Bei Borussias wichtigstem Sieg fiel kein einziges Tor

Heute ist es exakt ein Jahrzehnt her, seit der Traditionsverein Borussia Dortmund in einer spektakulären Sitzung in Düsseldorf um seine nackte Existenz kämpfte. Und dieses Thema bewegt uns Borussen noch immer, denn die Erinnerungen daran sind allgegenwärtig.

Erst Ende Januar wieder, im Prozess um den ehemaligen BVB-Präsidenten Gerd Niebaum. Der inzwischen 66-Jährige ist eine ambivalente Persönlichkeit. Er hat gewissermaßen zwei Facetten: Einst war er jovialer Präsident von Borussia Dortmund, musste jedoch 2004 geächtet abtreten. Als dominanter Chef einer erfolgreichen Großkanzlei – bis er 2011 seine Anwaltszulassung verlor – war er eine stadtbekannte Persönlichkeit, zu dem manch Promi nur allzu gern kam, um seinen Rat einzuholen. Nun stand er auf der anderen Seite im Gerichtssaal wegen Kreditbetrug und Urkundenfälschung - begangen vor zehn Jahren. "Ich kann mich heute in den damaligen Handlungen nicht wiedererkennen", sagte ein inzwischen eher nachdenklicher Niebaum. Das war mal anders. Gestoppt wurde „Dr. Gott“ ausgerechnet durch ein Fax, dass auf rätselhaften Pfaden den Weg aus der Geschäftsstelle in die Öffentlichkeit fand. Dort wurde Großinvestor Florian Homm – unter dem auf der Bilanzpressekonferenz am 8. Oktober 2004 entstandenen medialen Druck – für seine Rettungsaktion per Kapitalerhöhung eine Zusatzvereinbarung („Drei-Punkte-Erklärung“) gegengezeichnet. Kernforderungen waren u.a. die Bestellung eines dritten Geschäftsführers für den Bereich Finanzen und Controlling sowie die unmittelbare Abdankung Niebaums - spätestens jedoch 2006 nach Ablauf der Wahlperiode. Von "Saustall Borussia" und „mehr Wirtschaftlichkeit statt Vereinsmeierei“, hatte Florian Homm, der eigene 20 Millionen Euro in den Traditionsclub investiert hatte, mehrfach öffentlich schwadroniert: „Hätte ich nicht investiert, wäre die Borussia nicht mehr im professionellen Fußball aktiv. Das ist meine Art, mich mit dem Verein zu identifizieren. Ohne mich könnte die Borussia treu und fest in der Oberliga zusammenhalten“.

