Die besten Fans der Welt - Märchen mit bösem Ende?

Die Bundes- und Landespolizei in Nordrhein-Westfalen tut ihr Bestes, um die Sicherheit der Fans an einem Spieltag zu gewährleisten. Nach Auskunft der Bundespolizei Dortmund waren nahezu alle negativen Begleiterscheinungen in der Saison 2015/16 zwar rückläufig, aber die Dunkelziffer nicht angezeigter Straftaten scheint nach KIRSCHE-Recherchen immer noch verhältnismäßig hoch. Grund hierfür sind nicht nur „Fangruppen“, die gegenüber eigenen Fans Gewalt androhen oder ausüben, sondern auch falsch verstandene Loyalität. Es ist Zeit, dass die BVB-Vereinshymne „Wir halten fest und treu zusammen“ nicht mehr nur gesungen, sondern mit Leben gefüllt wird.


Jede Familie hat ihre „schwarzen Schafe“, ohne jeden Zweifel. In der BVB-Familie tragen sie zwar schwarzgelb, sind aber an vermummten Gesichtern, Anwendung von Pyrotechnik, Gewalttätigkeit sogar gegen eigene Fans, massiver Sachbeschädigung und vielem mehr erkennbar. Gerade auf der Südtribüne, Legende und Markenzeichen von Borussia Dortmund, vermehren sich Ereignisse, die weder mit der BVB-Familie, noch mit der Vereinstradition in Einklang zu bringen sind. Auch vor dem Stadion, in diversen Stadtteilen Dortmunds und in Nachbarstädten tauchen diese „Gralshüter“ einer vermeintlichen Fankultur auf und suchen pure Gewalt. Bundes- und Landespolizei sind, trotz vielerlei Präventivmaßnahmen, extrem gefordert. Auch unser Verein Borussia Dortmund steht vor einem Dilemma und ist zuweilen hilflos: Trotz Videoanlagen, besserer Schulung der Ordner, intensiver Fanarbeit und sehr enger Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden bekommt man das Problem kaum in den Griff.




Eine Lösung wäre es, so rabiate Sicherheitskontrollen einzuführen, dass selbst der „Normalfan“ einen dicken Hals bekäme. Stundenlange Kontrollen, ständig mehrere Polizeibeamte in den Blöcken, Ganzkörperkontrollen, personalisierte Tickets nur noch an Mitglieder u.v.m.  Aus dem schönen Fußballnachmittag würde eine Tortur. Die BVB-Familie degeneriert zu einer leeren Worthülse: Jeder Spieltag sollte doch ein Familienfest sein, aber ist bei Familienfesten massiver Polizeieinsatz wegen der „schwarzen Schafe“ wirklich das, was wir wollen?

Fußballfan und Bundespolizist

Die KIRSCHE hat das Glück gehabt, nicht nur etliche BVB-Fans dazu zu bewegen, ihre Erlebnisse zu schildern, sondern hat in der Person von Hauptkommissar Jürgen Karlisch auch einen Pressesprecher der Bundespolizei Dortmund erwischt, der, selbst Fußballfan, von der Pike auf als Polizist mitgemacht hat, was Spieltage leider so mit sich bringen. Er ist von einer anderen Fraktion als wir Schwarzgelben, aber wir stammen beide aus dem Ruhrgebiet. Wie ich zum ersten Mal bei einem Telefonat seine Stimme und den Dialekt gehört habe, fühlte ich mich sofort wieder zu Hause.

Bei den Folgetelefonaten ging es kameradschaftlich zu – von Polizeioffizier zu Reserveoffizier. Mit dem Mann würde ich gerne mal ein Bierchen trinken gehen, stünden nicht fast 500 Kilometer zwischen seinem Dienst- und meinem Wohnort. Ich habe vieles erfahren dürfen, worüber ich nicht schreiben kann und darf… Ehrenkodex eines Redakteurs. Aber einen Satz von Hauptkommissar Karlisch zitiere ich jetzt wörtlich, ungekürzt, in fetten Buchstaben und unterschreibe ihn:

