Ein Tag für die Ewigkeit (2)

Am 28. Mai 1997 gewinnt Borussia Dortmund als 3. deutscher Verein überhaupt nach Bayern und dem HSV den Europapokal der Landesmeister. Mit seinem exakt 100. internationalen Spiel sicherte sich der auch damals schon recht beliebte Club seinen Platz in der Ruhmeshalle des ganz großen Fußballs. Superlativen wurden aneinander gereiht und kündeten eindrucksvoll vom größten Erfolg der damals 88- jährigen Vereinsgeschichte.

Zurück zum Spiel, denn Juventus wurde zunehmend wütend und wollte sich nicht so vorführen lassen. Es sind vor allem Zidane und der quirlige Di Livio, die in dieser Phase in die trügerische Sicherheit der Borussen ein um´s andere mal einbrechen. Arbeitsbiene Deschamps sichert als eine Art Quarterback hinter Zizu ab, damit der das Turiner Spiel mit Schwung nach vorne antreiben konnte. Sie wollten noch vor der Pause zumindest den Anschlusstreffer erzwingen, das wurde in dieser Phase deutlich. Und beinahe wäre es vor der Pause sogar passiert. Die BVB-Abwehrformation im Tiefschlaf (Kree), kombinieren die Franzosen im blau-gelben Trikot wie im Training und Zidane traf - am sich vergeblich streckenden Klos vorbei - nur den Pfosten. Durchatmen!

Und dann fällt das Tor für Turin doch noch vor der Pause - meinten alle, aber der aufmerksame Schiedsrichter Puhl erkannte den Treffer von Vieri nicht an, weil dieser den Ball mit der Hand mitgenommen hatte. Donnerlittchen, sowas haben aber viele seiner Zunft auch schon mal übersehen... Das war aber genau das richtige Warnsignal für unsere Jungs, um sich jetzt wieder aggressiver in den Zweikämpfen zu behaupten, denn wenn man dieses Starensemble auf dem Platz munter spielen lässt, sind wir wohl ohne Chance!

Lippi wollte mit Del Piero die Wende erzwingen

Und in der Tat kam der Favorit eher aus dem Kabinentrakt. Grad so als ob sie signalisieren wollten, es könnte Ihnen gar nicht früh genug losgehen, die Aufholjagd zu starten! Marcello Lippi hatte reagiert, die Viererkette zu Gunsten eines 3. Stürmers aufgelöst und dieser Stürmer war kein geringerer als Alessandro Del Piero, das fleischgewordene Schreckgespenst der Dortmunder! Aber auch der BVB erschien entschlossen. Wesentlich konzentrierter standen sie jetzt seit Wiederanpfiff bei ihren Gegenspielern und machten die Räume eng. Ottmar hatte beim Halbzeittee also doch die richtigen Worte gefunden. Immer wieder schallt´s zustimmend von den hohen Rängen dieses missratenen Stadions auf den Platz: Brussja, Brussja, Brussja! Der BVB hatte auch weiterhin seine Möglichkeiten. Etwa in der 54. Minute, als Andy Möller einen Freistoß reinbrachte und Kalle Riedle knapp am rechten Torpfosten vorbei köpfte.

Aber alles in allem aber merkte man schon, dass sich der Wind spürbar zu drehen begann und die Italiener jetzt im Minutentakt merklich stärker wurden. Vor allem durch die Hereinnahme von Del Piero war im Mittelfeld ein deutliches Übergewicht entstanden, da sich Möller wie gehabt in diesen wichtigen Phasen versteckte und seine Auszeiten nahm. Jaja, gegenhalten war sein Ding nicht, dass wussten wir ja schon länger! Und dennoch hatte die Glücksgöttin ihre Hand immer noch über unserm Team, denn wie anders sollte man das werten, wenn nach einem Preßschlag zwischen Vieri und `Eisenfuß´ Kree der Ball zwar so gefährlich auf das Dortmunder Tor zutrudelt, aber ihn Stefan Kloß so gerade eben noch an das Lattenkreuz zu lenken vermag? Das war Dusel pur!


