Wir halten deine Fahne hoch!

30. Mai 2015 – der BVB trifft auf den VfL Wolfsburg im Pokalfinale und unterliegt mit 1:3. Ein Spiel, das man als Fan schnell abhaken wollte. Doch die Pyroshow, die Teile der BVB-Fans im Fanblock vor dem Anpfiff abfeuerte, sollte noch ein Nachspiel haben. Eine Strafe vom DFB musste befürchtet werden, aber wie sie ausfiel, ließ doch viel Unverständnis zurück: Große Fahnen und zudem Block- und Zaunfahnen werden den BVB-Fans in der kompletten Hinrunde bei Auswärtsspielen verboten, weil diese zum Verdecken der Täter beim Zünden von Pyrotechnik zweckentfremdet worden seien. Zudem verhängte der DFB eine Geldstrafte gegen den BVB und die Auflage, bei Auswärtsspielen mit eigenem Ordnerpersonal präsent zu sein.

 Das Bündnis „Südtribüne Dortmund“, bestehend aus den drei Ultrágruppen und diversen weiteren aktiven Fanclubs und Fans hatte bereits vor dem Saisonbeginn auf dem eigenen Blog Opens external link in new windowwww.suedtribuene-dortmund.de das Unverständnis über die Strafe zum Ausdruck gebracht. In einem offenen Brief am 07. August 2015 wurden Wolfgang Niersbach und Dr. Rainer Koch als Vertreter des DFB und seiner Gerichtsbarkeit, sowie Hans-Joachim Watzke und Christian Hockenjos als Vertreter des BVB direkt angesprochen. Das Verbot von großen Fahnen und Zaunfahnen seien ein seit Jahrzehnten nicht wegdenkbarer Teil der Fankultur. Insbesondere seien die Zaunfahnen Teil der Identität der Fanclubs und Ultrágruppen. Während der DFB vor einiger Zeit schon festgestellt habe, dass Fanutensilien ein fester und integraler Bestandteil der Fankultur sei, sei die Kollektivstrafe den eigenen Maßstäben des DFB widersprechen würde. Das Bündnis ließ dabei keinen Zweifel aus, dass sich die Dortmunder Fanszene das Urteil nicht akzeptieren wird und sich, entgegen einer möglichen Hoffnung des DFB, auch nicht spalten lässt.

Auch der BVB, der das Urteil akzeptiert hatte, wurde mit dem Brief direkt angegriffen. Gerade als Verein, der immer wieder mit seinen Fans und seiner Fankultur wirbt, hätte der BVB das Urteil nicht akzeptieren dürfen. Das Bündnis hätte vom BVB Rückendeckung für die eigenen Fans erwartet und auch die Möglichkeit gesehen, dass der BVB als „großer“ Verein auf die intransparente und unverhältnismäßige Rechtsprechung des DFB einzugehen. Es würde ein System mitgetragen, das allen rechtsstaatlichen Prinzipien widerspricht.

Das Unverständnis wurde vom Blog auch hinaus ins Stadion getragen. Nachdem die am „Südtribüne Dortmund“-Bündnis beteiligten Fanclubs und Gruppen mit Spruchbändern vor der ersten Hälfte für fangerechte Anstoßzeiten und gegen Montagsspiele plädierten, richtete sich die Aktion vor dem zweiten Durchgang gegen das verhängte Materialverbot: „Zaunfahnen sind unverhandelbar! Scheiß DFB!“ prangte in großen Lettern vor der Südtribüne, ergänzt um zahlreiche Spruchbänder gegen Kollektivstrafen und für die Fankultur.

Nun implizieren für den außenstehenden und vielleicht nicht szenekundigen Betrachter Banner vor der und über die ganze Tribüne, dass die Banner auch die Meinung der ganzen Tribüne widerspiegeln. Wer sich etwas in Dortmund auskennt, weiß natürlich, dass es stets nur die Meinungen der beteiligten Gruppen sind, die zumeist auch zumindest ihre Kürzel mit auf die Banner bringen. Nichts desto trotz entbrannte gerade in Fanforen eine Diskussion darüber, ob die Strafe angemessen ist oder nicht.



