„Nur ein ganz kleiner“: Borussia gewinnt die Champions League 1997

Zum Jahrestag des Champions-League-Finales zwischen 
Borussia Dortmund und Juventus Turin am 28. Mai 1997

Einer der schönsten Fußballtage meines Lebens begann mit ungeheurem Stress. Schließlich musste, bevor ich mich auf den Weg machen konnte, ja noch die Bude „europapokalfein“ gemacht werden – „never change a winning Ritual“, heißt es nicht umsonst. Und das, was ich mir in jener Saison angewöhnt hatte, erforderte einen gewissen logistischen Aufwand. An das Regal, auf dem der Fernseher stand, wurde das aktuelle Kicker-Sonderheft gelehnt, aufgeschlagen logischerweise die Seite mit dem Poster unserer 96er-Meistertruppe. Neckisch daneben drapiert werden mussten ein BVB-Bierglas sowie zwei Flaschen, die bis heute ungeöffnet sind (und dies nach Lage der Dinge auch bis in alle Ewigkeit bleiben): Eine Flasche Meistersekt 1995 mit Vereinslogo (ein Werbegeschenk von einem Versicherungsheini) sowie eine Flasche Rotwein aus der Schweiz, aufgelegt zur WM 1994, mit dem Konterfei von Stephane Chapuisat. Rechts oben auf dem Fernseher war an Europapokal-Spieltagen der Platz meines Stoffhundes Pauli. BVB-Kordel um den Hals sowie ein schwarz-gelber Sticker im Ohr machten Pauli auch optisch zu einem Vorzeigefan. Abgerundet wurde das Ensemble, das zugegebenermaßen jeden Damenbesuch nachhaltig von weiteren abgehalten hätte, von diversen Schals. Einer lag auf dem Fernseher, einer hing am Regal, gehalten übrigens von Pauli. Eine wichtige Rolle kam meinem Celtic-Schal zu, der kunstvoll verbunden mit einem „You'll nerver walk alone“-Schal unseres Vereins zwischen Regal und Kerzenständer hing - sah klasse aus, wie eine Fahne! Ferner waren noch einige Trikots sowie ein weiterer Schal an unterschiedlichen Bilderrahmen zu befestigen. Was sich so banal liest, dauerte gut und gerne eine Dreiviertelstunde, schließlich mussten diese Dinge sorgfältig und vor allem in der richtigen Reihenfolge erledigt werden. Die Nummer hat sich übrigens langsam hochgeschaukelt; bei den ersten Gruppenspielen waren es nur das Poster und die Flaschen, alles andere kam nach und nach hinzu. Nun wurde es höchste Zeit zum Aufbruch. Als ich am Bahnsteig stand, fiel mir siedendheiß ein, dass ich etwas ganz Wichtiges vergessen hatte. Gut, dass ich nur zwei Minuten vom Münsteraner Hauptbahnhof entfernt wohnte. Eine nette, ältere Dame durfte auf meine Tasche aufpassen, während ich zurückhastete, um den zentralen Glücksbringer zu holen, meine Eintrittskarte vom DFB-Pokalendspiel 1989 in Berlin. Dass ich damals 100 Meter noch in deutlich unter 13 Sekunden zu sprinten vermochte, erwies sich durchaus als strategisches Plus - und als Muss, denn einen Zug später hätte ich nicht nehmen können. Schweißgebadet ging es mit der Bahn nach Düsseldorf, dort wurde in einen Flieger eingecheckt, der zu meiner angenehmen Überraschung zu etwa 85 Prozent mit Borussen besetzt war und kaum sieben Stunden nach den ersten ritualisierten Handlungen des Tages am Endspielort landete. Dort wurde ich von einem Bekannten abgeholt, der mich den Rest des Tages begleitete. Diesen Mann kannte ich aus meinem Job, ohne ihn hätte ich das Finale auf dem Friedensplatz in Dortmund oder in einer Münsteraner Spelunke geguckt. Brauchte ich aber nicht, denn mein Bekannter hatte mir eine „Arbeitskarte“ für das Olympiastadion zugesagt. Genauer möchte ich darauf nicht eingehen, denn wer weiß, ob nicht noch einmal ein Tag im Fanleben kommt, an dem man sich auf verschlungenen Wegen den Zugang zu einem großen Spiel verschaffen