Ein Tag für die Ewigkeit (1)

Am 28. Mai 1997 gewinnt Borussia Dortmund als 3. deutscher Verein überhaupt nach Bayern und dem HSV den Europapokal der Landesmeister. Mit seinem exakt 100. internationalen Spiel sicherte sich der auch damals schon recht beliebte Club seinen Platz in der Ruhmeshalle des ganz großen Fußballs. Superlativen wurden aneinander gereiht und kündeten eindrucksvoll vom größten Erfolg der damals 88- jährigen Vereinsgeschichte.

Es war geschafft: Der Stadionsprecher in „Old Trafford“ gratulierte uns mehrmals in bestem deutsch zum Einzug ins Finale, dass diesmal - ausgerechnet - in München stattfand und schob kurzerhand nach, dass wir doch bitte schön jetzt auch gewinnen mögen, wenn es schon Manchester nicht gelingen könne! Und noch immer hatten wir nicht realisiert, was da auf dem Rasen geschehen war! In einer unglaublich packenden Begegnung hatten unsere Jungs durch Lars Ricken´s Schlenzer in der Höhle des Löwen 0:1 bei Backham, Giggs, Keane & Co. gesiegt und ein Name stand wie kein anderer im Mittelpunkt der freudigen Erregung: Jürgen Kohler „Fußballgott“ schallte es immer und immer wieder aus der uns zugewiesenen Ecke der Tribünenseite hinunter auf den Ground und der „Kokser“ verneigte sich artig ob der voluminösen Darbietung aus den Kehlen unserer fast 5000 Stimmen starken Abordnung.

Und dabei hätte es ein vielfaches mehr bedurft, um unserem „Stopper“ dafür zu danken, dass er mehrmals als unüberwindlich auf der Torlinie im Kampf bei der Verhinderung eines Gegentores hervorgetreten war. Eric Cantona jedenfalls, dieses verhinderte "Enfant Terrible“ aus Frankreich, beendete anschließend seine Karriere nach diesem traurigen Tag für den englischen Fußball.
Der eisenharte Vorstopper aus der "Mannheimer Schule" knöpft hier Manchester United's Ivan Hasek den Ball ab   

Doch Jürgen war mehr als ein Fußballgott, er war für uns an diesem Abend einfach „der Größte“ und Borussia hatte etwas geschafft, was vorher nie ein Mensch für möglich gehalten hatte: Wir hatten das große Cupfinale erreicht. Ausgerechnet gegen Juve! Jene „alte Dame“, die offenbar gegen uns immer den Nymbus der Unschlagbarkeit besaß und uns schon am 6. und 20. Mai 1993 in zwei UEFA-CUP-Endspielen (1:3 und 0:3) vernichtend geschlagen hatte. In der damals siegreichen Formation der FIAT-Städter stand damals übrigens noch - und so schließt sich der Kreis - Jürgen Kohler selbst. Ja wenn das kein gutes Omen war?

Kaum wieder zurück im "Good Old Germany", ging sogleich der Run auf die nur etwa 25.000 offiziellen Tickets los. Ein Kampf, der uns allen alles abverlangte. In zähem Ringen mit Michael Meier und seinem Vergabeschlüssel hatten die eingetragenen Fanclubs (und wir für unseren Doppeldecker-Bus) ihre schmale Schnitte ab bekommen vom durch die bevorzugte Vergabe an die Vereins-Mitglieder und Sponsoren übriggebliebenen Kuchen! Und mancherorts hat es da – wie heutzutage üblich - lange Gesichter gegeben, nach bekannt werden der „Quote“, doch letztlich hatten schon die Richtigen ihre Busse voll! Transparente und Tafeln wurden gemacht und so hatten beispielsweise die „Treuen Dortmunder“ DIN A 2 große Wendetafeln hochgehalten, auf denen auf der A-Seite: Kämpft Borussen, kämpft !!! zu lesen war und auf der B-Seite - wie sollte es nach dieser Einleitung anders sein - dem Helden von Manchester gehuldigt wurde.

Nur, wie schwer es ist, angesichts des bevorstehenden Ereignisses 24 nicht mehr ganz nüchterne Personen gleichzeitig zum Drehen dieser Tafeln zu bewegen, steht auf einem ganz anderen Blatt, wie die Premiere dann später auf unvorteilhafte Weise zeigen sollte... Und noch ein „Problem“ war zuvor unangenehm aufgetaucht: In einem wahren „Elfmeter- Besuppungskrimi“ hatte der ungeliebte Gelsenkirchener Vorortverein eine Woche zuvor in Mailand völlig überraschend den UEFA-CUP errungen. Jetzt waren wir gefordert, die „RUHRPOTT-EHRE“ zu retten. Wir mussten aus München also unbedingt als Sieger erster Klasse heimkehren. Etwa ab Mitternacht setzte sich dann die wohl größte Kolonne seit Berlin´89 gen Nordflorenz in Bewegung: Fiiiii-naaaaa-le...ohhhhoo, Fiiiii-naaaaa-le ...ohhohohooooo !!!