Kalle "Air" Riedle drischt den Ball zum umjubelten 1:0 ein und legt den Grundstein zum Champions League-Sieg
 
Aber so was währt ja bekanntlich nicht ewig. Und, um eine alte Fußballweisheit zu bemühen, weiß ja jeder Freund diesen wundervollen Sportes schließlich, dass, wer seine Chancen nicht verwertet, hinten stets noch einen reinkriegen wird. Und da war es auch schon passiert. Quasi aus dem nichts. Der Anschlusstreffer! Nach einem Querpass drang Alan Boksic in den Strafraum ein und Kohler kreuzte seinen Weg. Er wusste, wenn er jetzt nicht zurückweicht, wird der Stürmer fallen und sowohl Pfiff als auch Fingerzeig auf den Kreidepunkt würden sich anreihen. Bruchteile einer Sekunde überlegte der erfahrene Fahrensmann, entschied sich aber dann doch für die Vorsicht und ließ den kroatischen Nationalspieler unbedrängt Richtung Außenlinie ziehen und - was noch viel schlimmer war - flanken!

Der Adressat hieß Del Piero und dieser nahm den Ball in Weltklassemanier wie es nur ganz wenige außer ihm können, mit der Hacke und vollendete so direkt. Der stutzende Klos und die kopfschüttelnde schwarzgelbe Menschenmasse staunten zwar nicht schlecht, aber Tatsache war: Es stand 1:2 und der Ausgang dieses Endspiels war wieder völlig offen! Ein Mann Namens Ulrich Hoeneß (seinerseits selber daran interessiert, dass der BVB hier keinesfalls gewinnen möge) sprang – so wurde berichtet - auf und jubelte ekstatisch. Später sollte er, darauf von der erstaunten Journaille angesprochen antworten, dass er sich ja nur über das schöne Tor an sich gefreut habe! Du Pharisäer!

Erstmals geht bei uns an diesem Tag die blanke Angst um im weiten Rund. Der BVB wackelt wie ein angeschlagener Boxer im Ring und alle hoffen, dass er sich baldmöglichst wieder fangen möge. Und sie kämpften, unsere Jungs. Sie schmissen sich in die Zweikämpfe und hielten dagegen. Nur nicht zu weit hinten rein drängen lassen, es war jetzt in dieser Phase ungeheuer wichtig, sich gegen die aufkommenden Turiner zu wehren. Unterdessen materte sich draußen auf der Bank der 1991 aus dem beschaulichen Schweizer Aarau in die Westfalenmetropole gekommene Ottmar Hitzfeld den Kopf, was für einen Schachzug er jetzt unternehmen sollte. Auf der Bank saßen ja durchaus noch Alternativen. Sollte er etwa jetzt zur Festigung der Defensive auf der rechten Seite Zorc reinwerfen, oder doch lieber mit Herrlich oder Ricken einen weiteren Offensivspieler bringen?

Und "Stan" Libuda hat (s)einen Nachfolger...

In der 70. Minute war seine Entscheidung gefallen. Das Dortmunder Urgewächs Lars Ricken machte sich fertig, um in die Unvergänglichkeit der Geschichte einzugehen! Nur 6 Minuten nach Del Piero´s Traumtor zum zwischenzeitlichen Anschluss kam der 20-jährige Bundeswehrsoldat, sah und siegte mit seinem BVB. Aber der Reihe nach... Jeder von uns hat diese Szene noch genau vor seinen Augen. Chappi verließ drei Minuten nach Kalle Riedle, dem Mann des Abends (für ihn kam Heiko Herrlich) den Platz und Lars ging auf´s Feld. Er orientierts sich sogleich in den völlig freien Raum im rechten Mittelfeld und bot sich sofort an. Möller trieb den Ball durch das Mittelfeld und passte millimetergenau in den Lauf von Ricken, der das Laufduell gewann und über den total verdutzten Angelo Peruzzi hinweg ins Netz lupfte.
 
Tooooooooooor, was für ein Tor!!! Wie sich doch die Geschichte mitunter gleicht. 31 Jahre und 23 Tage zuvor hatte der legendäre Ernst Huberty aus dem Glasgower Hampden-Park geschildert: „Und Libuda´s Ball senkt sich...ins Tor!“ Borussia Dortmund führte mit 3:1 und Torino und ganz Italia waren geschockt – schlimmer noch: Es war ihnen der Zahn gezogen! Auf der Ehrentribüne schauen sich Juve- und FIAT-Präsident Gianni Agnelli und Vize Roberto Bettega (der sich anschließend böse daneben benahm und Schirri Sandor Puhl sogar der Bestechlichkeit bezichtigte!) an und ihr Blick war fortan nicht (mehr) von Zuversicht geprägt. Borussias Mann für die wichtigen Tore - er hatte, wie in Manchester, wieder grausam zugeschlagen!