möchte. Dankenswerter Weise hatte Jörg - seinen Vornamen zumindest kann ich preisgeben - die Sache über seine Firma so deklariert, dass ich im Rahmen einer „Incentive“-Einladung sein Gast war. Das verschaffte mir neben einer Stadtführung ein astreines Mittagessen im feinen Restaurant 'Seehaus' mitten im Englischen Garten. Angenehm gesättigt durch eine bayrische Schlachtplatte ließen wir es uns bei Kaffee, Grappa und Weizenbier gut gehen, bis es Zeit war, in Richtung Stadion aufbrechen. Noch immer hatte ich dezente Zweifel, ob tatsächlich alles klappen würde, denn schließlich hatte ich ja nichts in der Hand. Die Sorge erwies sich als komplett unbegründet. Am Stadion angekommen, trafen wir einen Typ, der pures Gold bei sich trug: Zwei Arbeitskarten für das Champions-League-Endspiel, eine für Jörg und eine für mich. Hammer: Mittwoch, der 28. Mai 1997, 17 Uhr und fünf Minuten und ich stand im Münchner Olympiastadion. Zu geil, um wahr zu sein. Die „Arbeitskarte“ (wie man sieht, ist das gute Stück durch ziemlich exakt 15 Jahre im Bilderrahmen inzwischen reichlich verblasst) war mit kleineren Verpflichtungen verbunden, derer ich mich in kürzester Zeit entledigte. Ab 18 Uhr war ich ausschließlich Fan. Mein Ticket berechtigte „nur“ zum Betreten des Innenraums, auf die Ränge konnte ich also nicht. Allerdings war für solche Leute unterhalb des Ehrengastbereiches eine Holztribüne aufgebaut, dort saßen die ganzen Handlanger und auch später die Sangestruppe von André Rieu. Das Stadion füllte sich nach und nach, besonders die Italiener machten ihrem Ruf so gar keine Ehre und waren überpünktlich auf ihren Plätzen. Auf seine erstaunte Frage, wo denn die Borussen blieben, konnte ich Jörg nur entgegnen: „Wir sind noch im Biergarten“. Während ich auf meiner Holztribüne dem Spielbeginn entgegenfieberte, nahm unten ein Mensch Platz, der mir bekannt vorkam. Es war unser Stadionsprecher, der einen Haufen Regieanweisungen durchlas. Trotzdem gestatte ich mir, ihn in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Nobby Dickel ist ein feiner, netter Kerl, den das auch gar nicht störte. Als ich aus meinem Portemonnaie die Eintrittskarte vom 89er Pokalendspiel zog, wurde er ganz versonnen, natürlich war er gern bereit, meinen zentralen Glücksbringer mit seinem Autogramm zu veredeln. Mittlerweile war die Schüssel richtig voll, „wir“ waren jetzt auch auf unseren Plätzen, es brummte wie in einem riesigen Bienenkorb, das Knistern, die Atmosphäre - ich hätte alle fünf Minuten pinkeln können, so aufgeregt war ich. Gegen halb acht schlich ich auf das Spielfeld und ließ unauffällig - wie ich glaubte - einen Glückspfennig aus meiner Hosentasche auf den Rasen gleiten und versenkte ihn mit der Schuhspitze im Gras. Es dauerte keine zwanzig Sekunden, bis mich ein Ordner am Arm fasste und fragte, was ich da grade gemacht hatte. Meinem mit treuesten Hundeblick vorgetragenen „Nichts“ schenkte er keinen Glauben, aber zugleich entdeckte er auch sein Herz: „War das ein Talisman?“ „Ja“, gestand ich, „aber nur ein ganz kleiner“. Gemeinsam verließen wir das Feld wie alte Freunde. Der Rest ist Geschichte... Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, 28. Mai 2012  Autor: Uli Vonstein (47), Journalist und Borusse aus Köln. Hatte stets angenommen, der 28. Mai 1997 mit dem Champions-League-Finale in München würde für immer sein schönster BVB-Tag bleiben und dankt dem Schicksal dafür, am 12. Mai 2012 in Berlin eines Besseren belehrt worden zu sein. We'll never walk alone!


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