April 2010: Prinzip Hoffnung - zweiter Teil der Wahrheit über Schalke 04

Der Verein Schalke 04 und die Stadt Gelsenkirchen sind Seelenverwandte. Schalke benötigt dringend das europäische Fußballgeschäft – unter Champions League geht da nichts – um den im Winter noch stärker aufgeblähten Kader, die Arena und kaum durchschaubare Verpflichtungen ihrer Schachtelgesellschaften bedienen zu können. Die Stadt Gelsenkirchen wiederum stellt mit dem GEW-Deal dem Verein einen ungedeckten Scheck aus und hofft, damit die Eintrittskarte für eine bessere Zukunft als Wirtschaftsstandort geknipst zu haben. Es klingt kurios, aber den Verantwortlichen ist es bitterernst: Ausgerechnet der stets skandalumwitterte FC Schalke 04 ist das Ankerunternehmen der städtischen Wirtschaftsplanung. Die Kommune pumpt über ihre GEW Millionenbeträge in die Finanzierung der Dienstleistungsstätte von Fußballprofis. Den Transfer erklärt sie flugs zur Wirtschaftsförderung und behauptet, es sei ein Beitrag zur Daseinsvorsorge ihrer Bürger. So hat sich ein Teufelskreis von gegenseitigen Abhängigkeiten aufgebaut. Die Junkies sitzen im Rathaus und produzieren auch noch den Stoff, aus dem ihre Träume sind. Der GEW-Schalke-Deal koste keine Steuergelder, versicherte Oberbürgermeister Baranowski im November 2009. Als er am 28. Januar 2010 den Entwurf zum Haushalt in den Rat einbrachte, klaffte darin – wie in Jahren zuvor auch – ein gewaltiges Loch. Die Gemeindeprüfungsanstalt hat die strukturelle Finanzschwäche Gelsenkirchens mehrfach schon angemahnt. Das an Schalke überwiesene Geld aus GEW-Gewinnen könnte bei der Stadt selbst folglich viel besser investiert werden. Gelsenkirchen gehört zu jenen Kommunen in NRW, die enorm überschuldet sind. Der Städtetag beklagt, dass zahlreiche Städte und Gemeinden dringend erforderliche freiwillige Ausgaben für Bildung, Jugend- und Seniorenarbeit sowie zielgerichtete Sozialfürsorge kappen. Das setzt aber eine verantwortliche politische Diskussion voraus und einen sorgsamen Abwägungsprozess. Das GEW-Geld hat Baranowski aber Magaths Schalke in den Rachen geworfen, der prompt zur strukturpolitischen Entwicklung Gelsenkirchens mit neuen Spielerverpflichtungen beitrug – ein seltsamer Ertrag aus öffentlichen Zuwendungen. Vielleicht aber hat die Stadt Gelsenkirchen mittlerweile so viel Geld direkt und indirekt in den Verein gesteckt, dass eine Umkehr nicht mehr möglich ist – also die GEW-Zahlungen aus Sicht der Verantwortlichen ohne Alternative gewesen wären. Der Verdacht drängt sich auf, dass gutes schlechtem Geld hinterher geworfen wurde.  
Präsident "auf Abruf" Schnusenberg: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan...
 
Im Haushalt der Stadt Gelsenkirchen fehlt Geld selbst für dringende Ausgaben. So schlug der Oberbürgermeister bei Einbringung des Haushalts im Januar dem Rat vor, die Grundsteuer B anzuheben, um einige Ausgaben finanzieren zu können. Diese Steuer wird erhoben auf bebaute Grundstücke. Zahlen muss der Grundstückseigentümer. Stehen auf seinen Gründstücken Mietwohnungen oder Gewerbeobjekte, kann er die Steuer an Mieter weitergeben. Aber Gelsenkirchen scheint aus Sicht Baranowskis sozial so gefestigt zu sein, dass Sozialrentner und einkommensschwache Haushalte die Steuererhöhung durchaus schlucken können. Was bedürftige Menschen nicht bezahlen können, begleicht die Stadt aus ihrem Sozialhaushalt über Zuwendungen für Heizung und Unterkunft. Das in der Stadt dringend erforderliche Geld wächst virtuell und in ferner Zukunft im Arena-Park heran. So viel zur gewerblichen Förderung durch den städtischen Haushalt, der es sich gleichzeitig leistet, wegen gewerblicher Förderung keine Einnahmen aus den Gewinnen der GEW zu verbuchen. Es ist kaum anzunehmen, dass die bei Schalke angeheuerten Spieler in Gelsenkirchen wohnen und dort die Grundsteuer B zahlen. Magath bevorzugt beispielsweise Düsseldorf – auch eine Liebeserklärung an die Stadt seines Arbeitgebers. Oberbürgermeister Baranowski verkündete bei Haushaltseinbringung auch, die Stadt Gelsenkirchen habe im vergangenen Jahr 56 Millionen Euro weniger Gewerbesteuer eingenommen als 2008. Den konjunkturbedingten Steuerausfall – wenn auch nicht in voller Höhe – kannten die Verantwortlichen bereits, als sie Schalke über die GEW unter die Arme greifen ließen. Es veranlasste die Verantwortlichen im Rathaus nicht, endlich umzusteuern und dem endlosen Schrecken ein Ende zu bereiten. Sie subventionieren einen Verein mit öffentlichen Geldern als vorgebliche Wirtschaftsförderung, drehen zu Lasten ihrer Bürger an der Steuerschraube und ignorieren das strukturelle Defizit in der städtischen Kasse.  