Süddeutsche und Kicker forcieren Veröffentlichung

Aber es war der 22. Dezember 2003, der erstmals aufhorchen ließ. Der Dortmunder Journalist Freddie Röckenhaus beschied via 'Süddeutscher Zeitung' der Öffentlichkeit und jenem BVB-Präsidenten Niebaum einen „riskanten Expansionswillen“. Röckenhaus zitierte erstmals Informanten aus dem Inner Circle, als er der Geschäftsführung des börsennotierten Clubs schwarz auf weiß eine „Führung nach Gutsherrenart“ attestierte. Von „totaler Beratungsresistenz“ ist dort erstmals die Rede und von ständigen Drahtseilakten. Der Verfasser wirft in diesem Artikel schlussendlich die Frage auf, was denn noch für Auswege blieben, wenn erst die Zuschauereinnahmen verpfändet wären? Etwa zeitgleich macht der Trainer der Borussia ebenfalls Andeutungen, denen nur recht wenige Eingeweihte damals folgen konnten: „Wir sind in der schwierigsten Situation, seit ich in Dortmund bin – und das ist sei 1993“, ließ Matthias Sammer wissen. Katastrophale Etatlöcher, befeuert durch die fehlenden Champions-League-Einnahmen nach desaströsem Ausscheiden, bahnten sich den Weg. Eine Schechter-Anleihe beim amerikanisch-englischen Investmenthaus von mindestens 80-100 Millionen geisterte durch London. Ja, um den Ballspielverein Borussia aus Dortmund stand es so schlecht wie nie zuvor in seiner bewegten Geschichte. Dazu schlugen die tragischen und folgenschweren Finanzjonglierereien immer größere mediale Wellen. Niebaum und Manager Michael Meier hatten seit dem Börsengang in nur drei Jahren rund 200 Millionen regelrecht verbrannt, davon die 130 erlösten Börsenmillionen und – im Vorgriff auf einen Fünf-Jahres-Vertrag mit Ausrüster Nike – weitere 38 Millionen. Das schlimmste aber war die Veräußerung des vereinseigenen Westfalenstadions im Rahmen eines Sale & lease-back-Verfahrens an Molsiris, die Leasing-Gesellschaft der Commerzbank, für 23 Millionen. Kein windiger Finanztrick war zu billig, um in Dortmund im Zuge der „Bilanzbereinigung“ Anwendung zu finden. Unvergessen geblieben ist beispielsweise der „20-Mio-Evanilson-Deal“ mit dem AC Parma. Oder das Verrechnungsmodell für Marcio Amoroso, der angeblich nur 7,7 Mio kostete. Am spektakulärsten aber mutete der scheinbar mühelos erreichte 20% -Gehaltsverzicht der Profis in jenen Tagen an. Es war die Zeit, als der geflügelte Satz vom „Wechsel auf die Zukunft“ zwischen Strobelallee und Rheinlanddamm die Runde machte .

Fieberhafte Suche nach Geldquellen

Das Vertrauen von Finanzmarkt und Bankhäusern war Anfang 2004 bereits nachhaltig beschädigt. Dennoch war Michael Meier umtriebig damit beschäftigt, das drohende Leck von 25 Millionen zum Saisonende abzudecken. Spieler wie Rosicky, Frings, Koller, vor allem aber Reservisten wie Reina, Herrlich oder der nach Bochum ausgeliehene Oliseh wurden eilends ins Schaufenster gestellt. Sechs bis acht Topverdiener sollten schnellstmöglich von der Payroll verschwinden. Dazu kam, dass die von Meier immer wieder als wirtschaftlich interessant bemühten „fußballaffinen Tätigkeitsfelder“ keinen signifikanten Beitrag zur Liquidität beisteuern konnten. Beispielhaft sei hier nur der Wahnsinn genannt, den Branchengrößen Nike, Adidas und Puma Konkurrenz machen zu wollen mit dem eigenen Label mit dem verheißungsvollen Namen goool.de. Für dieses ehrgeizige Unterfangen wurde ein 20 Millionen-Darlehen vom Gerling-Konzern, der im Gegenzug die Vermarktungs-Rechte für das BVB-Logo erwarb, verpulvert. Damit war der Gipfel des Erträglichen für die Borussengemeinde erreicht. Beim Auswärtsspiel in Hannover demonstrierten die Fans erstmals geschlossen mit einem Banner mit der Aufschrift „Not for Sale“. In einem umfangreichen und Aufsehen erregenden Interview mit der SZ bekräftigte Manager am 28. Januar 2004 tatsächlich, dass „kein Geld verbrannt“ wurde und die Misere nur der „Kirch-Pleite“ geschuldet sei, da der Club fast 200 Mio. Fernsehgelder abschreiben müsse. Auf die Frage, ob der BVB ein Sanierungsfall sei, erwiderte Meier dort: „Ich würde mich gegen eine Sanierung nicht stemmen“ und weiter: „Das Wort Sanierungsfall finde ich unangebracht. Dafür ist die Substanz dieses Unternehmens einfach zu groß. Mit einem glücklichen und geschickten Mangement, kann man eine Geschäftspolitik hinbekommen, die den gewohnten Stellenwert des BVB aufrecht erhält.“ Ja, die sogenannten „bestellten Felder“ waren es, an denen er anschließend gemessen werden sollte. Der sportliche Misserfolg tat ein übriges. Ende Juli flog man nach einem inakzeptablen 1:2 beim KRC Genk aus dem UI-Cup und verspielte erneut die Möglichkeit auf Einnahmen aus europäischen Töpfen. Erst das blamable Uefa-Cup-Aus gegen Sochaux, dann die vergeigte sichere CL-Teilnahme gegen Absteiger Cottbus, dann das Aus in der 3. CL-Qualifikationsrunde gegen den FC Brügge im Elfmeterschießen – jetzt also wieder in Belgien „europäisch eliminiert", doch Meier ließ lapidar mitteilen, „dass uns das jetzt nicht aus der Bahn wirft.“

