Rolf's Erinnerungen. Heute: Madrid 1998

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 01.04.1998.

Weißt Du noch?
Das CL-Halbfinale in der Saison 1997/1998 im Santiago Bernabeu-Stadion...

Hallo liebe Leserinnen und Leser! Hier meldet sich wieder Eurer Rolf. In der heutigen Folge berichte ich von meiner Europapokalreise zum Spiel gegen Real Madrid gegen unsere Borussia am 01. April 1998 (Anstoß: 22 Uhr - aber dazu später mehr...)

Die Anreise:                          
Auf dieser Reise begleitete mich mein Kumpel Jan M. aus Havixbeck. Nachdem der BVB am Samstag noch die graue Maus des MSV Duisburg mit 3:0 besiegen konnte, ging die Fahrt direkt im Anschluß zu diesem Bundesligaspiel zum Champions League- Halbfinale gegen den „Weltclub“ Real Madrid in die spanische Hauptstadt.

Unsere Reiseroute führte uns über die Autobahn in Richtung Aachen/ Mastricht. Weiter fuhren wir über die Landstraße bis runter nach Limoges. Von dort aus nutzten wir die neu gebaute Rhonetal- Autobahn.  Hier kam es unserer Reisekasse zugute, daß diese Strecke zum damaligen Zeitpunkt noch mautfrei war.Nach schier unendlich vielen Kilometern auf der Landstraße konnten wir dann endlich Meter machen, denn die Autobahn war in der Nacht fast vollkommen leergefegt. Diese führte uns in Richtung der Ortschaft Pau durch die Pyrenäen. Die hohen Berge links und rechts der Autobahn sind schon mit dem Auto beeindruckend. Wenn ich bedenke, daß Andere dort freiwillig hinauf mit einem Fahrrad fahren zu müssen. (Anmerkung: Pau war schon Etappenort der Tour de France).



So ging es immer höher hinauf, bis wir am höchsten Punkt der Strecke ankamen. Ein guter Zeitpunkt wie mein Beifahrer Jan meinte, nun auch mal den BVB-Fan (-schal) raushängen zu lassen. Gesagt, getan. Mit der aufgehenden Sonne flatterten fortan unsere Fanschals deutlich sichtbar aus den Fenstern meines BMWs. Ole´- hier kommt der BVB!

Die Polizeikontrolle
Obwohl auch jetzt noch zu dieser frühen Stunde kaum ein Auto unterwegs war, die Polizei war schon wach. Denn es vergingen keine zehn Minuten da machten wir Bekanntschaft mit der hiesigen Ordnungsmacht. Normalerweise ist eine derartige Begegnung mit den Ordnungshütern eine verhältnismäßig entspannte Sache, doch jetzt leider für mich nicht.

Denn ich war so gänzlich ohne Papiere unterwegs (Nun, wenn einem bei einem früheren Auswärtsspiel diese Dokumente tutto completto gestohlen werden, hat man nicht die Zeit diese kurzfristig wiederzubeschaffen). Und auf ein Spiel unserer Borussia bei Real Madrid wollte ich auf keinen Fall verzichten. Folglich ging mir jetzt der Arsch ein wenig auf Grundeis. Sollte die schöne Europapokaltour jetzt an dieser Stelle schon vorbei, ehe sie so richtig begonnen hat?

Die Polizeibeamten winkten uns raus und hielten mit ihrem Fahrzeug etwa zehn Meter vor uns an. Prompt wurden wir nach unseren Papieren gefragt. Wahrheitsgemäß teilte ich denen mit, daß sie mir gestohlen wurden und wir nur zum Fußball wollten und dann auch direkt wieder nach Hause fahren.Nach elend langen zehn Minuten, in denen sie mit ihrer Zentrale sprachen, kehrten sie zu meinem Auto zurück. Ich war schon auf das Schlimmste gefaßt.Doch siehe da- freundlich wurden wir nur darauf hingewiesen, die fehlenden Papiere bei unserer Rückkehr in die Heimat zu besorgen und durften dann unsere Reise fortsetzen. [Schwitz] Puh, das war überstanden.



Gut, die Schals durften wir halt nicht mehr weiter aus dem Autofenster hängenlassen. Diese Sitte kennt der ansonsten enthusiastische spanische Fußballfan wohl nicht.Egal, weiter ging die Fahrt nach Zaragoza (Saragossa).

Der Zwischenstopp
Mit dieser Stadt verbindet mich seit dem Achtelfinale des Uefa Cups gegen Real Saragossa versus Borussia Dortmund am 08.12.1992 eine angenehme Erinnerung. Im Jahre 1992 lernte dort ich meine spätere Brieffreundin Maria Angeles kennen. Der Kontakt hielt noch weitere sechs Jahre nach dem Spiel an. Dies war nun die Gelegenheit, Maria Angeles wiederzusehen. Es war schon am frühen Nachmittag als wir bei ihr in Zaragoza ankamen. So ohne Vorankündigung bei ihr aufschlagen, nun ja, aber wir hatten Glück, denn sie war zuhause und wir gingen mit ihr noch in die Stadt essen. Es ist schon schön, wenn man auf seinen Reisen den Einen oder Anderen so wiedersehen kann.

Dies war auch eine gute Gelegenheit in einem Supermercado noch unseren Reiseproviant aufzufüllen.Nachdem wir uns verabschiedet hatten, nahmen wir die restlichen, immerhin noch ca. 400 km bis Madrid in Angriff. Dieser Teilabschnitt führt von den Bergen hinunter in das Landesinnere. Da es am Rande der Strecke hier nichts weiter Sehenswertes gibt, verlief die Fahrt entsprechend ziemlich ereignislos.Endlich am ZielDer allabendliche Feierabendverkehr war bereits deutlich abgeklungen, so daß wir gegen 21:30 Uhr die spanische Hauptstadt erreichten. Der Hinweg führte uns bereits am Estadio Santiago Bernabéu vorbei, was die Vorfreude zusätzlich steigerte.



Nach einer Fahrzeit von etwa 28 Stunden erreichten wir unserer Hotel oder besser, unsere Absteige, die in einer Seitenstraße der Gran Via lag. Alles im ersten Versuch und dabei ohne Navigationsgerät, war schon beachtlich.Die anschließende Dusche war eine Wohltat, vermochte jedoch nicht mehr die Lebensgeister für den Rest des Tages zu wecken, so daß wir müde in unsere Betten sanken.

Der (Diens-)Tag vor dem Spiel:Am nächsten Tag stand dann zunächst mal Kultur auf dem Programm. Beginnend mit der Gran Via besuchten wir einige der Pflichtpunkte eines jeden Madrid-Touristen. Hier sollte man sich unbedingt die Plaza Major und die Puerta del Sol gönnen. Ersteres ist wohl der Ort in Madrid, wo das das Leben am intensivsten ist. Hier ist eigentlich immer was los. Da dieser Platz für den Autoverkehr nicht zugänglich ist, kann man hier schön in einer der umliegenden Lokale ein Bier zischen. Dies hatte sich offenbar schon unter den bereits angereisten Borussenfans wohl auch schnell rumgesprochen. Farblich war der Platz daher schon gut in schwarzgelber Hand. Die Puerta del Sol ist wohl DER Mittelpunkt von ganz Madrid, wenn nicht von ganz Spanien. Also unbedingt anschauen nächste Woche.

In einer der zahllosen Kneipe trafen wir dann auch auf Lazio Rom- Tifosi, die am Abend gegen Atletico Madrid zu spielen hatten. Wir beließen es bei einem kurzen Smalltalk und zogen dann weiter durch die Stadt. Gegen 18:00 Uhr schlugen wir den Weg zum Estadio Santiago Bernabéu ein- Abschlußtraining!

Noch mal gucken, wie die Jungs so drauf sind. Von der unteren Hauptribüne verfolgten wir das Training, als es mit einem Mal anfing zu schneien- Na toll, da ist man schon in Spanien und dann das.Neugierig durch unsere Begegnung mit den Lazio- Rom- Fans entschieden wir uns zu einem Besuch beim Stadtrivalen Athletico Madrid. Vor dem Stadion trafen wir noch einige Spieler, die Autogramme gaben und  auch einige andere Dortmunder, die offensichtlich die gleiche Idee wie wir hatten.

Wir haben uns dieses Spiel nicht angesehen, obwohl es noch einige Tickets an der Tageskasse gab. Später im Fernsehen sah man dann doch hier und da einige BVB-Fahnen im Stadion.

Spieltag- Matchday!



Am Mittwoch dann der große Tag. Wer auf Hard Rock Cafe´s steht, der findet auch eines in Madrid. Diesem haben wir auch einen Besuch abgestattet, wo schon etliche Dortmunder sich die Zeit bis zum Anpfiff vertrieben. Das um die Ecke gelegene Spielerhotel war unser nächster Anlaufpunkt. Doch alles abgeschirmt - keiner unserer Helden in Schwarzgelb ließ sich blicken. Vom Hard Rock Cafe´muß man dann nur noch einige Meter hinüber zum Stadion laufen.

Es liegt an derselben Hauptstraße wie das Estadio Santiago Bernabéu und bietet den für deutsche Verhältnisse ungewohnten Komfort mehrerer Rolltreppen und auch die Heitzstrahler unter dem Stadiondach sorgen für angenehme Temperaturen dort. Alles im Allem waren wir doch recht hoch plaziert, so daß man schon genau hinsehen mußte, um die Spieler zu erkennen.

Der Torfall von Madrid:
Man konnte auch erst gar nicht so genau sehen, was dann da so kurz vor Spielbeginn eigentlich genau passiert ist. Auf einmal gingen die Spieler wieder in die Kabine und keiner wußte zuerst, was los war. Ich habe dann meine Eltern zu Hause angerufen und gefragt, ob die was wüssten. Da habe ich dann erfahren, dass die Fans von Real Madrid am Netz hinter ihrem Tor an den Befestigungsstangen so gezogen haben, sodass das ganze Tor umgerissen wurde. Es war mit dem Fangnetz am Zaun befestigt. Da die Torpfosten noch aus Holz waren, sind sie abgebrochen und es gab keine andere Möglichkeit als ein anderes Tor zu besorgen. Dies hat allerdings dann schlappe 70 Minuten gedauert, sodass das Champions-League-Spiel erst um 22:00 Uhr angepfiffen wurde und erst kurz vor Mitternacht zu Ende war. So spät war ich noch nie in einem Stadion. Das Spiel ging dann auch noch mit 0:2 verloren – was den Abend auch nicht mehr erhellen konnte. Günther Jauch und Marcel Reif erhielten später den Grimmepreis, weil sie zur besten Sendezeit mit Slapstick-Kalauern brillierten („Ein Tor würde dem Spiel gut tun“).

Nachbetrachtung:
Im Rückspiel gab es dann ein enttäuschendes 0:0 zu Hause und die Beendigung des Traumes von einem weiteren Endspiel nach München 1997.

Die Rückreise:
Am Donnerstagnachmittag fuhren wir dann wieder nach Hause. Größtenteils wieder hauptsächlich über Landstraßen - sogar durch Auxerre - und als wir in Deutschland die A1 durch Trier befuhren, bekam ich einen Anruf von meiner Firma auf mein Handy (das waren damals noch richtig große Geräte). Ich sollte die kommende Woche für eine Woche in Hamburg und bei unserem Hauptsitz arbeiten. Bereits am Sonntag durfte ich schon im Hotel in Hamburg einchecken. Der Vorteil war, dass ja unser BVB am Samstag in Rostock spielte und schwupps fragte ich nach, ob ich nicht schon am Samstag ins Hotel rein könnte. Jau, hat geklappt und so fuhr ich am Samstagmorgen schon wieder los nach Rostock zum nächsten Abenteuer mit unserm BVB. Auch dieses Spiel haben wir ebenfallsleider verloren, diesmal 1:3. Zurück brauchte ich ja dann „nur“ noch bis nach Hamburg zu fahren. Gottseidank, denn ich war sowas von im Arsch...


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