Heute vor 50 Jahren: Borussias Helden triumphieren

„Die Helden von 66 – Erster deutscher Europapokalsieger Borussia Dortmund“ ist ein sorgfältig zusammengestelltes Buch aus dem "Werkstatt-Verlag", dass rechtzeitig zum 50-jährigen Geburtstag des ersten Europapokalsieges einer deutschen Vereinsmannschaft erschienen ist.

Der BVB wurde am 5. Mai 1966 von Reporterlegende Ernst Huberty noch längst nicht bei allen in der Bevölkerung in schwarz-weiß Bildern ins Wohnzimmer der noch jungen Bundesrepublik übertragen, gleichwohl wurden die „Helden aus dem Kohlenpott“ für ihren Sieg gegen den übermächtigen Rivalen aus England überall gefeiert. Das 2:1 nach Verlängerung – gut 20 Jahre nach Kriegsende – bescherte den Dortmundern gar einen Heldenstatus in der Bevölkerung, der durchaus vergleichbar war mit dem der den ‚Helden von Bern‘ im Jahre 1954 zuteil wurde - und das sieht nicht nur der damalige Mittelfeldstar Alfred „Aki“ Schmidt so.

Vieles ist schon geschrieben worden über diesen köstlichen Triumpf. Doch diesmal begibt sich der Autor tief hinein in die Erlebnisse auf und neben dem Platz der damaligen Zeit. Er sprach mit Zeitzeugen wie zum Beispiel Sigrid Betzer, der Schwiegertochter des früheren, langjährigen Zeugwartes Walter Betzer, Anne Rhein, der Witwe von Major Otmar Rhein oder mit Michael Emmerich, dem Sohn von Borussia Torjäger Lothar. Sie alle trugen dazu bei, dass ein Buch für echte Liebhaber von Borussias erster goldener Epoche entstehen konnte.  

Vor einem halben Jahrhundert: BVB schreibt Geschichte

War es tatsächlich ein Wunder? Fest steht, dass der erklärte Favorit – und nicht nur bei den Journalisten und Buchmachern – der FC Liverpool war. „Es kam anders, es kam das Unerwartete, es kam zu einem Spiel, das Borussia Dortmund auf alle Zeit prägen sollte“, weiß Schnittker die Bedeutung dieses Sieges für die Gesamtentwicklung des Vereins richtig einzuschätzen.

Dabei waren die Schotten ganz und gar nicht zu der Überzeugung gelangt, dass dieses Spiel den berühmten „Hampden-Roar“ verdient hatte. Lediglich 41.657 Seelen verloren sich in dieser gigantischen Kathedrale des Fußballs, in der sonst 130.000 wie ein Mann hinter ihrer Nationalelf stehen, oder Celtic und die Rangers die Klinge kreuzen. An diesem Abend aber verpassten diejenigen Zuschauer, die auf den 88.343 freien Plätzen nicht erschienen waren, ein packendes Duell, dass viele Fachleute gar zu einer Sternstunde des damaligen Fußballs hoch stilisierten.

Auf Seite 119 seines Buches beschreibt Autor Schnittker die Situation im Vorfeld des Finales und zitiert den Borussen „Aki“ Schmidt: „Für mich und für uns alle war es das Größte, so ein Finale zu erreichen. Zu dem Zeitpunkt war Liverpool schon Meister und galt als Übermannschaft. Deren Trainer war ein ganz Verrückter. Er wurde gefragt, ob er uns überhaupt mal spielen gesehen habe. Da winkte er ab. Er sagte, es käme nur auf die Höhe des Sieges an. Sie seien unschlagbar. Es gäbe genau zwei gute Mannschaften in England. Die erste Mannschaft von Liverpool und die zweite Mannschaft von Liverpool. Gegen so einen zu siegen. Was kann schöner sein?“

Ja, der damalige Trainer der „Reds“ hatte viel dafür getan, um den Ehrgeiz der Dortmunder zu wecken. Denn obwohl sein FC Liverpool im Halbfinale gegen Celtic Glasgow ganz und gar nicht nicht zu überzeugen vermochte, war Coach Bill Shankly in seinem Optimismus nicht zu bremsen. Der Schotte, seit sechs Jahren an der Anfield Road, galt als Fanatiker des Erfolgs.