Am 26. Mai startete dann für die BVB-Equipe das Abenteuer Europapokalendspiel um 11 Uhr auf dem Flughafen Dortmund-Wickede in Richtung „Limmerhof“ in Taufkirchen, der etwa 20 Kilometer südlich von München gelegenen Unterkunft der Borussen. Im Vorfeld dieses Gladiatorenkampfs waren alle relativ gelöst und der „Dortmunder Junge“ Stefan Klos brachte es herrlich einfach auf den Punkt: „Endspiele sind nur schön, wenn man sie gewinnt!“ Und Karlheinz Riedle („Relaxed ist bei uns niemand mehr, die Spannung steigt von Minute zu Minute“) hatte die passende Vision dazu: Unter gellendem Lachen erzählte er beim Frühstück im Mannschaftskreis, dass er abends gegen die Juventinos zwei Buden machen würde, weil er das „hellseherisch“ in der Nacht im Traum schon durchgespielt habe.

Doch wer glaubte das schon tatsächlich? Und dabei wollte er in der Winterpause schon den BVB verlassen und einer verlockenden Offerte Inter Mailands folgen, aber Michael Meier verweigerte (zum Glück) die Freigabe und erinnerte ihn an den laufenden Kontrakt bis 1998! Auch einer entsprechenden Anfrage von Lazio Rom, den Allgäuer zurückzuholen, erteilte der BVB-Vorstand eine ebenso schnelle Abfuhr. Wie richtig diese Entscheidungen waren, wurde wohl jedem klar, der seinen abgebrühten „Doppelpack“, die Tore Nummer 17 und 18 in seinem 36. Europacupspiel für die Schwatzgelben bejubelte. Dass er dann doch in der kommenden Saison vom neuen BVB-Coach Nevio Scala aussortiert werden sollte, ahnte da noch keiner...

Hitzfeld zieht Sammer Feiersinger vor

Kurz vor der Fahrt zum Olympiastadion beschwor der Präsident noch mal die Einheit: „Wir sind eine Finalmannschaft. Das zeigt schon der Blick in die Geschichtsbücher.“ Überhaupt hatte der Präsident nach einer von Pech und Pleiten gezeichneten Rückrunde „Schwung und Leidenschaft“ vermisst und nur schwer verknust, dass der Titelhattrick so leichtfertig von seiner in sich nicht immer einigen Truppe verschenkt worden war. Umso mehr predigte er jetzt Selbstvertrauen für den krönenden Saisonabschluss. Ein Selbstbewußtsein, dem sich auch Coach Ottmar Hitzfeld anschloss, als er statt dem in Manchester überragenden Wolfgang Feiersinger, den gerade so eben noch notdürftig genesenen Matthias Sammer nominierte und vor die beiden Manndecker Kohler und Kree stellte! Das entsprach nicht unbedingt Hitzfeld´s bisherigem Sicherheitsdenken.



Jahre später gab der Meistertrainer zu: „Feiersinger hört und sieht nichts mehr und hasst dich nur noch.“ Klar hatte „Feier“ in Manchester bravorös überzeugt, aber ein genialer Libero und mitreißender Kämpfer wie Sammer, sollte einer lange nach Orientierung suchenden BVB-Abwehr die dringend benötigte Stabilität verleihen. Zum 5´er Mittelfeld, mit Reuter (rechts), Heinrich (links) sowie Lambert, Möller, Sousa - eigentlich vom Feinsten besetzt - gesellten sich dann die Spitzen Riedle und Chappi, der in seinen bisherigen sechs BVB-Jahren immerhin schon satte 80 Buden für die Schwarzgelben erzielt hatte. Das war eine Mannschaft, die sich auch vor dem großen Turiner Rekordmeister nicht zu fürchten brauchte. Einzige Einschränkung: Der BVB musste kurzfristig Weltklasseverteidiger Julio Cesar durch Martin Kree ersetzen, startete aber ansonsten mit der bestmöglichen Aufstellung.

Und total konzentrierte Borussen-Spieler betraten auch den Platz, der von ca. 35.000 frenetisch singenden Borussen eingesäumt wurde. Man hat wohl noch niemals zuvor so viel schwarze und gelbe Farben in einem Stadion außerhalb Dortmunds gesehen als an diesem Tag. Der damalige BVB-Ausrüster hatte mit seinen Supporter-Teams passende Plastikfahnen an die in München stadteinwärts einströmenden Busbesatzungen verteilt, die das Bild gigantisch ganzheitlich gelb einfärbten. Ein weiterer Vorteil war zweifellos, dass wir nicht in der ungeliebten „Südkurve“ der Bazis stehen mussten, die schön den Norditalienern vorbehalten war! Gut so! Dann Anstoß BVB. Und sofort greifen drei Juve-Spieler den jeweils ballführenden Borussen an. Es wird sofort deutlich: Hier wird gegen eine europäische Spitzenmannschaft gespielt, kein Bochum, Düsseldorf oder Bielefeld... Und in der 3. Minute sahen die etwa 35.000 Borussen im weiten Rund schon der erste Aufreger.