Showdown in Düsseldorf: 'Ja' mit Politbüro-Ergebnis

Die Schlinge zog sich immer enger zu. Potentielle Neu-Aktionäre wurden für eine Kapitalerhöhung gesucht, um frische BVB-Aktien für 9,75 Millionen unters Volk zu bringen. Der Rückkauf des Westfalenstadions sei ein Teil der „Neuordnung unserer Finanzen“, hieß es. Für eventuelle Abfindungen und Schadenersatzansprüche der Fonds-Anteilseigner, denen das Westfalenstadion faktisch gehörte und denen bis zum Jahr 2017 – im schlechtesten Fall – eine jährliche sechsprozentige Verzinsung angekündigt war, stand die Commerzbank nicht ein. Wegen den Verpflichtungen gegenüber den Fondszeichnern musste mit einem Mindest-Rückkaufwert von 100 Millionen gerechnet werden.

Dann kam jener Montag, der 14. März 2005. Showdown in der Event-Terminal-Halle am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Von 5.780 Gesellschaftern des „Fonds CFB 144“ waren 444 anwesend. Sie sollten also über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia Dortmund final entscheiden. Unter ihnen eine Vielzahl, die weder zum Fußball, noch zum BVB eine emotionale Bindung besaßen und eher auf einträgliche Rendite schielten. Und doch geschah das Wunder: Sensationelle 94,4% entschieden sich nach sechs- stündigem Ringen – in anonymer (!) Abstimmung – dafür, dass dieser Verein, der Millionen Menschen so unendlich viel bedeutet. weiterleben durfte! Nur einen knappen Monat, nachdem der BVB eine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, war ein erster, eminent wichtiger Meilenstein zur Rettung erreicht. Wirtschaftsprüfer Jochen Rölfs hatte mit seinem Sanierungskonzept zur Umstrukturierung einerseits Glaubwürdigkeit und andererseits aber auch Hoffnung auf Zukunft verbreiten können und somit den beschwerlichen Gang zum Insolvenzrichter vermieden. Mit Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke waren zudem glaubwürdige Repräsentanten zum Flughafen gekommen, die schon im Vorfeld versucht hatten, jegliche Emotionen im Keim zu ersticken. Dazu gehörte zum einen, den polarisierenden Michael Meier vom Fernbleiben zu überzeugen, zum anderen aber auch, Borussias Fans zu bitten, keinerlei Solidaritätskundgebungen vor Ort zu initiieren. Die Zeitungen titelten anschließend martialisch wie: „Lebend vom Schafott“ ('Frankfurter Rundschau'), „Wende um fünf vor zwölf“ ('Die Welt') oder „Schwarzgelbe Hasardeure mit blauem Auge“ ('FAZ'). Einig waren sich viele Medien auch darin, dass die Uhr von Michael Meier abgelaufen war und nahmen damit eine Entwicklung vorweg, die sich zum 30. Mai sukzessive anschließen sollte. Seither ist Ruhe eingekehrt beim BVB. Solide, und geordnete Finanzen und kalkulierbare Risiken sind oberstes Gebot. Es bleibt zu hoffen, dass Tage und Stunden wie jene vor zehn Jahren niemals wieder unsere Herzen beschweren mögen. Borussia Dortmund – das sind nämlich wir alle. Immer schon!

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Grafik: Andy Gollisch; Fotos: Kirsche-Archiv - 14.03.2015



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