Rätselhafter Unfalltod: Heute vor 30 Jahren starb Lutz Eigendorf

Am 7. März 1983 starb Lutz Eigendorf. Er ist länger tot, als er auf der Welt sein durfte - nicht einmal 27 Jahre. Sein Name gehört in jede Bundesliga-Chronik, auch wenn es ihm nicht vergönnt war, als Fußballer seine größten Schlagzeilen zu produzieren. Tragische Berühmtheit erlangte er vielmehr durch die Umstände, unter denen er ums Leben kam. Lutz Eigendorf wurde unfreiwilliger Hauptakteur einer wahren Geschichte, die auch fiktiver Stoff eines Thrillers oder eines Kriminalfilms hätte sein können.

War der Tod des Fußballprofis wirklich nur ein tragischer Unfall? Bis heute halten sich nie widerlegte Gerüchte, der 26-Jährige sei einem Anschlag des DDR-Staatssicherheitsdienstes zum Opfer gefallen. Eigendorf starb an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls, zur Unfallzeit hatte er 2,2 Promille Alkohol im Blut – ein klarer Fall? Obwohl es juristisch nie bewiesen, wurde spricht vieles dafür, dass bei seinem Tod Dritte ihre Hände im Spiel hatten.

Rückblende: Am 20. März tritt DDR-Meister BFC Dynamo Berlin zum Freundschaftsspiel beim Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern an. Unter Aufsicht unternehmen die Dynamo-Kicker einen Stadtbummel in Gießen, Lutz Eigendorf nutzt einen unbewachten Moment und setzt sich von seinen Mannschaftskameraden ab. Nicht der erste und nicht der letzte Fall von 'Republikflucht’ eines DDR-Sportlers. Und doch ein besonderer: Eigendorfs Verein ist der BFC Dynamo, Herzensangelegenheit von Stasi-Chef Erich Mielke und in der DDR als Stasi-Klub verachtet. Der Stasi-Boss tobt, als er von der Flucht des "Verräters" erfährt, zumal er den begabten Kicker zu seinen Lieblingsspielern zählt.

Eigendorf sitzt die obligatorische Sperre von einem Jahr ab, heuert dann beim 1. FC Kaiserslautern an. Nach 53 Spielen im Dress der 'Roten Teufel’, in denen er sieben Tore erzielt, wechselt er zu Eintracht Braunschweig, wo er noch acht Mal in der Bundesliga zum Einsatz kommt. Nicht so am 5. März 1983, bei der Braunschweiger Niederlage gegen Bochum bleibt er draußen, ist sauer darüber. Gegen 21 Uhr verabschiedet er sich, stocknüchtern, von seiner Frau, will noch auf ein "paar Bier" vor die Tür.

Zwei Stunden später der Unfall, mit 2,2 Promille im Blut. Innerhalb von zwei Stunden von null auf einen solchen Wert zu kommen, wäre schon für einen gestandenen Alkoholiker eine stramme Leistung. Schwer erklärlich, wie ein Leistungssportler das schaffen sollte, zumal Eigendorf nie harte Sachen, sondern lediglich Bier trinkt. Eigendorf wird schwer verletzt aus dem Autowrack geborgen, zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus.

Bei der Untersuchung des Falls zeigen sich rasch weitere Ungereimtheiten. Fernseh-Journalist Heribert Schwan hat das in seinem preisgekrönten Beitrag 'Tod dem Verräter’ dokumentiert. Schwan sichtete kiloweise Stasi-Akten, sprach mit Zeitzeugen und belegte: Bis zu 50 Stasi-Agenten haben Eigendorf auf Schritt und Tritt belauert, bespitzelt. Hinweise wie ein Dokument aus der MfS-Hauptabteilung 'Terrorabwehr' zeigen, dass ein anderes Auto den Auftrag hatte, den Kicker so zu blenden, dass er unausweichlich gegen einen Baum prallen musste. Im Fachjargon heißt das 'verblitzen'. Um diese Situation herbeizuführen, könnten die Agenten Eigendorf Gift ins Bier gekippt haben oder ihn zum Konsum einer größeren Menge Alkohol gezwungen haben, ehe sie ihn betrunken auf die Straße schickten.



Wurde Lutz Eigendorf also Opfer eines Auftragsmordes der Stasi? Nicht nur die beeindruckende Indizienkette von Fernsehmann Schwan spricht dafür. Hinzu kommen die Aussagen anderer Betroffener. Fußball-Trainer Jörg Berger, der eine Woche nach Eigendorf in den Westen flüchtete, stellte später fest, dass auch er bis in alle Bereiche hinein ausspioniert wurde. Sein Fazit: "Auch mein Leben war in Gefahr.“ Im Gegensatz zu Eigendorf hielt sich der im Juni 2010 verstorbene Berger jedoch bedeckt mit Aussagen zu seiner DDR-Zeit. Lutz Eigendorf indes kritisierte seine ehemalige Heimat oft und demonstrativ, so auch vor laufender Fernsehkamera und ausgerechnet an der Berliner Mauer. War das der entscheidende Anstoß für den Befehl, den "Verräter" zu liquidieren?

Im Dezember 2012 berichtet die 'Bild'-Zeitung, dass es im Jahre 2000 neue Ermittlungen der Justiz gegeben habe. Sie seien jedoch "offenbar nur halbherzig" gewesen. Die angedachte Exhumierung Eigendorfs, bei der man Gift-Hinweise hätte finden können, sei nicht umgesetzt worden. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hatte den rätselhaften Fall nach Berlin abgegeben. Die dortigen Ermittler für Regierungskriminalität stellten die Untersuchungen ein.

Den Fernsehmann Schwan empört das: „Die Staatsanwaltschaft hat sich nie richtig dafür interessiert, obwohl ich sie durch meine Akten-Funde erst aufmerksam gemacht habe. Da ist leider sehr viel durch die Justiz verschlampt worden“, zitiert das Blatt den Autor.

Weiter heißt es in dem Zeitungsbericht, dass es sogar einen Verdächtigen gegeben habe. Ein gewisser Karl-Heinz F., in der DDR Boxer und Stasi-Spitzel mit der Bezeichnung „IM Klaus Schlosser“, sei um die Tatzeit herum in Braunschweig gewesen. F. habe nach dem „Unfall“ 2.300 Mark Prämie von der Stasi bekommen. Die direkte Frage der Zeitung, ob er der Mörder von Lutz Eigendorf sei, habe F. verneint. Bei einem Gerichtsverfahren 2002 in Düsseldorf soll F. zum Fall Eigendorf erklärt haben: „Ich habe den Mordauftrag übernommen, aber nicht ausgeführt.“

Die ganze Wahrheit dieser Geschichte aus dem kalten Krieg wird wohl nie ans Licht kommen. F., bei dem Düsseldorfer Prozess zu sechs Jahren Haft wegen Raubes verurteilt, ist inzwischen aus dem Gefängnis entlassen. Laut 'Bild'-Zeitung wegen einer Demenz-Erkrankung. Unwahrscheinlich, dass er noch Erhellendes zum Todesfall Lutz Eigendorf beiträgt.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, 7. März 2013



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