bei den Preußen mit einem eiskalten 1:4 oder gegen Schwarz-Weiß Essen mit einem satten 3:0, kam ich zu meinem ersten Bundesligaspiel mit meinem BVB und das gleich beim amtierenden deutschen Pokalsieger Hamburger SV (2:0-Finalsieg gegen den 1. FC Kaiserslautern). Da ich damals noch in meiner Heimatstadt Hamm/Westfalen gewohnt habe und keinen Mitfahrer hatte, bin ich mit einem Fanbus von dort nach Hamburg mitgefahren. Die lustige Fahrt mit lauter Erstligahungrigen führte uns direkt zum damaligen Hamburger Volksparkstadion.

Der HSV war zu seiner Zeit noch eine absolute Spitzenmannschaft und erklärter Meisterschaftsfavorit in der Eliteliga. Bei Borussia Dortmund spielten damals unter anderem Kapitän Klaus Ackermann, Flankenkönig Lothar Huber, Burkhard Segler, und Helmut Nerlinger. Der BVB galt – obwohl Aufsteiger – damals als „Krösus“ der Liga und wurde in einem Atemzug mit Bayern München und eben dem HSV genannt. So hatte der BVB auch keine Mühe, sich adäquat mit Routiniers zu verstärken. Aus Berlin hatte man Erwin Kostedde (30) für 600.000 DM nach Westfalen gelockt, aus Essen kam „Schnäppchen“ Willi „Ente“ Lippens (31) für sensationelle 50.000 DM. Schon während der Saison wurde vom Bayerclub aus Uerdingen Manni Burgsmüller(27) für ebenfalls 600.000 DM verpflichtet, was ein ausgesprochen lohnendes Geschäft werden sollte die nächsten Jahre.  Der frisch dekorierte Aufstiegstrainer hieß damals übrigens Otto Rehhagel.

Beim HSV stand Rudi Kargus im Tor und davor Ikonen wie Manni Kaltz, Georg Volkert, Felix Magath, oder ein Torjäger namens Willi Reimann. Der Trainer bei den „Rothosen“ hieß in jenen Tagen Kuno Klötzer. Wenige Monate später sollten sie alle Europapokalsieger der Pokalsieger werden – nur um zu verdeutlichen, wie stark dieses Team damals war.

Der BVB riss HSV aus allen Träumen

Für 10.000 Borussen-Fans war dennoch dann mitten im Sommer im Hamburger Volksparkstadion Weihnachten. Sie schrieen sich die Kehlen heiser, jubelten, zitterten und konnten es am Ende doch nicht so recht fassen, was da soeben passiert war: In ihrem Bundesliga-Debüt hatte Borussia Dortmund vor 48.000 Zuschauern den Pokalsieger Hamburger SV aus dem 7. Himmel der Meisterschaftsvorfreude wieder unsanft auf die Erde zurückgeholt.
Der BVB aber hatte mit diesem 4:3-Sieg einen Start erwischt, an den wohl niemand zu hoffen wagte. Der Siegesjubel der Dortmunder Spieler wurde schon kurz nach dem Abpfiff gebremst. "Ihr habt es euch verflixt schwer gemacht, aber trotzdem allererste Klasse, wirklich Spitze", lobte Otto Rehhagel mit seinen ersten Worten in der Kabine seine Schützlinge und zog sofort die Bremse an: "Das soll jetzt nicht heißen, dass ihr eine Woche lang diesen Sieg feiern könnt. Saarbrücken wird genauso schwer, und auf dieses Treffen müssen wir uns gewissenhaft vorbereiten."

Dennoch: Die Freude am Traumstart, Traumtoren und traumhaft sicheren Spiel der Dortmunder vor der Pause konnte Rehhagel seinen Jungs nicht nehmen. Da staunt sogar Ex-Nationalspieler Willi Schulz: "So brandgefährlich, so selbstbewusst und so konsequent habe ich bisher noch keinen Aufsteiger erlebt." Bei den Dortmundern passte in der Tat alles an diesem Tag zusammen: Der Spielaufbau aus der Tiefe klappte nahtlos, im Mittelfeld sorgte der länderspielreif auftrumpfende Burkhard Segler (Foto rechts) immer wieder für neue Verwirrung in den Hamburger Reihen und im Sturm wurde herzhaft und gut geschossen. Tor Nr. 1 in der vierten Minute geht zu 50% mit auf Seglers Konto, weil er Hartl mit einem mustergültigen, langen Pass freigespielt hatte, am 3:0 durch Kosteddes tollen Volley-Schuss nach Hubers perfekter Flanke hatte er in der Entstehung ebenfalls Anteil. Wahlchancen zum "Tor des Monats" aber hatte auch das 2:0 durch „Pit“ Geyers Direktschuss nach einem sensationellen Hackentrick von „Ente“ Lippens.

In der Pause zeterte HSV-Trainer Kuno Klötzer lautstark in der Kabine: "Wir spielen jetzt alles oder nichts, totale Offensive, um wenigstens das Endergebnis zu verbessern." Und der wie verwandelte HSV zeigte dann auch deutlich, wo der BVB zu Beginn dieser ersten Saison nach der Rückkehr noch empfindlich zu treffen ist: Wenn die Deckung unter Druck steht, verliert sie den Kopf. Das Spielgeschehen änderte sich und die Partie schien trotz des klaren 3:0 noch umzukippen. Doch da erlöste Erwin Kostedde die wankenden Bierstädter mit einem Treffer, den eben nur ein Mann seiner Klasse in solch einer entscheidenden Phase mit einer Alleingang- Sololeistung erzielen kann.

Der Dortmunder Trainer musste – wie auch die zahlreichen Fans – am Ende noch einmal um einen Sieg zittern: Als Volkert einen "geschenkten" Handelfmeter noch zum 4:3 in die Maschen jagte. BVB-Libero Helmut Nerlinger (Bild unten), der das Handspiel begangen haben sollte, ärgerte sich anschließend: "Dieser Strafstoß durfte nie gepfiffen werden, ich hatte doch die Hand am Körper und wurde angeschossen."



Nachdem wir die Schlussviertelstunde zittern mussten, war dann doch der 1. Saisonsieg perfekt. Nach dem Spiel fuhren die Busse – wie auch heute noch – zu den Landungsbrücken in St. Pauli. Um 0.00 Uhr sollte dann wieder Abfahrt aus Hamburg sein. Also ging es zum ersten Mal mit 18 Jahren auf die berühmte Reeperbahn. Damals war echt mehr los als heute. Dort wurde um 20.00 Uhr schon die Bild am Sonntag verkauft und das Ergebnis mit dem Spielbericht stand auch schon drin. Unglaublich. Dann ging es noch ins „Pupasch“ an den Landungsbrücken mit Blick auf den Hafen, dass es inzwischen leider nicht mehr gibt. An dieser Stelle befindet sich jetzt ein Restaurant. Wirklich schade, dort haben wir so oft Dortmunder Siege gefeiert.

Um 0.00 Uhr waren wir dann wieder an unserem Bus und machten uns auf den Weg nach Hause. Insgesamt war es ein schönes Erlebnis und man lernt im Bus viele neue Bekanntschaften kennen, während wir die an diesem Tag stärksten Borussen - Segler, Geyer, Kostedde und natürlich Torsteher Horst Bertram - kräftig hochleben ließen.

PS. Schaut zum Thema HSV auchÖffnet externen Link in neuem Fenster hier mal rein! Quelle: www.fussballdaten.de

 Auszug der Titelseite des Stadionhefts (oben) und des Boulevard (unten).


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund