Rolf's Erinnerungen. Heute: Dresden 1994

Rolf Nielinger, von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, begleitet den BVB seit über 35 Jahren quer durch Europa - bis hin ins japanische Tokio. Bei uns erinnert er sich jetzt einmal im Monat an diverse Ereignisse und Erlebnisse auf seine Reisen mit dem BVB. Heute: 18. Februar 1994.

Weißt Du noch?
Der 22. Spieltag der Saison 1993/1994 im Rudolf-Harbig-Stadion...
Mit einem Kumpel machte ich mich am frühen Freitagvormittag des 18. Februar 1994 bei kaltem aber trockenen Wetter mit dem Auto auf den Weg nach „Elbflorenz“ zum Bundesligaspiel Dynamo Dresden gegen Borussia Dortmund. Da ist ja immerhin ein Weg von gut 600 Kilometern zu meistern und sowas will gut geplant sein.
 
Trotz der in dieser Zeit üppigen Baumaßnahmen auf der A 4 – der Hauptschlagader des Ostens - sind wir eigentlich weitaus besser durchgekommen, als allgemeinhin erwartet. Als wir das Hermsdorfer Kreuz passiert hatten, lag auf der Höhe von Gera’s Milchfabrik plötzlich Schnee auf und neben der Autobahn und im weiteren Verlauf fing es auch plötzlich noch kräftig an zu schneien, was uns in der schummrigen Beleuchtung der ollen DDR-Laternen ohnehin schon einen gespenstischen Anblick bescherte. In Sachsen ging dann garnichts mehr, es kam zum Stillstand – besonders auf einer leichten Anhöhe, sodass man nicht weit sehen konnte. Die Autos standen auf beiden Fahrspuren kreuz und quer, einige lagen sogar im Graben. Wohlgemerkt, das war schon am frühen Nachmittag und ich überlegte, was nun zu tun war.



Abfahren ging ja erst einmal nicht, also bin ich ausgestiegen und ein paar hundert Meter nach vorne auf der Autobahn durch den weißen Matsch gelaufen, bis ich einen Polizisten sah, den ich fragen konnte, was denn hier los sei. Seine uns wenig überraschende Antwort lautete: „hier geht nichts mehr“- man müsste halt warten, bis die Autobahn geräumt wird. Es war kein Unfall zu sehen, sondern die Autos standen einfach nur im Schnee. Ich fragte den Polizisten, ob ich denn „vorsichtig durch die Mitte“ fahren dürfte, da wir ja bekanntlich nach Dresden zum Fußballspiel wollten. Er guckte ein bischen verdutzt, willigte dann zu unserer völligen Überraschung tatsächlich dann aber doch ein, so dass ich – wirklich vorsichtig – ein paar hundert Meter durch die Mitte weiterfuhr. Dann war die Autobahn wie durch ein Wunder frei – außer den zu bewältigenden Schneemassen natürlich. Dann die nächste Überraschung: Nach ein paar Kilometern war dann überhaupt kein Schnee mehr zu sehen und es schien sogar die Sonne! Aprilwetter im Februar...

Ich musste mich fragen, was die Leute auf der Autobahn gefeiert hatten. Naja, jedenfalls war die Fahrbahn jetzt völlig frei und wir konnten ganz entspannt weiter unser Ziel Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion, mit dem Spiel 9. gegen 12. Platz ins Visier nehmen. Später im Stadion hörte ich nur, dass viele Autos und auch Busse von der Autobahn abgefahren sind und erst nach Anpfiff der zweiten Halbzeit im Stadion ankamen.



Dann sind wir schon zum Hotel, haben eingecheckt unsere Sachen ausgepackt und dann ging es schon langsam los zum Stadion. In dieser schäbigen DDR-Schüssel im Betonstil bekam ich dann den größten Schock, den ich jemals überhaupt bei einem BVB-Spiel erlitten habe. Unsere Mannschaft lief in lila, fast dunkelrosa-farbenen Trikots (Anm d. Red: Ja, auch der BVB war mal modisch supermodern - siehe Foto) auf. Mir taten echt die Augen weh, wahrscheinlich haben wir auch deshalb mit 0:3 – in etwa halbstündigen Einschlag – verloren, weil die Spieler ihre Mitspieler nicht sofort erkannten und wohl nach schwarzgelben Jerseys Ausschau gehalten haben.

Brisant war zudem auch die Trainerkonstellation. Auf der einen Seite auf der Bank saß ausgerechnet BVB-Legende Siegfried „Siggi“ Held als Trainer der Sachsen Dortmunds Ottmar Hitzfeld gegenüber. Der wiederum hatte alle Mühe, die Querelen dieser Tage im Kader in den Griff zu kriegen, denn in dieser Zeit gab es durch die offensive Einkaufspolitik die sogenannte „Neid-Fraktion“ und Grüppchenbildung, die einem gescheiten „Teamgeist“ im Weg standen und solche Niederlagen wie diese in Dresden erst möglich machten. Ja, man sprach anschließend von einer „Übergangssaison“, aber es war auf jeden Fall die Saison der „Aufbauhilfe Ost“, denn zuvor hatte man bereits am 7. Spieltag, einem Dienstagabend im September, gegen den ersten Deutschen Meister VfB Leipzig sensationell mit 0:1verloren.   



Einschub: Aktueller Tabellenführer nach diesem 22. Bundesligaspieltag war übrigens kein geringerer als der MSV DUISBURG! Nach einem 1:0-Sieg gegen Werder Bremen. Die Freude währte aber kaum eine Woche, denn nach dem 0:4 bei Bayern München am nächsten Spieltag war der MSV die Tabellenführung bis zum Ende der Saison wieder los und wurde am Ende hinter uns (4.) nur noch Neunter.

Nach dem Spiel gingen wir nun in diesiger Atmosphäre zum Parkplatz zu meinem Auto. Überall lag ein brutaler Geruch und eine Nebelschwade in der Luft weil die ganzen Trabis alle auf einmal losfuhren bis auf diejenigen, die angeschoben werden mußten wie auf dem Foto. Am nächsten Tag war dann noch eine Portion Kultur angesagt. Wir haben uns die sich im Aufbruch befindliche Stadt angesehen: das Elbufer, die Semperoper und die zerstörte Frauenkirche, wo dann knapp drei Monate später am 27. Mai 1994 der erste Stein zum Wiederaufbau der gesetzt wurde.



Am Samstagabend besuchten wir dann die angesagte Großraumdiskothek „Megadrome" in Dresden-Radebeul . Sie war ziemlich spartanisch eingerichtet mit kleinen Boxen und 0,5 Liter-Flaschenbier ohne Gläser. Das wird sich inzwischen sicherlich längst geändert haben, war aber zu dieser Zeit durchaus ein gängiges Modell. Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück haben wir uns dann auf den ellenlangen Heimweg gemacht. Der Verkehr hielt sich diesmal in Grenzen, sodass wir zügig wieder Dortmund erreicht haben. Alles in allem war es mal wieder eine interessante Fahrt, vielleicht kann ich das nächste Mal wieder von einem Sieg schreiben – muss mal einen Blick ins Archiv werfen...

Statistik:
1:0Markus Kranz(31.)
2:0Henri Fuchs(59.)
3:0Olaf Marschall(83.)


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
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