Kreolisch-schwarzgelb mitten im Indischen Ozean

Nach einigen Wochen voller nasskalten, winterlichen Schmuddelwetters träumt auch der BVB-Fan von Orten, wo es immer schön warm ist, selbst nachts eher zu warm. Wenn dann noch das BVB-Lazarett stetigen Nachschub erhält und die Punkteausbeute der letzten Spiele eher an verdrängte Alpträume aus Jahren vor 2008 erinnert, dann ist Träumen vom eher ungewöhnlichen letzten Familienurlaub angesagt. Es ist gerade der dritte Abend, da denke ich, ich habe mich verhört. Was sagt Robert Etienne da, unser Gastgeber und Nachbar in Anse Boileau, einem größeren Dorf an der Westküste Mahes, der Hauptinsel der Seychellen? Zuviel Bier kann es nicht gewesen sein und die tropische Wärme erscheint auch schon fast gewohnt, sofern man es mit den Bewegungen nicht übertreibt. Meine dösig-entspannte Stimmung ist wie weggeblasen. Nein, ich habe mich nicht verhört: „You are a fan of Dortmund? Borussia is my football-club too!” Ich erhebe mich erstaunlich schnell aus lässig-touristischer Sitzposition und wende mich Robert zu. Ja, heute habe ich erstmals mein BVB-Trikot an, jenes gepunktete aus der Double-Saison. Wie kommt so ein typisch kreolischer Seychellois wie Robert, Vater ursprünglich aus Frankreich, Mutter aus Kongo-Brazzaville, zu meinem BVB? Vermutlich dieser neumodische Hype rund um die kurz vorher noch „regionale Sache“, der jetzt über die englischen Medien spätestens seit Wembley durch die Welt der Fußballfans schwappt. Und diese äußerst ansehnlichen Granitfelsen am Äquator mitten im Indischen Ozean sind ja in den letzten 200 Jahren massiv britisch geprägt, auch wenn sich die gerade mal 90.000 Einwohner der diversen Inseln oft auf Kreolisch unterhalten, was wie Französisch klingt. Genau, die Engländer sind schuld. Diese freundlichen Menschen hier, nordöstlich von Madagaskar schwimmen auf den jeweiligen Modewellen mit. Für ein paar Fußballfans ist jetzt eben Dortmund angesagt. Ist ja in Ordnung, denke ich, so bekloppt wie wir echten Schwarzgelben kann ja nicht jeder sein, von wegen ewige Fantreue und so.
Dreimal BVB: Jürgen Braun, Robert Etienne und Simon Braun Robert legt nach: „Seit dem Champions-League-Finale bin ich für Dortmund.“ – „Ja klar, Wembley war schon toll trotz der Niederlage.“ – „Nein, nicht London, München! Karlheinz Riedle, nochmal Riedle und Lars Ricken. Während dieses Spiels war für mich endgültig klar: Das ist mein Verein. Seit München bin ich für Borussia Dortmund.“