„Die Bundespolizei betont, dass einige Menschen bei dem Wort " Ultras" an wildgewordene Fußballfans denken. Dem ist bei weitem nicht so, denn die Ultras sind als Gruppe anzusehen, welche in den Stadien für die Choreographie sorgen und so ihrem Verein und den Fans gegenüber die Zusammengehörigkeit präsentieren. Durch Ultragruppieren wird auch der Verein nach Innen betrachtet. Sie weisen auf vermeintliche Missstände innerhalb der Vereinspolitik oder auf eine Vielzahl von andersgelagerten öffentlichen Problemen hin (subjektive Wahrnehmung). Einige Ultragruppierungen stellen ihre politische Meinung während Fußballspielen nach außen dar. Hier ist zum Beispiel die öffentliche Distanzierung von "Fremdenfeindlichkeit" zu erwähnen. Die Ultragruppierungen gehören einfach zum Fußball dazu und sind nicht, wie von anders Denkenden, teils unsachlich dargestellt, als eine Gruppe von ausschließlich gewaltbereiten Fanatikern zu sehen.“

405 Straftaten - 181 Verletzte

Noch kein einziger Journalist hat bei der Bundespolizei vereinsspezifisch für den BVB nachgefragt und es ist nicht üblich, dazu Auskünfte zu geben. Die KIRSCHE darf und hat gefragt: „ In wie vielen Fällen sind im Zeitraum 2010 bis 2016 BVB-Anhänger bei der Bundespolizei wegen Pyrotechnik, Vandalismus und Gewalt auffällig geworden?“  Die Antwort ist beschämend für die BVB-Familie! Gewaltdelikte (Körperverletzung, Raub, Landfriedenbruch etc.): 234 -  Sachbeschädigung: 94 -  Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz:  77. Das sind nur die berichteten Fälle der Bundespolizei, nicht der Landespolizei NRW. Jetzt mag man argumentieren, dass es sich um einen Sechsjahreszeitraum handelt: selbst wenn überall eine „Eins“ stünde, wäre es eine „Eins“ zu viel – In 405 Fällen wurde Schande über den BVB gebracht!





Es ist nicht das Ende der Fahnenstange: Im selben Zeitraum wurden 181 Menschen verletzt – 53 Bundespolizisten, 34 „Störer“ und 94 unbeteiligte Fans. Man stelle sich das vor: UNBETEILIGTE! Mal ein Auszug aus dem Bericht der Bundespolizei: „Unbeteiligter aus einer Gruppe heraus zu Boden geschlagen und getreten – Ein Unbeteiligter aus der Gruppe heraus (15 Personen) mit dem Fuß ins Gesicht getreten – Acht Verletzungen (vier Bundespolizisten und vier Unbeteiligte) jeweils durch das Zünden von Knallkörpern/ Knalltrauma“. Die Liste ist noch lang… eine BVB-Liste. Das haben Leute im Namen des BVB angestellt – in unserem Trikot, in unseren Farben, unter unserem Namen. Zu den unbeteiligt Verletzen gehörten übrigens auch Kinder (im Bundespolizeibericht steht formaljuristisch „Minderjährige“).

Ziehen wir die 34 „Störer“ ab bleiben 147 Menschen übrig, deren Leben und Fandasein sich durch die Hooligans schlagartig verändert hat. Einen anderen, nicht angezeigten Vorfall auf der Südtribüne im Westfalenstadion - als Beispiel für die vielen Zuschriften-, berichtet  Johannes P. (Name geändert, Name des Betroffenen der Redaktion bekannt): „Vor uns (der Familie, Anm. d. Red.) wurde ein Bengalo gezündet, also dachten wir, wir gehen nun halt ein Stück weg, um uns einigermaßen zu schützen.

Jedoch war dies aufgrund des Betriebs im Stadion leider nicht so einfach. Als das Bengalo abgebrannt war und mir noch immer schlecht war aufgrund des vielen Rauchs, den ich eingeatmet hatte, entschlossen wir uns  circa zehn Minuten vor Abpfiff bereits das Stadion zu verlassen. Als ich wieder daheim war, hatte ich immer noch Probleme beim Atmen, also ging ich zu meinem Hausarzt. Dieser vermutete eine Rauchvergiftung als Ursache und überwies mich an das nächstgelegene Krankenhaus. Dort lag ich dann knapp drei Tage…“. Kein Einzelfall.