Machtmensch Magath
 
Felix Magath, der meisterhaft die Grimasse des mokanten Lächlers beherrscht und bei ihm unangenehmen Fragen den medialen Ausstieg vor laufender Kamera inszeniert, wird – auch das ist Schalke-typisch – in der Stadt der Armen und Geschröpften verehrt als Heilsbringer. Magath, der sich mit seiner Spielanlage auf Schalke redlich den Beinamen "Destruktix" verdient hat, spielt virtuos mit der freigesetzten emotionalen Energie, über die Gelsenkirchens Wirtschaftsdezernent Hampe gern schwadroniert. Schalkes Allround-Mächtiger hat keineswegs die Kostenbremse gezogen, sondern heftig weiter in Spieler investiert. Inzwischen kann kein halbwegs namhafter Fußballer mehr davor sicher sein, zumindest auf der Wunschliste der Schalker zu landen – ob er das will oder nicht. Magath hat die Stadt Gelsenkirchen mit einer seit der GEW-Geldspritze besonders verschwenderischen Personalwirtschaft sogar zusätzlich unter Druck gesetzt: Verpasst der S04 die Champions League, dürfte das Gespenst der drohenden Zahlungsfähigkeit bald erneut auftauchen – und damit der von Stadtvätern ersehnte Gewerbepark an der Arena mit der Dachmarke Schalke 04 in den „Steinen und Beinen“ von Königsblau versenkt worden sein. Wo die GEW-Millionen dann geblieben sind, wird keiner der politisch Verantwortlichen anschließend erklären können. In Magaths Schatten segelt die graue Eminenz Peter Peters unbehelligt dahin um dafür zu sorgen, dass Schalkes Finanzgebaren geschont wird. Wie erklärte er im vergangenen Herbst nach dem GEW-Deal: "Ich kann ja verstehen, dass einigen die Transparenz fehlte. Aber alle Gesellschaften arbeiten profitabel, und wir erleiden jetzt keinerlei Wettbewerbsnachteil." Aber bitte, gerne geschehen, erklärt der Steuerzahler in der Stadt Gelsenkirchen. Ergo darf Schalke 04 nicht Deutscher Fußballmeister werden, weil dies auf Kosten der Allgemeinheit geschähe. Wenn das nicht ausreichen sollte, dann könnte man ja auch noch einmal einen Blick in die stets „blitzsaubere“ Vereinsgeschichte des Clubs werfen. Die königsblaue chronique scandaleuse (vermutlich unvollständig): Oberliga West, Saison 1948/49 Am Ende der Saison wird die Liga nach monatelangem Gefeilsche auf 16 Vereine aufgestockt. Damit entgeht Schalke dem sportlich besiegelten Abstieg.  Oberliga West, Saison 1961/62
Der „Fall König“ endet, wie solche Dinge auf Schalke immer enden: Schalkes Vorsitzender Hans-Georg König muss sich vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, er habe Eintrittsgelder und Steuern unterschlagen. Eine Protestversammlung von Schalker Vereinsmitgliedern attestiert König nur lautere Absichten. Das seinerzeit heftig umstrittene Amateurspielerstatut muss herhalten, um ihn vor Gericht reinzuwaschen. Bundesliga 1964/65
Schon in der Vorsaison rumorte es heftig hinter den Kulissen des Herbstmeisters. Der Trainerwechsel von Gawliczek zu Langner übertünchte die wahren Probleme: Schalke stand schon im Frühjahr wirtschaftlich vor dem Kollaps. Die sportliche Talfahrt setzte sich fort – Schalke 04 stand am Ende der Serie auf einem Abstiegsplatz. Doch weil Hertha BSC wegen Verstößen gegen das Linzenzspieler-Statut aus der Liga ausgeschlossen wird, bleibt Schalke in der Liga, die zusätzlich von 16 auf nun 18 Vereine aufgestockt wird. Bundesliga 1970/71
