Bericht vom Borussentreff – BVB und KoFaS gegen Rechts

Am vergangenen Dienstag fand ein wichtiger Borussentreff der BVB-Fanabteilung statt, der aufgrund der Wichtigkeit der Themen außerordentlich gut besucht war. Im ersten Teil des Abends stellte die Kompetenzgruppe "Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" (KoFaS) ihre Arbeit in Dortmund vor. Mehr als 200 BVB-Fans, darunter Vertreter vieler aktiver Fanclubs, fanden in dieser Woche den Weg in den Presseraum des Westfalenstadions, wo die Fanabteilung zu einer weiteren Ausgabe des „Borussentreffs“ geladen hatte. Auf der Tagesordnung standen eine Präsentation der KoFaS (Kompetenzgruppe "Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit") von der Leibniz Universität Hannover, die seit rund einem Jahr den BVB im Kampf gegen rechtsradikale Auswüchse innerhalb seiner Fanszene unterstützt und ein von Dortmunds größter Ultra-Gruppierung „The Unity“ vorgetragener Vorstoß für einen großen Fanzusammenschluss mit dem Namen „Südtribüne Dortmund“ sowie die jeweils anschließenden, teils lebhaften Diskussionen. KoFaS: Zwischenbericht nach einjähriger Sondierungsphase Aufgrund des unerwarteten Andrangs begann die Veranstaltung mit einer guten halben Stunde Verspätung. Dann nahmen Robert Claus und Gerd Dembowski von der KoFaS auf dem Podium Platz. Vor gut zwölf Monaten hatte man in der Geschäftsstelle des BVB entschieden, die Wissenschaftler mit ins Boot zu holen, um dem Problem am rechten Rand der Dortmunder Fanszene Herr zu werden. Seitdem haben die Hannoveraner „Fan-Forscher“ unter der Leitung von Prof. Dr. Gunter A. Pilz Evaluationen im Umfeld des Ballspielvereins betrieben, unter anderem knapp 50 Fans in einer qualitativen Untersuchung befragt. Ihr Ziel ist es, zuerst einen verlässlichen Überblick über die Gesamtsituation zu erlangen und dann in einem zweiten Schritt Handlungsempfehlungen und  Konzepte zu entwickeln und deren Umsetzung konstruktiv zu begleiten. Nachdem sich Claus, Dembowski & Co. im ersten Jahr ihrer Tätigkeit im Dortmunder Umfeld in der Sondierungsphase befanden, war es nun an der Zeit, im Rahmen des Borussentreffs erstmals mit einem „Zwischenbericht“ an die Öffentlichkeit zu gehen. Dabei benannten sie einerseits die rechtsradikalen Kräfte, die im BVB-Umfeld wirken und befassten sich darüber hinaus mit Situationen, in denen aus „alten Werten“ innerhalb von Fanszenen Alltagsrassismus entsteht. Eine Auflistung der rechtsradikalen Organisationen in und um Dortmund umfasst demnach nicht nur die Parteien „Die Rechte“ und „NPD“, sondern auch kleinere autonome Gruppierungen und die „Skinheadfront Dorstfeld“. Bei allen genannten gibt es personelle Überscheidungen oder Anschlusspunkte und konkrete Kontakte zu Fangruppen beim BVB, darunter sowohl zu den alten und neuen Anhängern der „Borussenfront“, als auch zu den Hooligans der „Northside“ oder Teilen der Ultra-Gruppierung „Desperados“. Fußball ist Fußball und Politik ist Politik? Der Deckmantel, unter dem die Extremisten in der Dortmunder Fanszene an Boden gewonnen haben, besteht aus alten Männlichkeitsriten auf der Tribüne und dem im Umfeld rechtsoffener Personenkreise weit verbreiteten Credo „Keine Politik im Stadion“ („Don’t mix politics with sports“, „Fußball ist Fußball und Politik ist Politik“). Diese Forderung, politische Ansichten nicht ins Stadion zu tragen, ist zwar an sich schon politisch und wurde ausgerechnet von den Befürwortern dieses Credos wieder und wieder missachtet, trotzdem scheint sich eine schweigende und deutlich zu duldsame Masse auf der Südtribüne ausgebildet zu haben. Weite Teile der kritischen und antidiskriminierenden BVB-Fanszene  sähen zwar laut KoFaS dringenden Handlungsbedarf gegen rechts, seien jedoch aufgrund von Gewaltandrohungen und / oder einer gewaltbereiten Grundstimmung aus den Reihen der Rechtsradikalen eingeschüchtert. Die Arbeit des BVB gegen Rechtsradikalismus sollte nun, so Claus und Dembowski, auf mehreren Säulen fußen: der direkten Fanarbeit, unternehmens- und vereinsinternen