Vom dreisten Abzocker zum reumütigen Rabattierer in zwei Tagen

Der Schock kam per E-Mail: Für Dauerkartenbesitzer des BVB ist es seit einigen Jahren zur Gewohnheit geworden, dass Rechnungen für Optionsspiele im DFB-Pokal und internationalem Wettbewerb auf elektronischem Wege kommen. Dass man sie bezahlen muss, steht sowieso außer Frage, denn die Option ist mittlerweile zur Pflichtabnahme aller Spiele geworden, so man seine Option behalten will. Beim DFB-Pokal könnte man sich mit jeder Dauerkarte noch jährlich entscheiden, bei einer Stehplatzdauerkarte würde es heißen: Einmal weg, immer weg.

Nun ist dieser Service eigentlich praktisch, man muss sich nicht mehr selbst um Überweisungen und Co kümmern, der BVB bucht regelmäßig ab. Zum Boomerang wird dies aber, wenn der BVB diese Macht zur "kreativen" Preisgestaltung nutzt, wie es nun für die Gruppenphase der Europa League passierte. Die Gegner sind mit Krasnodar, Qäbälä und PAOK Saloniki wenig attraktiv - die Eintrittspreise lassen dies aber vermuten.

Die Südtribünenkarte sollte für drei Spiele 55,50 Euro inklusive VRR und Vorverkaufsgebühr kosten, also 18,50 € pro Spiel. Sitzplatzkarten kosteten mindestens über 30,00 €. In der Vergangenheit war jeweils das erste Spiel einer internationalen Saison in der Dauerkarte gratis enthalten, was diese Saison einfach drangegeben wurde. Die Konsequenz? Eine Dauerkarte für die Südtribüne inklusive den drei internationalen Gruppenspielen kostete so in dieser Saison 13,4 % mehr als in der Vorsaison. Einige Sitzplatzbesitzer sprachen für sich sogar von Steigerungen bis zu 20 % zum Vorjahr.



Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: In Foren, in Social Media-Kanälen von Verein und Fanabteilung und sicherlich auch telefonisch in der Geschäftsstelle, brach ein klassische Shitstorm über den BVB über diese Preisgestaltung herein. Niemand wollte es hinnehmen, mit einer derartigen Preiserhöhung schlichtweg "ausgenommen" zu werden. Dass der Verein aber so schnell dem Druck nachgeben würde, hatte man wohl eher nicht erwartet: Nachdem am Dienstag die Rechnungen verschickt wurden und Unmut sich breit machte, kündigte der BVB bereits am Mittwoch an, einen Fehler gemacht zu haben und diesen bis zum Donnerstag zu korrigieren.

Die Korrektur gestaltete sich dann in einer neuen Rechnung, in der 30 % Rabatt auf die Tageskartenpreise eingeräumt werden, Stehplatzkarten pro Spiel pauschal 10,00 € kosten und die Abbuchungen für die Spiele einzeln und nicht im Block erfolgen - was gerade bei Sitzplatzkarten eine Erleichterung für manches Konto bedeutet. Den unterlaufenen Fehler erklärte man damit, dass die die in den Dauerkartenpaketpreisen der Vorjahre über alle Spiele berücksichtigten Rabattierungen nicht auf die Gruppenspiele der UEFA Europa League angewandt wurden.

"Fehler unterlaufen" - das klingt so, als wäre etwas versehentlich passiert, gar unabsichtlich. Natürlich passiert so etwas bei einem millionenschweren Unternehmen, wo Dinge wie die Eintrittspreise lange im Voraus geplant sind, nicht mal eben so versehentlich, wie durch einen falschen Klick eines Mitarbeiters am Rechner.

Den "Fehler" hatte der BVB bewusst einkalkuliert - nicht aber die Reaktion. Schon in der Vergangenheit hatte es nicht selten strittige Themen rund ums Ticketing gegeben, auch die "maßvolle" jährliche Anhebung der Dauerkartenpreise wurde oft kritisiert. Nun hatte der BVB offenbar nicht damit gerechnet, dass ihm ein derartiger "Shitstorm" entgegenkommen würde. Bringen wir es auf den Punkt: Man wollte testen, wie weit man gehen kann mit dem drehen der Preisspirale. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Boykott der BVB-Fans in Hoffenheim wegen der Sitzplatzpreise von 55 € nicht unterstützt wird - man wusste selbst was kommt.



Nach einer derart verkorksten Saison, war diese Preispolitik natürlich ein Schlag in die Magengrube vieler BVB-Fans, sondern auch Spitze einer Entwicklung, in der sich der BVB schrittweise immer mehr von seinen Fans entfernt. Der Underdog-Status mit dem man 2011 und 2012 deutscher Meister wurde, die "Echte Liebe"... Der BVB war weit oben, man hätte für fast jedes Spiel über 100.000 Karten verkaufen können, wo man weniger als zehn Jahre zuvor noch Karten bei McDonald's regelrecht verscherbeln musste. Aki Watzke sah auf jeden unzufriedenen Kunden, der seine Dauerkarte abgeben möchte zehn Neue kommen. Dann kam die letzte Saison - sportlich eine Katastrophe. Doch das Band zwischen Fans, Mannschaft und Verein hielt, auch wenn es oftmals arg strapaziert wurde.

Und siehe da, der Verein schien zuerst Vorsicht für diese Saison walten lassen zu wollen, die Dauerkartenerhöhung fiel deutlich geringer als aus gewohnt, auf die Europa League-Qualispiele gegen Wolfsberg und Odds BK gab es 20 % Rabatt auf den Eintrittspreis. Dann zeigte sich, dass auch gegen namenlose Gegner das Stadion praktisch ausverkauft ist, der BVB zudem ideal in die Saison startete und offenbar wieder oben mitspielt. Irgendwann in dieser Phase muss der Moment gekommen sein, in der irgendwo in der Führungsetage des BVB die Sicherungen durchbrannten und man den großen Reibach witterte.

Dass man nun reumütig die Preise reduziert hat, ist grundsätzlich ein gutes Zeichen. Der BVB hat sich der Kritik angenommen und darauf reagiert. Das muss gelobt werden. Trotzdem bleibt der Ursprungsgedanke bzw. Plan bestehen - und dieser war eine Frechheit. Daher wird das Einknicken des BVB der Beginn eines Scheideweges sein. Man will sich nun mit Fanrat und Fanabteilung zusammensetzen und dort alle Ticketing-Sorgen erörtern, worauf wir sehr gespannt sind.

Die Gesprächsbereitschaft dort kann entscheidend sein für die Entwicklung der nächsten Jahre. Fragen gibt es genug: Warum liegt die "inflationsbedingte Erhöhung" der Dauerkartenpreise meist über der Inflation? Gibt es eine wirkliche Dauerkartenwarteliste und wie funktioniert sie? Welche Berechtigung hat die Vorverkaufsgebühr, wo kaum noch Karten über Vorverkaufsstellen abgesetzt werden? Warum können andere Vereine Karten für weniger als 6 € versenden? Warum schafft es der Verein immer noch nicht, Fanclubs regelmäßig vor dem Mitgliedervorverkauf über ihre Kartenzuteilungen zu informieren, damit diese nicht aufgrund der Unklarheit unnötig auch die Tickethotline bedienen müssen? Wenn der BVB hier transparent agiert und auch bereit ist Lösungen zu finden, dann kann in der Ticketfrage noch die Kurve gekriegt werden. Ansonsten wird der aktuelle Protest nicht der letzte gewesen sein...


Opens window for sending emailJulian Bräker, Bilder: Archiv - 04.09. 2015




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