Choreobudget statt Strafzahlung?

Gerade junge „Fans“ geraten in Konflikt mit dem Gesetz, weil sie sich u.a. mit dem Schmuggeln von Pyrotechnik ins Stadion oder Schlägereien für die Ultragruppen bewähren wollen oder müssen. Dabei sind sich die Ultras untereinander nicht einig, Berichte belegen und die Bundespolizei kann dies bestätigen, dass gewaltaffine Mitglieder gegangen sind (oder wurden); Pyrotechnik ist auch ein diffiziles Thema – man ist sich uneins. Immerhin wird so manchem bewusst, dass die ganzen Strafzahlungen, die Borussia Dortmund leisten muss und Strafandrohungen, wie Zuschauerausschluss, dem Verein und seinen Fans nur schaden.

Ich hätte dazu ja einen Vorschlag: Auch wenn so mancher Pyrofanatiker argumentiert, „die Zahlungen sind im Budget des BVB eh schon vorgesehen“, könnte man das ins Positive umwandeln – die Ultragruppen des BVB hören auf mit dem Pyrokram, egal wo, distanzieren sich von Gewalt (und wenden sie nicht mehr an), schmeißen jeden raus, der bei der Polizei und gegenüber Fans auffällig wurde und erhalten dafür das Geld jährlich vom BVB, was an Strafzahlungen eingespart wurde. Ich denke, da kommt eine Summe zusammen, die geile Choreos ermöglicht und vieles mehr. Wäre doch ein Deal! Südtribüne, Borussia Dortmund, die Ultras und wir, von Euch so genannte „Eventies“, könnten alle davon profitieren. Bis auf die Bescheuerten mit dem kleinen deutschen „h“, die nutzen den BVB nur als Deckmantel für ihre Abartigkeit – vom richtigen Borussen sind die so weit entfernt wie wir vom nächsten bewohnten Planeten.

Kein altdeutsches "h" in Dortmund, Borussia oder Ballspielverein

Es ist unsäglich, was da zum Teil von Fans, die zig Jahrzehnte auf der Süd stehen, berichtet wird: Eine Gruppe von 60 bis 90 Leuten hat 25.000 Fans im Griff. Rausgeschmissen bei den Ultras und kampfsportaffin, werden sie gewalttätig oder drohen sie den Fans an, um sich „Reputation“ zu verschaffen gegenüber ähnlich Bekloppten anderer Vereine im In- und Ausland. Im „Spiegel-Interview“ sagte ein Insider: „Wir reden hier von Leuten, die seit Jahren wie die Berserker trainieren, und das sieht man ihnen auch an. Zudem bestehen prima Verbindungen zur "Northside". Das sind alteingesessene Hools, die wiederum gute Connections in die kriminelle Szene der Stadt haben.“ Türsteherszene, wirre Ideologien, Gewalt, Kriminalität: NEIN! DAS IST NICHT BORUSSIA!





Wir, die „Eventies“, die Vertreter von Generationen auf der Südtribüne und Normalen, müssen aufstehen. JETZT! 80.000 und mehr gegen diese Minderheit. Unserer Borussia und den Sicherheitskräften sind die Hände gebunden, wenn wir schweigen! Unsere Vereinshymne „Wir halten fest und treu zusammen“ entstand in den Schützengräben an der Westfront im Ersten Weltkrieg (1914-1918) nach den Klängen des Kaisermarschs von Georg Kunoth. Während der Mitgliederversammlung im Jahr 2005 stellten wir Fans den Antrag, die Passage „Wir halten fest und treu zusammen“ wieder im Stadion zu spielen. 2004/2005, als wir alle kurz vor der Insolvenz standen, wurde das Lied bei einigen Heimspielen erst in der 09. Spielminute angespielt und danach von UNS im Stadion bis zur letzten Zeile weiter gesungen. Zu diesem Zeitpunkt war der Pleitegeier unser Gegner, heute müssen wir sie in unseren Reihen suchen.

"Wir kennen eine Feindschaft nicht..."