Fahnen und Zaunfahnen werden zumeist von Fanclubs genutzt, da besonders von den aktiven und den Ultrágruppen. Viele Fans sind durch die Strafe somit gar nicht direkt betroffen, manche freuen sich sogar darüber, bei Auswärtsspielen eine bessere Sicht zu haben, die sonst oft von großen Fahnen zumindest eingeschränkt wird. Auch gaben nicht wenige zu bedenken, dass die Strafe durchdachter sei, als manche Strafe zuvor. Zweifelsfrei wurde Fahnenmaterial genutzt, um die Pyroaktion in Berlin zu verdecken. Ohne dieses Material (vorausgesetzt es könnte ernsthaft verhindert werden, dass es ins Stadion gelangt) werden Unkenntlichmachungen in dieser Form stark erschwert.

Zugegeben, obwohl ich Pyrotechnik nicht grundsätzlich ablehne, wirkte die Aktion beim Pokalfinale deplatziert. Mit einer beeindruckenden Choreografie hätte man die eigene Mannschaft vielleicht mehr pushen und den Gegner einschüchtern können. Man muss aber auch bedenken, dass eine Choreografie viel Vorbereitung benötigt und hohen Auflagen unterliegt. Es war vielleicht schlichtweg dieses Jahr nicht drin, eine angemessene Choreo zu stellen. Verglichen mit der Pyroaktion beim Derby 2013/14 ging es im Olympiastadion gesittet zu und Gefahr für Dritte bestand nicht.

Der DFB, der mit mahnemden Finger auf den BVB zeigt, sollte sich hinsichtlich seiner Gerichtsbarkeit wirklich erst einmal selbst hinterfragen. Mit deutschem Strafrecht oder generell deutschen Gesetzen scheint dieses Gericht nicht vereinbar. So intransparent und willkürlich wie manche Strafen generell erscheinen, so fragwürdig auch die stets angewendeten Kollektivstrafen. Im juristischen Sinne ist für eine Kollektivschuld Voraussetzung für eine Kollektivstrafe. Dass diese bei 30.000 BVB-Fans im Stadion vorliegt, wenn einige wenige zündeln, muss wirklich bezweifelt werden. Übrigens: Bei ähnlichen Vergehen in der Liga wird immer auch der Veranstalter (der Heimverein) für eine unzureichende Sicherheit o.ä. bestraft. Wer war beim Pokalfinale Veranstalter und wurde selbstverständlich in keinerlei Verantwortung gezogen? Natürlich, der DFB selbst!

Schon das Pokalspiel im Chemnitz hat gezeigt, dass der Strafe von BVB-Fans weder gefolgt wird, noch dass sie akzeptiert wird. Die meisten bekannten Zaunfahnen fanden den Weg an den Platz vor dem Block – weil sie einfach dazugehören und das Bild der Fanszene Dortmund entscheidend prägen. Der Aufschrei durch den DFB danach? Blieb selbstredend aus. Es käme auch kein Fanclub auf die Idee, die eigene Zaunfahne für eine Pyroaktion zu nutzen. Zu groß die Gefahr sie selbst in Brand zu stecken, wie es die Chosen Few aus Hamburg schon einmal in einzigartiger Dummheit vormachten.



Dass der BVB die Strafe still akzeptiert, ist aus Fansicht ebenso unverständlich. Wer mit den besten Fans der Liga wirbt, mit Fotos von Choreografien, Fahnenmeeren und der besten Stimmung der Liga, der muss seine Fans auch in solchen Situationen unterstützen -  „Auch in ganz schweren Zeiten werden wir dich stets begleiten – Borussia wir sind immer für dich da.“ Was in der sportlich schwachen letzten Saison besonders galt, sollte von Verein auch umgekehrt gelten, wenn die Fans in Not sind. Die Gelegenheit den Fans etwas zurückzugeben wurde in den vergangenen Jahren nicht nur einmal verpasst. Es scheint sich eine Politik eingebürgert zu haben, in der man schöne Dinge und Bilder gerne mitnimmt, wenn es aber darum geht die eigenen Fans vor übertriebenen Repressionen zu verteidigen, so wird eher leise getreten. Schade, lieber BVB - wir halten auch in der restlichen Hinrunde die Fahne(n) für dich hoch!

Julian Bräker  – 19.08.2015




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