Nach einem kompromisslosen Zweikampf zwischen Stefan Reuter und Mittelfeldspieler Jugovic im Strafraum schüttelte der allzeit souverän agierende Schiedsrichter Sandor Puhl aus Ungarn mit dem Kopf und bedeutete weiterspielen. Gottlob, das hätten wir so früh auch nicht verkraftet! Nach 5 Minuten machen wir uns zum ersten mal auf, den Kreislauf in Wallung zu bringen. Unser Chappi vernatzte auf dem linken Flügel Ciro Ferrara und brachte das Leder scharf rein. Kalle Riedle is zwar da, aber sein Schuss wurde zur Ecke abgeblockt. Und praktisch im Gegenzug dann fast kollektiver Herzstillstand im schwarzgelben Lager: Hatte doch tatsächlich Christian Vieri, diese vor Körperfülle strotzende Tormaschine der rosso´neri unsern Libero überlaufen und aus vollem Lauf das Außennetz getroffen! Puh, wenn das mal gut geht mit Sammer - dachten wir alle!

„Air“ Riedle bescherte Glückshormone im Überfluss

Und schon waren die ersten 20 Minuten rum - ohne nennenswerte weitere Erwähnungen. Es folgte ein ausgeglichenes Spiel, die Anspannung auf den Tribünen war hörbar größer. Weltstar Zinedine Zidane kam immer besser ins Spiel. In der 23. Minute kann er sich der Bewachung von Paul Lambert entziehen und setzte Deschamps auf dem Flügel gekonnt ein. Dessen Flanke landet bei Alan Boksic, der allerdings am aufmerksamen Stefan Klos scheiterte. Nach knapp einer halben Stunde dann die unerwartete Führung für den BVB. Eine Ecke von Möller wehrt Keeper Peruzzi zu kurz ab. Der Ball landet bei Paul Lambert, der das Leder hoch auf den langen Pfosten schlägt, wo der einschussbereite „Kokser“ bereits lauerte. Doch der "Fußballgott" lässt Kalle Riedle den Vorzug, der den Ball mit der Brust annimmt und mit einem knallharten Flachschuss Keeper Angelo Peruzzi ohne Chance lässt! Tooooooooooooor, 1:0 für Borussia, München steht Kopf! Und Borussia bleibt ihrer Linie in der Champions League treu: 10 Spiele und 10 mal mit 1:0 in Führung gegangen!

Der BVB bleibt anschließend am Drücker gegen völlig verunsicherte Turiner! Das hatte sich die erfolgsverwöhnte Diva aus Italien so nicht vorgestellt - im Gegenteil. Noch einen Tag zuvor hatte Didier Deschamps beim Abschlusstraining spöttelnd gesagt: „Juve ist nicht besser als die anderen. Der Unterschied liegt im Kopf. Wir hatten bisher einfach die größere Siegeswut.“ Und jetzt? Jetzt lagen sie hinten gegen total beeindruckende und siegeswillige Dortmunder! Juve in die eigene Defensive gedrängt, hatte der BVB jetzt deutlich Oberhand und setzte seinerseits nach. Nur fünf Minuten später kann Sergio Porrini in höchster Not zur Ecke klären. Diese tritt wie immer Andy Möller, diesmal scharf auf den ersten Pfosten, wo sich der zur Zeit wohl kopfballstärkste Spieler der Welt aufhält und demgemäß auch hochsteigt. Zwar wird er bedrängt, aber das hindert „Air Riedle“ keineswegs daran, mit seinem zweiten Tor seinen Platz im Olymp der Fußballhelden einzunehmen!

Wuchtig nagelte er das Leder in die Maschen und ließ Peruzzi abermals keine Abwehrchance! 2:0 in der 34. Minute - unfassbar! Ganz Fußballdeutschland (außer Uli Hoeneß) stand Kopf, niemand hatte das im Vorfeld so erwartet. Stadionsprecher Norbert Dickel (ja er war auch dort schon live vor Ort) bestätigte über unzählige Lautsprecher, was ja eigentlich keiner so recht glauben konnte, hätte man es nicht selber mit eigenen Augen gesehen! Auf der Treppe hinunter in unseren Block kommt dem Schreiber dieser Zeilen der „Präsi der Sonnenkönige '93“ entgegen, bewaffnet mit einer BVB-Fahne in der Hand und fällt mir sogleich vor Freude schreiend um den Hals! Ausnahmezustand in München! Und wer das Glück hatte, live dabei sein zu dürfen, wird diesen zig-tausendfachen Torschrei wohl niemals wieder vergessen!


Fortsetzung folgt morgen.


Opens window for sending emailRedaktion, Bilder: Gettys + Archiv - 28.05.2017






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