Rolfs Erinnerungen: Heute Duisburg, 1992

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 16.05.1992.

Weißt Du noch?
Der Showdown der Saison 1991/92 im Duisburger Wedeaustadion

Meine heutige Geschichte endet mit dem unvergessenen Showdown von Duisburg. Beginnen tut sie etwas früher, mit dem 32. Bundesligaspieltag und der Partie Borussia Dortmund gegen Bayern München 3:0, am Freitagabend den 10. April 1992. Damals dauerte die Saison noch noch 38 Spieltage. Wenige Tage zuvor war ich an einem Kiosk in Duisburg-Laar. Seinerzeit wohnte ich selbst noch in Duisburg und suchte oft eine dieser im Ruhrgebiet typischen Büdchen, genannt Selterbuden oder Trinkhallen, auf. Und was soll ich sagen: diese kleine Hütte verkaufte doch tatsächlich Eintrittskarten für das „Endspiel“ am letzten Spieltag. Hallo? Keine Vorverkaufsstelle wie eine Theaterkasse oder ein Sportgeschäft, nix dergleichen. Nein, ein kleiner Kiosk mitten in Duisburg- Laar verkaufte Karten für nur 11 DM Karten. Nochmal zum Genießen: Elf Deutsche Mark!

Kurzentschlossen bunkerte ich, in der Hoffnung auf ein spannendes Finale mal eben zwanzig Stück. Gegen die Bayern nahm ich die dann mit auf die Südtribüne. Die Leute waren damals genauso gallig wie heute, so dass ich in kurzer Zeit 19 Karten für 30 DM das Stück an den Mann bringen konnte. Nicht auszudenken, was sie mir nach dem Spiel dafür gegeben hätten - Borussia gewann sensationell mit 3:0 und schickte die ungeliebten Gäste mit ausgezogenen Lederhosen auf die Heimreise! Entsprechend zufrieden war ich.

Kommen wir zum eigentlichen Thema, dem Drama von Duisburg und der spannenden Ausgangslage der langen Saison. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands war die Bundesliga um zwei weitere Mannschaften auf insgesamt zwanzig Vereine aufgestockt worden, deswegen waren es vier Runden mehr als heute. Der Verlauf dieser Spielzeit wollte es, dass die Entscheidung erst am letzten, dem 38. Spieltag fallen sollte. Vor diesem Spieltag konnten noch drei Mannschaften Deutscher Meister werden. Mit im Rennen waren die Eintracht aus Frankfurt, die als Tabellenführer und haushoher Meisterschaftsfavorit in den Showdown bei Hansa Rostock ging.

Es folgte der VfB Stuttgart, der bei den Pillerdrehern aus Leverkusen als Tabellenzweiter ihre Chancen wahren wollten. Unser BVB konnte sich beim MSV Duisburg noch als Dritter Hoffnungen machen konnte. Jedoch waren wir, bedingt durch die schlechtere Tordifferenz auf Patzer der Anderen angewiesen.

Wie gesagt, ich wohnte damals in Duisburg und ein Kumpel aus Dortmund hatte mehrere Fans zusammengetrommelt, Sie kamen mit sieben Autos. Gemeinsam fuhren wir in einem schwarzgelben Konvoi zum Wedaustadion. Dort trafen wir schon auf mehrere tausend BVB-Fans in voller Vorfreude auf das Saisonfinale.

Damals wie heute war alles fest in schwarzgelber Hand. Von den 30.175 Zuschauern waren mindestens 10.000 BVB-Anhänger. Konservativ geaschätzt. Die Gästekurve war extrem voll. Aber nicht nur dort, sondern vor allem auf der altehrwürdigen Haupttribüne hatten sich reichlich Dortmunder mit Karten eingedeckt. Hinterher habe ich erfahren, dass viele den Ordner Geld zugesteckt hatten, um ins Stadion gelassen zu werden. Was offensichtlich gut und oft geklappt hat.