„Ich habe von der Bank aus beobachtet, dass Peruzzi (war am Tag zuvor Vater seines ersten Kindes geworden) oft sehr weit vor dem Tor stand und darauf spekuliert, dass ich möglichst schnell den Ball bekomme. Dann war es für mich die sinnvollste Alternative, das Tor zu machen“, erklärte er mit schelmischem Grinsen, wie er den gegnerischen Torwart ausspioniert und wieder einmal einen wichtigen Treffer erzielt hatte. Dieser forsche Rotzlöffel, der auf dem Platz in jugendlicher Unbekümmertheit so kess aufspielte wie er auch außerhalb des Spielfeldes aufzutreten vermochte, hatte sich bei den Schwatzgelben endgültig unbezahlbar gemacht!

Etwas anders hatte er sich den Gewinn des Landesmeister-Cups schon vorgestellt, der vom Trainer auf die Reservebank abgeschobene Kapitän Michael Zorc. Nach dem er bereits eine Viertelstunde vor Schluss vom lautstark feiernden BVB-Anhang stürmisch gefordert wurde, ließ sich der Erfolgscoach milde stimmen, schickte „Susi“ noch für 5 Minuten und 20 Sekunden auf´s Feld und ließ auch ihn in der fröhlichen Stimmung rund um den Platz baden. Nach dem Schlusspfiff genoss er sichtlich die Freude im Kreise seiner Mannschaftskameraden und als es galt, den Pokal von UEFA-Präsident Lennart Johansson entgegen zu nehmen, zögerte er verständlicherweise. Matthias Sammer hatte das Team auf's Feld geführt und war traditionell dafür auserkoren, nun vorzutreten. Aber da ereignete sich etwas, was man gemeinhin als „Geste der Größe“ wahrnimmt, denn Matthes schob Zorci um 22.31 Uhr mit den Worten „Nimm Du den Pokal, Du bist der Kapitän“ nach vorn und brachte die Dinge damit auf sensible Weise so wieder ins Lot. Und als dann noch der in der Mannschaft hoch angesehene Stefan Reuter Hand anlegte und Zorc in Richtung Treppe schob, war alles klar. „Es war eine tolle Geste der Mannschaft“, befand der überglückliche Ur-Dortmunder Junge mit kaum zu verbergender Freude. Sicher war dies auch der versöhnliche Abschluss einer außergewöhnlichen Karriere, die sich in diesen Tagen bereits merklich dem Ende zuneigte - doch ein großes Highlight sollte noch folgen!



Der Ball ist ja bekanntermaßen rund, aber eine „Ballnacht“ muss nicht zwingend eine runde Sache sein. Den Spielern stand nach all den Strapazen der zurückliegenden Tage und kräftezehrendem Endspiel überhaupt nicht der Sinn nach großen Bahnhof beim Bankett im Münchner Sheraton-Hotel im Arabella-Park. Nach einer Ehrenrunde inside verzogen sie sich auf ihre Zimmer und richteten sich für die 3. Halbzeit in der Nobel- Discothek „P1“, zu dem der Mannschaftsbus mit Kind und Kegel exakt um 03.00 Uhr abfuhr. Den fast 1000 anwesenden Borussenfreunden war´s egal, feierten sie auch ohne Stars munter weiter den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Wir notieren: Im Erfolg hat der Verein immer schon viele Freunde gehabt...

Triumphaler Empfang in der Heimat

Der passende Song zum siegreichen Finale war bereits überall in die Tiefen der Fanszene gesickert: Wir ham´ den Cup, Cup, Cup haben wir, zwei Klassen besser, als der S04... Die beiden Nächte von Mittwoch bis Freitag machen die Borussen als Helden unsterblich und werden für jeden einzelnen von ihnen auf ewig unvergesslich bleiben. Kaum gelandet, wurden sie von einem Taumel der überbordenden Massenhysterie mitgerissen. Am Flughafen Münster/ Osnabrück warten bereits an die tausend Fans als Empfangskomitee auf die Helden der Nation, doch sie hatten Pech!

Durch eine unsinnige Bombendrohung in München waren kurzerhand alle Flugpläne über den Haufen geworfen worden. Und so landeten dann still und heimlich um 15.15 Uhr auf dem heimischen Flughafen Dortmund-Wickede die siegreichen Helden ohne große Anteilnahme vor den Augen von lediglich 500 Fans - mit allerdings richtigem Riecher. An den Straßen stadteinwärts sah das natürlich gravierend anders aus: Da säumten Hunderttausende die Straßen und auf dem siegeserprobten Friedensplatz warten ebenfalls über 50.000 in enthusiastischer Stimmung!

