Von der Gnade Borusse zu sein!

Journalist Hans Leyendecker predigt zum Saisonauftakt darüber, dass es Sinn macht Borusse zu sein - und wie!

Es mögen an die dreihundert Gottesdienstbesucher in die Dreifaltigkeitskirche nahe des Borsigplatzes gekommen sein, ausverkauft jedenfalls - was auch sonst. Gespannt sind sie alle: Gespannt dauf, was die neue Saison für Ihren BVB bringt - und  gespannt darauf, was der Prediger zu sagen hat: Hans Leyendecker. Manche wissen, wer das  ist - viele wissen nur, dass das wohl ein wichtiger Mann sei. Leyendecker, Redakteur beim der Westfälischen Rundschau, dem Spiegel und der Süddeutschen. Er veröffentlichte (unter vielen anderen Dingen) die Kohlsche Spendenaffäre. Was hat ein solcher Mann den Borussen zu sagen?

Wer alles am Erfolg misst, hat am Ende nichts -
und kann besser gleich zu den Roten gehen!

Er holt sie ab, die Schwarzgelben: "Blaue sehe  ich hier nicht. Rote auch nicht. WIr sind also unter  uns!" Das  ist kein Anbiedern des großen Journalisten - das ist eher wie das Zurufen eines Passwortes: Ich (er-)kenne Euch. Und er hat in einer Sekunde Herzen und Aufmerksamkeit gewonnen. Und das braucht es auch. Denn gerade vor dieser Saison, nach den Abgängen von Mhikitaryan, Gündogan und Hummels, der Rückkehr von Götze und der Verpflichtung von Schürrle, knirscht es im Gebälk der BVB-Anhängerschaft, dass man manchmal schon meint, auf Schalke zu sein.  Leyendecker nimmt die Borussen mit auf die Reise von den Anfängen und lässt sie nochmal erfahren, dass da  wo Menschen losgehen jeder Anfang nur einer von vielen ist. Er erinnert an die vielen Anfänge, die die Borussia hinter sich hat - und wir Borussen mit ihr. Exemplarisch nennt er das Rückspiel gegen Nürnberg, dass Lothar Huber (einer der "kleinen" grossen Borussen) mit dem Treffer zum 3:2 in der  90. beschlossen hat, was eines der schönsten Spiele sei, die er erlebt hat - und welches dem BVB den ersehnten erneuten Anfang in der 1. Liga ermöglichte. Und doch erinnert Leyendecker damit in der Mitte des möglicherweise erfolgreichsten Jahrzehnts der Borussia daran, dass Borusse sein ja nicht aufhörte, als man in der Regionalliga West und in der 2. Liga Nord gegen Erkenschwick und Gütersloh spielte. Gerade weil es sich heute immer ausschließlicher um Geld und Erfolg dreht, erinnert der predigende Journalist daran, dass "wer alles im Leben am Erfolg misst, (...) am Ende nichts" hat. Und „wer nur Erfolge braucht, wer nicht verlieren kann, (der) sollte besser  zu den Roten gehen“.



Leyendecker nimmt – vielmehr gibt seinen Zuhörern noch einen stärkenden Schluck aus der Pulle, indem er an das unvermeidliche Malaga-Spiel erinnert und  Nobby Dickel vor den Augen und  Ohren der gebannten Besucher erstehen lässt, wie er ‚Weiter, Jungs, weiter‘ brüllt – um dann zielsicher zum Kern seiner Botschaft vorzustoßen. ‚Das Gleichnis vom verlorenen Sohn‘ ist nämlich der Predigttext. Aber Leyendecker  belässt es nicht dabei, daran zu erinnern, wie Gott (für den der Vater in dem Gleichnis steht) sich verhält, in dem er vergibt und sich vorbehaltlos ohne Wenn und Aber über die Rückkehr freut und dem Bruder, der es treu bei ihm ausgehalten hat, wegen seiner Hartherzigkeit daran erinnert, dass nicht der Weggang das Entscheidende sei, sondern die Umkehr, weil der verlorene Sohn dadurch ‚wieder lebendig geworden‘ sei.

Das  ist die Passage, an der Leyendecker den Zuhörern am meisten abverlangt – von Gelegenheitsbesuchern bis Ultras ist alles vertreten. Und er setzt nach, versetzt die Borussen in die Situation darüber nachzudenken, was in ihrem Leben misslungen, wo sie untreu geworden sind. Und bestreitet ihnen und jedermann, ein Urteil über jemanden zu fällen, der einen Irrweg gegangen ist. Und erbittet, nein verlangt Barmherzigkeit. Und stellt die Frage woran man denn sein Herz hänge? Was uns wirklich wichtig ist im Leben? Und  gibt die Antwort, dass, wenn wir Borussen sind, wir ein wunderschönes Zuhause  haben .. eines mit den besten Fans, die er  persönlich kennt. Und Borussen sind Fans, die in ihrem Zuhause Nachbarn haben, Nachbarn mit denen sie teilen: Erfolge, Misserfolge, Freude, Leid und immer wieder Hoffnung.

Die Hoffnung der Borussen ist die Gewissheit,
dass ihre Liebe Sinn macht!

Eine aufregende Saison liege vor uns, meint Leyendecker, von der wir nicht wissen wie wild und siegreich sie ist. Und er erinnert an den großen Schriftsteller Havel, der  Hoffnung so beschrieben hat: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit,  dass es Sinn hat, egal wie es ausgeht!“



Und dieser Begriff von Hoffnung erinnert uns Borussen doch an das Weihnachtsmärchen von vor anderthalb Jahren, als in der Adventszeit der wundervollste Ballspielverein auf diesem Planeten den letzten Tabellenplatz bekleidete, und die Mannschaft vor ihren Fans stand, nicht wie geprügelte Hunde, sondern erhobenen Hauptes, und die Fans sangen:

Und wenn du
das Spiel verlierst
ganz unten stehst
dann steh´n wir hier und sing´ Borussia
Borussia BVB

Und was auch immer geschieht
wir steh´n dir bei
bis in den Tod
und sing´ für dich
für dich Borussia
Borussia BVB

Sie haben es Mats Hummels zugesungen, und Leyendecker würde hoffen und erwarten, dass man es genauso für Mario Götze tut. Und  natürlich wäre es ihm viel lieber, es gäbe Anlass genug auch die erste Strophe zu singen. Aber entscheidend ist, dass  man als Borusse – wie als Mensch – Solidarität lebt. Leyendecker entließ seine berührten Zuhörer – von denen gewiss nicht alle mit allem einverstanden waren mit dem Appell:

Liebe Borussen: Lasst uns das Salz und das Licht der Bundesliga sein! Dazu gehören auch Fairness, Anstand und Würde.



So eine Predigt haben die meisten Borussen noch nicht oft gehört … Dafür  gab es zum Abschluss etwas, was allen wohl vertraut war: Gemeinsam mit Matthias „Kasche“ Kartner sang man „You‘ll never walk alone“ - den Song der er  just vor 20 Jahren zum ersten Mal im Westfalenstadion intonierte – als Borussia ganz oben stand!

Opens window for sending emailIngo Berchter, Oliver Römer; Fotos: Oliver Römer – 26.08.2016




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