Spieler des FC Schalke 04 verschieben und verkaufen Spiele. RW Essen steigt ab, während Klubs wie Oberhausen und Bielefeld, die sich mit Hilfe von Schalke Spieler erkauft haben, in der Liga bleiben. Der beharrliche DFB-Chefankläger Hans Kindermann wird zum meist gehassten Menschen in Gelsenkirchen. Wie Jahre zuvor im undurchsichtigen Fall König fehlt die Einsicht bei sehr vielen, was Schalke dem Fußball angetan hat. In den Folgejahren festigt Schalke den Ruf des FC Meineid: Einige Spieler schwören auch vor ordentlichen Gerichten Meineide. Sie haben für damals bereits vergleichsweise läppische 40.000 Mark Ergebnisse verschoben – vor allem das 0:1 gegen Bielefeld. Bundesliga 1974/75
Sportlich ist Schalke wieder einmal haarscharf dem Abstieg entgangen, jetzt sind die Verurteilten Spieler wieder in der Mannschaft – soweit sie blieben. Hinzu kommt mit Hannes Bongartz ein Mittelfeldspieler, der für ein Finanzierungsnovum sorgt. Die chronisch klammen Schalker führen die „Bongartz-Mark“ ein: Jede Eintrittskarte wird um eine Mark teurer, damit 700.000 Mark Ablöse für den Spieler an Wattenscheid 09 gezahlt werden können. Bundesliga 1980/81
Erstmals funktioniert die Nichtabstiegsmaschinerie rund um S04 nicht mehr: Mit dem TSV 1860 München verabschiedet sich der Gelsenkirchener Verein aus der Bundesliga. Charly Neumann schafft es, mehrfach und auf Regieanweisung TV-gerecht in Tränen auszubrechen, als die Beleuchtung beim WDR nicht ordnungsgemäß arbeitet. Bundesliga 1986/87
Die zwei Jahre zuvor in die Liga zurückkehrten Schalker beweisen wieder einmal, dass sie mit Geld nicht umgehen können. Präsident Fenne und Manager Assauer geraten sich in die Haare. Assauer wird beurlaubt, Fenne tritt ab – beide hinterlassen damals sagenhafte 5,2 Mio. Mark Schulden. Wieder-Präsident Siebert und Neumanager Rüssmann machen da weiter, wo Fenne und Assauer aufgehört hatten. Bundesliga 1987/88
Schalke steigt zum zweiten Mal ab, und der aus der Mottenkiste hervorgeholte Günther Siebert wird abgeschoben. Bundesliga 1991/92
Schalke steigt wieder auf, hat aber wieder eine Millionenschwere Hypothek zu stemmen. Präsident Eichberg, der „Sonnenkönig“, muss 1993 mit Schimpf und Schande gehen. Der Verein steht wieder einmal finanziell vor dem Ruin. Eichbergs Ankündigung, er werde notfalls persönlich die angehäuften Verbindlichkeiten begleichen, ist hohles Geschwätz. Sein Klinik-Imperium steht vor dem Zusammenbruch. Solvent ist Eichberg nicht, der „Spiegel“ widmet 1993 mal wieder eine Enthüllungsgeschichte dem S04. Ergebnis: Eichberg ist ein gewissenloser Zocker, der den Klub zur Pflege seines Egos aufs Spiel gesetzt hat. Im Februar 1994 wird Fleischgroßhändler Bernd Tönnies Präsident, verstirbt aber nach einer Nierentransplantation nur wenige Monate später. Bundesliga 1994/95
Seine Nachfolger werden der unlängst noch davon gejagte Rudolf Assauer und ein gewisser Peter Peters, der 1994 znächst Vorstandsmitglied und 1998 außerdem Geschäftsführer der Arena-Gesellschaften wurde (und dessen aktuell bis Sommer 2010 laufender Vertrag - wie in die Öffentlichkeit kolportiert wurde - mehrfach zur Disposition gestellt wurde von Stephan Schechter. Der Londoner Finanzmogul vermittelte die Anleihe für die Arena, für die der Club jedes Jahr über 20 Mio. Euro Zinsen und Tilgungen abzahlen muss). Übrigens: Präsident wurde 1994 Helmut Kremers, der danach noch ein einjähriges Gastspiel in dieser Funktion gab und bei seiner Wahl kurzfristige wie zweifelhafte Berühmtheit mit dem Satz erlangte: „Wenn wir früher gegen Dortmund gespielt haben, haben wir uns dafür nicht mal umgezogen“ (12. September 1994, Gelsenkirchener Sportparadies, Jahreshauptversammlung des Clubs). Fortsetzung folgt. Garantiert. Michael Verhoeven, 08.04.2010


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