Hier unsere Vereinshymne im Volltext, gegen all jene, die unsere Farben tragen, aber den Verein jederzeit in Misskredit bringen:

Refrain: Wir halten fest und treu zusammen, Ball-Heil-hurra! Borussia! Vor keinem Gegner wir verzagen, Ball-Heil-Hurra! Borussia!

1. Wir ziehn vergnügt und froh dahin, Schwarz-Gelb ist unsere Tracht. Wir haben stets einen heiteren Sinn, sind lustig, nie verzagt. Wir kennen eine Feindschaft nicht, wir schaffen Hand in Hand, stets ruhig Blut, ein froh Gesicht, sind jedem wohl bekannt.

Refrain: Wir halten fest und treu zusammen, Ball-Heil-Hurra! Borussia! Vor keinem Gegner wir verzagen Ball-Heil-Hurra! Borussia!

2. Wohl auf dem ganzen Erdenkreis ist unser Sport bekannt. Borussia-Spieler, wie man weiß, die halten dem Stärksten stand. Und wenn die Fußballflöte schrillt, Borussia tritt hervor, zum Wettspiel sind wir stets bereit, verteidigen unser Tor.

Refrain: Wir halten fest und treu zusammen Ball-Heil-Hurra! Borussia! Vor keinem Gegner wir verzagen Ball-Heil-Hurra! Borussia!

3. Borussia - Borussia - kennt man in Stadt und Land. Auch in Europas Fußballwelt ist sie ein Diamant. Sie holt als erste deutsche Elf einst den Europa-Cup. Durch Dortmund braust ein Jubelsturm, Borussia bleibt ein Ass.

Refrain: Wir halten fest und treu zusammen Ball-Heil-Hurra! Borussia Vor keinem Gegner wir verzagen Ball-Heil-Hurra! Borussia

4.Ja, solche Fans, die brauchen wir. Die zu ,,Schwarz-Gelb'' fair stehn. So wird Borussia in der Tat auch niemals untergehn. Aktive, Jugend, Amateur sind unser Fundament. Auch sie man schon im deutschen Land als Spitzenklasse kennt.

Refrain: Wir halten fest und treu zusammen Ball-Heil-Hurra! Borussia. Vor keinem Gegner wir verzagen:  Ball-Heil-Hurra! Borussia!

Wir sind der BVB!

Wenn wir von unserem Team verlangen, gegen jeden Gegner das Beste zu geben, müssen auch WIR dazu bereit sein:

Es kann nicht sein, dass hunderte von „Fans unter einer Blockfahne im Stadion
  • verschwinden, sich umziehen / verkleiden und ihre Pyroschau abziehen, und keine andere Person will etwas gesehen haben oder kann dazu Personen / Täter benennen.

  • Wir Fans müssen in all den Fällen, in denen Straftaten geplant oder verübt werden, auch als Zeugen zur Verfügung stehen, um dann auch "Roß und Reiter " zu benennen. Ganz gleich, ob wir Fotos machen konnten oder nicht.

  • Es ist hochgradig sinnvoll (alleine schon wegen der Versicherung, die im Ticket inbegriffen ist), dass nach dem Abfackeln von Pyrotechnik, Anwendung von Gewalt u.a. Opfer bzw. Geschädigte an die Polizeibehörden oder den Verein herantreten und sich als "geschädigte Personen" melden.

  • Es ist ein Entgegenkommen der Deutschen Bahn und anderer Anbieter, für uns Fans Sonderzüge zur Verfügung zu stellen. Sie müssen das nicht. Umso trauriger ist es, dass Sonderzüge / Entlastungszüge seitens der DB eingesetzt werden, diese zerstört am Endbahnhof ankommen und kein einziger Fan dazu Stellung beziehen kann.



Einige Fangruppen bemängeln ein fehlendes „WIR-Gefühl“, wie es 2005 herrschte wegen der drohenden Pleite. Das, was gerade geschieht, geht zwar nicht an unsere finanzielle Existenz, zerstört aber die BVB-Familie – und das ist genau so schlimm. Zeigt das BVB-Gefühl: WIR sind der BVB… und nicht diese Chaoten. „Wir halten fest und treu zusammen – HEJA BVB!“


Opens window for sending emailErnst Andersch

Fotos: Bundespolizei, Funke Mediengruppe 08.09.2016


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