Maßnahmen, kontinuierlicher PR- und Öffentlichkeitsarbeit, dem Ausleben von Gedenkkultur und Netzwerkarbeit. Für alle diese Bereiche hat die KoFaS konkrete Handlungsvorschläge unterbreitet, welche das gezielte Suchen von Gesprächen, die Schaffung neuer Angebote und Foren und mediale Veröffentlichungen ebenso beinhalten, wie die Verstetigung des nach der 12:12-Kampagne entstandenen „Fanrates“ und die Etablierung der Arbeit gegen Diskriminierung und Rechtsradikalismus als Querschnittsaufgabe im Gesamtunternehmen BVB. Grundlagenkonzept soll entstehen Um diese Handlungsempfehlung entsteht jetzt im nächsten Schritt ein Grundlagenkonzept mit einem systemischen Ansatz, welches Nachhaltigkeit und Konstanz aller einzuleitenden Maßnahmen zum Ziel hat. Wichtige Bausteine sollen die Partizipation möglichst vieler Fans und die Konzeptionierung und Erschaffung eines „Fan-Hauses“ sein. Der „Fanrat“, der aus Vertretern aktiver Fangruppen, der Fanbetreuung, des Fanprojektes sowie Vertretern von schwatzgelb.de und Gib mich DIE KIRSCHE besteht, stellt sich auf der kommenden Fandelegiertentagung im Detail vor. KoFaS und der BVB: Fazit und Kritik Nicht zuletzt durch diesen Borussentreff ist erkennbar, dass man sich bei Borussia wohl endlich des Ausmaßes der Problematik bewusst geworden ist und man auf mehreren Ebenen dagegen anzuwirken gedenkt, obwohl man sich weiterhin aus Angst ums lupenreine Firmenimage nicht traut, sich sein Problem medienwirksam einzugestehen. Auf das zu erwartende Grundlagenkonzept, seine Umsetzung und seine Nachhaltigkeit darf man gespannt sein. Und darauf, ob es der richtige Weg ist, die radikalen Tendenzen weitestgehend lautlos zu bekämpfen, auch… Schade war, dass bei dem Vortrag der KoFaS gar keine konkreten Untersuchungs- und Umfrageergebnisse präsentiert wurden. Auf Nachfrage hieß es, man würde sie theoretisch preisgeben, müsse aber zunächst Rücksprache mit Borussia, seinem Auftraggeber, halten. Einen etwas zu großen Teil nahm stattdessen die Darstellung vergangener Initiativen des BVB gegen rechts ein, zumal diese zwar vorhanden, aber recht dünn gesät waren.   Kritisch ist ebenfalls zu betrachten, dass offenbar vornehmlich das Ziel verfolgt wird, Bewusstsein für alltägliche Diskriminierungen rund um den Stadionbesuch zu wecken. Sicherlich ist der Versuch, eine offenere und tolerantere Grundatmosphäre zu schaffen, ein großer Schritt in die richtige Richtung. Solange es aber in der Realität so aussieht, dass eine gar nicht ganz so kleine Handvoll rechter Schläger in Teilen der Südtribüne ein regelrechtes Gewaltmonopol ausübt, kann das nicht der Weisheit letzter Schluss alleine sein. The Unity will Fanzusammenschluss „Südtribüne Dortmund“ ins Leben rufen Zum zweiten Teil des Abends lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viel Konkretes vermelden. Die Gruppe „The Unity“ möchte nach einigen Monaten Tauchstation wieder einen Schritt auf den Rest der Fanszene zugehen und sucht den Schulterschluss mit möglichst vielen BVB-Fans. Dafür soll ein großer Zusammenschluss unter dem Namen „Südtribüne Dortmund“ ins Leben gerufen werden. Es steht ein Modell mit geregelten Mitgliedschaften im Raum, deren Erlöse in Form von Fan-Choreografien zurück in die Tribüne fließen könnten. Dieser Ansatz erntete allerdings nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik.  Bei einem für alle BVB-Fans offenen Treffen möchte man jetzt das angedachte große Fanbündnis gemeinsam gestalten. Ein Termin dafür steht seit der kurzfristigen wie überraschenden Verlegung des U23-Spiels gegen den Chemnitzer FC, nach dem man ursprünglich ins Fanprojekt einladen wollte, noch nicht fest. The Unity halt alle Interessenten via Öffnet externen Link in neuem FensterWebsite und Öffnet externen Link in neuem Fensterschwatzgelb.de-Forum auf dem Laufenden.  
Wer die Arbeit von KoFaS mit Anregungen, Kritik oder Hinweisen begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, das zu tun: Zur Website von „KoFaS“. Rutger Koch, 21.08.2014


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