Seit 1997 ist unser Gastgeber BVB-Fan, ausgestattet mit Fahne und Riedle-Trikot und neuerdings einem aktuelleren Warmup-Shirt. Stolz, mit dem permanenten Lächeln glückseliger BVB-Anhänger, erzählt er von seinen wöchentlichen Ritualen: Er hat die Bundesliga abonniert und sieht jedes Dortmunder Spiel, natürlich im gelben Trikot. Dafür riskiert der viel arbeitende Logistikspezialist in seiner knappen Freizeit die typische – vorübergehende  – familiäre Einsamkeit vieler Fans: „Haha, ja, die drei Frauen gehen dann alle raus, meine Frau und die beiden Töchter.“ So weit scheint also Deutschland doch nicht von den Seychellen entfernt zu sein… An Europapokalspieltagen gönnt sich Robert mal Ausflüge, um unter Gleichgesinnten dem Fußball zu frönen: Im wenige Kilometer entfernten Anse a la Mouche lockt ein gehobenes Restaurant namens „Opera“ samt angenehmer Atmosphäre, geführt von einem Deutschen, den wir schon kennengelernt haben. Dessen Sprachfärbung deutet auf die Region um Heidelberg. Nach langen Jahren mitten in Afrika kehrte der Gastwirt in seine Heimat zurück und kümmerte sich um Dietmar Hopps Golfplätze, bevor er auf die Seychellen gezogen ist. Wir vermeiden jegliche Anspielungen auf fragwürdige Fußballprojekte, selbst meine Hochachtung für Hopps übriges Lebenswerk bei gleichzeitiger Ablehnung des Kunstprodukts schenke ich mir. Autokorso der einheimischen BVB-Fans durch Victoria beim Double 2012 Wir sprechen Robert auf die Vorlieben anderer Seycheller an. Uns waren neben ManUnited und Arsenal auch Chelsea-Trikotträger an den Straßen aufgefallen. Einige wirkten so, als wenn Samsung ihnen Geld dafür zahlt, gerade in der Nähe teurer Luxusresorts Trikotwerbung zu machen. Ja, die englischen Klubs dominierten schon die Fanszene. Das hänge wohl mit der Geschichte der Seychellen zusammen. Aber im Mai, da schien es nur Dortmund oder Bayern zu geben. Das Wembley-Endspiel hat er in der Touristenhochburg Beau Vallon am Strand gesehen. Ungefähr 200 seien für Dortmund gewesen, ähnlich viele für Bayern. Die wären aber lange Zeit sehr ruhig gewesen. Am Ende dann nicht mehr.


Schauplatz des BVB-Autokorsos: Der Platz mit dem Clocktower in Victoria Gut, lass uns über gänzlich Erfreuliches sprechen. Nach dem Double-Sieg des BVB 2012, also nach der Übertragung vom Pokalfinale, „haben wir Dortmund-Fans ein Autokorso mit Hupkonzert, Fahnen und lauten Gesängen in Victoria gemacht. Da war richtig was los.“ Victoria hat etwas über 20.000 Einwohner, ist also kleiner als das sauerländische Olpe und ähnlich groß wie Meinerzhagen – und gilt als kleinste Hauptstadt der Welt. In einer Sportsbar nahe dem älteren Teil des kleinen Hafens treffen sich die Fußballfans zu größeren Übertragungen. Der eigene Fußball auf den Seychellen hat kaum Entwicklungspotential, wie auch bei einer Gesamteinwohnerzahl von einem Drittel eines deutschen Landkreises. Die Nationalelf sorgt höchstens für Kurioses wie die irrtümliche Verpflichtung eines Touristen als Nationaltrainer, weil er halt so heißt wie ein ehemaliger Profi. Dortmund und Bayern spielen bei den Seychellern eine zunehmende Rolle, das bestätigt auch ein Londoner Liverpool-Fan, der oft auf den Granitinseln ist. Aber die Anhänger der vier aktuell erfolgreichen englischen Klubs dominieren nicht nur mit ihren Trikots weiterhin das Straßenbild. „Leider ist Liverpool noch nicht wieder oben dabei“. Robert hält auch schon lange zur deutschen Nationalmannschaft, obwohl er früher gar keine Bindungen an Deutschland hatte und nur einmal nach England gereist ist. Plötzlich schwärmt er davon, wie Jürgen Kohler gemeinsam mit Lothar Matthäus Weltmeister wurde. Guido Buchwald bewundert er wegen seines Spiels gegen Maradona. Der Traum vom Westfalenstadion Roberts Traum für seine erste Reise nach Deutschland: Einmal den BVB im Westfalenstadion spielen sehen, am besten auf der Südtribüne. Und dann steigert er sich rein: „Das ist unglaublich, was die Dortmunder Fans anstellen. Wie lange die immer Stimmung machen. Ich glaube, die trinken ganz schön viel Bier. Vielleicht sind sie deshalb so laut. Dann hüpfen sie so, dass alles wackelt.“ Über seinen in Südfrankreich lebenden Schwager hatten wir die günstige Gelegenheit, zwei Wochen Urlaub mitten unter Einheimischen zu machen, was nicht nur die Kosten für eine vierköpfige Familie in Grenzen hält. Immerhin dennoch ein nicht so alltägliches Angebot, bei dem Tochter und Sohn dann doch noch mit den uncoolen Eltern verreisen. In den teuer-geschmackvollen Luxushotels hätten wir auch kaum so viel über die Fußballszene der Insulaner erfahren. Dabei hatte ich meiner Frau zwei Wochen fußballfreie Zeit versprochen, zumindest ohne Glotze und schwarzgelb eingefärbte Internetnutzung. Das habe ich auch durchgehalten, aber ab dem dritten Tag musste ich mal gelbe Farbe im Straßenbild Victorias zeigen. Ich erntete manches freundliche Nicken in der „City der Hauptstadt“, aber das passt zur netten Grundhaltung der meisten Menschen auf den Seychellen, die unaufdringlich gut gelaunt sind.