Einer meiner Bekannten hatte sämtliche Vorverkaufsstellen am Niederrhein von Moers bis Wesel abgegrast und so 154 Karten besorgen können. Die gingen dann zum Normalpreis an Mitglieder verschiedener Dortmunder Fanclubs. Ja, wir Dortmund-Fans waren schon immer recht aktiv und auch nicht ganz ungeschickt im Organisieren von Eintrittskarten.

Zum Spiel: Schon nach nullneun Minuten schoss Stephane Chapuisat das 1:0, es sollte bis zum Ende Bestand haben. Und es kam noch besser, die Zwischenstände von den anderen Plätzen spielten uns voll in die Karten. Nach 20 Minuten fiel in Leverkusen das 1:0 durch Martin Kree gegen den VfB Stuttgart. Borussia Dortmund stand beim Gang in die Kabine auf dem Platz an der Sonne.

Ebenso wie wir Fans. In Duisburg war es an jenem Tag reichlich warm, so dass nicht nur die Ergebnisse das Herz erwärmten, sondern auch die Temperaturen alles andere. Wer die alte Schlüssel an der Wedau noch kennt, weiß wie den Gästefans damals noch die Sonne auf den Kopf knallte.

Im Spiel zeigte sich Borussia als jederzeit Herr der Lage und hatte das Spiel sicher im Griff. So hörte man mehr zu den Leuten mit den Radios hin. Ich habe selten so viele Borussen mit einem Radio gesehen, wie an diesem Tag. Entsprechend waren wir relativ schnell informiert. Bei strahlendem Sonnenschein warteten wir gespannt auf die zweiten 45 Minuten und besonders auf die Nachrichten von den anderen Plätzen, denn bei unserem Spiel tat sich nicht mehr viel.

In der 65. Minute brachte Jens Dowe die Rostocker in Führung, die vor dem Spiel hoch favorisierten Frankfurter schienen aus dem Meisterschaftsrennen. Nur kurze Zeit später der Ausgleich an der Ostsee, Axel Kruse war's. Der Treffer wurde noch recht gelassen hingenommen. Die Meldung aus Leverkusen, dass Matthias Sammer, der damals noch für Stuttgart am Ball war, des Feldes verwiesen worden war, löste jedoch vereinzelten Jubel aus. Das Wunder war jetzt greifbar nahe, Borussia Dortmund stand gaaanz dicht vor der Schüssel.

Doch dann folgte die unvergessliche Dramatik in der Schlussphase. Es gibt nichts Schlimmeres als auf Anderen hoffen zu müssen - man hat es halt nicht mehr selber in der Hand und die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Die Spannung war unerträglich und förmlich greifbar. Selbst die Spieler auf dem Rasen versuchten anhand der Reaktionen der Zuschauer, die Spielstände zu erahnen.

Die 86 Minute brachte dann die totale Ernüchterung - Guido „Diego“ Buchwald köpfte seine Stuttgarter in Unterzahl in Führung. Schlagartig wurde es still, lähmendes Entsetzen machte sich breit. Die Duisburger Anhänger meinten, noch einen draufsetzen zu müssen, indem sie ein „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ hören ließen. Aber die haben sich ja dann auch für zwei Jahre in die Zweite Liga verabschiedet. Recht so - Zebras in den Zoo!, dachte ich mir. Hinter dem Stadion an der Regattabahn spielten sich dann die typischen Szenen ab, wenn man kurz vor Ziel noch abgefangen wird und sich ein Anderer die Schale schnappt.

Dass Henning Böger in der 89. Minute noch den Siegtreffer für Rostock schießt, bedeutete lediglich, dass Tabellenführer Eintracht Frankfurt mit Andi Möller durch eine Niederlage beim Absteiger nur noch Dritter ist. Die Borussia wird stolzer Zweiter. Aller Ehren wert, aber ich brauchte eine geraume Zeit, um mich über die Vizemeisterschaft zu freuen.

Wie geil sich eine echte Meisterschaft im Vergleich dazu anfühlt, durften wir dankenswerter wenige Jahre später erleben. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...



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