Und so stiegen hundemüde Borussen um 16 Uhr nahe der Geburtstätte an der „Westfalenhütte“ in den Autocorso, um dann etwa 5(!) Minuten später bereits am Borsigplatz ins Stocken zu geraten. Über Weißenburger Straße, Geschwister-Scholl-Straße auf den Wallring, über Schwanen-, Burg-, Königs- und Hoher Wall ging es auf den Platz der Siegesfeiern zu. Allerdings erst gegen 18.30 Uhr bog der offene 40-Tonner mit der Mannschaft auf die letzten Meter in Richtung Friedensplatz ein. Und als die Mannschaft um Kapitän Zorc es gegen 19.00 Uhr endlich geschafft hatte, sich durch das jubelnde Chaos zu kämpfen, winkten die funkelnden Gesichter von der Empore des Rathauses überglücklich in die riesige Borussenfamilie hinein. Endlich waren sie wieder vereint, die Fans, die hier wie dort eine rauschende Fußballnacht gefeiert hatten und die Mannschaft, die ihnen dieses so selbstlos ermöglicht hatte! Schon seit dem frühen Vormittag waren sie aus allen Landen herbei geströmt, die Pilgerer in schwarz und gelb. Eine riesige Videowand führte noch einmal zum genussvollen Miterleben durch die sämtlichen Spiele und Erfolgserlebnisse in diesem so siegreich abgeschlossenen Wettbewerb.

Es war die Zeit zum besinnen und in sich kehren - einsame Momente zum Genießen! „Schade Juve, alles ist vorbei“ skandieren sie immer wieder und die Brauereien dürften angesichts der Leibzehrung vieler Enthusiasten mehr als zufrieden drein geschaut haben! Eins-Live-Moderator Arnd Zeigler versprach im Überschwang, im Falle eines Sieges mit dem BVB sympathisierende Stars der Sommerparty aus der Westfalenhalle hinüber auf den Friedensplatz zur Siegesfeier zu holen.

Die Nacht (ohne Polizeistunde!) in Dortmund war so kurz wie die Drangperiode von Juve. Der Europabrunnen in der City wurde kurzerhand in Dortmunds öffentliches Badezimmer umfunktioniert. Bereits früh am morgen duschten übermütige schwatzgelbe Fans im kalten Brunnenwasser. Schon den ganzen Tag hatten die meisten Schaufenster auf der Flaniermeile BVB-Farben geschmückt und eine große Parfümerie auf dem Westenhellweg schminkte für „kleine Kohle“ die Fan-Gesichter professionell in den schönsten Farben der Welt. Während diese Domäne der Frau für gewöhnlich wenig von Männern frequentiert wird, sah das Ganze am Donnerstag mal grundlegend anders aus!



Die Sternstunde der Borussia tat sicherlich dem deutschen Fußball gut und das merkte man, wenn man sich einmal die Autokennzeichen derjenigen anschaute, die seit dem frühen Morgen in die Stadt strömten! Aus aller Herren Länder kamen sie - aus ganz Deutschland sowieso, wie aus der Schweiz (5 Busse), Luxemburg, Holland, Österreich und Belgien! Borussia Dortmund war wieder wer, und hatte jetzt sogar die Chance am 2. Dezember in Tokio im Weltpokalfinale seinen Namen weltweit publik zu machen! Dieser Erfolg für das Ruhrgebiet war geradezu von unschätzbarem Wert. Er krönte in einer Art wunderlicher Renaissance den Fußball genau dort in einer Region, in der dieser einmal groß geworden ist!

Statistik:


Borussia Dortmund: Klos, Kohler, Sammer, Kree, Reuter, Lambert, Sousa, Heinrich, Möller (88. Zorc), Riedle (67. Herrlich), Chapuisat (70. Ricken), Riedle

Juventus Turin: Peruzzi, Juliano, Montero, Ferrara, Porrini (46. Del Piero), Jugovic, Deschamps, Di Livio, Zidane, Vieri (73. Amoruso), Boksic

Tore: 1:0 Riedle (29.), 2:0 Riedle (34.), 2:1 Del Piero (64.) 3:1 Ricken (71.)
Schiedsrichter: Sandor Puhl (Ungarn)
Zuschauer: 60.000 (ausverkauft)

Opens window for sending emailHolger W. Sitter, Fotos: Fundus „Treue Dortmunder“ - 28.05.2007






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