Die Kreolen sind seit jeher stark christlich geprägt, davon etwa 90 Prozent Katholiken. Die meisten Seycheller arbeiten relativ viel, leben überwiegend vom gehobenen Tourismus. Die die wichtigeren Inseln dominierenden dunklen Granitfelsen, im Ozean vor Jahrmillionen im Zuge der Kontinentalverschiebung liegengebliebene Reste des indischen Subkontinents, lassen nur wenig Platz für Landwirtschaft. Für Handwerk und Industrie liegt man zu weit von anderen Märkten entfernt im Ozean. Sorgen bereiten den meisten Einheimischen in den letzten Jahren zwei Dinge: Weil die somalische Küste aus Seeräubersicht mit mehr als tausend Kilometern gar nicht so weit vom Urlaubsparadies entfernt ist, kam es schon zu einigen Piratenattacken nahe der Inselgruppen. Diese galten Schiffen anderer Nationen, aber auch Fischern der Seychellen. Seitdem vor vier Jahren vor allem die amerikanische Marine eingegriffen hat und bis heute Präsenz vor den Küsten zeigt, gibt es kaum noch Angriffsversuche. Amerikanische Soldaten sind hier so gern gesehen wie derzeit selten auf der Welt. Die andere Sorge gilt dem zunehmenden Einfluss der arabischen Golfstaaten. Vor allem Abu Dhabi spielt mit seinen gigantischen Öleinnahmen eine große Rolle, weil der hiesige Präsident Michel enge Beziehungen zu Scheich Khalifa pflegt. Am Berg über Anse Boileau, „unserem“ Dorf, thront unübersehbar die neue, protzige Residenz des Königs von Abu Dhabi. Während des Baus gab es zahlreiche Proteste von Einheimischen gegen die Sonderrechte für den Diktator, dessen in Vereine investierter Reichtum auch unter Fußballfans anderswo kaum Freude auslöst. Die Seychellois sind stolz auf ihre freiheitliche Tradition, möchten sich nicht einen anderen Lebensstil aufzwingen lassen, wie er auf den Malediven oder in den Emiraten herrscht. So bleibt auch das Paradies im Indischen Ozean ein fragiles Gebilde. Als Robert Etienne uns nach den zwei Wochen zum kleinen Flughafen bringt, meint er noch einmal, wie gerne er zu Besuch nach Deutschland käme, obwohl es dort bestimmt richtig kalt wäre. Ja, ungewohnt kalt, ein schlauer Reiseführer weiß über die Seychellen zu berichten: In manchen Jahren fallen an „richtig kalten“ Tagen im Morgengrauen die Tiefsttemperaturen im dortigen „Winter“ auf unter +20 Grad Celsius!  Hitzige Gefühle für den BVB bringt Robert aus den Tropen über 7.500 km Luftlinie entfernt nach Dortmund mit. „Auf Wiedersehen in Deutschland, am besten im Westfalenstadion!“
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailJürgen Braun, Robert Etienne, 03.02.2014 



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