Bill Shankly's arrogante Fehleinschätzung

Er wurde 1964 mit Liverpool Meister, 1965 Cupsieger und nun erneut Meister. Angesprochen auf die Chancen gegen den BVB gab er sich im Teamhotel in Largs, ein wenig weiter nördlich ebenfalls am Meer gelegen, nicht gerade in britischem Understatement: „Wir sind in diesem Jahr so gut in Form wie vorher noch keine britische Vereinself. Wenn wir unsere Leistung bringen, sind wir unschlagbar. Das wird auch Dortmund am Donnerstag spüren. Borussia Dortmund? Wer ist das schon? Das Finale in Glasgow ist für mich schon abgeschlossen. Mein neues Ziel ist das Finale der Landesmeister in der nächsten Saison.“

Nun wissen wir ja nicht erst seit 1966, dass Hochmut bekanntlich vor dem Fall kommt. Gleichwohl lesen wir, dass die Spieler der „Reds“ diese Einstellung keinewegs geteilt haben. Sie erkannten die vor allem kämpferisch überragende Leistung der Westfalen an. Und so nimmt der Autor den Leser mit auf eine illustere Zeitreise, die bereits am 22.Mai 1965 in Hannover beginnt, als der BVB den Grundstein für den späteren Erfolg durch den Gewinn des DFB-Pokals legt. Binnen acht Minuten wurden da durch einen Doppelschlag die Weichen gestellt in unfassbarer Hitze und Schwüle. Doch es sollten weitere „hitzige“ Spiele folgen – allesamt Kapitel für Kapitel beschrieben.

Das Buch zeichnet alle Begegnungen ausführlich nach – Floriana La Valetta, ZSKA Sofia, Atletico Madrid, West Ham United... Gerade auch die Duelle gegen den vormaligen Cup-Sieger waren ein absolutes Highlight. Dieser erst 1960 aus der Taufe gehobene Wettbewerb war zu diesem Zeitpunkt der jüngste der drei Pokalausspielungen auf europäischer Ebene. 1964/65 hatte mit 1860 München erstmals ein deutscher Verein das Finale erreicht und gegen das starke West Ham United mit 0:2 verloren.

Portraits fördern viel interessantes zu Tage

Angereichert von vielen privaten Schriftstücken und authentischen Bildern schafft es dieses Buch, die Atmosphäre dieser Zeit für den Leser greifbar zu machen. BVB-Fan Gregor Schnittker begibt sich mit viel Liebe zum Detail ziemlich ausführlich auf die Spuren der Helden jener Zeit und zeichnet ihren Weg in dieses Team und bis zum Erfolg dieser großen Mannschaft detailliert nach – weit über 21:33 Uhr des 5. Mai 1966 hinaus, als Libudas Tor Millionen elektrisierte.

So erfahren wir beispielsweise auf Seite 110 von Zwillingsschwester Karin Assauer ein Geheimnis über ihren Bruder Rudi, dass überrascht: „Um uns herum in Herten gab es fast nur Schalker. Als Rudi mit 20 zum BVB ging, war er stolz, dass er eben nicht nach Schalke ging, sondern nach Dortmund. Schalke, das war eher normal, das machte jeder, meinte er, und Schalke hatte auch ein Negativimage zu der Zeit. Dortmund war was Besonderes“. Wer hätte das gedacht?  

Der Schreiber dieser Zeilen nannte – wenig überraschend – Lothar Emmerich sein erstes Idol und saß als kleiner Steppke selber auf den Schultern des Vaters, als diesen Helden im Autokorso in Dortmunds Straßen zugejubelt wurde. Die in diesem Buch beschrieben Hintergründe aber machen dieses Erlebnis im Nachhinein erst perfekt. Unsere Empfehlung lautet daher: Ein absolutes Muss für jede Borussin und jeden Borussen!

Der Preis ist mit 19,90 Euro für ein gebundenes Buch dieser Qualität durchaus erschwinglich. Wer „Die Helden von 66“ auf anderem Weg sein eigen nennen möchte, beantwortet einfach unsere Quizfrage:

Wer erzielte in Glasgow das erste Tor?

Die möglichst richtige Antwort schickt Ihr wie immer an: redaktion@die-kirsche.com. Viel Glück!
Unter den richtigen Einsendern verlosen wir drei Exemplare. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Gregor Schnittker
Die Helden von 66
Erster deutscher Europapokalsieger Borussia Dortmund
136 Seiten, A4 Hardcover
ISBN: 978-3-7307-0250-5
Preis: 19,90 Euro
Erschienen im Verlag: Die Werkstatt

Opens window for sending emailHolger W. Sitter, Fotos: Werkstatt, Archiv – 05.05.2016


 



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